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«Der Erfolg des Hungerstreiks hat nichts mit dem reagierenden Apparat zu tun»

05.05.16

Protestrecht des Körpers
sah. Im Rahmen des Buches «Protestrecht des Körpers – Einführung zum Hungerstreik in Haft» ein gekürztes Interview mit der militanten Kommunistin Andrea Stauffacher, die im «Revolutionären Aufbau Schweiz» und in der «Roten Hilfe International» organisiert ist. Vorwärts 17/18 6.Mai 2016
Was bedeutet für dich Hungerstreik?
Ich wurde immer wieder zu Knaststrafen verurteilt und hatte immer zum Ziel, den Kampf auch im Knast aktiv fortzusetzen. Der Hungerstreik ist ein Kampfmittel, mittels dem man von drinnen nach draussen die Initiative behalten und gemeinsam einen Kampf führen kann.

Bevor du deinen ersten Hungerstreik gemacht hast: Was wusstest du über dieses Thema beziehungsweise wie hast du dich darauf vorbereitet?
Die «Rote Hilfe International» wie die «Rote Hilfe des Revolutionären Aufbau Schweiz» sind im engsten Kontakt mit politischen Gefangenen. Wir greifen ihre Initiativen auf und versuchen, sie in unsere laufenden Kampagnen zu integrieren. Die internationale Solidarität ist ein wichtiger Bestandteil revolutionärer Politik. So waren wir präsent während den langen kollektiven Hungerstreiks der politischen Gefangenen in Spanien, der RAF in Deutschland oder der Gefangenenkollektive in der Türkei. Diese lange Tradition bringt einen unweigerlich dazu, sich auch konkret mit dem Mittel Hungerstreik auseinanderzusetzen. Die vielen toten Gefangenen, von Holger Meins (RAF), Sigurd Debus (Widerstand) oder Bobby Sands (IRA), bringen einem die Realität dieses Kampfmittels unweigerlich näher. Man beginnt, sich auch aus medizinischer Sicht mit dem Hungerstreik auseinanderzusetzen.

Was waren deine politischen Forderungen beim Hungerstreik?
Es kommt ganz darauf an: Einmal war es die Solidarität mit dem Kampf anderer politischer Gefangener wie zum Beispiel mit Marco Camenisch. Mal hatte ich vom Knast aus einen internationalen Hungerstreik mit politischen Gefangenen für die Freilassung von George Ibrahim Abdallah organisiert. Ein starkes Gefühl zu wissen, dass zum Beispiel in Marokko zehn junge kommunistische Gefangene auf den Aufruf reagiert haben, und dass man, ohne sich persönlich zu kennen, zur gleichen Zeit, aber auf einem anderen Kontinent, das gleiche Kampfmittel für das gleiche Ziel einsetzt.
War dein Streik in eine Kampagne mit einer solidarischen Bewegung eingebettet und wenn ja wie?
Das ist sehr wichtig. Dein Kampf drinnen sollte mit dem Kampf draussen verbunden sein. Ganz im Sinne: Drinnen und draussen ein Kampf! Das kann aber auch eine Bewegung in einem anderen Land und mit anderen politisch-ideologischen Positionen sein.

Wie ist dein Streik abgelaufen?
Du beginnst mit einer Vorphase, also gezielt Nahrung abzubauen und gehst dann über in den Hungerstreik. Und beim Abbruch musst du wieder auf die Ernährungsfrage achten. Es gibt da genaue Anweisungen, wie beim Fasten übrigens auch. Wichtig ist, dass bei Beginn die politische Vermittlung sofort anläuft. Bei einem Streik muss man berechnen, dass der Informationsfluss trotz technologisch schneller Kommunikationswege, doch einige Zeit in Anspruch nimmt. Deswegen ist eine gute Vorbereitung, inklusive Information an nahe politische Strukturen, wichtig, die bereits mit ihrem Teil in der Initiative zu arbeiten beginnen können.
Wie hat das Haftsystem auf deine Aktion damals reagiert?
Unterschiedlich. Beim letzten Mal hat die Vollzugsbehörde zur Erpressung gegriffen: Entweder eine schriftliche Distanzierung vom Hungerstreik oder aber eine Verlegung in einen Sicherheitstrakt bis Strafende, also ohne die mögliche bedingte Entlassung. Es war eine Forderung, der man natürlich nicht nachgekommen ist. Es gab eine Verlegung, aber nur für die Zeit des laufenden Streiks.
Welche Strategien wendet der Repressionsapparat deiner Meinung nach aktuell in Zentraleuropa gegen Aktivistinnen im Hungerstreik an?
Das hängt ganz von der objektiven Situation im jeweiligen Land wie aber auch von der Stärke der Bewegung draussen ab. Die meisten Staatsschutzschergen schalten auf Deeskalation, statt in der Bewegung eine Dynamik auszulösen. Das hängt jeweils ganz von ihrer Fähigkeit zur Lageeinschätzung ab. Auf die direkte Sanktion, die Isolation, sollte man sich genügend früh vorbereiten. Die Frage der Kommunikation steht dabei bestimmt an oberster Stelle. Vieles kann und soll man aber im Vorfeld so diskutieren, koordinieren, dass die Isolation mit ihrer Wirkung ins Leere läuft.
Findest du, dass Hungerstreik heute – wo das Haftsystem mehr und mehr lernt, mit dieser Protestform umzugehen – diese Widerstandsform noch sinnvoll angewendet werden kann oder man lieber auf andere Formen zurückgreifen sollte – falls möglich?
Der Erfolg des Hungerstreiks hat nichts mit dem reagierenden Apparat zu tun. Es ist vielmehr eine Frage der politischen Verknüpfung mit Dynamiken der Klassenkämpfe, der internationalen Solidaritätsbewegungen gegen staatliche Angriffe oder Bewegungen, die in den ähnlich gelagerten Kampffeldern aktiv sind, wie zum Beispiel Antifa, Tierrecht, Antikapitalismus oder militante Aktionen revolutionärer Gruppen. Der Hungerstreik ist und bleibt ein Kampfinstrument, das drinnen und draussen verbindet. Drinnen ergreift man eine Initiative, die draussen ein Aufgreifen möglich macht. Es ist ein sicht- und fassbares Instrument, das ein klares Ziel hat: Auch wenn sie uns in den Knast stecken, finden wir Wege und Mittel, den Kampf gemeinsam weiterzuführen. Natürlich gibt es zahlreiche andere Mittel, wie zum Beispiel ein Transparent (Bettlaken) zu beschriften und aus der Zelle zu hängen – oder die Verweigerung, nach dem Hofgang nicht mehr zurück in die Zelle zu gehen – Jedes Kampfmittel sollte entsprechend der Situation, den realen Bedingungen und eben der Verbindung mit draussen überlegt und entwickelt werden. Bei allen Formen aber ist eines gemeinsam: die politische Erklärung, mit der dann draussen gearbeitet werden kann und muss!


Was bedeutet für dich Hungerstreik?
Ich wurde immer wieder zu Knaststrafen verurteilt und hatte immer zum Ziel, den Kampf auch im Knast aktiv fortzusetzen. Der Hungerstreik ist ein Kampfmittel, mittels dem man von drinnen nach draussen die Initiative behalten und gemeinsam einen Kampf führen kann.
bevor du deinen ersten hungerstreik gemacht hast: was wusstest du über dieses thema beziehungsweise wie hast du dich darauf vorbereitet? Die «Rote Hilfe International» wie die «Rote Hilfe des Revolutionären Aufbau Schweiz» sind im engsten Kontakt mit politischen Gefangenen. Wir greifen ihre Initiativen auf und versuchen, sie in unsere laufenden Kampagnen zu integrieren. Die internationale Solidarität ist ein wichtiger Bestandteil revolutionärer Politik. So waren wir präsent während den langen kollektiven Hungerstreiks der politischen Gefangenen in Spanien, der RAF in Deutschland oder der Gefangenenkollektive in der Türkei. Diese lange Tradition bringt einen unweigerlich dazu, sich auch konkret mit dem Mittel Hungerstreik auseinanderzusetzen. Die vielen toten Gefangenen, von Holger Meins (RAF), Sigurd Debus (Widerstand) oder Bobby Sands (IRA), bringen einem die Realität dieses Kampfmittels unweigerlich näher. Man beginnt, sich auch aus medizinischer Sicht mit dem Hungerstreik auseinanderzusetzen.
Was waren deine politischen Forderungen beim Hungerstreik?
Es kommt ganz darauf an: Einmal war es die Solidarität mit dem Kampf anderer politischer Gefangener wie zum Beispiel mit Marco Camenisch. Mal hatte ich vom Knast aus einen internationalen Hungerstreik mit politischen Gefangenen für die Freilassung von George Ibrahim Abdallah organisiert. Ein starkes Gefühl zu wissen, dass zum Beispiel in Marokko zehn junge kommunistische Gefangene auf den Aufruf reagiert haben, und dass man, ohne sich persönlich zu kennen, zur gleichen
Letzten Monat kam mein zweites Buch in den Handel mit dem Thema «Politischer Hungerstreik». Ausgangspunkt war, dass ich per Zufall Augenzeuge von einem Hungerstreik von MigrantInnen in Bern wurde und mich dann später näher damit beschäftigte. Informationen dazu waren lose gestreut: im Internet, in Archiven, in Zeitungen. Es war schwierig, sich zurechtzufinden. Bewegungen rund um Streikende hatten nur Fragmentarisches zurückgelassen, die AktivistInnen kaum Zeit für längere Erklärungen oder gar Theoretisches. Die bürgerliche Perspektive und Papiere zur staatlichen Handhabung darauf überwiegten, so dass es schwierig war, sich ein mehrdimensionales Bild von dieser Protestform zu machen. So entschloss ich mich eine erste, kleine Zusammenstellung zum politischen Hungerstreik in Haft zu schreiben. Der Band enthält Interviews mit AktivistInnen, Handlungsmöglichkeiten von Seiten der Gefängnisinstitutionen, einen kurzen, geschichtlichen Abriss des Protestes, Auszüge sowie Zusammenfassungen aus Autobiografien, eine Anleitung zum Hungerstreik und vieles mehr. «Etwas, das auch nach draussen dringt» Es gibt nicht viele Möglichkeiten, im Knast zu
Zeit, aber auf einem anderen Kontinent, das gleiche Kampfmittel für das gleiche Ziel einsetzt.
war dein Streik in eine kampagne mit einer solidarischen bewegung eingebettet und wenn ja wie? Das ist sehr wichtig. Dein Kampf drinnen sollte mit dem Kampf draussen verbunden sein. Ganz im Sinne: Drinnen und draussen ein Kampf! Das kann aber auch eine Bewegung in einem anderen Land und mit anderen politisch-ideologischen Positionen sein.
wie ist dein Streik abgelaufen?
Du beginnst mit einer Vorphase, also gezielt Nahrung abzubauen und gehst dann über in den Hungerstreik. Und beim Abbruch musst du wieder auf die Ernährungsfrage achten. Es gibt da genaue Anweisungen, wie beim Fasten übrigens auch. Wichtig ist, dass bei Beginn die politische Vermittlung sofort anläuft. Bei einem Streik muss man berechnen, dass der Informationsfluss trotz technologisch schneller Kommunikationswege, doch einige Zeit in Anspruch nimmt. Deswegen ist eine gute Vorbereitung, inklusive Information an nahe politische Strukturen, wichtig, die bereits mit ihrem Teil in der Initiative zu arbeiten beginnen können.
wie hat das haftsystem auf deine aktion damals reagiert? Unterschiedlich. Beim letzten Mal hat die Vollzugsbehörde zur Erpressung gegriffen: Entweder eine schriftliche Distanzierung vom Hungerstreik oder aber eine Verlegung in einen Sicherheitstrakt bis Strafende, also ohne die mögliche bedingte Entlassung. Es war eine Forderung, der man natürlich nicht nachgekommen ist. Es gab eine Verlegung, aber nur für die Zeit des laufenden Streiks.
welche Strategien wendet der repressionsapparat deiner Meinung nach aktuell in zentraleuropa gegen aktivistinnen im hungerstreik an? Das hängt ganz von der objektiven Situation im jeweiligen Land wie aber auch von der Stärke der
protestieren. Die Verweigerung von Nahrung – auch Hungerstreik oder Hungerfasten genannt – ist eine davon. Es ist ein seltsames Phänomen: man unterlässt etwas, verzichtet auf Nahrung, kann damit aber etwas bewegen und eine Initiative mit Forderungen aufbauen. Aber nur wer selber mal einen Hungerstreik angefangen hat, weiss, welche Entschlossenheit und Mut es braucht, um ihn mit allen damit verbundenen Folgen durchhalten zu können. In einem Dokument zum Hungerstreik 1973 schreibt eine Gruppe weiblicher Gefangener aus der Bewegung «2. Juni» und der «Roten Armee Fraktion» (unter anderen Brigitte Mohnhaupt, Inge Viett oder Verena Becker): «Wir machen hier einen Hungerstreik, um zu zeigen, dass wir nicht jede Schweinerei hinnehmen werden, ohne zu mucken. Wir machen ihn, weil wir es satt haben, dass immer nur etwas mit uns gemacht wird. Wir fangen damit an, dass etwas von uns gemacht wird.» Weg vom gefangenen Objekt, wollten diese Hungerstreikenden wieder die Rolle aktiv handelnder Subjekte einnehmen. Dies geschah im Wissen, dass diese Aktionsform den Körper und die Seele stark schädigen kann. Dazu die Gefangenen: «Dass Hungern ein beschissenes Mittel ist, wissen wir selbst. Aber wir haben hier im Knast eben nur verdammt wenige Möglichkeiten, wenn wir etwas
Bewegung draussen ab. Die meisten Staatsschutzschergen schalten auf Deeskalation, statt in der Bewegung eine Dynamik auszulösen. Das hängt jeweils ganz von ihrer Fähigkeit zur Lageeinschätzung ab. Auf die direkte Sanktion, die Isolation, sollte man sich genügend früh vorbereiten. Die Frage der Kommunikation steht dabei bestimmt an oberster Stelle. Vieles kann und soll man aber im Vorfeld so diskutieren, koordinieren, dass die Isolation mit ihrer Wirkung ins Leere läuft.
Findest du, dass hungerstreik heute – wo das haftsystem mehr und mehr lernt, mit dieser Protestform umzugehen – diese widerstandsform noch sinnvoll angewendet werden kann oder man lieber auf andere Formen zurückgreifen sollte – falls möglich? Der Erfolg des Hungerstreiks hat nichts mit dem reagierenden Apparat zu tun. Es ist vielmehr eine Frage der politischen Verknüpfung mit Dynamiken der Klassenkämpfe, der internationalen Solidaritätsbewegungen gegen staatliche Angriffe oder Bewegungen, die in den ähnlich gelagerten Kampffeldern aktiv sind, wie zum Beispiel Antifa, Tierrecht, Antikapitalismus oder militante Aktionen revolutionärer Gruppen. Der Hungerstreik ist und bleibt ein Kampfinstrument, das drinnen und draussen verbindet. Drinnen ergreift man eine Initiative, die draussen ein Aufgreifen möglich macht. Es ist ein sicht- und fassbares Instrument, das ein klares Ziel hat: Auch wenn sie uns in den Knast stecken, finden wir Wege und Mittel, den Kampf gemeinsam weiterzuführen. Natürlich gibt es zahlreiche andere Mittel, wie zum Beispiel ein Transparent (Bettlaken) zu beschriften und aus der Zelle zu hängen – oder die Verweigerung, nach dem Hofgang nicht mehr zurück in die Zelle zu gehen – Jedes Kampfmittel sollte entsprechend der Situation, den realen Bedingungen und eben der Verbindung mit draussen überlegt und entwickelt werden. Bei allen Formen aber ist eines gemeinsam: die politische Erklärung, mit der dann draussen gearbeitet werden kann und muss!
«Protestrecht des Körpers» ist ein neues Buch und eine Einführung zur Aktionsform des Hungerstreiks. Es erschien diesen März im Unrast Verlag

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