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Wer redet, der ist uns nicht tot. Ein Reader führt durch das Werk des Schriftstellers Christian Geissler

14.10.20

chr.geisslerChristian Geissler: Ein Boot in der Wüste. Hrsg. v. Sabine Peters und Detlef Grumbach. Verbrecher-Verlag, ­Berlin 2020, 260 Seiten, 16 Euro

Mit den Romanen von Christian Geissler (1928–2008) erging es mir wie mit der Musik von Paul Hindemith: Schon bevor ich begriff, was gespielt wird, bewunderte ich das Handwerk. Das Handwerk besteht bei Geissler darin, lange Strecken, ganze Bücher aus der Rede von Proletariern, Kämpfern, Ausgestoßenen zu fügen, ihre Sprüche, Wendungen, Kalauer, Reime, Ausrufe miteinander zu verfilzen und zu verschleifen. Oft genug ist es schwierig, die Melodielinie zu erfassen, aber die harmonischen Wechsel teilen sich überall mit, und durch alles laufen streng gehaltene, synkopierte Rhythmen. Die Personen, die Orte verschwimmen ineinander, doch die spröde Musik nimmt für sich ein. Wer noch nie von diesem erstaunlichen Autor gehört hat, den führt nun »Ein Boot in der Wüste«, ein Reader aus dem Verbrecher-Verlag, durchs Werk.

Sabine Peters und Detlef Grumbach haben aus Geisslers Schriften kundig Stücke, »Splitter« zusammengestellt. Berücksichtigt sind die Hörspiele, die Gedichte, die Briefe, die politischen Stellungnahmen, vor allem aber die Romane, angefangen mit der in neun Sprachen übersetzten »Anfrage« (1960), deren Protagonist mitten in der tiefsten deutschen Geschichtsverleugnung wissen will, was aus einer jüdischen Familie geworden ist. Und immer wieder tauchen Auszüge aus den drei Romanen über den Widerstand in Deutschland auf: »Das Brot mit der Feile« (1973), »Wird Zeit, dass wir leben« (1976) und »kamalatta« (1988).

Auch wenn im Hauptwerk »kamalatta« die Produktion von Rede an die Stelle klassischer Erzählweisen getreten ist, fallen bald wiederkehrende Motive auf, vor allem der Kontrast von Leben und Tod; »wir sind in der hand von toten, aber wir leben«, lautet die allgemeine Übereinkunft, die unaufhörlich variiert wird. Das »Pack«, die Herrschenden, ist tot, wir, die Widerständigen, nicht. Der nüchterne Zeitgenosse mag darin mit den Germanisten Sven Kramer und Ingo Meyer Vitalismus und existentialistisches Pathos erkennen, aber in diesem scharfen Gegensatz – Tod und Leben – steckt doch ein Widerspruch und eine Herausforderung, die die Texte im Innern antreibt und im Äußeren verkompliziert. Das Pack spricht nämlich nie. Zwar im Hintergrund anwesend, ist es als Toter doch stumm. Die Kämpfenden aber leben nur, weil und indem sie reden. »Kommt, reden wir zusammen / wer redet, ist nicht tot, / es züngeln doch die Flammen / schon sehr um unsere Not«, heißt es bei Gottfried Benn. Geissler nimmt den entscheidenden Vers heraus und ändert ihn minimal ab: »wer redet, der ist uns nicht tot«.

Wer uns nicht tot sein will, der muss reden können. Das unterscheidet die Figuren von Geisslers Romanen fundamental von den Kämpfern, denen mit ihnen ein Denkmal gesetzt wird. Denn die Kämpfer im Untergrund müssen nicht reden, sondern schweigen können. Sie müssen handeln, blitzschnell reagieren, sie müssen umsichtig und unsichtbar sein und sich aufs Notwendige beschränken. Ihre Gründe, ihre Zweifel, all das, was ihnen noch durch den Kopf gehen mag – nebbich, Nebensache. Bei Geissler ist das aber die Hauptsache. Die Rede verbindet die Kämpfenden mit ihrer proletarischen Klasse oder auch nur mit ihrer Gruppe. Denn so zu schnoddern muss gelernt sein, es verrät die Herkunft und die Leidenschaft. Nur im Zitat und nur ab und zu erscheint das, was der Franzose »langue de bois« nennt, die hölzerne Verlautbarungssprache etwa der Roten Armee Fraktion – der Geissler sich assoziieren wollte, womit er sich aus dem ohnehin bornierten deutschen Literaturbetrieb ausschloss.

Umgekehrt kann das Reden, das sich fortsetzen muss, nicht fortwährend auf den Kampf fixiert sein. Es werden hier nicht immerzu Anschläge geplant, und politische Diskussionen sind bemerkenswert selten. Kinder, Krankheiten, Verkehr, alles wird aufgesogen von den sich redend am Leben haltenden Hamburger Scheherazaden. Das gibt dem »Pathos« eine ganz andere Stellung, denn es muss trotzig, knurrig gegen den Zufall und das Gegebene, sogar gegen die Redenden selbst gestellt werden, was durchaus komische Effekte zeitigt; so heißt es von einem Protagonisten: »proff, aus abwasch und bettenmachen, ach alles wohnen ist eitel, ist eng, ach freieres leben, ach weiteres suchen, proff hastet der trostlosen mimi nach«, nämlich der Katze.

Das Grundthema Widerstand erzwingt den Vergleich mit Peter Weiss, der Geissler handwerklich unterlegen ist, aber doch den weiteren Horizont wählt. Bei Weiss müssen sich die proletarischen Kämpfer die Welt der Antike, der Moderne, der Geschichte, der Kunst aneignen, diese streberhafte Aneignung ist integraler Teil ihres Kampfes, ihres Aufstiegs. Geisslers Beschränkung auf die Welt der Militanten wirkt, damit verglichen, arm und soll es wohl auch sein. Man bleibt in seinem Zirkel. Ja, die Mutter hat die »schlimmste zeit« dank der Musik von Franz Schubert überstanden, und ja, Nina sinkt ob dessen Klaviersonate D 960 »in schönen tod« (hört also wohl nicht die schroffe Fassung von Swjatoslaw Richter). Aber das ist es auch schon mit der Kunst, gestorben werden soll eh nicht mehr, sogar »alt wirst du nur aus verrat«.

»Ein Boot in der Wüste« unterstützt mit teils aufregendem Material die Lektüre der drei Widerstandsgeschichten. Es kann bei diesem Meister der Rede nicht überraschen, dass schon der Debütroman dialoglastig ist und dass Geissler auch im Hörspiel, in der Kunst der Stimmen, zu Hause war. Die Gedichte dagegen kommen dem an die Vielstimmigkeit und Üppigkeit der Romane gewöhnten Leser nackt, dürr, oft zu persönlich vor; die Boote in der Wüste müssen doch gemeinsam gebaut werden.

Auch Biographisches wird geboten: Erinnerungen an eine gewaltsame Jugend, an den Vater, einen Naziunteroffizier, totgeschlagen von Zwangsarbeitern; an den Lehrer, einen Stalinisten, von dem er viel lernt; an das proletarische Hamburg. Ein politischer Analytiker ist Geissler nicht, aber Statements deuten Positionen an, etwa das ambivalente Verhältnis zum ­sozialistischen Nachbarstaat: Auf Alfred Kurella, den Bruder seiner Mutter, einen der wichtigsten Kulturfunktionäre der DDR, findet sich auch hier lediglich eine Anspielung, deutlich wird Geissler angesichts des »einmauerns von millionen deutschen antikommunisten«, das ihm gelinde gesagt nicht kommunistisch vorkommt. Er ist eben doch Romantiker, nicht Pragmatiker.

So soll das fast 600 Seiten starke »kamalatta« nach Willen des Autors ein »romantisches fragment« sein. Im Geist der den Utilitarismus umwertenden Romantik sind für ihn Liebe, Leben, auch Schönheit ein »Unsinn«, den er sich vom Pack nicht nehmen lassen will. Ganz unromantisch und an sich schon widerständig ist jedoch seine Zuversicht, denn »zu wissen, dass wirklich nichts geht«, mag das Pack allzugern. So schwarz die Welt erscheint, Schwarzsehen gilt nicht. ­Darin Ernst Bloch nah, geht es für Christian Geissler einfach deshalb weiter, weil und indem er weitergeht, weiterredet. Er hält sich selbst für »unutopisch«, weil er mit seinen Genossen im Jetzt sei und »heute noch« handeln wolle, er sieht sich in der »voraustreibenden kommunistenarbeit«. Aber wenn er voraustreibt, hat er immerhin eine utopische Richtung eingeschlagen. Die Utopie ist der Noch-nicht-Ort, zu dem einer aufbricht, dem der Un-Ort der Existenz unerträglich geworden ist.

Von Stefan Ripplinger junge Welt 14.10.2020

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