Der Schriftsteller und Genosse Peter O. Chotjewitz ist tot

Als erstes Mal nahm ich Pit 1968/69 als linken Schriftsteller in der „Konkret“ wahr. Das war zu der Zeit, als Ulrike Meinhof noch für diese Zeitschrift schrieb und sich eine starke anti-imperialistische und antagonistische Bewegung hier im Herzen der Bestie, BRD und Westberlin, bildete.

Andreas Baader kannte er seit Mitte der sechziger Jahre und später war er als sein Anwalt in Stammheim tätig. Ebenso verteidigte er den Schriftsteller Peter Paul Zahl.

Natürlich war er auf der Beerdigung von Andreas, Gudrun und Jan-Carl Ende Oktober 77.

In den neunziger Jahren las ich vor allem seine Kolumnen im „Freitag“, die neben einer Kritik an den Machtbestrebungen des wieder erstarkten Großdeutschland auch weiter die Todesnacht des 18. Oktober 1977 thematisierten.

Auch diese Beiträge wurden im „Gefangenen Info“ veröffentlicht.

Mehrere Radiointerviews führte ich mit ihm zu dieser Thematik. Er war ein witziger, geistreicher und mutiger Interviewpartner, der immer die herrschende Klasse angriff:

So zum Beispiel als er am 12.3.2008 Christians Klars lange Haft von 26 Jahren als „Geisel- und Gesinnungshaft“ bezeichnete. (Veröffentlicht im Gefangenen Info Nr. 323, http://www.political-prisoners.net/pdf/gi323.pdf)

Persönlich kennen gelernt habe ich ihn erst am 18.10.2007 anlässlich einer Veranstaltung im Tommy-Weissbecker-Haus in Berlin zur Stammheimer Todesnacht. Das Motto lautete: „Kein Vergeben – Kein Vergessen – Gedenken an all die Gefallenen aus dem revolutionären Widerstand“.

Pit berichtete als Zeitzeuge über die Haftsituation von Andreas Baader in Stuttgart-Stammheim aus seinem eigenen Erleben. Die bis in die heutige Zeit angewandten Haftbedingungen wurden als Isolationsfolter charakterisiert und wurden damals selbst von der UNO als Folter geächtet. Auch in die anschließende Diskussion griff er beherzt ein und an.

Im Sommer 2008 traf ich ihn auf einer Demonstration für die fünf türkischen Linken, die alle in Stuttgart-Stammheim wegen dem §129b zu vielen Jahren Knast verurteilt worden sind und stark isoliert wurden. Auf Grund seiner angegriffenen Gesundheit musste Pit frühzeitig die Demo verlassen, was er selbst tief bedauerte.

Im März 2009 besuchte er den schwerkranken und damit haftunfähigen Mustafa Atalay in Stuttgart-Stammheim.

Pit bezeichnete in der jungen Welt vom 21.3.2009 die Haftbedingungen, denen Mustafa Atalay ausgesetzt ist, als schikanös und schlimmer als die Situation der RAF-Gefangenen in der 70er und 80er Jahren. Die türkischen Gefangenen müssen 23 Stunden des Tages allein in der Zelle, oder wie Atalay in der Krankenstation, verbringen. Die Post erhalten sie mit starker Verzögerung ausgehändigt. In der Türkei legal erscheinende politische Zeitschriften bekommen sie gar nicht. Mustafa sagte dazu in seiner ersten Prozesserklärung: »Die Isolation ist die größte Schlechtigkeit, die ein Mensch einem anderen Menschen antun kann. Sie war für mich die größte Folter.« Ähnlich skandalös sind die Besuchsbedingungen. Gespräche werden vom BKA überwacht. Über den Prozess darf Atalay mit Besuchern überhaupt nicht sprechen. Eine Scheibe trennt ihn körperlich von seinen Gästen. Trotzdem musste sich Peter O. Chotjewitz wie andere Besucher auch einer peinlichen Leibesvisitation unterziehen. Freunden Atalays gegenüber wurden Besuchsverbote ausgesprochen.

Mustafa schrieb zum Besuch; “ Peter ist ein guter Mensch. Trotz Krankheit und seiner 75 Jahre, wirkt er weiterhin sehr jugendlich und ungebrochen.“ Auch brachte er einen Besuchsbericht im der Konkret 4/2009 unter. (http://www.political-prisoners.net/home.php?id=858&lang=de&action=news) Er setzte sich zudem für Savvas Xiros von der Bewegung 17. November aus Griechenland ein, der, obwohl haftunfähig, immer noch eingekerkert ist. Von ihm erschien in der Konkret 5/2008 ein Artikel, den wir auch im Gefangenen Info 337 veröffentlichten. (http://www.political-prisoners.net/home.php?id=630&lang=de&action=news)

Zuletzt sah ich ihn wieder in Berlin im Oktober 2009 anlässlich der Ausstellung von dem italienischen Künstler und Kommunisten Paolo Neri. Er schuf acht Mosaiken von politischen Gefangenen aus bewaffneten Gruppen aus der BRD, die den Knast nicht überlebten. An diesen Tagen war er als Übersetzer von Paolo und als Redner tätig. Auch schrieb er natürlich etwas zur Bedeutung dieser Mosaiken aus Marmor: „So erfüllen die Porträts (…) die wichtige Aufgabe, die Bilder ein paar Jahrhunderte lang zu bewahren. So lange wie es dauern mag, bis wir gesiegt haben.“

Wir hielten weiterhin per Mail und Telefon Kontakt. Anlässlich der Veranstaltung in Stuttgart im Oktober letzten Jahres „Nulla è Finito! Nichts ist vorbei! Revolutionäre Geschichte aneignen und verteidigen!“ zu den Ereignissen um den Oktober 1977 und zur Geschichte der RAF wäre er gerne gekommen. Obwohl seine Gesundheit es nicht mehr zuließ, verfolgte er weiterhin interessiert dieses Geschehen, von dem ich ihm auch in einem langen Telefonat unterrichtete.

Bei der Kranzniederlegung an den Gräbern von Andreas, Gudrun und Jan am 16.10.2010 wäre er gern dabei gewesen.

Zirka zwei Wochen vor seinem Tod rief er mich noch einmal an. Er wollte den genauen Namen des Friedhofs wissen, wo die drei Gefangenen aus Stammheim begraben sind. Es ist der Dornhaldenfriedhof.

Nach seinem Tod erfuhr ich, dass er mich deswegen kontaktierte, weil er sein Begräbnis genau geplant hatte und er deswegen die genaue Adresse benötigte.

Er liegt ganz in der Nähe von Gudrun, Jan-Carl und Andreas begraben. Alle bürgerlichen und linken Gazetten von „Süddeutsche Zeitung“ bis „Junge Welt“ haben das verschwiegen, dass er ganz in der Nähe von Gudrun, Jan-Carl und Andreas liegt. So sind sie, hättest du gesagt, Pit.

Die Schwachen kämpfen nicht.
Die Stärkeren kämpfen vielleicht eine Stunde lang.
Die noch stärker sind, kämpfen viele Jahre.
Aber die Stärksten kämpfen ihr Leben lang.
Diese sind unentbehrlich.
(Bert Brecht)

 

Wolfgang, Redakteur beim Gefangenen Info

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