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Ein Brief von Thomas P., Gilet jaune eingesperrt seit 12.2.19

13.05.19

gelbwestenNach dem Akt XIII der Gilet Jaune, am 10. Februar tauchte der Name Thomas P. in den Zeitungen auf und stellte ihn als den „Super Casseur“ (Super Randalierer - Zerstörer) dar.

Seit dem ist es ruhig geworden und es sind schon drei Monate vergangen in denen er in Fleury-Mérogis (Gefängnis[1]) südlich von Paris) eingesperrt ist, in Untersuchungshaft. Damit seine Isolation aufhört schrieb Thomas uns einen Brief aus seiner Zelle, der zu den Gründen zurückkommt, die ihn an der Seite der Gilet Jaune kämpfen lassen haben.

Brief eines Gilet Jaune im Gefängnis

der 29.04.2019

Guten Tag,

Ich heisse Thomas. Ich bin einer der vielen Gilet Jaune die momentan im Gefängnis schlafen. Es sind jetzt schon drei Monate die ich in Fleury-Mérogis im Regime der Untersuchungshaft eingesperrt bin.

Mir werden ziemlich viele verschiedene Dinge vorgeworfen, nach dem ich am Akt XIII in Paris teilgenommen hatte:

„Sachbeschädigung oder Beschädigung Eigentums Dritter“

„Sachbeschädigung oder Beschädigung Eigentums Dritter durch für Mitmenschen gefährdende Mittel (der Brand eines Porsche)“

„Sachbeschädigung oder Beschädigung öffentlichen Eigentums“ (Militärministerium)

„Sachbeschädigung oder Beschädigung Eigentums zum Nutzen der öffentlichen Ordung“ (Angriff auf ein Polizeifahrzeug und brannt eines Fahrzeugs der Verwaltung des Strafvollzugs)

„erschwerte Gewalthandlung in zwei Fällen (Bewaffnung und Beamtenbeleidigung) mit daraus folgender Unfähigkeit des Beamten die folgenden 8 Tage zu arbeiten.“ (Die Waffe war ein Bauzaun, immer auf das gleiche Polizeifahrzeug, zwei Tage Therapie für das Trauma)

„Gewalt gegen eine wehrlose Amtsperson“

„Teilnahme an einer Menschengruppe, die Gewalthandlungen gegen Personen oder Zerstörung von Eigentum vorbereitet.“.

Ich habe tatsächlich einen Teil der Taten begangen die sich in den schnarchenden Formulierungen wiederfinden...Und ich stehe zu ihnen. Mir ist wohl bewusst, dass das was ich hier schreibe dazuführen könnte, dass ich noch länger im Gefängnis bleiben muss und ich verstehe alle sehr gut, die es bevorzugen sich vor Gericht nicht zu ihren Taten zu bekennen und damit eine mögliche Verschärfung vermeiden wollen.

Wenn wir diese lange Liste der Delikte und ihre Titel lesen, spricht nichts dagegen mich für einen verückten Wilden zu halten, oder? Das ist ja auch das, als was mich die Medien beschrieben haben. Am Ende haben sie mich aber auf das praktische kleine Wort „Casseur“ (Randalierer, Zerstörer) reduziert. „Warum hat dieser Typ randaliert? - Weil das ist ein Randalierer, ist doch klar.“ Alles ist gesagt, geht weiter Leute es gibt nichts zu sehen und ganz besonders, nichts zu verstehen. Es gilt zu glauben einige wurden als „Casseurs“ geboren. Das verhindert zumindest fragen zu müssen, warum besonders der eine Laden Ziel war und nicht der andere. Und ganz nebenbei hatten seine Taten eh keinen Sinn, oder eben nur für die, die das Risiko eingehen die selben zu begehen.

Es ist übrigens äusserst ironisch mich mit dem Stigmata „Casseur“ zu belegen, weil ich nichts schöneres in meinem Leben empfinde als aufzubauen. Tischlerei, Zimmerei, Mauerei, Sanitär, Elktizität, Schweissen… rumbasteln, Dinge zu reparieren die rumliegen, ein Haus von Grund auf bis zur Fertigstellung bauen, das ist mein Ding. Es stimmt, ja, nichts was ich gebaut oder repariert habe ähnelt einer Bank oder einem Polizeifahrzeug.

In einigen Medien wurde ich als „Brute“ (Grobian, Schlägertyp und brutaler Kerl) bezeichnet, jedoch wahr ich nie jemand Gewalttätiges. Mensch könnte auch sagen ich wäre sanftmütig. An welchem Punkt wurde mein Leben während der Kindheit kompliziert? Ziemlich sicher ist, dass wir im Leben alle schwierige Situationen durchlaufen und damit abhärten. Damit will ich auf keinen Fall sagen ich sei ein Lamm oder ein Opfer.

Wir sind nicht mehr unschuldig wenn wir die „legitime“ Gewalt gesehen haben, die legale Gewalt: die der Polizei. Ich habe den Hass und die Leere in ihren Augen gesehen und ihre eisigen Wahrnungen gehört: „Zerstreut euch, Geht nach Hause.“ Ich habe die Angriffe, die Granaten und die regelkonforme Prügel gesehen. Ich sah die Kontrollen, die Durchsuchungen, die Einkesselungen, die Festnahmen und das Gefängnis. Ich sah Leute blutend zusammenbrechen, ich sah Verstümmelte. So wie alle, die am 9.Februar auf der Strasse waren, lernte ich ein weiteres Mal aufs neue, wie ein Mann zur Demo kommt und ihm eine Hand durch eine Granate abgerissen wird, wie ich nichts sehen kann durch das ganze Tränengas. Es reicht, wir ersticken! Das war der Moment an dem ich beschloss nicht länger Opfer zu sein und das ich kämpfen werde. Ich bin stolz. Stolz, dass ich meinen Kopf erhoben habe, stolz dass ich die Angst nicht siegen lassen habe.

Sicher, so wie alle die durch die Repression gegen die Gilet Jaune getroffen wurden habe ich zu allererst friedlich demonstriert und mit dem Grundsatz gehandelt ich regle immer alle Probleme mit dem Gespräch und nicht mit den Fäusten. Aber ich bin überzeugt dass in einigen Situationen der Konfikt dann nötig ist.
Weil die Debatten dann auch sehr „gross“ sind, sind sie manchmal verfälscht oder unrichtig. Es reicht fürs erste das die Person die sich organisiert Fragen stellt mit denen sie sich arrangieren kann. Wir sagen uns auf der einen Seite die Staatskassen seien leer, doch auf der anderen blasen wir Millionen in Banken die Schwierigkeiten haben. Wir sprechen über den „ökologischen Wandel“, ohne auch jemals das Produktionssystem und die Konsumation als Urspünge der Klimatischen Probleme in Frage zu stellen. [2] Wir sind Millionen die herausbrüllen ihr System sei beschissen und sie erklären uns wie sich vorstellen es zu retten.

Eigentlich ist alles nur eine Frage der Angemessenheit. Es gibt einen angemessenen Nutzen der Sanftheit, einen angemessenen Nutzen des Geprächs und ein angemessenen Nutzen der Gewalt.

Wir müssen die Dinge selbst in die Hand nehmen und aufhören auf die Mächte zu zählen, die uns gegen die Wand fahren. Wir müssen ein bisschen ernsthafter und ehrlicher werden und erkennen, dass einige Teile des Systems, seine Organisationen und Unternehmen unser Leben und unsere Umwelt zerstören und eines Tages von uns unschädlich gemacht werden müssen. Das heisst Handlungen, das heisst Gesten, das heisst Entscheidungen zu treffen: wilde Demos oder Aufrechterhaltung der Ordnung?

In dem Zusammenhang höre ich viele bescheuerte Dinge im Fernsehen, aber eine ist besonders aufgeblasen. Nein, kein Demonstrant hat je versucht einen „Bullen zu töten“. Die Lust an der Konfrontation in der Strasse kommt daher, die Polizei zurück zu drängen, die respektvolle Distanz zu erhalten: Um aus dieser Schlinge zu entfliehen müssen wir uns einfach die Strasse nehmen. Seit dem 17. November sind die, welche die Waffen zücken, die die misshandeln, unbewaffnete ungeschützte Demonstranten ersticken und verstümmeln, nicht die sogenannten „Casseurs“, es sind die Ordnungskräfte, Polizist*innen. Auch wenn die Medien wenig dazu verkünden, die hunderttausenden Menschen an den Kreisverkehren und in den Strassen wissen es. Hinter ihrer Brutalität und ihren Hinterlistigkeiten ist es ihre Angst die sie versteckt halten. Und wenn dann der Moment kommt, im allgemeinen, dann ist die Revolution nicht mehr weit.

Wenn ich auch nie Lust gehabt habe meinen Namen in der Presse abgedruckt wiederzufinden, ist dies jetzt der Fall so wie ich jetzt darauf warte das Journalisten und hohe Beamte Dinge über mein Privatleben ausstellen, ohne mir selbst die Stimme zu geben [3]. Also, hier meine kleine Geschichte. Nach einer an sich sehr banalen Kindheit in der kleinen Stadt Poitou bin ich in die „grosse Stadt“ gegangen um auf der einen Seite ein Studium zu beginnen, mit dem familiären Umfeld zu brechen (auch wenn ich meine Eltern sehr gerne habe), und ein aktives Leben zu beginnen. Nicht mit dem Ziel Arbeit zu finden und Kredite aufzunehmen, nein, eher um zu reisen, neue Erfahrungen zu machen, Liebe zu finden, verrückte Dinge zu leben, Abenteuer halt. Wer von soetwas mit 17 Jahren nicht träumt hat ein ernsthaftes Problem.

Diese Möglichkeit da, für mich, dass war die Universität, aber ich war schnell abgeschreckt von der Langeweile und der herrschenden Apathie. Glücklicherweise bin ich über eine Vollversammlung zu Beginn der Rentenbewegung gestolpert. Es gab Leute die wollten die Universität blockieren auf die ich aufmerksam wurde. Ich traf auch einige die Gebäude besetzen und dann den Hafenarbeitern beistehen wollten. Am darauf folgenden Tag mauerten wir den Eingang vom Lokal „Medef“ zu und sprayten an die neuen Wände „pouvoir au peuple“. Dort wurde der Mensch geboren, der ich heute bin.

Ich studierte also Geschichte, weil wir immer viel über Revolution reden und ich nie aus einer unwissenden Position reden wollte. Aber eben sehr schnell brach ich mit der Universität. Der Befund war simpel, nicht einfach dass mensch durch die Bücher und Kurse viel lernt, nein es ist eher, dass ich niemals Lust hatte sozial aufzusteigen um ein Kader im Speckgürtel des Systems zu werden welches ich bekämpfe. Dieser moment, das war der wirkliche Beginn des Abenteuers.

Danach verbrachte ich viel Zeit mit Freunden in der Stadt und auf dem Land. Das ist dort wo ich begann zu lernen alles zu reparieren und alles zu bauen. Wir haben versucht lieber alles selber zumachen als arbeiten zu gehen und es zu kaufen. Ein bisschen ein Hippileben, oder! Im Vergleich zu den Hippis waren wir uns jedoch bewusst, dass wir die Welt nicht ändern wenn wir uns in unserem kleinen selbstversorgerischen Kokon einspinnen. Also hielt ich immer den Kontakt zur aktuellen politischen Lage. Ich bin wie alle an Treffen gegangen, sowie all jene, die wie ich früher, jetzt ihre erste Bewegung erlebten.

Und so war es wie ich zu den Gilet Jaunes dazugekommen bin vor gerade jetzt vier Monaten. Das ist die schönste und stärkste Bewegung die ich jemals gesehen habe. Ich habe mich mit Körper und Geist hineingestürzt, ohne Zögern. Am Nachmittag meiner Verhaftung sind mehrmals Leute zu mir gekommen um mich zu grüssen, mir zu danken und mir zu sagen ich soll auf mich aufpassen. Die Taten die mir zu gesprochen werden, die die ich begangen habe und die anderen sind in der Realität kollektive Taten. Und das ist genau das wovor die Macht Angst hat und das ist auch der Grund warum sie uns einzeln einsperren und uns dazu verführen wollen uns gegenseitig zu verleumden. Der*die nette Bürger*in gegen den*die bösen „Casseur/Casseuse“. Aber in aller Ehrlichkeit, weder der Knüppel, noch das Gefängnis wird in der Lage sein diese Bewegung aufzuhalten. Ich bin mit vollem Herzen bei allen die weitermachen.

Aus den Mauern von Fleury-Mérogis, Thomas, Gilet jaune

Note:
Source: comitedesoutienathomasp.home.blog

Notes:

[1] Fleury-Mérogis Prison (Maison d’arrêt de Fleury-Mérogis) is a prison in France, located in the town of Fleury-Mérogis, in the southern suburbs of Paris. With more than 4,100 prisoners, it is the largest prison in Europe.It is operated by the Ministry of Justice.
Fleury-Mérogis is notorious as a leading center of Islamist radicalization in European prisons.

[2] Das gilt im übrigen für all die offiziellen Ökologen die meinen, dass diese Armen Luftverpester mit ihren Bussen aus den 90iger Jahren nicht mehr fahren dürfen, die sie selbst instandhalten, reparieren und an ihnen basteln. Nein es braucht alle vier Jahre das neuste high-tech Auto mit niedrigem Konsum.

[3] Nebenbei, die Zeitungen sprechen bei meiner juristischen Vorgeschichte von „Sachbeschädigung“. Wenn ich mich nicht irre war das anders. Es handelte sich preziser ausgedrückt um „Diebstahl mit Sachbeschädigung in organisierter Bande“. Das heisst konkret, sich durch das Gitter eines Carrefour-Supermarktes auf dem Land zu zwängen um Essen aus dem Container zu bergen. Das Gitter war leicht verbogen. Das ist nur die Magie der Gerichtsurteile.

P.S.
Übersetzt aus dem französischen von https://paris-luttes.info/lettre-de-thomas-p-gilet-jaune-12133?lang=fr
Danke der Nachsicht für die holprige Übersetzung.

https://barrikade.info/article/2259

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