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Musa Asoglu über Solidarität!

11.07.19

musa.engHallo lieber …, die Isolationsfolter hier in Deutschland greift die Gefangenen auf allen Ebenen an. So z.B. bei Erdal, der an Händen und Füßen gefesselt während einer MRT-Untersuchung, in die Röhre gesteckt werden sollte.

Konsequent hat Erdal so eine „medizinische Behandlung“ verweigert. So etwas wäre in der Türkei nicht möglich. Selbst der Faschismus dort ist „menschlicher“…
Dass die Knastbedingungen teilweise besser sind in der Türkei, liegt vor allem daran, dass der Widerstand drinnen und draußen stärker ist. In den F-Typ Isolationsgefängnissen wurde erkämpft, dass es Umschluss den ganzen Tag von 7.00 – 20.00 Uhr gibt. Zusätzlich Umschluss mit 10 Gefangenen 10 Stunden täglich. In manchen Gefängnissen wird allerdings der Umschluss wegen des Ausnahmezustandes per Dekret halbiert. In den Gefängnissen, wo kein Widerstand existiert (bei Opportunisten und kurdisch-nationalistischen Gefangenen) wird der Umschluss total gestrichen.

Auch können die Inhaftierten linke Presse wie “Yürüyüs” beziehen, die legal gedruckt und vertrieben wird in der Türkei. Hier in BRD ist diese Zeitschrift allerdings verboten.
Auch gibt es in der Türkei die Möglichkeit, zwei mal pro Woche Sport zu machen. Und das ist immer zusammen mit anderen Mitgefangenen möglich. In der BRD ist das hingegen aber nicht möglich, dort können isolierte Gefangene nur für eine Stunde pro Woche Sport praktizieren. Aber das ist nur möglich, wenn der Sportbeamte Zeit dafür hat.

Postkontrolle dauert 1-2 Tagen in den F-Typen. In der BRD benötigt die Zensur 2-4 Wochen.
Teilnahme bei allen sozialen Aktivitäten ist in den F-Typ-Knästen möglich, aber in Deutschland hingegen nicht. Natürlich wird die menschliche Würde im Faschismus nicht respektiert, aber die Willkür in der „bürgerlichen Demokratie“ ist viel größer.

Ich finde es eigentlich auch sehr merkwürdig, wie deutsche Linke über Gefängnisse, Isolationsfolter, Anti-Terrorismus usw. denken.
Die meinen, dass alles sehr viel schlimmer in der Türkei ist. „In deutschen Gefängnissen gibt es auch Probleme, aber die sind noch erträglicher und nicht so unmenschlich wie in der Türkei…“ So denkt selbst die Gefangenengewerkschaft. Aber die Realität sieht anders aus.

Wenn wir uns so äußern, denken selbst Anwälte, das wir die Realität vom faschistischen Regime verharmlosen. Aber das stimmt natürlich nicht, weil wir uns als „Freie Gefangene“ gegen die Isolation wehren und so unsere erkämpften Rechte verteidigen.
Wenn jemand mit einem deutschen Pass in der Türkei verhaftet wird, ist dieser automatisch für die deutsche Linke unschuldig. Wenn aber Linke aus der Türkei – auch mit deutschem Pass – wegen Anti-Terror-Gesetzen hier in Deutschland in den Knast kommen, wird sich ganz anders verhalten. Natürlich gibt es auch hier Menschen oder kleine Gruppen, die solidarisch sind. Diese handvoll Menschen sind natürlich sehr wertvoll!

Zuerst muss die Frage „Was ist Solidarität“ beantwortet werden. Das Wort Solidarität wird oft gebraucht, allerdings hat es an Substanz verloren.

Solidarität ist zusammen fühlen und handeln gegen einen Angriff. Solidarität hat nichts mit bedauern oder jammern zu tun. Solidarität ist zusammen kämpfen für ein gemeinsames Ziel. Solidarität ist ein linker, revolutionärer Begriff.
Solidarität ist Proletarischer Internationalismus. Internationalismus ist: Den Kampf gegen den Unterdrücker und Ausbeuter im eigenen Land zu führen. Ohne den Kampf gegen die eigene herrschende Klasse gibt es auch keine Solidarität. Wenn mensch sich nicht identifiziert mit den Kämpfen, kann mensch sich auch nicht solidarisieren.

Nun, haben wir Gefangene Solidarität nötig?
Wir kämpfen schon gegen den repressiven Apparat. Diejenigen, die Hilfe nötig haben, sind eigentlich die, die noch keine Ideen und Kraft haben, gegen die Herrschenden Widerstand hier im Lande zu leisten.

Wir bleiben weiterhin als ausländische, politische Gefangene solidarisch mit den linken Kräften in Deutschland.

Musa Asoglu über die Machbarkeit von Widerstand!

Als Freier Gefangener (Bezeichnung für ungebrochene, widerständige Gefangene; Anm. d. Übers.) befinde ich mich seit zwei Jahren in der UHA Hamburg. Die zwei Jahre sind für mich wie im Flug vergangen. Alles kommt mir wie gestern vor. Während dieser Zeit wurde ich aus Deutschland und der Türkei auf unterschiedlichste Weise – seien es Briefe, Besuche oder Soli- und Unterstützungsaktivitäten – von Kindern bis hin zu den Älteren gewürdigt. Ich hoffe, dass ich dieses Vertrauen und die Liebe verdient habe.

Wir leben in einer Zeit, in der unsere Widerstandsgründe von den herrschenden Klassen geradezu bestätigt werden. Für Menschen, die ihre Augen nicht verschließen und ihr Herz der Liebe öffnen, bleibt nichts anderes als der Widerstand.

Das Eisen wird im Feuer geschmiedet… es wird zur Hacke, zur Schaufel und zu Werkzeug verschiedenster Art, um als Brot zum Menschen zurückzukehren… es wird zu Gerechtigkeit und zu Widerstand und kehrt als Würde zum Menschen zurück.

Das Wichtigste in der menschlichen Entwicklung und des menschlichen Fortschritts ist der Glaube daran, das Mögliche im Unmöglichen erkennen zu können. Und sowohl die globale Geschichte der Revolutionen als auch die Şahans und die Borans (mit Şahan ist ein Guerillero gemeint, mit Boran sind die Freien Gefangenen gemeint; Anm. d. Übers.) unseres Landes haben dies etliche Male bewiesen.

Im Grunde hängt alles von der Erkenntnis ab, dass Widerstand keine übermenschlichen Kräfte erfordert. Und wenn es nichts Übermenschliches erfordert, dann können alle Widerstand leisten. Und das trotz all unserer Schwächen. Das Problem liegt darin, sich die Frage zu stellen, warum uns all das zustößt.

Wir leben in einer Welt, in der uns unsere Unschuld nicht vor Angriffen bewahrt. Stellt euch ein jemenitisches Baby vor, das vor Hunger nur noch aus Haut und Knochen besteht. Es ist nicht gewiss, ob es bis zum nächsten Morgen überlebt. Dem Baby wird keine andere Wahl gelassen, außer mit seinem Atmen Widerstand zu leisten. Wird dieses Baby Rechenschaft für diese verdammte Ausweglosigkeit verlangen können… es ist ungewiss. Und dieses Baby hat uns nun mal
die Bürde auferlegt, Widerstand zu leisten.

Ayten Öztürk ist vor unseren Augen. Sechs Monate Folter. Während der Folter sank ihr Gewicht auf 43 kg und sie hatte 868 Wunden wie Ehrenmedaillen an ihrem Körper. Ein Widerstandsnagel, gehämmert in den Gipfel des Feindes…

Ist das übermenschlich?
Nein, das ist es nicht. Es übermenschlich
zu nennen, wäre eine Beleidigung für Ayten. Wie heißt es: „Die Revolutionäre sind die edelste Ader der Menschheit.“ Diese Ader ist es, die Ayten den Widerstand ermöglicht. Demnach ist es möglich, ausgenommen von Gedanken und Gefühlen vollkommen entblößt mit 868 Wunden und mit nur 43 kg gegen die Folterer Widerstand zu leisten und zu siegen.
Ayten trägt die Atemzüge des jemenitischen Babys zum Morgengrauen. Es bedeutet, dass es möglich ist, einen draufzulegen und sogar mit 869 Wunden und trotz 42 kg Widerstand zu leisten.

Ein Mensch, der niemals gehungert hat, glaubt, sterben zu müssen nach drei bis fünf Tagen Hunger. Für diesen Menschen ist es etwas übermenschliches, dutzende Tage zu hungern.

Aber was uns die Geschichte nicht alles gezeigt hat. Unsere Schwester Sevgi (Sevgi Erdoğan, sie starb 2001 im Todesfasten; Anm. d. Übers.) begann am 20. Oktober 2000 einen Hungerstreik und erklärte, bis zum 12. Juli 2001 nicht sterben zu wollen. Am 14. Juli 2001 gelangte sie zu ihrem Geliebten. (Ihr Ehemann Ibrahim Erdoğan wurde am 12. Juli 1992 ermordet; Anm. d. Übers.) War es übermenschlich? Nein. Denn jene, die nach ihr gekommen sind, hatten erkannt, dass die Grenzen im Gehirn überwunden werden können um voranzuschreiten.

Niemand kann von „Unmöglichkeit“ sprechen, da wir etliche Male bezeugen konnten, dass es möglich ist. Niemand kann von sich sagen, etwas nicht tun zu können. Denn solange wir unsere Augen, unser Gewissen, unsere Ohren und unsere Gefühle nicht vor der Wahrheit verschließen, können auch wir es tun. Wir können mindestens noch eins drauflegen.

Wir verfügen über eine reichhaltige Geschichte… Wir verfügen über den Vater,
der um ein Stück Knochen seines Sohnes den eigenen Tod in Kauf nimmt. Wir verfügen über unseren Mohammed, der – in einem Keller eingekesselt – die Folterer dazu aufforderte, sich zu ergeben. Wir verfügen über Kemal, der kurz vor seinem Tod noch den Tilili (Jubelgesang; Anm. d. Übers.) sang und tanzte.

Wir verfügen über jene, die den Namen der Hoffnung mit ihrem eigenen Blut an die Wände geschrieben haben. Wir sollten nicht fragen, was denn noch getan werden kann. Denn es gibt noch hunderte, tausende dieser Beispiele.
Das Leben ist solch ein glühendes Feuer, unser Schmied so begabt und unser Volk nimmt sich unser an wie kristallklares Wasser. Es ist unmöglich, nicht gehärtet zu werden. Es ist nicht möglich, keinen Widerstand zu leisten oder keinen Weg zu finden, der den Widerstand ermöglicht. Es ist das leichteste auf der Welt, Widerstand zu leisten.

Ich bin jenen Dank und Treue schuldig, die mir seit dem ersten Tag meiner Gefangenschaft Briefe schreiben, wöchentlich mit Parolen und Musik vor das Gefängnis kommen und seit Beginn des Verfahrens zum Gericht zur Prozessbeobachtung kommen und mir das Gefühl geben, nicht allein zu sein. Ich danke jenen, die die langen Märsche und Demonstrationen organisieren, um zu zeigen, dass der Kampf gegen Faschismus und Rassismus nicht verboten werden kann.

Ich danke ihrer Mühe und ihrer Opferbereitschaft. Speziell die Briefe von unseren Kindern haben mir viel Kraft gegeben und waren sehr lehrreich. Sie haben vielleicht einige Schwierigkeiten beim Schreiben in türkischer Sprache. Aber die Stimme und Liebe ihrer Herzen waren fantastisch. Unsere Kinder haben mir nicht gesagt: „Wir unterstützen dich, wir sind bei dir, wir stehen hinter dir.“
Sie sagten: „Sei nicht traurig. Es gibt uns.
Wir sind viele.“ Mit diesen Worten waren sie
der unumstößliche Beweis dafür, dass das Leben und der Kampf ständig voranschreiten und in Zukunft auch voranschreiten werden.
Sie haben mir die Dialektik aufs Neue beigebracht.

Gefängnisse sind Orte der Isolation.
Und Isolation bedeutet Vereinsamung.
Ich habe mich nie alleine gefühlt.
Ein sozialer Gefangener, der die jungen Menschen sah, die am ersten Prozesstag von der Polizei angegriffen wurden, sagte mir vom Fenster: „Hätte ich so viele Menschen, die mich lieben, dann würde ich fünf weitere Jahre in Kauf nehmen.“ Sie denken vielleicht, dass ich es bin, der isoliert wird. Aber bei derartiger Annahme und Solidarität, die jede Einsamkeit und Vereinsamung geradezu an die Wand zu stellen vermag, hätte keine Isolation eine Chance gehabt.

Und ich habe mich nie isoliert gefühlt. Mitglied dieser großen Familie zu sein, die sich derart unserer anzunehmen vermag, die den Völkern der Erde die Freie Gefangenschaft vermacht und Widerstandstraditionen geschaffen hat,
ist die würdevollste Auszeichnung der Welt. Teil jener zu sein, die nicht kapitulieren und nicht auf die Knie zu bringen sind, macht Widerstand zur einfachsten Aufgabe der Welt.
Dieses Glück ist unschätzbar.

In diesem Sinne grüße ich euch alle
und umarme euch herzlich.
Vom Widerstand zum Sieg;
diese Liebe, diese Hoffnung ist unser.

In Liebe und Grüße
Musa, Freier Gefangener

Musa Asoglu zum Begriff „türkische Linke“!

Merhaba sevgili …, Ich habe deinen Brief vom 3.April, Nr. 56 und das GI erhalten. Zum GI 414: „Die Verfolgung linker Aktivisten aus der Türkei in der BRD“. Seite 7 zum Fazit: „Hier in der BRD werden türkische Genossinnen wegen ihrer politischen…“

Wir bezeichnen uns nicht als „türkisch“ und es gibt deshalb keine türkische revolutionäre Bewegung. Wir nennen uns Türkiyeli: „Aus der Türkei“. Vielleicht gibt es keinen deutschen Begriff dafür… Besser wäre die Begrifflichkeit „Revolutionäre aus der Türkei“ .

Als „türkische Linke“ bezeichnen uns die kurdischen, nationalen Organisationen. Kurdische Bewegungen sind nationalistisch organisiert, aber sozialistische- und Volksbefreiungsbewegungen bestehen nicht nur aus „Türken“…

Um Beispiele zu nennen:
Ich bin Abasine und meine Mutter hat griechische Wurzeln. Yusuf Taş ist ein christlicher Araber. Gülaferit ist sunnitische Tscherkessin-Bosnierin. Şadi Özpolat und Özgür Aslan sind alevitische Zazas.
Erdoğan (der in Frankreich eingesperrt ist)
ist ein sunnitischer Kurde. Sefih (ebenfalls
in Frankreich gefangen) ist ein Armenier. Muzaffer Doğan ist sunnitischer Türke.
Sonnur Demiray und Özkan Güzel sind alevitische Türken.

Natürlich ist „Türke“ kein erniedrigender Begriff. Aber wenn jemand kein Türke ist, wie z.B Yusuf, Şadi, Sefih, Erdoğan und ich … können wir nicht akzeptieren, als Türken bezeichnet zu werden. Wenn uns jemand Türke nennt, dann ist das Chauvinismus. Wenn uns türkische Nationalisten und Faschisten als Türken bezeichnen, ist das auch ein Zeichen von Chauvinismus und eine Beleidigung… Und wenn uns die kurdische Bewegung als „türkische Linke“ klassifiziert, sind wir ebenfalls beleidigt…

Ich weiß, das viele europäischen GenossInnen nicht wissen; was der Unterschied zwischen „türkisch“ und „aus der Türkei“ ist.
Revolutionäre linke Bewegungen wollen die Welt verändern. Warum ändern wir nicht die chauvinistischen Begriffe, die dazu dienen, andere Völker zu unterdrücken.

Die Türkei besteht nicht allein aus türkischen und kurdischen Völkern. Darum finden wir es besser, „aus der Türkei“ oder „Anatolier“genannt zu werden. Natürlich sollten wir nicht nach unserer nationalen Identität und Nationalität bezeichnet werden, wir möchten lieber nach unserer politischen Identität bezeichnet werden, also als Revolutionäre aus der Türkei…

Revolutionäre und herzliche Grüße
Freie Gefangene Musa

Quelle Freiheitskomitee

http://rotehilfemd.blogsport.de/2019/07/08/musa-asoglu-ueber-solidaritaet/

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