El Entusiasmo Erinnerung an einen linken Aufbruch in Spanien

El Entusiasmo Erinnerung an einen linken Aufbruch in Spanien

„Amnestia, Amnestia“, rufen die Menschen in Sprechchören. Nach dem Tod des faschistischen Langzeitdiktators Franco gingen die Menschen auf die Strasse und forderten die Freilassung der vielen politischen Gefangenen.
Plakat zum Film.

Mit dieser Szene beginnt der Dokumentarfilm El Entusiasmo, der den kurzen Aufschwung der anarchosyndikalistischen Bewegung und ihrer Gewerkschaft CNT nach dem Ende des Francofaschismus zeigt. Ende der 1970er Jahren gingen viele jungen Leute, die nur den Francofaschismus kannten und jetzt auf eine Befreiung hofften, auf die Strasse.

Sie trafen auf alte CNT-Mitglieder, die noch die Zeit der spanischen Revolution ab 1936 erlebt haben und nach der Niederlage der Linken massenhaft in die Gefängnisse wanderten. Doch nach dem Tod Francos begann sich das politische Klima zu ändern. Mehrere Interviewpartner:innen berichteten im Film, dass plötzlich Musik-Bands auftraten, die aus ihrer Ablehnung des Faschismus keinen Hehl machten. Damals begannen die jungen Leute, die Angst zu verlieren, die seit mehr als vier Jahrzehnten mit dem Sieg der Faschisten über dem Land lag. Im Film wird gezeigt, wie auf Stadtteilfesten, aber auch auf Konzerten der neue Geist der Rebellion sichtbar wurde.

„Jahrzehntelang konnte sich die Linke nur Katakomben unter der Erde aufhalten, wie die frühen Christen. Jetzt kamen sie wieder an die Oberfläche“, beschreibt ein Zeitzeuge die gesellschaftlichen Veränderungen der 1970er, die viele Bereich der Gesellschaft erfasste. Comics von Robert Crumb fanden bei jungen Leuten genauso reissenden Absatz wie die Songs von Bob Dylan oder das Kommunistische Manifest und Bücher von Kropotkin, beschreibt eine Zeitzeugin diese Zeit des Aufbruchs in Spanien.

„Die jungen Leute werden alle libertär“, klagte ein Mitglied der Kommunistischen Partei. Das zeigte auch, welches Ansehen der Anarchismus damals bei der jungen Generation hatte. Doch der Film zeigte auch, dass die Kulturrevolution vor allem bei älteren Anarchist:innen teilweise auf Unverständnis stiess. Sie kämpften für die soziale Befreiung und konnten wenig mit einer jungen Generation anfangen, die sexuelle Befreiung auf ihre Fahnen geschrieben haben. Doch zunächst war die gemeinsame Ablehnung des Faschismus das einigende Band. Wir sehen im Film Massenveranstaltung, auf denen ein altes CNT-Mitglied eine bewegende Rede hält und die junge Leute aufrief, ihren gemeinsamen Kampf fortzusetzen.

Es gab riesigen Applaus von den vielen oft ganz jungen Menschen, die zu den Versammlungen gekommen sind. Über den Menschenmassen wehen viele schwarzrote Fahnen. Hier kann man den Enthusiasmus der Massen erleben, der im Titel des Films zum Ausdruck kommt. Doch jenseits der Appelle erwarteten die jungen Leute Antworten auf die Fragen, wie eine postfaschistische Gesellschaft aussehen und wie sie erreicht werden soll. „Redet nicht über Geschichte. Redet über uns“ ruft ein junger Genosse und kritisiert damit einen zu starken Bezug auf die historische CNT. Besonders auf den in Barcelona von der CNT organisierten Libertären Tagen wurden auch die Kontroversen deutlich.

Rock n Roll für immer oder Übernahme der Betriebe kann man die Alternativen zuspitzen. Mit einem Streik der Tankstellenbeschäftigten wurde die CNT auch landesweit bekannt. Doch auch die Gegenseite schlief nicht, wie sich im Film zeigte. Mit einem Sozialpakt versuchten sie die Renitenz der Arbeiter:innen im Keim zu ersticken. Im Film wird der 15. Januar 1978 zum Wendepunkt, der die erneute Niederlage der linken Bewegung einleitete.

Nach Abschluss der Demonstration bricht im Theater in der Scala ein Feuer aus. Es gab 4 Tote, alles CNT-Mitglieder. Doch schnell wurden Anarchist:innen beschuldigt, das Feuer mit Molotow-Cocktails entfacht zu haben. Zahlreiche vor allem junge Menschen wurden verhaftet. Noch über 40 Jahre später erklärten im Film Zeitzeug:innen lebhaft, dass es sich beim Brandanschlag um ein Komplett gehandelt hat, um die CNT zu zerschlagen. Der Film gibt die Gelegenheit, mehr über eine Zeit des linken Aufbruchs in Spanien der 1970er zu erfahren. Dabei handelt es sich um kein historisches Thema. Schliesslich sind die Forderungen, die die Menschen damals stellten, bis heute nicht erfüllt.

Am 22. Juni feiert »El Entusiasmo« seine deutsche Premiere in der Berliner Freilichtbühne Weissensee.

Peter Nowak
El Entusiasmo

Spanien

2018 –

80 min.

Regie: Luis E. Herrero

Drehbuch: Luis E. Herrero

Produktion: Javier Rueda, Luis E. Herrero

Musik: Miguel Pérez Calvo

Kamera: Iván Piredda

Schnitt: Luis E. Herrero

https://www.untergrund-blättle.ch/kultur/film/el-entusiasmo-rezension-luis-e-herrero-7098.html

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