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Freiheit für die Move-9!

15.08.17

moveSchuldig, Widerstand gegen ein rassistisches System geleistet zu haben
Von Mumia Abu-Jamal, junge Welt 14.8.17

Ein früher Morgen, Zeit für Ruhe, Stille und Erholung. Am 8. August 1978 suchten nur die frühen Vögel munter nach Würmern. Aber nein, auch Cops regten sich, sie versammelten sich schwerbewaffnet vor einem Haus. Dann griffen sie das Gemeinschaftshaus der Move-Organisation in Powelton Village, West Philadelphia, an. Erst Dutzende, dann Hunderte und dann schätzungsweise Tausende Schüsse wurden auf das Wohnhaus abgegeben. Wie viele Schüsse in dem Dauerfeuer tatsächlich abgegeben wurden, konnte nicht mehr ermittelt werden, denn noch bevor es Nacht wurde, war das Gebäude zerstört und bis auf seine Grundmauern in der dunklen, nassen Erde niedergerissen worden. Aus Hochdruckkanonen waren Hunderte Gallonen Wasser in das Haus gepumpt worden, um die Leute von Move aus ihrem Gemeinschaftshaus herauszuspülen.

Als sie aus dem Haus flüchteten, um dem Ertrinken und dem Dauerfeuer aus Polizeiwaffen auf das im Dunkeln liegende Erdgeschoss zu entkommen, sahen sich Männer, Frauen und Kinder Dutzenden Polizisten gegenüber, die ihre Gewehre und Pistolen auf sie richteten. Instinktiv erhoben sie ihre Hände und zeigten, dass sie unbewaffnet waren, um zu verhindern, von der rasenden Truppe erschossen zu werden.

Delbert Africa stieg mit erhobenen Händen und nackten Oberkörper aus einem der Fenster im Erdgeschoss, trotzdem wurde er mit Gewehrkolben und einem Polizeihelm zu Boden geschlagen, wo er unaufhörlich mit Faustschlägen und Fußtritten gegen seinen Kopf traktiert wurde. Als er einige Stunden später vor dem Untersuchungsrichter erschien, glich sein linkes Auge eher einem Golfball als einem menschlichen Augapfel. Speichel rann über sein Kinn, weil er seinen gebrochenen Kiefer nicht mehr unter Kontrolle hatte.

Nahezu alle Männer wurden vor ihrer Verhaftung verprügelt. Die Frauen wurden von den Polizisten an die Ufer des Delaware River verschleppt, wo sie hören konnten, wie die Cops darüber redeten, was sie mit ihnen anfangen sollten. Einer der Beamten sagte: »Wir sollten sie ficken und dann in den Fluss schmeißen.« Doch nichts dergleichen geschah, sie wurden bis zu ihren Gerichtsverfahren in das nahegelegene Bezirksgefängnis gebracht.

Melodie & Rhythmus
Was den Move-Mitgliedern am 8. August 1978 mit dem höllischen Dauerfeuer aus Polizeiwaffen, den Schlägen, Vergewaltigungsdrohungen und der Untersuchungshaft angetan wurde, war nichts im Vergleich zu dem, was sie dann in den Gerichtssälen von Philadelphia erwartete. Dort wurden ihre Rechte mit Füßen getreten. Auch das Recht, sich vor Gericht ohne Anwalt selbst zu verteidigen, wurde ihnen verweigert. Im Gerichtssaal wurden sie erneut verprügelt, weil sie sich weigerten, anwesend zu sein, während sie von Richter Edwin Malmed legal gelyncht wurden, der alle Move-Angeklagten wegen gemeinschaftlich begangenen Totschlags zu einer Haftstrafe von 30 bis 100 Jahren verurteilte. (Ein Polizist war bei dem Angriff auf das Move-Haus zu Tode gekommen, wahrscheinlich durch »friendly fire« seiner eigenen Kollegen, was aber nie wirklich untersucht wurde; jW)

Nach dem Prozess war Richter Malmed Gast in der »Frank Ford Show« des Radiosenders WWDB-FM, zu der Hörer per Telefon live zugeschaltet wurden. Als ich dort anrief und Malmed die Frage stellte, wer den Polizisten getötet habe, antwortete dieser: »Ich habe nicht die leiseste Ahnung.«

Trotzdem verurteilte er neun Menschen, Männer und Frauen der Move-Organisation, zu 30 bis 100 Jahren Knast! Der 8. August 2017 stand für 39 Jahre Haft dieser politischen Gefangenen, von denen nur sieben die lange Gefängnishaft überlebt haben. Merle und Phil Africa sind zu den Ahnen zurückgekehrt – unter bislang ungeklärten Umständen.

Eine wichtige Tatsache spielte im Verfahren keine Rolle: Keine der verhafteten Move-Schwestern war je wegen illegalem Waffenbesitz angeklagt worden. Eddie Africa stand nie wegen eines Mord- oder Totschlagvergehens unter Anklage! Der Vorwurf gegen ihn lautete bloß auf »versuchte Körperverletzung«. Das ist kein Scherz. Die Move-Mitglieder sind nur deshalb heute noch hinter Gittern, weil sie Move-Mitglieder sind. Punkt.

Sie sind komplett unschuldig, außer dass sie gegen ein brutales, rassistisches und korruptes System Widerstand geleistet haben. Dasselbe System, das den Masseninhaftierungen in den USA in einem Ausmaß Vorschub geleistet hat, wie es die Welt bislang nicht kannte. Das Urteil gegen die »Move-9« ist eine Schande. Deshalb: Freiheit für Delbert, Eddie, Mike, Chuck, Janine, Janet und Debbie Africa!

Übersetzung: Jürgen Heiser

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