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Erklärung der NEA: Keine Entsolidarisierung mit den Betroffenen von Nazi-Gewalt!

03.11.18

soliAm 4. September 2018 wurde ein Antifaschist in der U7 am Bayerischen Platz von einer Person niedergestochen, nachdem er diese mit der rechten Symbolik in ihrem Tattoomotiv konfrontierte. Über eine Woche lang erfolgte weder eine Skandalisierung der Tat, noch eine Solidarisierung mit dem Betroffenen aus der linken und antifaschistischen Szene. Auch innerhalb linker Publikationsmedien und »Social«-Media-Seiten wurde der Angriff auf den Antifaschisten nicht thematisiert, obwohl sogar die bürgerliche Presse darauf reagierte. 1 2 3 Als wir davon mitbekamen, veröffentlichten wir eine Solidaritätserklärung. 4
Vorschaubild:

 

Der Umstand, dass der Betroffene aus dem Umfeld des Jugendwiderstandes kommt 5, führte offensichtlich dazu, dass sich Menschen bewusst nicht mit ihm solidarisierten, obwohl sie sich selbst als Linke, Antifaschist*innen und Kämpfer*innen gegen herrschende Systeme verstehen. Während normalerweise jede Online-Aktivität des Jugendwiderstandes akribisch verfolgt und jeder Text der Gruppe innerhalb kürzester Zeit in »sozialen« Medien zerrissen wird, wurden das Statement zu dem Vorfall und der Versuch der Vereinnahmung durch Rechte offensichtlich bewusst übergangen.
Es gibt auch Antifaschist*innen, die sich nicht trauten, ihre Solidarität öffentlich zu zeigen, um in der Szene nicht anzuecken und nicht genauso gehated zu werden, wie der Jugendwiderstand. Es ist erschreckend, wie hoch der soziale und politische Druck scheinbar ist, wenn Gruppen oder Einzelpersonen erst über mögliche Konsequenzen einer Solidarisierung nach einem so schweren Angriff nachdenken müssen, bevor sie sich äußern. Mindestens genauso erschreckend ist es, dass Leute, die sich als Linke und Antifaschist*innen verstehen, sich nicht bloß dem sozialen und politischen Druck beugten, sondern ganz beabsichtigt schwiegen.
Erst nach der Veröffentlichung unseres Solidaritätsschreibens meldeten sich diese Leute zu Wort.
Es wurde unter anderem gefordert, dass wir uns wieder entsolidarisieren oder die Quellenangabe zur Website des Jugendwiderstandes aus unserer Erklärung entfernen sollen 6 7, um dieser Gruppe keine Plattform zu geben. Damit wird eine Verschleierung der politischen Heimat des Antifaschisten gefordert. Getreu dem Motto: Wenn etwas nicht gezeigt wird, existiert es quasi auch nicht, als wäre es nie passiert. Auch wenn es nicht in das binäre Freund*in/ Feind*in-Denken einiger Leute hineinpasst: Der Angegriffene wurde nicht angegriffen, weil er sich im Umfeld des Jugendwiderstands bewegt, sondern weil er ein Antifaschist ist.
Als wir uns im Jahr 2016 mit SPD-Mitgliedern solidarisierten, die von Nazis angegriffen wurden, haben wir in unserem Solidaritätsschreiben 8 keine Abhandlung über die Kriegsbeteiligung und den Sozialabbau der deutschen Sozialdemokratie verfasst, sondern den Bericht der SPD zum Angriff verlinkt und die SPDler auch klar als solche benannt. Es muss darum gehen Nazigewalt als die aktute Bedrohung zu benennen, die sie für viele Teile der Gesellschaft darstellt. Darum bleibt es auch weiterhin wichtig wenn Nazis ihre politischen Gegner*innen attackieren, auch deren politischen Hintergrund zu benennen.
Wir solidarisieren uns mit Betroffenen von Nazi-Gewalt. Unabhängig davon, wie groß die Differenzen in Praxis und Ideologie auch sein mögen, welchen politischen Background die Einzelnen haben oder mit welchen Gruppen sie sympathisieren. Darum wird es bei Angriffen Rechter auf Antifaschist*innen und andere Personen jederzeit wieder Solidaritätserklärungen von uns geben. Egal, was wir in anderem Kontext vom Jugendwiderstand halten: Eine erzwungene Distanzierung wird es von uns nicht geben. Es geht um Solidarität, nicht um Sympathie.
Der Antifaschist wurde angegriffen, weil er einen Nazi mutig konfrontierte – eine Situation, in die jede*r aktive Antifaschist*in kommen kann und in die viele gekommen sind. Denken wir an Silvio Meier und Carlos Palomino – beide wurden aus einer vergleichbaren Situation heraus ermordet. Der Antifaschist aus dem Umfeld des Jugendwiderstands lag mehrere Tage im Krankenhaus und verlor viel Blut. Sein Angreifer hat ihn absichtlich mit einer lebensgefährlichen Waffe angegriffen. Der Antifaschist hätte sterben können und hat nur mit Glück überlebt. Es hätte jede*n treffen können.

Für den Betroffenen gab es von der Szene aber kaum die Solidarität, die es wohl gegeben hätte, wenn er aus einem anderen Kontext gekommen wäre – so gab es Nazivergleiche und Entsolidarisierungen. 9 10 11 Wie können Antifaschist*innen in Zukunft die Stärke aufbringen, in derartigen Situationen eine Konfrontation einzugehen, wenn sie sich linker Solidarität nicht gewiss sein können? Solidarität darf nicht von losgelösten Vorwürfen abhängen, die mit der konkreten antifaschistischen Intervention nicht das Geringste zu tun haben. Wir befinden uns nicht in der luxeriösen Situation, entlang von Spaltung und interner Konflikte unsere politische Praxis auszurichten. Das verhindert jede politische Perspektive im Kampf gegen den Faschismus.
Weite Teile der radikalen Linken in Deutschland, insbesondere der im Bereich Antifaschismus tätigen, haben leider jegliches Gefühl für revolutionäre Perspektiven und Solidarität verloren, was auch dieser Fall ein weiteres Mal beweist. Wir hatten die Hoffnung, dass die Leute die Spaltung bei einem so massiven Angriff für einen Moment beiseite lassen könnten. Wie der Aktivist und Journalist Jan Schwab in diesem Zusammenhang anmerkte: »Es ist menschenverachtend, hier Unterschiede bei den Opfern zu machen.« 12
Was uns Mut macht:
Beinahe 450 Gruppen und Einzelpersonen teilten unsere Solidaritätserklärung alleine auf Twitter, zusätzlich wurde sie auch auf anderen sozialen Netzwerken geteilt. 13
Dem gegenüber steht eine kleine, aber sehr laute Anzahl an Personen und Gruppen, an die wir appellieren, sich auf linke Grundwerte wie Solidarität zurückzubesinnen.
An diese Menschen wollen wir uns mit einem Zitat vom re:voltmag wenden, das ebenfalls unter den entsprechenden Post geschrieben wurde: »Fangen wir an, Klassenkämpfe zu führen, progressive soziale Bewegungen aufzubauen, anstatt affektiert auf bestimmte Gruppennamen zu reagieren und die Sprache der Repressionsapparate und politischen Gegner zu verwenden.« 14
Dieser Forderung können wir uns nur anschließen.
Es muss also gelten:
Getroffen hat es einen, aber gemeint sind wir alle!
Gemeinsam gegen Kapitalismus und Patriarchat!
Alle zusammen gegen den Faschismus!
North East Antifa [NEA] | 25. Oktober 2018
www.antifa-nordost.org | Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.

Quellen:
01 | https://bz-berlin.de/berlin/tempelhof-schoeneberg/verwirrung-um-polizeie...
02 | https://berliner-kurier.de/berlin/polizei-und-justiz/u7-messerattacke-wi...
03 | https://vice.com/de/article/ev7g94/fake-news-wie-rechte-einen-messerangr...
04 | https://antifa-nordost.org/7884/zeigt-solidaritaet-antifaschist-in-berli...
05 | https://jugendwiderstand.blogspot.com/2018/09/mann-sticht-wahllos-in-ber...
06 | https://twitter.com/antifa_riot/status/1040894797463085056
07 | https://twitter.com/Fre_1903/status/1040924974125600769
08 | https://antifa-nordost.org/392
09 | https://jungle.world/artikel/2018/39/mao-mag-deutschland
10 | https://twitter.com/JanKosamm/status/1041929167460347905
11 | https://twitter.com/DasIgno/status/1044210188721561601
12 | https://twitter.com/Jan_S_Schwab/status/1041239881748553728
13 | https://twitter.com/antifanordost/status/1040512977726787584
14 | https://twitter.com/re_voltmag/status/1041047821540052997

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