Ausschnitte von der Sendung Anatolien Radio in Wien (FM94.0), vom 5.3.2020, 19:00-20:00

Ausschnitte von der Sendung Anatolien Radio in Wien (FM94.0), vom 5.3.2020, 19:00-20:00

In der Türkei leisten linke KünstlerInnen und Oppositionelle weiterhin Widerstand auf Leben und Tod!

Die linke Band Grup Yorum, die sich mit ihrer revolutionären, konsequenten Haltung in der alternativen Musikszene über Jahrzehnte einen Namen gemacht hat, zeigt auch heute, dass der Preis, in der Türkei Lieder zu produzieren und in den aktuellen poltischen Kontext zu stellen, einen hohen Preis hat.
Die Band hat ein größeres Publikum als die meisten anderen KünstlerInnen, spricht mit ihrer Kunst direkt die Massen an. Ob in der Türkei oder im Ausland, Grup Yorum ist es gewohnt, ihre Konzerte vor Tausenden Fans zu spielen, obwohl es keine Rolle spielt ob vor Hunderttausenden oder im kleinen Rahmen vor 20 Leuten. Der Kontext muss stimmen. Sei es bei den Streiks in Fabriken, im Zuge von Massakern in Bergwerken, bei Protesten gegen Massenentlassungen, in widerständigen Nachbarschaftsvierteln, wo die Menschen massiver polizeilicher Repression ausgesetzt werden oder manchmal sogar bei Hochzeiten, Gedenkfeiern, 1. Mai-Kundgebungen und regionalen Kulturfestivals.

Die Regierung in der Türkei und ihre Wirtschaftspartner im Westen sind keine Freunde der Band. Denn ihre Musik zeigt Fakten auf, ruft zur Einheit und Solidarität, ja zum Kampf gegen die Ungerechtigkeit und Unterdrückung der Menschen auf. Um sich gegen die Kriege in den benachbarten Ländern zu positionieren, sind Mitglieder der Band sogar in die betroffenen Länder gereist und haben auch auf diese Weise ihre Solidarität gezeigt und Lieder komponiert.

In den vergangenen Jahren konnte Grup Yorum ein ständig wachsendes Publikum für sich gewinnen. Die Zahl der BesucherInnen bei ihren Konzerten mitten in Istanbul verdoppelte sich jährlich. 55.000, 100.000, 150.000, 300.000, 500.000, und schließlich im Jahr 2015 kamen 1 Million Menschen zum “Konzert für eine unabhängige Türkei”.
Dutzende namhafte MusikerInnen in der Türkei integrierten sich in das Konzert von Grup Yorum und performten Lieder der Band in Begleitung eines riesigen Chors und Orchesters. Natürlich war es kein gewöhnliches Konzert. Sämtliche politische Themen, Widerstand gegen die bestehenden Ungerechtigkeiten gehörten immer dazu. Die Stimmung war friedlich, einheitlich. Alles wurde selbst organisiert, von der Band und den Fan-Massen.

Die AKP- Regierung schlug Alarm. So etwas durfte in dem Land, das politisch und wirtschaftlich großteils von Multis und westlichen Machthabern abhängig ist, nicht vorkommen. Es wurden Maßnahmen getroffen, um den Einfluss der Band zu stoppen, das Kollektiv auseinander zu treiben und auch die Fans durch Kriminalisierung und Strafverfolgungen einzuschüchtern.
“Freiheit der Kunst” ADE!
Es folgten Konzertverbote, Prozesse auf Basis der Behauptungen und Verleumdungen von Polizeiinformanten, permanente Angriffe auf das Kulturzentrum Idil in Okmeydani, Festnahmen, schwere Folter an Bandmitgliedern und Verhaftungen. Nicht zuletzt wurden 6 Mitglieder auf eine “Fahndungsliste” sogenannter gesuchter Terroristen gestellt, Visa für die Einreise ins europäische Ausland, vor allem nach Deutschland wurden verweigert.
Grup Yorum wehrt sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen diese Angriffe auf ihre künstlerische Existenz. Auftrittsverbote bekämpfte sie zunächst mit Spontan-Konzerten auf Häuserdächern in Istanbuler Wohnvierteln, auf Pritschenwagen, in mehreren Straßen Istanbuls verteilt sangen sie zusammen mit ihren Fans ihre Lieder, bis die Polizei den “Musikprotest” auflöste.
Seit 2 Jahren gab es über Internet ausgestrahlte Live-Konzerte, die von Hunderttausenden mitverfolgt wurden. Kleinere und größere Protestaktionen gegen die Zensur der Lieder finden laufend statt.

Da die Repression nicht enden will, hat Grup Yorum im Mai vergangenen Jahres mit Hungerstreiks begonnen. Inhaftierte MusikerInnen und Bandmitglieder draußen fordern damit die Aufhebung der Konzertverbote, „Terrorlisten“, Einstellung der Prozesse, Freilassung der Mitglieder und Beendigung der willkürlichen Polizeirazzien im Kulturzentrum Idil.
Zwei Bandmitglieder setzen den Hungerstreik bis heute ohne Unterbrechung fort. Sie haben sich entschlossen, diesen Hungerstreik bis zum Tod fortzusetzen, sollte die Regierung ihre Forderungen nicht anerkennen.

Helin Bölek und Ibrahim Gökcek sind seit 259 bzw. 262 Tagen im Todesfasten. Sie wurden beide bereits aus der Haft entlassen. Sie führen jetzt zusammen ihren Widerstand in einem als “Widerstandshaus” definierten Haus im kleinen Stadtviertel Armutlu in Istanbul fort. Ihre Freilassung ist ein großer Erfolg des permanenten Widerstands und der Öffentlichkeitsarbeit. Aber immer noch sind 6 Mitglieder in Haft. Die Erdogan-Regierung äußert sich weiterhin nicht dazu, will offenbar Zeit schinden.
Das hat fatale Auswirkungen auf die Gesundheit und das Leben der Hungerstreikenden, die bereit sind alles zu geben, um diesem massiven Angriff ein Ende zu setzen.
Ihr Zustand ist sehr kritisch. Es gibt nicht mehr viel Zeit wie es aussieht. Das sagen auch freiwillige MedizinerInnen, von denen sie regelmäßig untersucht werden. Hämatome, Hautverfärbungen an den Beinen, Probleme zu sprechen, furchtbare Schmerzen.

Helins Mutter, Aygül Bilgi, sagte im Interview mit der linksliberalen Tageszeitung Cumhuriyet (heute den 5.3.2020 veröffentlicht):
“Ich möchte meine Tochter nicht in den Sarg legen”
Sie machte darauf aufmerksam, dass der Gesundheitszustand der beiden immer schlechter wird.
“Diese Menschen sind dem Tod ganz nah. Ich habe jedes Mal Angst, wenn ich mich von meiner Tochter trenne. Ich bin besorgt, ob ich sie nochmal sehe, wenn ich zurückkomme. Ich möchte meine Tochter nicht in den Sarg legen… Seit Tagen mache ich Aktionen auf dem Taksim Platz, indem ich symbolisch einen Sarg hinstelle. Ich will, dass dieser Sarg leer bleibt. Ich will zu den Menschen rufen, dass ich meine Tochter nicht in diesen Sarg hineinlegen will. Ich werde jedesmal festgenommen, noch bevor ich reden kann. Helin kann leider nicht sprechen. Das Todesfasten macht sie sehr müde. Weil ihr die Luft ausbleibt, kann sie auf unsere Fragen nicht antworten. Sie antwortet, indem sie ihren Kopf schüttelt und die Augen öffnet und schließt.
Aufgrund ihrer starken Schmerzen kann sie nicht schlafen. Und weil sie nicht schlafen kann, ist sie ständig erschöpft. Die Lage hat sich sehr verschlimmert. Ich habe Angst”.

Im Interview spricht Aygül Bilgi auch über den Todesfastenden Bassisten der Band, Ibrahim Gökcek, der sich ebenfalls in einem sehr kritischen Zustand befindet: “Ibrahim hat im Gefängnis mit dem Todesfasten begonnen. Deshalb waren seine Bedingungen sehr hart. Ibrahim hat Ödeme auf einem Bein. Seine Haargefäße sind geplatzt und er hat rote Flecken. Während ein Bein dünn ist, ist das andere aufgrund der Ödeme angeschwollen. Er hat Herzklopfen aufgrund der schweren Erschöpfung. Er hat sehr viele Wunden in seiner Mundhöhle. Wir versuchen für die beiden eine stille, ruhige Umgebung zu schaffen“.

Cumhuriyet berichtete außerdem über die kürzliche Freilassung einer weiteren Musikerin der Band. Tugce Tayyar, die nach einer Razzia im Kulturzentrum seit 29. November inhaftiert war, wurde vor wenigen Tagen bei ihrem Prozess freigelassen. Ihre Kolleginnen, die mit ihr festgenommen wurden, Bergün Varan und Sultan Gökcek hingegen müssen weiterhin in Haft bleiben. Ihr Prozess wurde auf 20. Mai verlegt.

Mustafa Kocak ist zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Er ist offenbar der Sündenbock der Aufklärungspanne des türkischen Geheimdienstes und Staates erklärt worden. Er wurde allein anhand von Behauptungen, die bei der Anti-Terrorpolizei unter Anwendung von Folter gemacht wurden, und ohne jegliches Indiz, beschuldigt und verurteilt, die Waffen für eine Geiselnahmeaktion gegen einen Staatsanwalt im Istanbuler Gericht besorgt zu haben. Der besagte Staatsanwalt, der ebenso wie die Geiselnehmer bei einem Sturm der Anti-Terrorpolizei erschossen wurde, ermittelte im Fall des von der Polizei ermordeten Minderjährigen Berkin Elvan und hatte, wie auch AnwältInnen immer beteuerten, Beweismittel zur Aufdeckung der Mörder des Jugendlichen nicht in den Akt aufgenommen.
Cavit Yilmaz, ein der Polizei bekannter Oppositioneller wurde festgenommen, nach eigenen Angaben tagelang unter Folter gezwungen, gegen Kocak und andere Personen auszusagen, bzw. ein vorgefertigtes Protokoll zu unterschreiben. Er konnte dem Druck und Drohungen, die sich zuletzt auch gegen seine Familie richteten, nicht standhalten und machte was ihm aufgetragen wurde.

Mustafa Kocak wurde mit dieser „Aussage“ zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Gericht, unter dem Vorsitz von Akin Gürlek, der mit ähnlichen haltlosen Behauptungen bereits linke RechtsanwältInnen zu jahrelangen Gefängnisstrafen verurteilte, machte keine weiteren Anstellungen und setzte einfach seinen Stempel auf den offenbar bereits abgeschlossenen Akt.
Cavit Yilmaz, der sich aufgrund der Repression inzwischen ins Ausland abgesetzt hat, korrigierte in einem 10-seitigen Schreiben seine unter Druck gemachte Aussage und ersuchte das Gericht, dies zu berücksichtigen. Ein höheres Gericht hat indessen das lebenslange Urteil Mustafa Kocaks bestätigt, ohne Rücksicht auf Fakten und Beweise.

Mustafa Kocak befindet sich seit 247 Tagen im Todesfasten. Anders als Helin und Ibrahim ist er noch immer im Gefängnis. Bei einem Besuch seiner Schwester sagte er kürzlich „Schwester, ich glaube ich sterbe“.
Er ist am Rande seiner Kräfte, hält aber weiterhin an seiner durchaus nachvollziehbaren Forderung fest: „Ich fordere ein faires Verfahren!“ Das ist alles. Nicht lebenslang unschuldig in einem türkischen Kerker eingesperrt zu sein, ein neues und unabhängiges Verfahren zu bekommen.

Die Regierung muss handeln, um zu verhindern, dass alle drei Hungerstreikenden wegen dieser demokratischen Forderungen sterben.

Im türkischen Parlament, in Tageszeitungen, Fernsehprogrammen, in den sozialen Medien, auf den Straßen, bei Konzerten diverser MusikerInnen, ist das Todesfasten dieser drei Menschen längst zu einem „nationalen Tagesthema“ geworden. Intellektuelle, JournalistInnen, MusikerInnen, AnwältInnen, Abgeordnete, Menschenrechtsorganisationen, sozusagen alle relevanten fortschrittlichen Kreise, nehmen die Forderungen ernst. Es wird Zeit, dass auch die türkische Justiz ihre Augen und Ohren öffnet und diesem Justizmord und der menschlichen Katastrophe eine Ende bereitet.

Auch in Wien gibt es seit etwa 7 Monaten eine Initiative für die Freiheit der inhaftierten MusikerInnen und den ebenfalls Todesfastenden Mustafa Kocak. Jeden Dienstag findet seit August auf der Mariahilfer Straße bei der Barnabiten-Kirche eine Mahnwache statt, um über Repression und den Widerstand in der Türkei aufmerksam zu machen und UnterstützerInnen für das Anliegen der Todesfastenden zu finden.

Am kommenden Samstag, werden Grup Yorum‘s und Mustafa Kocak‘s Widerstand für Gerechtigkeit bei der 3. Rosa-Luxemburg Konferenz in Wien ebenfalls Thema sein. Es wird im Abendprogramm (zwischen 18:00-20:00 Uhr) eine Rede der Freiheits-Inititative, eine Videoaufzeichnung und ggf. Live-Übertragung mit einer Botschaft der Todesfastenden und ihrer Angehörigen, sowie eine musikalische Darbietung von Grup Yorum-Liedern geben.

Solidaritätsaktionen und -Hungerstreiks zur Unterstützung der Forderungen des Todesfastens finden in der Türkei und vielen Ländern Europas statt. Wir möchten hier einige nennen:

– In Ankara ist Sercan Cakir seit 14 Tagen im unbefristeten Hungerstreik

– Familien der Angehörigenorganisation TAYAD setzen ihre Gerechtigkeitsmahnwache im alevitischden Cemevi in Gazi fort. Kemal Gün ist am 17. Tag seines einmonatigen Hungerstreiks

– 8 AnwältInnen des Volkes, die sich in Haft befinden, sind seit 32 Tagen im unbefristeten Hungerstreik, um eine unabhängige Gerichtsbarkeit, ein faires Verfahren für ihre MandantInnen zu fordern.

– Die Gerechtigkeitsmahnwache der Gefangenenangehörigen vor dem Caglayan Gericht in Istanbul wird täglich von 12:00-13:00 Uhr fortgesetzt.

– Die Eltern von Mustafa Kocak, Hasan und Zeynep Kocak setzen regelmäßig ihre Aktionen zur Unterstützung ihres Sohnes fort, indem sie wie die Mutter von Helin Bölek symbolisch einen Sarg vor die Bezirksleitung der AKP in Sütlüce abstellten. Auch sie werden immer wieder festgenommen.

-In Deutschland befindet sich Gülistan Eroglu seit 22 Tagen im unbefristeten Solidaritätshungerstreik.

– Hasan Farsak ist in Griechenland seit 2 Tagen im unbefristeten Solidaritätshungerstreik auf dem Propilia-Platz in Athen und wird von Dutzenden AnhängerInnen der Volksfront und der Antiimperialistischen Front mit abwechselnden Hungerstreiks unterstützt.

In Belgien, Brüssel findet seit 6 Tagen ein unbefristeter Solidaritätshungerstreik statt.

In Brüssel wird außerdem am Samstag, den 7. März eine Solidaritätsdemonstration stattfinden, zu der europaweit unter dem Motto „Wir leisten Widerstand mit unserem Hunger“ aufgerufen wurde. Versammlungsort ist Place du Luxembourg, 13:00 Uhr.

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