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Schwindendes Sehvermögen

08.07.19

mumia.newVor allem in den letzten Jahren fiel es mir nicht leicht, über mich selbst und meine Situation zu sprechen oder zu schreiben. Die Geschichten anderer Menschen schienen mir interessanter. Bis jetzt.

Denn als ich vor ein paar Wochen über den Hauptkorridor des Knastes lief, bemerkte ich, dass ich nicht mehr in der Lage war, auch nur ein einziges der Gesichter der Flut von Mitgefangenen, die mir begegneten, scharf zu sehen. Zum ersten Mal begriff ich, wie miserabel mein Sehvermögen geworden war.
Zunächst sprach ich mit niemandem darüber. Nicht mit meinen Anwälten und nicht mit meiner Frau Wadiya. Ich ließ auch meine Unterstützerinnen und Unterstützer draußen nicht wissen, was los war. Selbst dem Arzt meines Vertrauens, dem New Yorker Internisten Dr. Joseph Harris, sagte ich zunächst nichts. Der Grund dafür war zum einen, dass ich dachte: Was können die schon machen? Zum anderen vermeiden es Gefangene generell, anderen Häftlingen von ihren Gebrechen zu erzählen. In dieser Männergesellschaft möchte niemand als schwach gelten.
Jedesmal, wenn ich Steroid-Augentropfen nahm, verschlechterte sich meine Sicht, wurde milchig, so als lege sich ein weißer Schleier über beide Augen. Zu meinem Entsetzen musste ich feststellen, dass ich praktisch blind geworden war. Ich konnte keine Zeitung mehr lesen, kein Buch, und ich konnte keine Gesichter mehr erkennen.

Als ich dann zu einer Untersuchung bei einem Augenarzt ausgeführt wurde, sagte der Wärter, der mich begleitete: »Verdammt, Jamal, Sie sind ja blind wie ein Maulwurf!« Das war seine spontane Reaktion auf den Sehtest, der ergeben hatte, dass ich keine der Buchstaben und Ziffern erkennen konnte, die mir gezeigt wurden. Seit ich die Augentropfen nicht mehr nehme, hat sich der milchige Schleier verflüchtigt, aber ich sehe mittlerweile so schlecht, dass ich unbedingt die Stimmen von Leuten hören muss, um sie wirklich zu erkennen – wie ein Blinder. Mein Sehvermögen schwindet mehr und mehr.
Von Mumia Abu-Jamal
Übersetzung: Jürgen Heiser
junge Welt 8.7.2019