Dazwischen gibt es nicht

Dazwischen gibt es nicht

(agkk) Die aufgeworfene Fragestellung führte in unserem Kollektiv zu einer Diskussion über die Bedeutung der RAF für die Politisierung von uns Militanten. Unser Blickwinkel von „außen“ ist durch die gesellschaftlichen Verhältnisse in der Schweiz geprägt, die sich mit denen in der BRD nicht vergleichen lassen. Die meisten von uns haben die Ereignisse in den 1970er Jahren nicht direkt miterlebt.
Für diejenigen von uns, die damals schon Teil der revolutionären Linken waren, war der Kampf der RAF Teil der politischen Auseinandersetzungen. Das heißt, auch wenn die Ziele und Strategien der RAF sich nur aus der Analyse des politisch‑gesellschaftlichen Zustandes der BRD heraus erklären lassen, wurden die Inhalte und Strategien der Stadtguerilla breit diskutiert. Anders erlebten die Militanten einer neuen Generation die Geschichte der Stadtguerilla in Europa.

Sägende Stromgitarren, ein simpler Schlagzeugrhythmus, “Baader/Meinhof hingerichtet im Stammheimer KZ”, oder gleich Rio Reisers Dutschke Zitat “Der Kampf geht weiter”, über dem träge verspielten Klangteppich der Scherben. Wer mit deutscher (Punk)rockmusik sozialisiert worden ist, für den führt eigentlich kein Weg an der Roten Armee Fraktion vorbei. Die RAF war Stoff für manche musikalische Auseinandersetzung mit Staat und Revolution. Und selbstverständlich wollte man dann auch wissen, wer diese Baader/Meinhofs waren und warum der Kampf weiter ging. Und hat zu recherchieren begonnen und nachgefragt und aufs erste Nachfragen war dann auch schnell klar, das waren Terrorist_innen, fleischgewordene Fehltritte der Geschichte und der Kampf, der ging eben auch nicht mehr weiter, höchstens der Lange Marsch durch die Institutionen, von denen, die dann doch vernünftig wurden und sich so ja letztlich vom bürgerlichen Staat korrumpieren ließen. Doch beim ersten Nachfragen hat man es ja dann auch nicht belassen, sondern hat nachgebohrt und hat dann gemerkt, dass schon der Begriff “Terrorist” politisch aufgeladen ist und eben auch eine Frage der Perspektive. Wenn die, die den Tod verachtend dem Volke dienen, Terrorist_innen sind, dann ist es ja durchaus nobel, wenn nicht gar notwendig, Terrorist_in zu sein. Und dass die Sozialdemokratie die Welt nicht zum Guten wendet war ja auch schon immer irgendwie klar.

Die Eingangs erwähnten Gesangsstücke haben mittlerweile schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel, doch auch heute noch werden Platten mit Meinhof-Zitaten produziert. Der Charakter der Repräsentation der RAF hat sich dabei verändert. Einst von Bands besungen, die in ihren Songs eine klare Bruchposition zum bürgerlichen Staat artikulieren, kokettieren heute Mainstream-Kapellen damit, dass geschossen werden darf, kommen dabei aber nicht über die verintellektualisierte Establishment-Provokation kindlicher Kleinbürger_innen hinaus. Und dann gab es den Stuttgarter Tatort, in dem das Deutsche Staatsfernsehen tatsächlich eine versöhnliche Position einnimmt und die Möglichkeit einräumt, dass ein Suizid eben doch schon ein überaus unwahrscheinliches Szenario darstellt. Der Deutsche Herbst liegt lange genug zurück, dass von Seiten der Medien weniger diffamiert wird. Wird die bürgerliche Gesellschaft also tatsächlich auch den Widerspruch RAF integrieren? Im Sinne von, wir waren ja schon auch brutal zu denen und das würden wir also so jetzt nicht mehr tun? Und in diesem Eingeständnis, sich selber in eine Position der moralischen Überlegenheit befördern, um der Legitimation der Produktionsverhältnisse willen? Letztlich handelt es sich hier um einen Trend, dessen Exponenten allenfalls der Feuilleton und einige Kulturschaffende sind, von Seiten Staat gibts nach wie vor Repression statt Rehabilitation.

Sich heute mit der RAF auseinandersetzen heißt vor allem, auch trotz der bestehenden Machtverhältnisse nicht zu verzweifeln. Die RAF hat die Möglichkeit von Widerstand und einer Perspektive eingeräumt, in einem sich durch Konsumkultur konsolidierenden Kapitalismus, der uns Tag für Tag die eigene Alternativlosigkeit um die Ohren schlägt. Und hat uns den Glauben verlieren lassen, dass es so sein müsse und nicht anders, lässt uns die Möglichkeit einer Veränderung zum Wohle aller greifbar werden. Diese Orientierung hat einen stark subjektiven Charakter. Objektiv gesehen haben die bewaffneten Aktionen der Stadtguerilla keine revolutionäre Situation in der BRD hervorrufen können, dennoch berührt uns ihr Kampf noch heute und trägt mit dazu bei, dass das Feuer des Widerstands weiter in uns brennt. Zentral dabei ist, dass die RAF es vermochte, sich klar zu positionieren, zu sagen, was Sache ist, ohne sich jemals in moralischem Dünkel zu verlieren. Die Frage, ob Mensch oder Schwein, müssen wir für uns selber beantworten, Mensch ist eben Mensch und Schwein ist Schwein und so ist es dann, ohne, dass missioniert oder moralisiert werden müsste. Der Punkt ist, dass die Frage aber eben beantwortet werden muss. Der Staat zeigt vor dem Hintergrund der direkten Aktion sein wahres Gesicht, nämlich das des Schweinesystems. Diese Polarisierung zu forcieren ist ein Ziel der Stadtguerilla. Und zeigt dann auch, dass ein dazu Schweigen, ein Mitläufertum, die Frage nach Mensch oder Schwein beantwortet, ohne dass je der Mund geöffnet wurde. Nicht gegen das Schweinesystem ist für das Schweinesystem.

Was wir noch hinzufügen wollen: Die RAF ist Geschichte. Das heißt, die Strategie der RAF als bewaffnete Organisation in der Metropole BRD Stadtguerilla im doppelten Sinne zu sein, entsprach den damaligen gesellschaftlichen Verhältnissen. Als eine revolutionäre Kraft, die in den Klassenkämpfen der Metropolen entsteht, operiert und sich entwickelt und zugleich Stadtguerilla im strategischen, internationalistischen Sinn zu sein, die den Imperialismus und seinen Staat von “innen” angreift um die sozialistischen Befreiungsbewegungen im Trikont zu unterstützen.
Unverändert geblieben sind die destruktiven Profitinteressen des Kapitals, die identischen Interessen der Herrschenden hier mit dem US-Imperialismus; die identischen Ausbeutungsinteressen im Trikont; andererseits dass die Zerschlagung der herrschenden Machtstrukturen von Anfang an nur internationalistisch sein können; dass dem bewaffneten Kampf darin eine wichtige Rolle zukommt.
Allerdings liegt ein “Loch in der Geschichte” vor, ein “theoretisches Loch”, weil der Bezug auf die militante Praxis der RAF und die Lehren die daraus zu ziehen wären, in aktuellen Diskussionen der revolutionären Linken fehlt. Dringlich wäre auch eine Aufarbeitung der Geschichte der Militanten der RAF selbst, damit die folgenden revolutionären Generationen an diese wichtigen Erfahrungen anknüpfen können.

Erstmals erschienen bei Gefangenen Info
https://www.aufbau.org/2022/03/19/dazwischen-gibt-es-nichts/

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