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Selbstorganisation im Ausnahmezustand – Warum wir offene soziale Räume für wichtig halten

25.03.20

rigaer juniDas Virus verunsichert, es ist etwas Neues. Angst greift um sich, geschürt von einem Blick in die Tageszeitungen. Sie informieren nicht nur, sondern erzeugen das Spektakel. Eine Atmosphäre, in der wir uns schutzlos fühlen sollen, etwas Unbekanntem ausgeliefert. Die Aufmerksamkeit liegt beinahe total auf dem Virus, jegliche andere Nachrichten dringen kaum durch. Vergessen die Situation des Faschismus an der griechisch-türkischen Grenze, vergessen die rassistischen Schüsse von Hanau.

In dieser Atmosphäre werden die Regierenden als die schützende Hand wahrgenommen, die uns vorgibt, was zu tun sei, Verbote erlässt und sich um uns kümmert und dies alles in der Abschottung nach Außen, zur Formung des nationalen “wir”. Der Ausnahmezustand ist geschaffen.

Die Regierungen sagen, dass jedejeder bestenfalls zu Hause bleibt. Ein Gesundheitsproblem wird zu einem Problem der öffentlichen Ordnung. Warum? Weil es im Kapitalismus nicht um die Gesundheit eines jeden Individuums geht, sondern um die Aufrechterhaltung von Ausbeutungsverhältnissen, um den Profit für die Besitzenden weiterhin zu garantieren. Staatliche Mechanismen sorgen für die Ordnung, dass sich jederjede einfügt und in verwertbar oder nicht verwertbar teilen lässt. Während eines sich rasant verbreitenden Virus merken wir, dass der Fokus zu anderen Zeiten natürlich nicht auf der umfassenden gesundheitlichen Versorgung eines jeden Menschen lag. Das Gesundheitssystem ist gewinnorientiert und es wurde an allen Ecken und Enden gespart, während beispielsweise Bullen und Militär weiter aufgerüstet wurden.

Vorschläge der Herrschenden wie “einfach mal HomeOffice” machen, richten sich vor allem an die Mittelklasse der Gesellschaft. Auch Schulfrei können sich nur diejenigen Familien leisten, die nicht arbeiten müssen, eine private Betreuung bezahlen können oder Zugang und das Geld zu digitalen Geräten haben. Arme, ältere Menschen, Obdachlose, Drogenabhängige, Gefangene in den Zwangseinrichtungen des Systems sind die, die am härtesten von der Isolation betroffen sind. Viele Menschen verlieren ihren Job, geraten in eine prekäre Situation.

Unsere Antwort auf den Ausnahmezustand sollte kollektiv sein. Viele scheinen sich zur Zeit auf digitale Tools verlassen zu wollen. Klar können diese den Umgang miteinander vereinfachen, wenn wir Angst haben, sich oder andere anzustecken. Aber sie können nicht unsere sozialen Beziehungen und Netze ersetzen, in denen wir das direkte offene Gespräch führen, uns über die momentanen Bedingungen austauschen und diskutieren. Die zunehmende Digitalisierung, der Zugriff künstlicher Intelligenzen auf unser aller Leben findet Raum, noch weiter das Soziale durch die Technologie zu ersetzen.

Wir wollen die Kadterschmiede weiter offen halten. Die Unsicherheit und Bedenken verstehen wir, doch das Problem an sich ist nicht eine kollektive Küche, mit Essen auf Spendenbasis. Denn ist nicht jede*jeder fähig, selbst rational und in Rücksicht auf Andere zu agieren? Lasst uns nicht dem passiven Gehorsam verfallen, sondern aktiv selbst Verantwortung übernehmen. Wir sehen es als wichtig an, unsere hygienischen Standards und Verhaltensweisen der Pandemie entsprechend anzupassen. Wir sind uns bewusst, dass manche Menschen momentan Angst haben, in öffentliche Räume zu gehen und möglicherweise auch kein Verständnis für unsere Entscheidung finden. Wir nehmen Bedenken durchaus ernst und sind offen für weitere Vorschläge und Kritik. Wir fordern aber auch alle anderen Menschen und kämpferischen Strukturen dazu auf, sich Gedanken darüber zu machen, wie wir nicht in eine Schockstarre und Selbstisolation verfallen.

Die Kadterschmiede ist keine kommerzielle Gaststätte, keine Kneipe, sondern ein Raum der Selbstorganisation und des Widerstandes in der Nachbarschaft. Es braucht Orte, in denen diejenigen, die sich keine Hamsterkäufe leisten können, für ein Essen vorbei kommen können. Einen Raum, in dem wir gemeinsam Antworten finden und wie eh und je solidarische Netzwerke aufbauen. So dass der Ausnahmezustand uns nicht weiter isoliert und vereinzelt, damit Herrschaft noch besser greifen kann. Sondern gesund erhält. Der Ausbruch des Virus ist ein Traum und ein Versuchslabor für die Ausweitung von Überwachung und Kontrolle. Gerade in Zeiten der Krise ist es notwendig, weiter zu kämpfen, gegen Autorität und den mörderischen Kapitalismus und für ein selbstorganisiertes freies Leben. Wir sind uns sicher, auch Einige von euch stellen sich Fragen wie diese:

Was tun, wenn das Militär sich erstmal in den Straßen postiert? Was ist, wenn wir uns an den Ausnahmezustand als Normalzustand gewöhnen und unseren Widerstand bereitwillig aus dem öffentlichen Leben zurück ziehen? Wie können wir die Kämpfe für Bewegungsfreiheit weiter verbinden, während eine mögliche langfristige Schließung der Grenzen die Menschen abwehrt, die vor den nicht ausgesetzten Bedingungen von Krieg, Umweltzerstörung, aus ökonomischen oder anderen Gründen fliehen?

Wie können wir eine Quarantänesituation kollektiv lösen, ohne dass jemand sich komplett isolieren muss? Wie können wir es verhindern, unsere ganz persönlichen Daten dem Staat für eine zentrale Verwaltung und ständigen Zugriff in die Hände zu geben? Und sind wir nicht vor kurzem noch gegen die neuen Polizeigesetze auf die Straße gegangen, die sich nun in Notstandsgesetzen einfach durchsetzen lassen? Wie können wir gegen das gefundene Einfallstor für einen umfassenden digitalen Zugriff unsere Leben ankämpfen, während Straßen leerer werden und Viele sich zurück ziehen?

Eure Rigaer94

https://rigaer94.squat.net

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