political-prisoners.net

  • Full Screen
  • Wide Screen
  • Narrow Screen
  • Increase font size
  • Default font size
  • Decrease font size

Beitrag ausdrucken

Hambacher Forst: erster und zweiter Brief (von dem Gefangenen) Winter

27.09.18

ham.forstAnmerkung abc rhineland: der folgende (zweite) Brief ist über mehrere Tage geschrieben, direkt nach dem ersten Brief/Statement. Leider liegt uns kein Datum vor.

Ich habe endlich einen Stift. Gestern habe ich mich so geärgert das ich keinen Stift rein geschmuggelt habe. Da waren so viele Gedanken und Eindrücke.

Es ist nicht so schlimm. Ich dachte aus der Freiheit hierhin zu kommen, würde mich total fertigmachen und ich frage mich, ob das noch kommt, aber grade geht es. Ich glaube, so wie wir uns erst an die Freiheit gewöhnen mussten, so könnten wir das auch an die Unfreiheit. Am meisten Angst habe ich vor dem Vergessen. In der GeSa habe ich immer wieder von Kontiki geträumt.


Letzte Nacht habe ich von meiner Zelle geträumt. Da waren so große Löcher zwischen den Stäben, dass ich durchgepasst hätte, aber ich habe mich nicht getraut. Ich will wieder vom Wald träumen, die Menschen wenigstens im Traum sehn. Fast am meisten Angst habe ich davor, dass der Schmerz doch noch zuschlägt, die Verzweiflung. Ich meine, da war mein Leben, was ist da jetzt noch? Die Maschinen haben nicht nur die Baumhäuser zerrissen, auch unsere Leben, unsere Beziehungen, alles. In einer Besetzung leben die Menschen, sonst funktioniert es nicht.

Ich glaube, grade habe ich noch Hoffnung, dass wir nicht so lange hierbleiben, deswegen klappt es ganz gut und ich kann es als zwangsläufig, interessante Erfahrung sehen.

Ich habe immer noch nicht mit dem Anwalt gesprochen, ich möchte so gerne Neuigkeiten von Zuhause hören. Das beschäftigt den anderen Menschen und mich am meisten.

Wir müssen aufpassen, dass wir nicht apathisch werden. Ich habe jetzt 2 Tage fast nur rumgelegen, ohne Energie. Mein Körper hatte auch keine Kraft, es gab nur Brot und Wasser. Klischee.

Heute Morgen der Tee war ein Highlight. Ich fange an Kleinigkeiten so sehr zu schätzen, wie ich es noch nie getan habe. Ich meine, jetzt müssen wir nicht mehr fragen, wenn wir auf Klo wollen oder Wasser haben möchten. Ich habe ein Zimmer mit Toilette und Hahn.

Ich vermisse das Klettern, das Bewegen, das Laufen, barfuß. Im Wald hatten wir so oft das Gefühl, wir hätten keine Zeit. Die Zeit rannte nur so. „Die Tage wurden zu Vögeln und versammelten sich und flogen davon“. So schnell. Nie genug Zeit für alle selbstgewählten Projekte, nie genug Zeit für alle Menschen, die Mensch noch sehen wollte. Hier ist zu viel Zeit. Ist Zeit eine Strafe, willst du, dass die Zeit vergeht. Was absurd ist, denn es ist ja dein Leben, das verrinnt.

Ich habe Angst, dass ich manche Menschen nie wiedersehe oder dass viel zu viel Zeit vergeht bis dahin. Neben meinem Kopfkissen liegt ein altes, schmutziges Waldshirt, damit ich den Geruch die ganze Nacht in meinen Träumen habe, in meinem Kopf.

Ich vermisse das Feuermachen und dass alles an mir danach gerochen hat. Dass wir alle so gerochen haben. Eine Familie. Ich sage mir, die anderen haben das durchgemacht, also schaffe ich das auch. Und der andere Mensch ist ja auch noch hier, ich bin nicht allein.

Wie kann ein Tag so viele Stunden haben? Was soll ich mit all der Zeit? Wie furchtbar, furchtbar müssen sich Tiere in Gefangenschaft fühlen, keine Beschäftigung, kein Lesen, kein schreiben, kein Reflektieren, nur warten und existieren. Ab und zu wird Futter reingeworfen, so kann es nicht mal sterben.

Ich habe meine Sachen behalten, ich bleibe ich. Ich habe viel mehr als ich anziehen könnte, aber andere Dinge aus meiner Habe durfte ich nicht bekommen. Fast jedes Stück erinnert mich an eine Person, die es mir geschenkt hat oder die dabei war, als ich es in irgendeinem Umsonstladen gefunden habe. Oder an die unendlich vielen Gelegenheiten mit euch zu denen ich es anhatte.

Ich stelle mir vor, ich hätte einen Unfall oder eine schwere Krankheit gehabt und müsste jetzt eine ziemlich langweilige Rehazeit durchstehen, müsste jetzt eben eine ganze Zeit lang rumliegen. Dass mir grade eben nichts Anderes übrigbleibt als zu lesen und Radio zu hören. Zwangsurlaub. Wieder ein Privileg, dass ich gesund bin und so etwas nie durchstehen musste.

Ich versuche Yoga zu machen und in der Freistunde renne ich barfuß im Kreis durch den Hof. Naja, rennen wäre es in eurer Welt wohl nicht, hier in einer zähen Zeitklebemasse ist das schon ganz schön flott. Für alles andere hier kann ich mir so viel Zeit lassen wie ich will. Ich habe Angst, diese Langsamkeit nicht mehr loszuwerden, wenn ich wieder draußen bin. Den Hang dazu hatte ich ja leider schon vorher.

Der andere Mensch ist verlegt worden, Hafttrennung. Scheiße.

Am Samstag in der Gesa konnte ich noch in mein Innerstes greifen wie in eine riesige Bibliothek. Ich konnte einzelne Erinnerungen aus den Regalen ziehen und anschauen. Beim Anschauen bin ich hineingefallen in die Erinnerung und konnte fühlen, was ich gefühlt habe, als ich sie erlebt oder geschenkt bekommen habe. Mein ich ist durch die Bibliothek geflitzt, sobald mir die Augen zu gefallen oder ich in Gedanken geglitten bin. Es konnte nicht aufhören, nicht stehen bleiben.

Manche Erinnerungen habe ich mir mehrmals hintereinander angeschaut, bei anderen war der Sehnsuchtsschmerz zu groß und ich musste sie wegpacken. Alle Erinnerungen waren aus dem Wald. Meine Seele hatte noch nicht verstanden, dass ich nicht mehr dort bin, mein Unterbewusstsein rutschte immer wieder dahin zurück.

Jetzt ist das nicht mehr so und ich muss mich gezielt anstrengen, um mich dahin zu versetzen, aber das ist in Ordnung. Ich muss im Hier und Jetzt sein um mich anzupassen, um zu verarbeiten wo ich nun bin. Aber all die Schätze bleiben in mir, ich kann sie nie wieder verlieren.

Der Anwalt war da, ihr kämpft immer noch, ich wünschte, ich wäre bei euch. Aber mein Kampf ist hier. Von euch und dem Wald getrennt zu sein ist wie eine riesige Wunde. Gleichzeitig seid ihr und der Wald meine Medizin.

Winter

Quelle: abc rhineland

1. Brief von Winter, veröffentlicht am 24. September 2018

Ihr sperrt uns ein und bestraft uns, weil wir selbständig denken und handeln, selbst entscheiden, was richtig ist und was nicht. Dabei ist es doch das, was uns als Menschen ausmacht: Ethik, Autonomie, Selbstbestimmung, Empathievermögen, zukunftsgerichtetes Denken, unsere Einheit aus Körper, Seele und Geist.

Aus all diesen Eigenschaften entsteht auch eine besondere Verantwortung und ihr wollt, dass ich diese Verantwortung wegstoße und rücksichtslos und egoistisch handle? Ihr wollt, dass ich meine Augen und Ohren verschließe? Eine Hülle, ein Roboter werde, der nur Befehle ausführt, gehorcht?

Das kann ich nicht.

Wie könnte ihr verlangen, dass ich mein Menschsein verleugne oder dem Profitdenken eines einzelnen Konzerns oder einiger machtgieriger Politiker*innen unterordne? Wie könnt ihr verlangen, so zu tun, als ob das Morgen egal wäre, wo doch alles in unserem System auf die Zukunft aufbaut? Was sind denn Versicherungen, Testamente, Patientenverfügungen, Rente oder Gesundheitsvorsorge?

Wir sind Menschen und wir wissen, was „Zukunft“ ist. Wie könnt ihr also von mir verlangen, an der Zerstörung unserer Lebensgrundlage und der unserer Kinder mitzuwirken, meine eigene Zukunft kaputt zu machen?

Ich habe es nicht immer gewusst, aber wir brauchen den Wald so sehr. In küstenfernen Regionen gibt es ohne Wald zu wenig Regen, ohne Regen gibt es keine Landwirtschaft, ohne Landwirtschaft zu wenig zu Essen. Wir können keine Braunkohle essen oder trinken.

Ihr wollt das nicht wahrhaben, für euch sind es nur Bäume. Ihr werdet es erst verstehen, wenn es soweit ist.

Ihr sagt mir, ihr findet es an sich gut, was ich machen, aber es sind die falschen Mittel, es wäre zu extrem.

Hmm. Wie extrem ist denn diese Räumung?

Als ich vom Wald weggefahren wurde, konnte ich die riesige Schlange an Polizeiautos, Maschinen, Räumpanzern etc. noch einmal sehen. Und ich wusste, es ist nur ein Bruchteil dessen, was sich noch im Wald befindet. Ich musste fast lachen, weil es so lächerlich war. Weil ich wusste, wir gewinnen, egal wie es endet, denn ihr habt nicht mal etwas, um das ihr kämpft.

Ihr nennt uns extrem, weil wir anders, weil wir konsequent sind, weil wir verteidigen, woran wir glauben. Weil wir davon nicht ablassen können, sonst würden wir uns selbst verraten. Wir saßen im Lock, konnten uns kaum bewegen. Konnten uns kaum umdrehen, konnten uns nur ansehen und Mut zusprechen, trösten. Ihr kamt von mehreren Seiten, habt das Dach über unseren Köpfen aufgeschlitzt, habt die Wand hinter uns weggehauen. Ihr habt unser Leben zerrissen.

Und dann werft ihr uns Gewalt vor?

Manchmal habe ich mich morgens bei Kontiki bedankt. Für eine wunderbare erholsame Nacht, für ein Aufwachen am richtigen Ort, für dieses riesige Geborgenheits- und Zufriedenheitsgefühl, das es mir geschenkt hat. Ich wusste nie, rede ich mit dem Baumhaus oder dem Baum? Es war ein Wesen. Ein Wesen, das bereitwillig etwas von uns Geschaffenes getragen hat, mit dem wir zusammengelebt haben, geträumt haben.

Wir hatten solche Angst um die Bäume als es nicht regnete. Wir dachten, irgendwann fallen sie einfach um, haben keine Kraft mehr. Sie wurden gelb, aber sie sind so stark. Sie mussten schon so viel durchmachen, es ist Unrecht Grundwasser abzupumpen, es ist so ein Riesenunrecht!

Ihr habt gelacht, als wir euch panisch angeschrien haben, dass ihr das Leben unserer Freundin auf dem Skypod gefährdet. Wir haben geschrien und geschrien und ihr habt das eine Seil gekappt.

Nur die Reibung hat es gehalten. Wer begeht hier Verbrechen?

Wir machen euch Angst, weil wir nicht in eure Schemata passen, weil das, was uns antreibt, nicht Macht oder Geld sind, sondern die Liebe zum Leben selbst, der wilde Drang nach Freiheit und die Wut auf jene, die uns das alles nehmen wollen.

Wenn ich euch meine Identität sage, komme ich hier raus. Also werden viele von euch denken, ich bin selbst schuld, dass ich hier sitze. Aber meine Identität ist nicht das was auf einem Stück Papier steht. Meine Identität ist das, was mich als Menschen ausmacht, mein Wesen, meine Seele, alles was ich in diesem Wald gelernt habe, alles was mir die Menschen dort gezeigt haben.

Das, was ich irgendwie verlieren würde, wenn ich euch meine Personalien sagte. Mich auf diese Wörter reduzierte. Ich will das ungerechte und ungerechtfertigte Privileg eines deutschen Passes nicht nutzen. Ich will solidarisch sein mit denen, die aus Repressionsgründen ihre Personalien nicht angeben können.

Ich bin ein Mensch, und ich kämpfe für den Erhalt dieser Erde. Alles andere ist unwichtig.

Winter

Quelle: abc rhineland

You are here: Hambacher Forst: erster und zweiter Brief (von dem Gefangenen) Winter