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[BERLIN] Unsere Kämpfe werden mit jeder Räumung stärker

29.10.20

rigaer juniWas die Mauern unserer Projekte für uns bedeuten und wie wichtig das Kollektiv der L34 ist.

Am 9. Oktober 2020 haben wir ein Haus verloren.

Dies ist ein großer Verlust für die Infrastruktur des Nordkiezes in Friedrichshain. Wir verlieren immer mehr Räume, dabei brauchen wir sie so sehr. Unsere Projekte geben uns Raum mit horizontalen Formen der Selbstorganisiation zu experimentieren, selbstbestimmt zu leben, bürgerliche und kapitalistische Muster zu reflektieren und zu überwinden. Unsere Mauern schützen uns, sie helfen uns, Orte zu schaffen, in denen wir uns organisieren, ausruhen, pflegen und gemeinsam sicherer und stärker fühlen können. Diese Mauern sind für uns Orte, die wir versuchen von den Fesseln der Macht zu befreien, ohne Herrschende und ihren institutionellen Mechanismen, ohne Unterdrückende und Bosse*, Orte außerhalb der gesellschaftlichen Normen. Mauern, in denen Menschen ihre Beziehungen auf einer Basis von Solidarität und Gleichheit neu definieren können.

Unsere Mauern trennen uns nicht. Stattdessen durchbrechen sie die liberale Isolation, innerhalb der Häuser und zwischen ihnen. Sie schaffen Netzwerke der Hilfe, der Rebellion und der Solidarität in unserer politischen Praxis und in unseren Nachbarschaften. Unsere Mauern sind Türen, um unsere Politik von unten weit in diese erstickende Metropole zu verbreiten. Unsere Räume sind nicht irgendwelche toten Mauern. Es sind Mauern, die uns die Möglichkeit geben, all Das zu verwirklichen, was uns unmöglich schien. Deshalb halten wir es für notwendig, für sie zu kämpfen. Unsere Mauern zu verteidigen bedeutet gegen die Stadt der Reichen und gegen diese sogenannten „sicheren und gesicherten“ Städte zu kämpfen und die Straßen von Bullen, Neoliberalisten, Nazis, Sexisten und Machogehabe zu befreien.

Das Hausprojekt Liebig34 ist gerade zwei Wochen geräumt und schon spüren wir die Veränderungen in unseren Straßen und in unserem Alltag. Vor einigen Wochen haben diese Macho-Scheißer, die von Padovicz geschickt wurden, um das Haus zu beschützen, dass er gerade dem L34-Kollektiv gestohlen hat, Menschen auf dem Dorfplatz angegriffen. Sie haben versucht sie mit einer Schaufel und Eisenstangen zu schlagen, einige junge Mädchen belästigt und die Bevölkerung terrorisiert. Seit dem Tag der Räumung spüren wir, wie die Unsicherheit in unseren Straßen wächst. Wir spüren und sehen das Fehlen eines äußerst wichtigen Gebäudes in unserer NachbarInnenschaft. Wir sehen, dass es nun viel weniger Menschen sind, die sich mit diesen ständigen Drohungen patriarchalischer, sexistischer und homophober Gewalt auf dem Dorfplatz auseinandersetzen. Jetzt, wo die Liebig34 nicht mehr da ist, sind nicht mehr viele Menschen da, um einzugreifen und sich gegenseitig zu unterstützen.

30 Jahre lang arbeitete die L34 sehr hart gegen Unterdrückung und Patriarchat durch den Staat und die Gesellschaft. Sie lebt seit über 20 Jahren ohne cis-Männer. Es ist viel Arbeit geleistet worden und der Kampf wird weitergehen, mit oder ohne dem Haus der Liebig34. Wir werden nicht zulassen, dass 30 Jahre Widerstand zerfallen und wir werden weiter arbeiten und gegen die Unterdrückung in unserer NachbarInnenschaft und überall in unserem Alltag kämpfen. Dazu brauchen wir natürlich mehr von diesen Mauern, mehr Häuser, mehr Orte. Besetzt alles! Je mehr, desto besser! Diese Mauern helfen uns, in ihrem Inneren stärker zu werden und sicherer zu sein. Aber wir können kämpfen, mit oder ohne sie. Wir müssen klug und kreativ sein, um mit der Räumung der Liebig34 umzugehen, aber wir haben keine Zweifel daran, dass wir es alle gemeinsam schaffen werden.

Die L34 ist nicht nur ein Gebäude, sondern auch ein starkes Kollektiv, welches ein wichtiger Teil der Infrastruktur in der NachbarInnenschaft war und ist. Sie ist für uns nicht nur ein Hausprojekt, sondern ein sehr starkes anarcha-queerfeministisches Kollektiv, das viele FLINT-Leute bestärkt hat auf die Straße zu gehen und ihre Unterdrücker zu bekämpfen und sie ermutigt hat ihre Politik von unten mit militanten Wegen und Aktionen zu betreiben. Ein Kollektiv, das in den letzten Jahren immer größer und stärker wurde, mit dem Ziel die hetero-patriarchalen Strukturen, sexistische Gewalt und Belästigung, Staat und Kapital zu zerschlagen und in sie anzugreifen. Indem sie sich zwischen ihren Mauern organisierten, wirkten sie auf den Dorfplatz, in den Straßen dieser Stadt und darüber hinaus!

Das Haus war ein Ort, um eine kollektive queer-feministische Utopie für eine Stadt von unten auszuprobieren, ein Ort der Solidarität, Gleichheit und Freiheit, nicht nur im Nordkiez, sondern weit über Berlin und Deutschland hinaus. Ein starkes Empowerment für queer-feministische Kämpfe vieler Menschen außerhalb dieses Hauses. Die Politik und der Charakter der Liebig34 sind mit oder ohne diesen Mauern wichtig, denn die Menschen des Kollektivs, die diese Mauern bildeten, sind der Grund dafür, dass viele Einzelpersonen und Gruppen all die Jahre für ihren Erhalt gekämpft haben.

In den letzten Jahren haben wir in einigen unserer gemeinsamen Handlungen einen Einfluss des L34-Kollektivs erlebt. So gab es zum Beispiel viele Fälle, in denen sexistische und machohafte Verhaltensweisen in unseren Strukturen Raum einnahmen und wuchsen. Die L34 gehörte zu den Kollektiven, die sich gegen diese Verhaltensweisen und Mechanismen stellten und, was noch wichtiger ist, viele Einzelpersonen darin bestärkten, gegen sie zu kämpfen.

Für uns als Rigaer94 ist es sehr wichtig, die Kontinuität dieses Kollektivs zu unterstützen: Da der Kampf ohnehin weitergeht, müssen wir uns organisieren und gegen das Patriarchat, die sexistische Gewalt, den Staat und das Kapital kämpfen! Wir unterstützen die Entscheidung von Terra Incognita (ein Kollektiv aus Thessaloniki), dass sich nach der Räumung dafür entschieden hat als Kollektiv weiterzubestehen und noch stärker wurde und als Teil der Infrastruktur der Bewegung, immernoch kollektiv kämpft!
Es ist wichtig in entscheidenden Momenten wie diesem zusammenzuhalten und uns gegenseitig zu stärken. Wenn uns die unterdrückenden Repressionsorgane des Staates angreifen müssen wir zum Gegenangriff ausholen. Machen wir es ihnen nicht leicht und zeigen wir, wie stark unsere politischen Bindungen und Beziehungen sind! Wir können selbst mit dieser Räumung und jeder bevorstehenden Repression, der wir uns stellen müssen, noch stärker werden. Ein Angriff auf Einzelne ist ein Angriff auf uns Alle!

Der Kampf geht weiter und wir werden alle gemeinsam zurückschlagen. Um einige Antworten darauf zu finden, wie wir unseren Kampf über vergangene Räumungen und über bestehende Projekte hinaus fortsetzen können, organisiert die „Interkiezionale“ ein Wochenende mit Diskussionen und Aktionen zum Thema „Städtische Kämpfe verbinden – Autonome Räume verteidigen“. Um uns gemeinsam in Theorie und Praxis zu verbinden und zu organisieren, um Gegenstrategien zu finden und gemeinsam die Straßen zu erobern! Solidarität kennt keine Grenzen.
Internationaler Aktionsaufruf und Diskussionstage in Berlin 30.10.-01.11.2020.
Jede Räumung hat ihren Preis!
Demonstration am 31.10. um 19:00 Uhr ab Helsingforser Platz.

Bis dahin: Zerschlagt die Stadt der Reichen!
interkiezionale.noblogs.org | latest update: United we fight!

Mit Wut und Solidarität in unseren Herzen, Rigaer94.

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