BERICHT/023: Grup Yorum – musikvereinte Linke

BERICHT/023: Grup Yorum – musikvereinte Linke

(Schattenblick)

Eine Stimme für Solidarität und gegen das Vergessen

Konzertabend in der Arena Oberhausen am 28. Juni 2014

Grup Yorum ist ein Phänomen. Die Auftritte der Band werden in der Türkei von Hunderttausenden bejubelt, ihre Lieder von Millionen gehört und gesungen, doch in den Musikkanälen des Landes findet Grup Yorum ebensowenig Beachtung wie in den Kulturformaten der Mainstreammedien. Als wollte man sich daran ein schlechtes Beispiel nehmen, wird die Gruppe auch in der Bundesrepublik von den Feuilletons der großen Sender und Zeitungen gemieden. Obwohl der über vierstündige Auftritt dieser authentischen Stimme des politischen Widerstands in der Türkei in der Arena Oberhausen in vielerlei Hinsicht aus dem Rahmen üblicher Musikveranstaltungen fiel, wurde kaum Notiz von ihrer Anwesenheit in der Bundesrepublik genommen.
Das kann in Anbetracht der Strategie, jede wirksame Politisierung kultureller Produktivität unter die Schwelle der öffentlichen Aufmerksamkeit zu drängen, nicht erstaunen. Wo Kunst und Kultur systematisch die Zähne der Streitbarkeit gezogen werden, um als Massenbespaßung beim Megaevent ein Wir-Gefühl in der Bevölkerung hervorzurufen, das jenseits aller Klassenkonflikte nationale Zugehörigkeit und nationalistische Ressentiments mobilisiert, kann ein musikalischer Aufruf gegen Rassismus und Faschismus aus den Reihen der davon am meisten Betroffenen nur Irritationen provozieren. Gegen Rassismus in Deutschland, gegen Faschismus in der Türkei – wer so eindeutig und unmißverständlich Partei ergreift, fällt als unverdauliche und störende Abweichung von der erwünschten Norm durch das Raster des kulturindustriellen Konsens- und Akzeptanzmanagements.

So zeigt sich einmal mehr, daß der gegen migrantische Communities erhobene Vorwurf, sich durch die Bildung von Parallelgesellschaften der Integration in die Gesellschaft der Bundesrepublik zu widersetzen, im Kern die Unterwerfung unter die herrschende Direktive legitimierten Wohlverhaltens meint. Die Exklusivität eines Ereignisses, bei dem sich unter die 15.000 Besucherinnen und Besucher des Konzerts lediglich gefühlte drei Prozent nicht aus der Türkei und dem Nahen Osten stammender Menschen verirrte, ist auch das Ergebnis jenes Rassismus, den Migrantinnen und Migranten hierzulande immer wieder auf diese oder jene Weise zu spüren bekommen. Bis auf zwei Abgeordnete der Linkspartei und einen Vertreter der MLPD machte sich kein deutscher Politiker oder Funktionär die Mühe, die Band und das Publikum mit einer Grußadresse willkommen zu heißen. Da der Auftritt auch den Opfern der NSU-Morde gewidmet war, hätte sich hier für Politiker aller im Bundestag vertretenen Parteien eine hervorragende Gelegenheit geboten, jenseits regierungsamtlicher Veranstaltungen wie vor kurzem in der Kölner Keupstraße zu zeigen, daß man es ernst meint mit der Bekämpfung rechten Terrors.

Daß antifaschistisches Engagement niemals in eine Stärkung der politischen Linken münden darf, ist ebensosehr antikommunistischer Gründungskonsens der BRD wie das strikte Auseinanderdividieren von Faschismus und Kapitalismus. Wer wie Grup Yorum ein revolutionäres sozialistisches Selbstverständnis hat, ruft hierzulande Geister wach, deren angestrebte Entsorgung auf den Müllhaufen der Geschichte nicht gelingen kann, weil die Geschichte der Klassenkämpfe allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz nicht beendet ist. Der Kampf für soziale Gerechtigkeit und demokratische Freiheit ist alles andere als vorüber. Das nach dem Niedergang der Sowjetunion voreilig propagierte Ende sozialistischer Alternativen hat sich als vergeblicher Versuch erwiesen, die soziale Frage durch die totale Ökonomisierung des Menschen und seine Überantwortung an einen Markt, der nichts anderes meint als die Fortschreibung der inakzeptablen Verhältnisse, mundtot zu machen. Diese in Frage zu stellen und zu überwinden ist das erklärte Anliegen Grup Yorums, und das soll die Menschen in diesem Land nicht interessieren.

Internationalismus gegen die Hegemonie von EU und USA, von NATO und IWF
Grup Yorum ist nicht nur eine Band und ein Orchester, sie ist eine politische Institution und soziale Bewegung. Seit 30 Jahren im politischen Kampf zuerst gegen das Regime der Generäle, dann das der Islamisten stehend, mit über 400 politischen Strafverfahren gegen einzelne Gruppenmitglieder überzogen, von denen nicht wenige Haft und Folter erleiden mußten, ist Grup Yorum eine starke Stimme der linken revolutionären Opposition in der Türkei. Lange vor dem Juni-Aufstand 2013 waren sie mit der Botschaft ihrer Musik in der Lage, aus den diversen Strömungen, Ethnien und Herkünften ein Amalgam der Solidarität zu schmieden, das die destruktiven Verhältnisse ideologischer Zerwürfnisse und sozialer Konkurrenz überwand. Als es vor einem Jahr, ausgehend vom Gezi-Park und Taksim-Platz, zu dieser historischen Zäsur kam, war das Feld des gemeinsamen Kampfes unter anderem durch die langjährige Arbeit dieser Künstlerinnen und Künstler bereitet.

Da die gesellschaftlichen Verhältnisse in der Türkei aufgrund der Empörung breiter Schichten der Bevölkerung gegen die autokratische Anmaßung und repressive Willkür der AKP-Regierung gründlich durcheinandergewirbelt wurden, konnten Bündnisse und Koalitionen entstehen, die bis dahin für unmöglich gehalten wurden. Vereint im Widerstand gegen die drohende Reislamisierung der Gesellschaft, die neoliberale Oligarchie der Kapitaleigner und den Versuch Erdogans, die Demokratie Stück für Stück abzuschaffen und durch ein autokratisches Präsidialregime zu ersetzen, schließen Linke und Republikaner, Arbeiter und Bürger die Reihen. Was in dieser von tief verwurzelten Traditionen und multiethnischen Kulturen bestimmten Gesellschaft aufgebrochen ist, läßt sich nicht mehr ohne weiteres rückgängig machen.

Das Halk – so das türkische Wort für „Volk“ – fordert seinen Platz als Subjekt der Geschichte ein. Nicht Religion noch Kapital, nicht EU oder USA, nicht NATO oder IWF sollen darüber bestimmen, wie die Menschen in der Türkei zu leben haben, wie sie ihre Probleme lösen und ihre sozialen Verhältnisse gestalten. Die Befreiung von einer Ausbeutung, die Millionen Menschen zu Lohnarbeit unter Elendsbedingungen verurteilt, und einer Unterdrückung, die mit erheblicher Polizeibrutalität, mit Folter und paramilitärischer Aufstandsbekämpfung durchgesetzt wird, kulminiert in einem sozialen Widerstand, der heute alle Teile der Bevölkerung durchzieht.
Die Türkei liegt an den Schnittpunkten mehrerer internationaler Konflikte, die von den globalstrategischen Absichten westlicher Hegemonialpolitik angeheizt werden und ständig drohen, diesen NATO-Staat in Kriege zu verstricken, die seine Bevölkerung ganz bestimmt nicht will. Als Hort billiger Lohnarbeit und Ziel westlicher Kapitalexporte soll die Türkei den peripheren Status eines Motors der Kapitalakkumulation in den europäischen Zentralstaaten behalten. Ob unter dem Titel der „privilegierten Partnerschaft“ oder auf der langen Bank der EU-Beitrittsverhandlungen, auch die Bundesregierung will den wichtigsten Handelspartner Deutschlands in einem Zustand der ökonomischen und politischen Abhängigkeit halten.
Das ist der größere Rahmen, in dem das Konzertbündnis gegen Rassismus und Faschismus zu dem Auftritt Grup Yorums in der Arena in Oberhausen aufrief. In diesem Konzert sollte der Toten des Juni-Aufstands in der Türkei ebenso gedacht werden wie der Opfer der NSU-Morde in der Bundesrepublik. Während Berkin Elvan und alle anderen Aktivisten, die der türkischen Polizei zum Opfer fielen, ganz offen mit tödlichen Mitteln durch den Staat attackiert wurden, bleiben die Verstrickungen zwischen dem NSU und den deutschen Behörden weiterhin im Dunkeln. Gerade wegen der zahlreichen Indizien, die für eine direkte oder mittelbare Zusammenarbeit zwischen Geheimdiensten und Nazis sprechen, und der geradezu unwahrscheinlichen zeitlichen Übereinstimmung von systematischer Aktenvernichtung in den Verfassungsschutzbehörden und der Aufdeckung der NSU-Morde wird die Affäre nach Kräften unter den Teppich gekehrt.

So gilt die Linke nach wie vor als eigentlicher Feind von Staat und Gesellschaft, das zeigte auch die Verhaftung von sechs Mitgliedern der Anatolischen Föderation in Deutschland und Österreich wenige Wochen nach dem letztjährigen Grup Yorum-Konzert in Oberhausen. Fünf von ihnen befinden sich noch in Haft, weil ihnen zum Vorwurf gemacht wird, mit den angeblichen Einnahmen des Konzerts eine verbotene revolutionäre Partei in der Türkei unterstützt zu haben

[1]. Auch die Tatsache, daß es in der Bundesrepublik politische Gefangene gibt und deutsche Strafverfolger eng mit türkischen Sicherheitsbehörden zusammenarbeiten, obwohl ihnen bekannt ist, daß das von ihnen stammende Belastungsmaterial durch Folter erpreßt sein kann, gehört zu den Nachrichten, die keinen Eingang in die politischen Kommentarsendungen deutscher Medien finden.
Mit künstlerischen Mitteln das Fundament einer breiten Bewegung legen
Das Konzert in der Oberhausener Arena läßt schnell vergessen, daß man sich in einem postmodernen Zweckbau von kalter architektonischer Sterilität befindet. Schon die tänzerischen Darbietungen zu Beginn lassen keinen Zweifel daran, daß sich das Publikum auf eine Form von Unterhaltung einzustellen hat, die nicht dem gefälligen Konsum dient. Zu frisch sind die Erinnerungen an die Grubenkatastrophe in Soma [2], auf die die Regierung Erdogan mit der Unterdrückung des Protestes antwortete, der sich an den tödlichen Folgen der dort praktizierten Ausbeutung entzündet hatte. Grup Yorum hatte dem harten Los der Kumpel bereits im Jahr 2000 mit dem Lied „Madenciden“ ein Denkmal gesetzt. Zu lebendig ist das Bewußtsein von den Toten des Juni-Aufstands, die in der Person des 15jährigen Berkin Elvan ein Symbol für die Willkür und Brutalität der türkischen Polizei findet. Er lag 269 Tage im Koma, nachdem er gezielt von einer Tränengasgranate am Kopf getroffen wurde. Vor dem Krankenhaus kam es immer wieder zu Mahnwachen und Protesten, die ihrerseits mit aller Härte von der Polizei aufgelöst wurden. Nachdem der Junge, der das Haus lediglich verlassen hatte, um Brot zu holen, im März verstorben war, gingen landesweit Hunderttausende auf die Straße, um dagegen zu protestieren, daß der Verstorbene von Erdogan als „Terrorist“ beschimpft worden war.
Daß die Brisanz der sozialen Kämpfe in der Türkei von zentraler Bedeutung für das musikalische Programm des Abends ist, bleibt auch dem des Türkischen oder Kurdischen nicht mächtigen Zuhörer nicht verborgen. Dabei macht das Publikum auf den ersten Blick nicht den Eindruck, mit der Absicht in die Arena gekommen zu sein, einer ausgesprochen politischen Veranstaltung beizuwohnen. In großen Pulks schieben sich ganze Familienverbände durch die weiten Gänge des Veranstaltungsorts, Kinder tollen herum, es herrscht ausgelassene Feierstimmung. Modisch gestylte Frauen, die auf jedem Laufsteg Aufsehen erregten, wollen sich dieses Ereignis ebensowenig entgehen lassen wie Männer im sportlichen Freizeitdress, der ihre durchtrainierte Muskulatur betont.

Doch der Eindruck, ein ganz normales Konzert zu besuchen, daß sich von anderen Veranstaltungen dieser Art nur dadurch unterscheidet, daß es insbesondere Menschen aus der Türkei anspricht, täuscht. So haben zahlreiche Organisationen der türkischen und kurdischen Linken Informationstände aufgebaut, an denen insbesondere dazu aufgefordert wird, sich solidarisch mit politischen Gefangenen in der Türkei und anderswo zu zeigen. An einem Stand wird auf das Schicksal der seit knapp zwei Jahren in Frankreich inhaftierten Aktivistin Zehra Kurtay aufmerksam gemacht. Obwohl durch das Todesfasten, mit dem zu Beginn des letzten Jahrzehnts gegen die Isolationsfolter an politischen Gefangenen in der Türkei gestreikt wurde, dauerhaft erkrankt wird sie von der Regierung in Paris in Kooperation mit Ankara politisch verfolgt. Nicht anders als ihr ergeht es dem seit über einem Jahr in der Bundesrepublik inhaftierten Özkan Güzel. Er leidet ebenfalls an dem durch das Todesfasten bedingten Wernicke-Korsakow-Syndrom, was die deutsche Justiz nicht davon abhält, ihm den Prozeß nach dem Gesinnungsstrafrecht 129 b zu machen, anhand dessen Menschen wegen des bloßen Kontaktes zu politisch Verdächtigen kriminalisiert werden können.

An anderen Ständen finden die roten Halstücher mit der Signatur Grup Yorums ebenso reißenden Absatz wie die schwarzen Mützen, die ihre Trägerin oder ihren Träger mit dem politischen Programm assoziieren, für das die Band einsteht. So wird schon am Rande des Konzerts deutlich, daß an diesem Abend nicht nur ein musikalisches Event besonderer Art bevorsteht, sondern für Solidarität mit dem linken Widerstand in der Türkei und darüber hinaus geworben wird. Auf diese Weise werden auch Menschen aus dem bunt gemischten Publikum mit sozialen Widersprüchen und Kämpfen konfrontiert, die sich, wie eine in Deutschland lebende Türkin dem SB-Redakteur erklärt, eigentlich nicht für Politik interessieren, aber immer wieder erleben müssen, daß sie hierzulande nicht willkommen sind.

Dabei fungiert der Abend mit Grup Yorum für viele Migrantinnen und Migranten auch als Ort der Begegnung, an dem Familien, die sich mitunter jahrelang nicht gesehen haben, weil sie an verschiedenen Orten der Bundesrepublik leben, ihre Bande erneuern. Darüber hinaus soll das Konzert eine Brücke zwischen der Türkei und Europa sein. „Wenn wir nicht an solchen Veranstaltungen teilnehmen, dann verbrennen wir“, so die junge Frau, die die an diesem Abend präsentierte Kultur als eine Art Vermittlungsform versteht, die erst den Boden für die darauf erwachsenden politischen Fragestellungen bereitet.

Es gehört zum programmatischen Selbstverständnis Grup Yorums, die Vielfalt der die Türkei prägenden Traditionen und Ethnien in ihre Musik einfließen zu lassen und mit internationalistischen Liedern aus der revolutionären Geschichte der Länder des Südens zu bereichern. Ausgehend von der Tradition anatolischer Barden, deren Liedgut von dem Volkssänger Ruhi Su unter Rückgriff auf alevitische Dichter und Sänger wie Yunus Emre und Pir Sultan Abdal mit Schilderungen über soziales Elend und politische Unterdrückung in der modernen Türkei angereichert wurde, verfügt die 1985 von einer Studentin und drei Studenten der Marmara-Universität in Istanbul gegründete Musikgruppe über ein breites Spektrum an folkloristischer Musik. Zu ihren Inspirationen zählt die Gruppe neben den musikalischen Traditionen des eigenen Kulturraums den chilenischen Sänger Victor Jara, die chilenische Musikgruppe Inti-Illimani oder den griechischen Komponisten Mikis Theodorakis.
Wie sich diese Musik über die langjährige Existenz Grup Yorums mit Hilfe der zahlreichen Musikerinnen und Musiker, die der Gruppe angehörten und angehören, entwickelte, ist maßgeblich von der politischen Verfolgung beeinflußt, der sie von Anbeginn an ausgesetzt war. Immer wieder wurden Konzerte verboten, Bandmitglieder unter Hausarrest gestellt und etliche der mehr als 20 seit 1987 veröffentlichten Alben konfisziert. Mindestens 15 Mitglieder der Gruppe wurden im Rahmen der vielen Strafverfahren, die gegen die Band eröffnet wurden, zu Haftstrafen verurteilt. Das hielt sie jedoch nicht davon ab, im Knast mit selbstgebauten Instrumenten Musik zu machen, bei dem das bekannte Lied „Cemo“ entstand. Vor zwei Jahren wurden Selma Altin und Dilan Balci, die in Oberhausen als Sängerinnen auftraten, bei einer Demonstration vor dem gerichtsmedizinischen Institut in Istanbul verhaftet. Laut ihrem Anwalt habe die Polizei sie nicht nur getreten und in Handschellen gefoltert, sondern gezielt versucht, ihre Existenz als Musikerinnen zu zerstören. Altins Trommelfell wurde durchlöchert, und Balci, die auch Violine spielt, wurde der Arm gebrochen.

Indem die Gruppe eine politische Plattform für die radikale Linke bot, auf der Aktivistinnen und Aktivisten der verschiedenen Kämpfe im Land ihre Stimme erheben konnten, wurde ihr Name zu einem Begriff, der weniger für die Musikerinnen und Musiker als für die Sache, die sie vertreten, steht. Die Zurückhaltung beim Anpreisen individueller künstlerischer Leistungen oder beim persönlichen Karrierestreben ist vielleicht der größte Unterschied, den Grup Yorum zu vergleichbaren Bands aufweist. Ihrem sozialistischen Selbstverständnis gemäß hat die Musikgruppe während ihrer bald 30jährigen Existenz trotz ihrer großen Popularität keine ausgesprochenen Stars hervorgebracht. Zwar werden die Konzerte, so auch in Oberhausen, regelmäßig durch die Auftritte populärer Gastmusikerinnen und -musiker bereichert. Doch diesen scheint es eher ein Privileg zu sein, sich in diesem Rahmen präsentieren und zum Gelingen eines Grup-Yorum-Konzerts beitragen zu dürfen, als das man den Eindruck bekäme, die Band sei darauf angewiesen, mit bekannten Namen für sich zu werben.
So wird der Bühnenauftritt von einem Geist der Kollektivität geprägt, der sich nicht nur in der weitgehend einheitlichen, die sozialistische Gesinnung mit roten Elementen signalisierenden Kleidung manifestiert. Grup Yorum ist ein Orchester im besten, ganz auf das Ergebnis der gemeinsamen Arbeit und Botschaft ausgerichteten Sinn. Dies überträgt sich auch auf das Publikum, das die musikalischen Beiträge der Gruppe mit großer Begeisterung und körperlichem Einsatz verstärkt, aber auch den zwischen den Liedern ausgesprochenen politischen Grußbotschaften und Forderungen lautstark zustimmt.

Nach über zwei Stunden, wenn von einer einzigen Gruppe bestrittene Konzerte üblicherweise enden, feiert das Publikum in der fast einstündigen Pause auf eigene Art weiter. Trotz Regens wird auf der Außenfläche der Arena zum Klang einer Trommel und eines Blasinstruments im Kreis getanzt. Auf der großen Fläche des Konzertsaals vervielfältigt sich die Menge der tanzenden Menschen, und auch dort reichen eine Trommel, ein anderes Schlaginstrument und eine Art orientalische Trompete dazu aus, daß sich Tausende meist jugendlicher Konzertbesucher zu immer neuen Formationen gruppieren. Fast wie ein Meer, auf dem sich stetig neue Wogen zur Drift der Gezeiten bilden, bewegen sich die umstehenden und neu hinzukommenden Menschen wie ein vielgestalter Organismus in einer Synchronizität, die keiner ordnenden Regieanweisung bedarf, sondern lediglich der Rhythmen eines archaischen Beats. Noch lange nach dem Ende des Konzerts geht dieser Tanz auf dem Parkplatz, auf dem die zahlreichen Busse warten, mit denen die Besucherinnen und Besucher des Konzerts aus In- und Ausland angereist waren, lautstark weiter.
Daß diese Art des spontanen euphorischen Feierns ohne den sichtbaren Einfluß von Alkohol zustandekommt, sei hier nur am Rande bemerkt. Wie sich auch in Gesprächen mit Konzertbesuchern zeigt, tut der heterogene Charakter des Publikums dem gemeinsamen Feiern keinen Abbruch. So erfährt der SB-Redakteur von einem älteren Herrn, daß auch viele Kemalisten an diesem Event in der Arena teilnehmen, wiewohl keine türkischen Nationalflaggen zu sehen sind. Wie die über 70.000 Menschen starke Demonstration gegen den Besuch des türkischen Regierungschefs Recep Tayyip Erdogan in Köln [3] einen Monat zuvor gezeigt hat, tut sich etwas in der aus der Türkei stammenden Bevölkerung der Bundesrepublik. Hier scheinen Bündnisse möglich zu werden, in denen sich das wachsende Selbstbewußtsein der Migrantinnen und Migranten manifestiert, dem hierzulande anwachsenden Rechtsradikalismus und der großen Nachsicht, die die Behörden mit seinen Organisationen und Parteien üben, entgegenzutreten.

Erfreuliches Ergebnis kollektiven Handelns
Als das Konzert nach über fünf Stunden in einem furiosen Finale endete, hatte der große Kreis der – meist durch rote Kleidung mit Grup-Yorum-Signatur erkennbaren – Unterstützerinnen und Unterstützer allen Grund, sich über den gelungenen Abend zu freuen. Die monatelange Vorbereitung, die ihm vorausgegangen war, hat sich schon dadurch ausgezahlt, daß der Auftritt Grup Yorums in einer aufgrund von Ausreiseverboten lange nicht möglich gewesenen Stärke stattfinden konnte. Zwei Sängerinnen, ein Sänger, zwei Saz-Spieler, zwei Musiker mit diversen Blasinstrumenten, zwei Gitarristen an akustischen Instrumenten und ein E-Gitarrist, ein Bassist, zwei Keyboarder, zwei Perkussionisten, ein Schlagzeuger, ein etwa zehnköpfiges Streichorchster und ein etwa ebensogroßer Chor hatten die Musik Grup Yorums in ihrer ganzen Klangfülle zur Aufführung gebracht.

Trotz komplexer Arrangements und großer kompositorischer Eleganz verlor sich die Musik nie in abstrakten Gefilden, sondern folgte dem roten Faden des widerständigen Kampfes um Menschlichkeit. Insanlik – so das türkische Wort dafür – trat als ein Bindeglied zwischen Menschen ganz verschiedener Herkunft und Kultur hervor, dessen Haltbarkeit Handlungsmöglichkeiten freisetzen könnte, der die Linke in der Bundesrepublik heute nur mehr nachzutrauern scheint. Die dabei entstandene Gemeinsamkeit war nicht der Emotion und der Emphase eines verordneten Pathos geschuldet, wie die antikommunistische Diffamierung jeglichen kollektiven Handelns als unfreiheitliche Vereinnahmung glauben macht. Die Aktualität gesellschaftlicher Widersprüche und sozialer Kämpfe bedarf keiner symbolischen Überhöhung, um die kulturindustrielle Indoktrination als Bestandteil herrschender Gewaltverhältnisse bloßzustellen. So knüpfte die Dramatik des Geschehens an eine Wirklichkeit an, die zu bitter ist, als daß sie sich nach Hollywoodmanier in ein Produkt hochauflösender Unterhaltung verwandeln ließe.

Der an diesem Abend tonangebende Antifaschismus und Antiimperialismus ist der Vereinnahmung durch die hocheffiziente Produktivität popkultureller Unterhaltung gegenüber so immun wie alles, was sich herrschenden Interessen glaubwürdig und überprüfbar entgegenstellt. Wird der Schmerz der Demütigung, der Unterdrückung, der Ohnmacht und des Verlustes in unbestechliche Kritik und unnachgiebige Streitbarkeit verwandelt, dann lassen sich auch schönste Melodien und süßeste Weisen nicht in den Zuckerguß eines Konsums überführen, von dem nichts bleibt als die matte Sattigkeit bloßen Verbrauchs.
In Oberhausen trafen sich Menschen vornehmlich linker Gesinnung, die sich solidarisch mit einer antikapitalistischen und antiimperialistischen Bewegung zeigten, die nach landläufiger Ansicht längst überkommen sein soll. Es lohnt sich, den Blick über die Grenzen eigener Zugehörigkeit und Szenen hinaus zu werfen, um zu erleben, daß selbst in Deutschland vieles möglich ist, das vermeintlich unwiederbringlich in den Annalen der revolutionären Linken versunken sei.

Nach einem langen Abend auf der Bühne, der erst kurz vor Mitternacht endete, konnten die Musikerinnen und Musiker nicht ausruhen, sondern befanden sich bereits auf dem Weg zum nächsten Konzert. Es sollte in Istanbul stattfinden und der Unterstützung von linken Anwältinnen und Anwälten dienen, die in der Türkei ihrerseits politisch verfolgt werden. Als diese am darauffolgenden Abend im vollbesetzten Harbiye Cemil Topuzlu Amphitheatre in Istanbul – mit roten Halstüchern als Zeichen der Solidarität – die Bühne erklommen und gemeinsam mit Grup Yorum „Bella Ciao“ sangen, zeigte sich einmal mehr, daß diese Bewegung Tradition und Zukunft einer revolutionären Linken verkörpert, deren Zeit allemal gekommen ist.

Fußnoten:

[1] BERICHT/178: Karawane der Richtigstellung – Der Staat ist gekommen, Paragraphen schlagen aus … (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/politik/report/prbe0178.html
[2] http://www.schattenblick.de/infopool/politik/kommen/herr1699.html
[3] BERICHT/180: Bündnis breit und gegen – Nadel, Faden, Erdogan (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/politik/report/prbe0180.html
8. Juli 2014

Related Posts

Grünes Licht für die Bundeswehr in Mali

Grünes Licht für die Bundeswehr in Mali

Hausdurchsuchung bei Ayten Öztürk

Hausdurchsuchung bei Ayten Öztürk

Das Virus der Herrschaft

Das Virus der Herrschaft

GEDENKDEMONSTRATION VOM 4. DEZEMBER VERSCHOBEN

GEDENKDEMONSTRATION VOM 4. DEZEMBER VERSCHOBEN

Newsletter

Interesse?
Möchtet ihr über neue Artikel informiert werden oder erfahren wann die nächste Veranstaltung in eurer Gegend stattfindet? Dann meldet euch bei unserem newsletter mit eurer E-mail-Adresse an!