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REPRESSIONEN GEGEN GRUP YORUM

24.01.20

grup yorum.1jpg»Das verursacht Angst bei den Herrschenden«
Musik mit revolutionärem Inhalt: Türkische Band Grup Yorum ist auch deutschen Behörden ein Dorn im Auge. Gespräch mit Sena Erkoc


Sena Erkoc ist Mitglied der Musikgruppe Grup Yorum

Die Musikgruppe Grup Yorum ist nicht nur in der Türkei, sondern auch hierzulande seit Jahren von Repression betroffen. Wodurch machen Sie sich bei den Behörden so unbeliebt?

Wir sind eine antifaschistische und antiimperialistische Band, die es bereits seit 1985 gibt. Grup Yorum ist ein großes Kollektiv, das nicht nur aus festen Mitgliedern, sondern aus ganz vielen Menschen besteht, die die Tradition revolutionärer Musik fortführen. Wir stehen gemeinsam für eine sozialistische Türkei, dafür machen wir unsere Musik. Grup Yorum ist überall da, wo es Unterdrückung und Ungerechtigkeit gibt. Wir treten bei sozialen Protesten auf, wie zum Beispiel Schulstreiks, oder nach Massakern des türkischen Militärs.

Aber warum haben Sie auch in der BRD solche Probleme mit Ihrer Kunst?

Grup Yorum spielt seit den 90er Jahren auf europäischem Boden, wir waren auch schon auf zahlreichen Touren quer durch die BRD. Bisher gab es im Vergleich nur kleine Probleme mit den hiesigen Behörden. Man kann sagen, dass seit 2015 – parallel zum Ausnahmezustand in der Türkei – versucht wird, unsere Konzerte komplett zu verhindern. Hintergrund ist die enge Zusammenarbeit der Bundesregierung mit dem AKP-Regime. Wir mobilisieren auch hierzulande viele Menschen zu unseren Veranstaltungen, seit 2012 gibt es jährlich ein Konzert unter dem Motto »Ein Herz und eine Stimme gegen Rassismus«. Es hat wohl gestört, wenn bis zu 15.000 Menschen sich dort trafen. So ist es auch in der Türkei: Dort kamen bis zu einer Million Menschen zusammen und sangen vereint unsere Lieder gegen die faschistische AKP. Das verursacht Angst bei den Herrschenden.

Es gibt inzwischen auch Einreiseverbote für Bandmitglieder in die BRD, während andere Musiker der Gruppe bereits hier leben. Wie sieht es aktuell mit Auftritten aus?

Das Einreiseverbot besteht ebenfalls seit 2015, als wir unser jährliches Konzert spielen wollten. Allerdings hatten all unsere Veranstaltungen noch lange stattfinden können. Erst das Konzert in Köln im vergangenen November wurde dann polizeilich verhindert. Es handelte sich um ein Solidaritätskonzert für die Grup-Yorum-Mitglieder, die im Hungerstreik sind. Zwei Tage vorher kam die Verbotsverfügung. Das ist für uns ein Beleg dafür, dass sämtliche Aktivitäten unterbunden werden sollen. Es ist bemerkenswert, dass das überhaupt möglich ist.

Gehen Sie gerichtlich gegen dieses Konzertverbot vor?

Das haben wir in der Vergangenheit immer getan, weswegen wir auch stets haben auftreten können. Auch in diesem Fall werden wir uns juristisch wehren. Die gerichtliche Auseinandersetzung alleine reicht aber nicht aus. Wir gehen an die Öffentlichkeit und protestieren gegen diese Machenschaften, zum Beispiel mit Kundgebungen vor den zuständigen Behörden. Wir müssen auf unsere Rechte pochen, und genau das tun wir.

Sie haben eine Kampagne gegen das Auftrittsverbot gestartet. Was wollen Sie damit erreichen?

Unser Motto lautet: »Lieder kennen keine Verbote«. Wir fordern, dass weder ganze Konzerte noch das Spielen einzelner Songs untersagt wird. Bei früheren Veranstaltungen haben Beamte uns die Auflagen erteilt, einzelne Lieder nicht zu spielen. Das ist absolut inakzeptabel. Für uns ist es sehr wichtig, dass alle Menschen, die unser Ziel teilen oder für politische Grundrechte eintreten, uns jetzt in diesem politischen Kampf unterstützen.

Wir stehen mit unserer Kampagne auch für Kunstfreiheit. Aktuell werden linke Künstler angegriffen, während Neonazis ganze Rechtsrockfestivals wie im thüringischen Themar ungestört abhalten können. Glücklicherweise erfahren wir bereits viel Unterstützung von Musikprojekten aus aller Welt. In der Türkei sind wir weiterhin sehr populär, und auch in der BRD haben wir viele Freunde und Künstlerkollegen gefunden, die wir zu unseren Konzerten einladen. Wir sind eine große musikalische Familie.

Interview: Henning von Stoltzenberg junge Welt 24.1.

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