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Brief von Tommy Tank vom 1. November 2012

JVA Torgau: Erfolgreicher Protest gegen die Einheitskleidung der Anstalt 28.11.12

tommy tank

Heute wurde mit Erfolg gegen die Pflicht zum Tragen von Anstaltskleidung protestiert. Ich zog mich komplett nackt aus und verweigerte, die Haftklamotten jemals wieder anzuziehen. Der Beamte löste erst mal Alarm aus und die Zentrale ließ sofort alle Gefangenen in ihre Zellen sperren.

Ich erklärte den Protest damit, dass uns die Anstaltsklamotten demütigen und nur dazu dienen, uns zu erniedrigen. Auch kündigte ich an, am morgigen Hofgang teilnehmen zu wollen, aber auf keinen Fall je wieder Anstaltsklamotten anzuziehen. Es dauerte erstaunlicherweise keine 10 Minuten – da erlaubte der Anstaltsleiter mir wieder das Tragen eigener Kleidung. Es ist zu hoffen, dass sich andere Gefangene ähnlich zur Wehr setzen und gegen die 'Behandlung' durch die Anstalt auflehnen.

Was im Einzelnen geschah:
Ich las in der Zelle auf der Sicherheitsstation der JVA Torgau gerade Zeitung, als ein Beamter sagte, meinem Antrag, bei Gericht gegen die Maßnahmen der Anstalt Beschwerde mündlich einlegen zu können, werde entsprochen und ich könne nun dorthin ausgeführt werden.
    Wir gingen in einen Bereich, wo sich Gefangene umkleiden müssen, wenn sie irgendwohin ausgeführt werden. Dort wurde mir mitgeteilt, ich dürfe - anders als beim letzten Mal -  keine eigene Kleidung anziehen. Ich zog mich vollständig aus und erklärte meine Weigerung, die Haftkleidung jemals wieder anzuziehen. Während und nach der Ausführung will ich eigene Kleidung tragen dürfen.
    Wenige Tage zuvor wurde ich auf die Sicherheitsstation der JVA Torgau verlegt, indem mich 4 Beamte dorthin trugen, weil ich es verweigerte, in einen anderen Bereich der JVA umzuziehen. Die Anstalt wollte dies, um mich einem anderen Abteilungsleiter zu unterstellen. Ich halte den Umzug und seine Begründung für nicht akzeptabel. Auf der Sicherheitsstation angekommen, sollte ich die eigene Kleidung abgeben, weil das generell so festgelegt sei. Aufgrund  standhafter Weigerung, dies zu tun, wurde Gewalt angedroht. Am vierten Tag danach kamen Beamte in den Duschraum, nahmen mir meine Kleidung weg und legten die Anstalts-Einheitskleidung hin. Diese tragen zu müssen, ist pure Demütigung für uns alle, die dem unterworfen werden.

 In dem Umkleidebereich der Anstalt wurde, als ich meinen Protest erklärte, erst einmal Alarm ausgelöst und alle Gefangenen in den Gebäuden der JVA Torgau in ihre Zellen gesperrt. Es kam der Abteilungsleiter Rakelmann, der meinte, es gebe keine Ausführung zum Gericht, wenn ich die Anstaltskleidung nicht anziehen würde. Ich beharrte auf  meinen Rechten. Er sprach mit dem Anstaltsleiter Karl-Heinz Herden. Nach nur wenigen Minuten wurde das Tragen eigener Kleidung dann doch gestattet. Die schnelle Reaktion der Anstaltsleitung überraschte mich schon.
 Auch nach der Ausführung zum Gericht wurde gestattet, die eigene Kleidung wieder
 tragen zu dürfen. Sie wurde sofort an mich ausgegeben.

 Anregung für den Protest gab mir ein Zeitungsartikel in der Tageszeitung „junge Welt“ vom 30./31. Oktober 2012. In der Rubrik „Abgeschrieben“ wird eine Erklärung des Türkei-Informationszentrums (Wien) zu den Haftbedingungen von Sadi Ötzpolat in der JVA Bochum wiedergegeben. In dieser steht, Sadi könne diese erniedrigende Maßnahme der Anstalt, Haftklamotten tragen zu müssen, als politischer Gefangener ebenso wie seine Genossen bei seinem Todesfasten aus dem Jahre 1984 (in der Türkei) nicht akzeptieren. Er hat sich in ein Leinentuch gehüllt und verbringt die gesamte Zeit nur in seiner Zelle – pure Folter. Ihm wurden - wie uns in Torgau auf den Sicherheitsstationen - alle eigenen Kleidungsstücke weggenommen.
     Was hier in Torgau so schnell zum Erfolg verhalf, kann auch anderswo, wenn auch leider nicht in der JVA Bochum, ein erfolgreicher, gewaltloser Protest sein, um eigene Rechte im Kampf um unsere Bedürfnisse wahrzunehmen.

 Die Anstalten müssen Hofgang gewähren und müssen Besuch sowie Gespräche mit Mitarbeitern des Sozialdienstes und Psychologen ermöglichen. Gefangene, die nackt oder in Bettlaken gehüllt herumlaufen, passen da wohl kaum ins Bild der Anstaltsleitungen. Denkt mal darüber nach. Ich wünsche viel Erfolg!

Tommy Tank, Am Fort Zinna 7, 04860 Torgau

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