Freiburg: Silvester zum Knast

Freiburg: Silvester zum Knast

Am 31.12.2019 versammelten sich vor dem Freiburg Knast über 100 Menschen, um für eine Welt ohne Stacheldraht, Grenzen und Knäste zu demonstrieren. Wie jedes Jahr ließ die lautstarke Kundgebung hohe Mauern und Stacheldraht für einen Augenblick schwinden. Die Gefangenen beteiligten sich lautstark an der Aktion und bejubelten lautstark zahlreiche Feuerwerke die den Himmel erleuchteten, Grußworte und Redebeiträge.

Betroffen und wütend wurde auf die Verhaftung von Mehmet Sarar reagiert, der am 26.12.2019 am badischen Bahnhof in Basel aufgrund einer von der Türkei beantragten Interpol Fahndung von der deutschen Polizei festgenommen wurde und seitdem in der JVA Freiburg in Untersuchungshaft sitzt. Kämpferische Grußworte wurden an Mehmet Sarar von französichen Unterstützerinnen verlesen und auch an Thomas Meyer Falk wurden Grußworte durch die Mauer geschickt. Anders herum drang auch die Botschaft von Thomas aus der JVA heraus, wie in den letzten Jahren wurde sein Grußwort von Demonstrant*innen herzlichst empfangen.

Weiter gab es einen Redebeitrag der Antiknastgruppe, der die Grausamkeit des Wegsperrens zum Inhalt hatte. Die Rote Hilfe Freiburg forderte in ihrem Redebeitrag die Freilassung aller Politischen Gefangenen. Musikalische Begleitung gab es dieses Jahr durch die die Gruppe Arbeitstiteltortenschlacht. Nach der Kundgebung zogen die Teilnehmer*innen eine lautstarke und entschlossene Runde um den Knast.

Diese Versammlung war nicht die Erste und auch nicht die Letzte! Repression geht uns Alle an! Die politischen Prozesse gegen die Gegner*innen der G20 in Hamburg sind noch lange nicht vorbei, am 25. Januar findet eine überregionale Demonstration gegen das Linksuntenverbot statt und am 08. Januar fängt der Parkpankprozess in Hamburg an… Auch Prozesse gegen Freiburger- Wohnraum Aktivist*innen und Gegner*innen des AFD Aufmarsches im Oktober 2018 sind hierzulande voll im Gange! Wir werden uns weiterhin gegen Repression warm anziehen und weiterhin auf die Straßen gehen bis Alle wieder in der Freiheit sind!

Auf ein kämpferisches Jahr 2020!

Redebeitrag der Antiknastgruppe Freiburg

Wir jedes Jahr stehen wir hier, vor der Freiburger JVA. Um euch, Gefangene, die das Glück nicht haben dieses neues Jahr auf freien Fuß zu beginnen, einen Teil des heutigen Abends zurückzugeben.

Wir stehen hier für eine Welt ohne hässlichen Stacheldraht, Grenzen und Knäste. Diese sind ein notwendiger Bestandteil für eine Gesellschaft, die in Erfolg, Produktivität, Konsum und Herrschaft das Ziel des menschlichen Daseins sieht. So eine Gesellschaft wollen wir nicht. In der Welt, wofür wir Kämpfen, begegnen sich auf selber Augenhöhe, indem sie Machtgefälle ohne zu zögern hinterfragen und ihrer Privilegien auf Kosten anderer nicht einfach akzeptieren.

Leider sieht die Welt ganz anders aus und das tut sie nirgendwo so sehr, wie in Gefängnissen. Dort ist das, was wir verabscheuen: Rassismus, Sexismus, Zwang, Isolation so heftig vertreten, dass uns die Luft oftmals ausbleibt, wenn Gefangene über die Zustände hinter Gittern berichten. Der Mythos namens „Resozialisierung“ klingt dann wie ein makabrer Witz, auch wenn uns nicht nach lachen, sondern nach heulen und schreien zumute ist, wenn dies uns zu Ohren kommt. Hinter Gittern herrschen Zustände absoluter Fremdbestimmung. Jeder Schritt wird kontrolliert. Wann die Tür aufgeht, das Licht ausgeht, mit wem Kontakt gepflegt, was gegessen, was und wann gearbeitet wird. Insassinnen sind dort den Launen der Bediensteten Hilfslos ausgeliefert – als würden diese übernatürliche Gutmütigkeit besitzen und niemals einem anderen Wesen ein unverdientes Leid zufügen.

Der Mythos, Gefängnisse seien in das funktionieren einer Gesellschaft notwendig, ist einfach nur absurd. Konflikte sind meist komplexe Gefüge, keiner gleicht dem anderen. Sie werden sicherlich nicht auf wundersame Weise durch eine in einem Strafkatalog wählbare Lösung des Problems gelöst. Insbesondere dann nicht, wenn mensch den Haupt-Inhalt des Strafkatalogs kennt: die Bestrafung durch den Verlust von Freiheit oder Geld, die Belohnung der nicht eingetretenen Bewährungsstrafe. Welche Probleme werden aber gelöst durch ein System, das Menschen zur Zwangsarbeit hinter Gittern verurteilt?

Das „bestrafen, belohnen“ Prinzip dient denjenigen, die bestrafen und belohnen und nicht denjenigen die bestraft oder belohnt werden. Es dient Privilegierten dazu, ihre übergeordnete Stellung aufrechtzuerhalten. Das gilt insbesondere für ein Strafsystem, das Arme, Widerständige, unerwünschte aller Art weggesperrt, versteckt und ausbeutet. In Vollzugs-, Psychiatrie- und in Abschiebeanstalten verschwinden Menschen von der Bildfläche, die das Bild von einem schönen und gehorsamen Leben in einem oberflächlichen kotzrosa Traum von Reichtum und Erfolg stören. Dort werden diejenigen, die von der Norm abweichen, solange versteckt bis entscheden wurde, dass sie wieder Salonfähig sind. Dort wird versucht, Bestrebungen für eine Selbstbestimmte Welt ohne Stacheldraht, Unterdrückung, Rassismus und Sexismus zu bezwingen. Dort wird Gewalt durch Erniedrigungen, Fremdbestimmung und Isolation begegnet. Dort werden Menschen, die vor Krieg und Elend fliehen mussten alleine mit der Angst gelassen, jeden Moment wieder Richtung Krieg und Elend zurückgebracht zu werden. Dort werden Soziale Verliererinnen ausgebeutet, dort wird Unterdrückung versteckt und verstärkt.

Aber nicht ohne Gegenwehr und nicht ohne unsere Unterstützung. Die Kämpfe für eine Herrschaftsfreie, solidarische Welt lassen sich vom Stacheldraht nicht aufhalten!

Deswegen stehen wir heute hier. Damit die Solidarität höher steigt und heller scheint als die hohen Mauern zwischen uns.

Um denjenigen die nicht das Privileg haben das neue Jahr in der Freiheit zu beginnen einen Teil des Abends zurückzugeben.

Um den Himmel zum Glühen und die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen.

Und deswegen werden wir auch nächstes und übernächstes Jahr wieder hier stehen!

Gemeinsam und solidarisch werden wir so lange weiter kämpfen, bis alle wieder in Freiheit sind!

https://de.indymedia.org/node/57184

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