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Interview mit einem internationalistischen Kämpfer von TIKKO, der in Serekaniye gekämpft hat.

06.11.19

kobaneInterview mit einem internationalistischen Kämpfer von TIKKO, der in Serekaniye gekämpft hat.
Stell dich doch kurz vor und sage uns in welcher Situation du im Moment dieses Interviews bist.

Ich bin ein internationalistischer Kämpfer und Mitglied von TIKKO, einer der kämpfenden Einheiten der revolutionären Linken aus der Türkei. TIKKO ist, wie die anderen Organisationen, die das IFB (International Freedom Batallion) bilden, aktiv an der Verteidigung von Serekaniye beteiligt. Vor ein paar Tagen haben wir uns nach 12 Tagen Kampf von Serekaniye in Richtung Til Tamir und Heseke zurückgezogen. Aber der Krieg geht weiter. Die Operationen der Türkei und ihrer islamistischen Hampelmännern der Freien Syrischen Armee (FSA) konzentrieren sich vor allem bei den Dörfern Menajir und Aliya und wir erwarten in den nächsten Tagen eine mögliche Offensive der Gegner gegen Til Tamir. Heute sind wir mit der Organisierung der Verteidigung von Menajir, Aliya und Til Tamir beschäftigt.

Du kommst gerade von Serekaniye zurück. Welche Bedeutung hat diese Stadt für den Krieg als Ganzes?

Serekaniye ist in der Geschichte der Revolution in Rojava eine wichtige Stadt. Die BewohnerInnen haben 2012-13 die Angriffe der FSA und der Al-Nusra-Front zurückgeschlagen. Darauffolgend hat die Bevölkerung von Serekaniye stets die Revolution verteidigt.

Serekaniye war also als Stadt eine Stütze der Revolution und Erdogan war sich dessen bewusst. Darum will er Serekaniye so hartnäckig erobern. Andererseits macht die geographische Lage die Stadt zu einem einfachen Ziel für den türkischen Staat und wir wussten, dass Serekaniye bei einer Invasion eines der ersten Ziele sein würde.

Hatte die Analyse von Afrin eine Bedeutung für die längerfristigen Vorbereitungen? Was bedeutet der Rückzug für die KämpferInnen?

Afrin erinnert uns ans revolutionäre Prinzip, dass man im Krieg die eigenen Kräfte als die hauptsächlichen Kräfte ansehen sollte und die verbündeten Kräfte (hier die Imperialisten, die USA und Russland) als nebensächlich und unverlässlich. Nach diesem Prinzip und nach dem Fall Afrins haben die Verteidigungsarbeiten in den Grenzstädten sofort begonnen (Tunnelbau, Verteidigungslinien, …). Wir wussten, dass wir den Imperialisten nicht trauen konnten. Afrin war das erste Beispiel, diese aktuelle Besatzung ist das Zweite.

Die InternationalistInnen haben einen wichtigen Kampf geführt. Was bedeutet dies fürs IFB?

Die Lage für die internationalistische Bewegung war im vergangenen Jahr eher schwierig. Unsere Anwesenheit störte die imperialistischen Kräfte, welche die PYD unter Druck gesetzt hatten, ihre Zusammenarbeit mit uns und die internationalistische Arbeit zu beenden. Mit dem Beginn des Krieges sind nun alle diese diplomatischen Probleme verschwunden und die revolutionären Kräfte sind wieder vereint. Das IFB war aktiv bei der Verteidigung von Serekaniye dabei und ist weiter an den verschiedenen Fronten in der Region um Til Tamir präsent. Solange es Angriffe der reaktionären Kräfte auf die Völker der Region geben wird, wird das IFB weiter bestehen und kämpfen.

Wie sieht eure Analyse der zukünftigen Entwicklungen in diesem Krieg aus?

Es ist sehr schwierig für die Zukunft zu planen. Das Einverständnis zwischen Russland und der Türkei, sich 32 km von der Grenze zurückzuziehen scheint angenommen worden zu sein, wie Mazlum Kobane erklärt hat. Auch wenn das negativ erscheint, bedeutet es nicht das Ende der Revolution. Denn das demokratische Projekt entwickelt sich nicht nur in Rojava, sondern in allen Gebieten unter Kontrolle der SDF.
Der zentrale Aspekt, auf den wir uns in Zukunft konzentrieren müssen, ist die Organisierung der Bevölkerung. Wenn wir heute Serekaniye und Gire Spi nicht verteidigen konnten, ist das nicht nur wegen unserer militärischen Schwäche. Im Krieg ist der menschliche Faktor der entscheidende. Wenn die Bevölkerung in ihrer grossen Mehrheit auf unserer Seite gewesen wäre, hätte man uns nicht schlagen können. Wenn die revolutionären Kräfte die Unterstützung der Bevölkerung haben, sind sie unbesiegbar. Das konkrete Beispiel sieht man nördlichen Teil Kurdistans. Die PKK kämpft seit 35 Jahren und wird immer stärker, obwohl sie von den türkischen bewaffneten Kräften hart angegriffen werden. Ein anderes Beispiel ist die Guerilla von TIKKO, die seit 47 Jahren kämpft.

Was möchtest du der internationalen Solidaritätsbewegung sagen?

Im Krieg gibt es immer Höhen und Tiefen. Ich erinnere mich an Serekaniye am 7. oder 8. Tag der Kämpfe. Meine Moral war nicht mehr so hoch auf Grund der Gewalt im Krieg, der Müdigkeit, der Gefühls der Isolation. Aber dann hatte ich die Möglichkeit mit GenossInnen im Hinterland zu sprechen und sie haben uns gesagt, dass es auf der ganzen Welt Soli-Aktionen zu unserer Unterstützung gab und das die ganze Welt unseren Widerstand unterstützte. Das kann lächerlich wirken, aber es hat uns eine wirklich grosse Kraft und Motivation gegeben, um unseren Kampf weiterzuführen. Über diese persönliche Anekdote hinaus, aus einem objektiveren Standpunkt, ist die Revolution international. Die Revolution in Rojava kann nicht gelingen, wenn sie isoliert bleibt. Wie im Vietnamkrieg: Wenn das amerikanische Volk nicht Druck auf die eigene Regierung und gegen den Krieg aufgesetzt hätte, wäre Vietnam vielleicht nie unabhängig geworden. Wenn die Völker sich nicht mobilisieren, um zu verhindern, dass die USA, Frankreich, Deutschland, usw. mit der Türkei zusammenarbeiten, und solange sie ihre Armeen in der Region halten, um ihr Anteil am Erdöl zu verteidigen, wird der Krieg nicht beendet werden. Die Völker der Region wollen nur in Frieden leben und ihren Kindern eine gute Zukunft ermöglichen. Die Völker schreiben die Geschichte, aber in der Epoche des Imperialismus vermischt sich die Geschichte der Völker und die Zukunft dieser Region hängt nicht nur von der lokalen Bevölkerung ab. Deshalb rufen wir alle Revolutionäre der Welt dazu auf, die Solidarität mit der Bevölkerung der Region zu organisieren und Druck auf die Staaten in denen sie sich befinden aufzubauen, um die Zusammenarbeit mit dem faschistischen türkischen Staat zu beenden, der für die Misere der Region hauptverantwortlich ist.
https://rhisri.secoursrouge.org/937-2/

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