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Ein anderes Bild von Ulrike Meinhof

31.08.16

ulrike69Katriina Lehto-Bleckert Die finnische Soziologin hat eine Biographie zu Ulrike Meinhof verfasst, die mit den Mainstream-Vorstellungen bricht und deshalb totgeschwiegen wird

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Peter Nowak

Der vierzigste Todestag von Ulrike Meinhof hat noch einmal in kleinen Umfang auch Gegenstimmen zu Wort gehen lassen, Menschen, die die Frau als Revolutionärin erstnahmen und die ihren Tod auch bis heute als ungeklärt bezeichnen, was einfach den Tatsachen entspricht. Auch Kastriina Lehto-Bleckert würdigt Meinhof als starke Frau, die politisch ihren Weg gegangen ist und nicht Opfer sondern Akteurin geblieben war. Die finnische Soziologin und linke Feministin hat im Jahr 2010 im Marburger Tectum Verlag eine über 700seitige Meinhof-Biographie herausgegeben, die genau deshalb von der deutschen Presse einfach ignoriert wurde, weil sie ein anderes Bild über Ulrike Meinhof zeichnet, als es der bundesdeutsche Mainstream erlaubt. Vor 35 Jahren hätte ein solches Buch vielleicht noch eine Anklage wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung nach sich gezogen. Heute wird mit einen Informationsboykott reagiert, der so wirkungsmächtig ist, dass ich über das Buch erst im letzten Jahr auf einer Veranstaltung mit Antja Röhl beiläufig erfahren habe. Meinhofs Stieftochter ist eine wichtige Quelle für die feministische Finnin, die auch immer wieder erwähnt wird. Deswegen soll hier die Rezension auch 6 Jahre nach Erscheinen des Buches nachgetragen und die Lektüre unbedingt empfohlen werden. Lehto-Bleckert kann auch in linksliberalen Kreisen mit ihrem Buch nicht reüssieren, weil sie Meinhof eben nicht als Opfer von Baader oder Ensslin oder in ihren Journalistinnnenleben von Klaus-Rainer Röhl darstellt. Meinhof als unabhängige starke Frau, die von Männern immer wieder falsch interpretiert wird, ist die wichtigste feministische These der Autorin. Sie kann nicht ganz überzeugen. Denn mi t Meinhofs Ziehmutter Renate Riemeck, ihren Töchtern Anja und Bettina Röhl und ihrer Schwester Winke ZItzlaff haben sich immer auch Frauen an der Meinhof-Rezeption in der einen oder anderen Richtung beteiligt. Es ist zu einfach, beispielswiese die sehr selbstbewusste Frau Renate Riemeck in den 1970er Jahren als sie ihre Ziehtochter auffordert, sich der Justiz zu stellen, nur unter den Einfluss von Röhl agieren zu sehen, wie die Autorin nahelegt .Es scheint vielmehr plausibler, dass Riemecks eigene politische Positionierung zu diesem Zeitpunkt mit der von Röhl weitgehend übereinstimmte. Deshalb agierten sie zusammen. Beide hatten damals eine politische Positionierung, die grob gesagt als DKP-nah bezeichnet werden kann, eine legalistische Linke, für die alles, was die Polizei nicht erlaubt, als anarchistische Provokation abgetan wird.

Die Kommunistin Ulrike Meinhof kommt kaum vor

Dass die Autorin diesen Zusammenhang nicht erkannte, ist ein strukturelles Problem, das sich durch das Buch zieht. Die undogmatische Linke Lehto-Bleckert ist die Kultur der kommunistischen Partien fremd und das macht sich in dem Buch an mehreren Stellen deutlich. So erwähnt sie nur beiläufig in wenigen Sätzen, dass Meinhof 1958 in die illegale KPD eingetreten ist. Es wird gar nicht versucht, zu erklären, wie der Kontakt zur illegalen Partei zustande gekommen war. . Es wird auch nicht versucht, Zeitzeug_innen zu finden, die mit Meinhof in der illegalen KPD gearbeitet haben. Dabei hat der 2008 verstorbene Schriftsteller Christian Geissler mehrmals geschrieben, dass er mit Meinhof in einer KPD-Parteizelle war. Er wäre sicher auch zu einer Befragung breit gewesen. Doch Geissler taucht nicht einmal im umfangreichen Literaturverzeichnis des Buches auf, obwohl er mehrere Texte über Ulrike Meinhof verfasst hat.

Meinhof war KPD-Mitglied geworden, weil sie ihren Kampf für Abrüstung und für die Anerkennung der DDR organisiert führen wollte. Daher ist es wahrscheinlich, dass sie sich mit ihren Genoss_innen koordiniert hat. Interessant ist, dass die berühmte Diskussion von Meinhof mit dem verteidigungspolitischen Sprecher der SPD Helmut Schmidt 1959 in Westberlin anlässlich eines Kongresses des SDS nach ihrer KPD-Mitgliedschaft stattgefunden hat. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass Meinhof ihre Rede mit ihren Genoss_innen vorbereitet hat. Schließlich ist sie in die Partei eingetreten, um organisiert Politik zu machen und hat dafür sogar hohe Strafen in Kauf genommen, die damals auf der Mitgliedschaft in der verbotenen Partie standen. Lehto-Bleckert aber behandelt die KPD-Mitgliedschaft von Meinhof so, als wäre sie in einen Brieftaubenverein eingetreten. Sie spricht ihr keine Bedeutung auf ihr politisches und journalistisches Agieren zu. Damit aber macht sie etwas, was sie bei anderen mit Recht kritisiert. Sie nimmt die selbstbewusste Kommunistin und ihren Entschluss, sich in der Partei zu organisieren, nicht ernst. So begrüßenswert es ist, wenn die Autorin der herrschenden Lesart entgegen treten will, dass Meinhof von Moskau und Ostberlin gesteuert war, ist die praktische Negierung ihrer KPD-Mitgliedschaft nicht die Alternative. Interessant wäre es gewesen, Meinhof als selbstbewusste Kommunistin zu zeigen, die nicht von Berlin und Moskau gesteuert sondern aus ihrer eigenen politischen Überzeugung sich entscheidet, innerhalb der KP Politik zu machen. Dieses Negieren der Kommunistin Meinhof führt bei Lehto-Bleckert später noch zu manchen Fehldeutungen. So sieht sie Meinhofs Beiträge in der Konkret nicht als das Bemühen einer Kommunistin, den linken Landlehrern beizubringen, dass die Anerkennung der DDR und Abrüstung eine vernünftige Sache sind. Daher vermeidet sie weitgehend marxistisches Vokabular und tut alles, um nicht als KPD-Nah gelabelt zu werden. Das ist für ein illegales KPD-Mitglied auch eine Frage des Selbstschutzes, weil ihr ja Haft gedroht hätte, wenn ihre Mitgliedschaft bekannt geworden. wäre Zudem wäre sie als Konkret-Journalistin in den 1960er Jahren endgültig verbrannt gewesen. Man denke nur an das Schicksal des DGB-Wirtschaftstheoretikers Victor Agartz, bei dem ein Kontakt zu DDR-Institutionen und eine Mitarbeit in einer linken Zeitschrift ausreichte, um ihn zur Persona Non Grata zu machen, obwohl bei ihm eine Mitgliedschaft in der KP nicht zur Debatte stand.

Ulrike Meinhof eine Verteidigerin des Grundgesetzes?

Weil Lehto-Bleckert Meinhofs journalistische Taktik nicht versteht, als illegales KPD-Mitglied möglichst bürgerlich rüberzukommen, nimmt sie ihre Texte für paare Münze und sieht in ihr eine engagierte Verteidigerin der BRD, des Grundgesetzes und der bürgerlichen Demokratie. Sie fragt nicht einmal, wie das mit der KPD-Mitgliedschaft zusammengeht, weil sei die für Meinhofs Wirken für belanglos hält. Deswegen bemüht sie sich auch gar nicht nachzuweisen, wann Meinhof sich endgültig von der KP verabschiedet hat. Sie wirft die Trennung mit dem Bruch zwischen Ostberlin und Konkret zusammen, was aber nicht plausibel ist, zumindest hätte es dazu weiterer Belege bedurft. Zumindest in Meinhofs journalistischer Arbeit ist dieser Bruch zum damaligen Zeitpunkt nicht nachweisbar. Es ist wahrscheinlicher, dass der Bruch mit der KP erst mit ihren Umzug nach Westberlin und ihren engeren kontakt zur neuen außerparlamentarischen Linken zusammenfiel. Das zumindest kann man an ihren Texten nachweisen. Diese Unterschätzung der Kommunistin Ulrike Meinhof zeigt sich auch da, wo Lehto-Bleckert beschreibt, wie schwer sich Meinhof tat, den Schritt zu illegalen Aktionen zu gehen. Das ist eigentlich verständlich, wenn man die legalistische Politik der KPD vor Augen hat. Es war der langsame Abnabelungsprozess der Parteikommunistin Meinhof zur Revolutionärin. Doch die Autorin beschreibt ihn als die Skrupel einer Verfassungspatriotin, die an die Demokratie in der BRD geglaubt habe. „Sie hatte offensichtlich ein starkes Vertrauen in die Entwicklungs- und Veränderungsfähigkeit des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland – und dies nicht grundlos, weil die Rahmenbedingungen - vor allem der Verfassung und – sehr fortschrittlich und demokratisch waren und man vorher nie gesehenen Wohlstand und eine lange wirtschaftliche Stabilität erfahren hatte“, heißt es im Buch. Doch das ist die Perspektive der Linksliberalen Lehto Bleckert und nicht der Kommunistin Ulrike Meinhof. Die wusste, dass in der angeblich so fortschrittlichen BRD in den 50er Jahren Tausende vermeintliche oder tatsächliche Kommunist_innen verfolgt und inhaftiert waren. Auf der Seite der Verfolger_innen saß nicht selten das bewährte NS-geschulte Personal. Dass saß da auch noch 1976 als der ehemalige SS-Offizier Jürgen Mallach als Pathologe Meinhofs Gehirn sezierte. „Das Gründungsmitglied der RAF landete am Ende noch in den Händen ihres allergrößten Feindes, schreibt die Autorin. Das waren die deutschen über die ein Peter Brückner, ein Klaus Wagenbach und viele andere in den 1970er Jahren für den Tod von Meinhof verantwortlich machten.

Neben Jutta Ditfurths Meinhof-Biographie das beste

Diese ausführliche Kritik ist nicht als Verriss gedacht. Ganz im Gegenteil, das Buch ist neben Jutta Ditfurths Meinhof-Biographie das Beste ist, was es gegenwärtig auf den Markt gibt. Lehto-Bleckert kritisiert an diesem Buch, das Ditfurth ihre Darstellung nicht immer mit Quellen belegt hat, vergisst aber, dass Bettina Röhl durchgesetzt hat, dass dort viele Quellen nicht erwähnt werden konnten. Leider hat die Autorin da Buch „Rudi und Ulrike“ von Jutta Ditfurth gar nicht wahrgenommen. Dabei hat Lehto-Bleckert Jutta Ditfurth recht gegeben, die von einer zeitweilig engen Verbindung der beiden Aktivisten der außerparlamentarischen Linken ausgegangen ist. Dafür hatte sich Ditfurth den Zorn vieler arrivierter Dutschke-Freund_innen und einer Frau, deren Beruf seit 36 Jahren Dutschke-Witwe ist, zugezogen und musste sich als Lügnerin beschimpfen lassen. Lehto-Bleckert weist nun nach, dass es ein zeitweilig enges Verhältnis gab und dass Meinhof Dutschke sogar vorgeschlagen hat, sich zusammenzutun. Was aus einer Kooperation der beiden linken Kader geworden wäre, ist ungewiss. Aber vielleicht hätte Meinhof es geschafft, Dutschkes Weg zu den Grünen zu verlegen.

Umstrittener Titel

Am Ende noch einige Worte zum Untertitel, der bei den kleinen Teil der Meinhof-Unterstützer_innen begreiflicherweise auf Unmut stieß. „Ihr Weg zur Terroristin“, das klingt doch arg nach dem staatlichen Terrorismusverdikt. Doch genau den kritisiert die Autorin mit einer überraschenden Begründung. Sie sieht im Konzept der frühen RAF eine sozialrevolutionäre Gewalt, die mit legalem Widerstand gekoppelt werden sollte. Der staatliche Verfolgungsdruck machte ein solches Konzept obsolet und so verlegte sich die RAF darauf, auf staatliche Politik mit bewaffneten Aktionen zu reagieren. Ihre Aktionen waren Reaktionen auf das Bombardement in Vietnam und die Repression gegen Gefangene, aber auch gegen die Springerpresse. Natürlich hatten diese Aktionen auch zum Ziel bei den Adressaten Angst auszulösen, was im Wortsinn im Begriff des Terrors gemeint ist. Übrigens haben die französischen Jakobiner_innen und die Bolschewiki in Russland offen von revolutionären oder roten Terror gesprochen, um reaktionäre Mächte zu brechen. Wenn also de Autorin von Meinhofs Weg zur Terroristin spricht, meint sie wohl etwas Anderes, als die staatliche Propaganda. Ich teile aber die Vorbehalte gegen den Untertitel, der nach Aussagen von Antja Röhl auch nicht der Wunsch der Autorin sondern des Verlags war. Ein Grund, das Buch nicht zu lesen, ist der umstrittene Titel auf jeden Fall nicht.

Peter Nowak

Katriina Lehto-Bleckert, Ulrike Meinhof 1934- 1876, Ihr Weg zur Terroristin, Tecum Verlag Marburg 2010 714 Seiten, 29,90 Euro, ISBN: 978.3-8288-2538-3

http://www.tectum-verlag.de/reihen/ wissenschaftliche-beitrage-aus-dem-tectum-verlag/geschichtswissenschaft/ulrike-meinhof-1934-1976.html

https://www.freitag.de/autoren/peter-nowak/ein-anderes-bild-von-ulrike-meinhof

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