Brief von Werner Braeuner vom 29.5.

Sehnde, 29. 5. 2011

Lieber,

kurz schriftlich ein Überblick:

letztes Wiegen war Freitag, 27. 5., habe die Woche 2,1 kg verloren, die
Abnehmgeschwindigkeit ist damit auf die Hälfte der Woche davor zurückgegangen, in der ich 4,0 kg abgenommen hatte. Dr. Windelboth sagt,
das sei normal und erwartbar, bei 60 kg schätzt er die Grenze, ab der es
gesundheitsbedrohlich werden könnte. Bei derzeit 2 kg pro Woche Verlust
also noch 6 Wochen Zeit, wahrscheinlich mehr, da die Abnehmungsgeschwindigkeit voraussichtlich weiter sinken wird, laut Dr. Windelboth.

Wenn es gesundheitsbedrohlich wird, will Dr. W., der versichert hat, mich nicht gegen meinen Willen künstlich ernähren  zu wollen, die Verantwortung abgeben und mich an einen anderen Arzt übergeben, voraussichtlich an das zentrale Justizvollzugskrankenhaus für Niedersachsen bei der JVA Lingen.

Die Abgabe der Entscheidung an eine andere Stelle ist nicht zu beanstanden, da es sich nicht um eine ärztliche, sondern um eine politische Entscheidung handeln wird – Zwangsernährung ist zugleich ein Todesurteil, da ich dann keine Wahl mehr  habe, als mir das Leben zu nehmen. Andernfalls würde ich am 5. 2. 2013 durch Mangelernähung körperlich krank und seelisch gebrochen aus dem Knast kommen; das ist unakzeptabel und der Tod ist vorzuziehen. Die Entscheidung über mein Leben liegt allein beim Justizminister, der zu entscheiden hat, ob das Leben eines Gefangenen mehr wiegt als die etwa 9 Mio. €, die das Ministerium jährlich spart, in dem es die für Gefangenenverpflegung vom Bund erhaltenen Mittel von 6,77 € täglich nur ca. 2 € für die Gefangenen verwendet.

Die Werte aus dem am 25.5. entnommenem Blut sind unauffällig gewesen, zwei Werte (T3 und T4, was immer das ein mag) hatte das Labor noch nicht ermittelt, sie erfahre ich am nächsten Freitag, am 3. Juni. Blutdruck war gut, 120/80;  auch mein Allgemeinbefinden ist gut, keinerlei Beschwerden bisher mit Ausnahme einiger Stunden Schwindeligkeit am Vormittag des 25. 5. Auch psychisch bin ich in guter Verfassung, für 2 Mitgefangene koche ich weiterhin und das weckt meine Lebensgeister, ich bin guter Dinge.

Ein widerständiger und rebellischer Mitgefangner, Ronald Wenzel (vertreten durch Barbara Klawitter) ist nun 60 Jahre alt und hat während insgesamt 30 Jahren Haft 4 Hungerstreiks durchgeführt. Er sagte, schon einige Zeit vor Erreichen  der Grenze zur Gesundheitsbedrohlichkeit würde es mir sehr schlecht gehen, da der Körper irgendwann ausgelaugt sei und keine Reserven mehr habe. Er wundert sich, dass es mir bisher immer noch so gut ginge, wahrscheinlich komme dies durch den regelmäßigen Sport, den ich bis wenige Tage vor dem 8. 5. beibehalten habe….

Über die Infos habe ich mich natürlich gefreut…..

So nun grüßt herzlich
Werner

Schreibt ihm:
Werner Braeuner
c/o JVA Sehnde
Schnedebruch 8
31319 Sehnde

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