Einige kurze Anmerkungen zu der „Veranstaltung über Ulrike Meinhof als Journalistin und Terroristin in der Reihe Oldenburger Lebensläufe im Dialog am 25.9.2019 im Oldenburger Kulturzentrum (PFL)“

Einige kurze Anmerkungen zu der „Veranstaltung über Ulrike Meinhof als Journalistin und Terroristin in der Reihe Oldenburger Lebensläufe im Dialog am 25.9.2019 im Oldenburger Kulturzentrum (PFL)“

Zuerst das Positive: Es waren sehr viele Menschen da, der Raum war rappelvoll. Das Interesse etwas näheres über Ulrike Meinhof zu erfahren ist anscheinend immer noch vorhanden. Was ja auch ganz positiv sein kann.

Aber dann war ich doch auf der einen Seite ziemlich entsetzt und auf der anderen hatte ich es ja leider erwartet, wie Ulrike Meinhof von den beiden Referenten dargestellt wurde.
Ganz klar, wenn der Politikwissenschaftler Kraushaar auf dem Podium sitzt, geht es nur darum, Ulrike als verführte und von außen (sprich von anderen Leuten) gesteuerte Person darzustellen. Er ist halt in meinen Augen ein Staatsschutzjournalist, der nur in der Öffentlichkeit beweisen will, dass der ganze Widerstand gegen den Staat sowie den Imperialismus und Kapitalismus seit den 60ger Jahren des letzten Jahrhunderts keinen gesellschaftspolitischen Hintergrund hatte, sondern einfach nur Terror war und die Menschen, die sich nicht mehr vom Staat haben kaufen lassen, einfach nicht klar im Kopf waren.
Der allgemeine Tenor dieser Veranstaltung war, er zog sich wie ein Bandwurm durch den ganzen Abend, zu Ulrike so ein Bild zu vermitteln, dass sie keine eigene selbstbestimmte und selbstbewusste Frau war. Schlimm fand ich es auch, wie versucht wurde, Ulrike auf eine religiöse bzw. christliche Schiene zu heben, wie es der andere Referent Bormuth immer wieder in seinen Ausführungen betonte. Richtig gut war der Beitrag einer ehemaligen Klassenkameradin von Ulrike in der abschließenden Diskussionsrunde, in der sie sagte, dass für Ulrike auch schon als Schülerin praktische Solidarität für die Unterdrückten selbstverständlich war.
Kraushaar führte u.a. aus, dass ihre Artikel und Kommentare während ihrer Zeit als Journalistin bei Konkret nicht von ihr waren, sondern in der DDR verfasst wurden. Und als sie dann 1970 u.a. mit Gudrun Ensslin und Andreas Baader die RAF mitgründete, da wäre sie da so hineingerutscht und gezwungen worden. Auch menschlich wurde sie als Null und Rabenmutter dargestellt, weil sie einfach mal so die eigenen Zwillinge in ein Lager in Palästina bzw. im Nahen Osten unterbringen wollte. Es wurde zwar gesagt, dass Stefan Aust die Zwillinge „gerettet“ hatte, aber es wurde bewusst verschwiegen, dass er die Töchter aus Sizilien entführt hatte.
Ulrike hatte sich in dieser Zeit, also in 1970, monatelang große Gedanken um ihre Töchter gemacht, um eine bestmögliche Lösung für ihre Zwillinge zu finden. Immer wenn sich ein Mensch mit einem Kind entschlossen hatte, den Schritt in die Illegalität zu gehen und bei der RAF kämpfen wollte, haben wir uns immer genau und gründlich überlegt, wie und wo das Kind leben kann. Dies war uns immer sehr wichtig.
Ich kann es nicht mehr hören. Aber es wird immer und immer wieder mit der Brechstange erzählt, dass Ulrike kurz vor ihrer Ermordung in Stuttgart-Stammheim am 9.5.1976 mit Gudrun Ensslin heftige Auseinandersetzungen hatte und sie daher in der Gruppe isoliert war. Deshalb hätte sie Selbstmord verübt.
Kraushaar selbst hat seine ganzen Informationen aus den Akten verschiedener Behörden und von Aussagen ehemaliger Gefangene, die sich von der seit 1998 nicht mehr existierenden RAF losgelöst hatten und teilweise sich verkauft hatten, um relativ milde Urteile zu bekommen oder vorzeitig aus der Haft entlassen zu werden.
Wir weigern uns mit Kraushaar zu reden. Er wird und kann nie verstehen, warum wir, auf welcher Ebene und in welcher Form auch immer, angefangen haben, gegen diesen Staat, gegen den Imperialismus und Kapitalismus zu kämpfen, auch wenn wir erst mal gescheitert sind. Aber dieses reale Gefühl und das Spüren von Befreiung kann uns niemand nehmen.
Ariane Müller

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