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BLM: Colin Kaepernick fordert Freiheit für Mumia Abu-Jamal

21.11.20

Colin KaepernickAm Montag dieser Woche, dem 16. November 2020 fand in den USA ein Webinar statt, in dem Angela Davis, Colin Kaepernick, Linn Washingtom Jr, Pam Africa, Johanna Fernandez und viele weitere Unterstützer*innenüber über den seit 1981 (!) gefangenen Journalisten Mumia Abu-Jamal informierten.

In naher Zukunft wird eine wichtige Entscheidung von dem Pennsylvania Supreme Court erwartet. Danch wird das Revisionsverfahren von Mumia beginnen. In einem in den USA vielfach beachteten Aufruf forderte der ehemalige NFL Profi und Black Lives Matter Aktivist Colin Kaepernick am vergangenen Montag, Mumia Abu-Jamal endlich freizulassen.

Wir fügen hier die dt. Übersetzung seines bisher lediglich auf YouTube veröffentlichten Videostatements bei. Danach folgt eine US Presselinkliste dazu aus dieser Woche.

FREE MUMIA - Free Them ALL!

Colin Kaepernick: Für Mumia Abu-Jamal

Als man mich gebeten hat, hier zur Unterstützung Mumias zu sprechen, war eines der ersten Dinge, an die ich denken musste, wie lange er schon im Gefängnis ist, wie viele Jahre seines Lebens ihm, seinen Freund*innen und seiner Familie gestohlen worden sind. Er ist seit 38 Jahren eingesperrt – Mumia ist schon länger im Gefängnis als ich lebe. Als ich das erste Mal mit Mumia telefonierte, hebe ich nur wehr wenig gesagt, sondern stattdessen zugehört. Ihn sprechen zu hören, hat mich daran erinnert, warum wir weiter kämpfen müssen. Erst vor ein paar Monaten hat der UN-Hochkommissar für Menschenrechte eine Erklärung veröffentlicht, in der es hieß, dass Isolationshaft für eine längere Zeit, also von genau der Art, wie sie in den Vereinigten Staaten oft eingesetzt wird, eine Form von psychischer Folter darstellt. Mumia Abu-Jamal hat fast 30 von seinen 38 Jahren in Gefangenschaft in Einzelhaft verbracht

In seinem Buch …aus der Todeszelle schrieb Mumia, dass das Gefängnis „in jeder Sekunde ein Angriff auf die Seele, eine tagtägliche Erniedrigung des eigenen Selbst [ist], wie eine übergestülpte Glocke aus Stein und Eisen, unter der Sekunden zu Stunden und Stunden zu Tagen werden“.1 Er hat diesen Angriff auf seine Seele Sekunde für Sekunde 38 Jahre lang ertragen müssen. Er hatte nie eine Straftat begangen, bevor er verhaftet und ihm der Mord an einem Polizeibeamten in Philadelphia in die Schuhe geschoben wurde. Seit 1981 hat Mumia immer auf seiner Unschuld bestanden. Seine Version der Ereignisse hat sich nicht geändert. Mumia wurde angeschossen, misshandelt, verhaftet und an ein Krankenhausbett gekettet.

Der erste Polizeibeamte, der zu seiner Bewachung abgestellt war, schrieb in seinem Bericht, „Der Neger hat keine Äußerungen zur Sache gemacht“2 – so wurde es in Philly Mag zitiert. Aber nach 64 Tagen Ermittlung sagte ein anderer Beamter auf einmal aus, Mumia habe den Mord gestanden. Mumias Version der Ereignisse hat sich nicht geändert. Aber wir sprechen hier von derselben Polizeibehörde in Philadelphia, deren Verhalten, wie es in einem Bericht des US-Justizministeriums von 1979 heißt, „in jeder Hinsicht schockierend ist“.3 Verhalten wie die Erschießung unbewaffneter Verdächtiger, die Misshandlung bereits gefesselter Gefangener, und die Manipulation von Beweismaterial.

Es ist deshalb gar nicht weiter überraschend, wenn wir von Dr. Johanna Fernandez erfahren, dass mehr als ein Drittel der 35 an Mumias Fall beteiligten Beamten später wegen übelster Korruption, Erpressung und Beweismanipulation in anderen Fällen verurteilt wurden, in denen sie damit Verurteilungen erreichen wollten. Das ist dieselbe Polizeibehörde von Philadelphia, deren Beamte Razzien nach der Maxime des Racial Profiling wie die „Operation Cold Turkey“ im März 1985 durchgeführt haben, die sich gegen Schwarze und Latin@ Mitbürger*innen richteten. Dieselbe Behörde, die im Mai desselben Jahres das MOVE-Haus bombardierte und elf Menschen, darunter fünf Kinder tötete und 61 Häuser zerstörte. Dieselbe Polizeibehörde Philadelphias, deren Beamte acht Tage vor den Präsidentschaftswahlen 2020 Walter Wallace Jr. Vor den Augen seiner Mutter auf offener Straße erschossen haben.

Der Fraternal Order of Police in Philadelphia hat eine unablässige Kampagne für die Hinrichtung Mumias geführt. Während ihres nationalen Treffens im August 1990 sagte ein Sprecher der Organisation, sie würden nicht ruhen, bis Abu-Jamal in der Hölle schmort. Der ehemalige Präsident des Fraternal Order of Police in Philadelphia, Richard Costello, ging sogar so weit zu sagen, dass man sich ja, wenn man mit der Meinung des FOP zu Mumia nicht einverstanden sei, gern zu Mumia auf dem elektrischen Stuhl setzen könne und dass sie dann eben eine elektrische Couch daraus machen würden.

Der Verfahrensrichter in Mumias Fall 1982, Albert Sabo, war ein ehemaliges Mitglied des Fraternal Order of Police. Die Gerichtsstenografin Terri Maurer-Carter hörte, wie Richter Sabo einem Kollegen sagte, „Ich werde ihnen dabei helfen, den Nigger zu grillen.“

Im Dezember 2018 wurden dann in einem verbarrikadierten Lagerraum im Büro der Bezirksstaatsanwaltschaft sechs Kisten mit Dokumenten aus Mumias Fall gefunden, die bis dahin unter Verschluss gehaltenes und sehr bedeutsames Beweismaterial enthielten, das zeigte, dass Mumias Verfahren durch die Weigerung der Anklage kontaminiert war, der Verteidigung wichtiges Beweismaterial zugänglich zu machen - ein Verstoß sowohl gegen die Verfassung der Vereinigten Staaten als auch gegen die von Pennsylvania.

Im November 2019 reichte der Fraternal Order of Police eine „Kings Bench Petition“ ein, die den Pennsylvania Supreme Court ersuchte, statt der Staatsanwaltschaft in Philadelphia den Generalstaatsanwalt des States Pennsylvania mit der Handhabung der anstehenden Berufungen Mumias zu beauftragen. Wie der derzeitige Präsident des FOP, John McNesby, erst letztes Jahr sagte, soll Mumia für den Rest seines Lebens im Gefängnis bleiben. Eine positive Bewertung der King’s Bench Petition durch das Gericht würde dem Staat Pennsylvania eine rechtliche Möglichkeit liefern, Richter Sabos ursprünglichen Wunsch zu erfüllen, der darin bestand, Mumia am Ende im Gefängnis stirbt.

Heute erleben wir eine Zeit, in der es akzeptabel geworden ist, die Parole „Schluss mit dem Rassismus – Jetzt!“ vor Polizeistation des 26. Distrikts in Philadelphia anzubringen. Und doch wird ein politischer Gefangener, der schon im Alter von 14 sein Leben dem Kampf gegen den Rassismus verschrieben hat, weiter eingekerkert gehalten und muss sein Leben in einer Form von Todestrakt zubringen, in der er langsam getötet wird. Wir befinden uns mitten in einer Bewegung, die sagt, „Schwarze Leben zählen!“, und wenn wir es damit ernst meinen, dann bedeutet das, dass auch Mumias Leben und Vermächtnis zählen.

Und die Anliegen, denen er sein Leben und seine Freiheit geopfert hat, müssen ebenfalls zählen. Trotz all der Qualen, die Mumia in den letzten 38 Jahren erdulden musste, hat er unbeirrbar an seinen Prinzipien festgehalten. Diese Prinzipen haben sich in den unzähligen Büchern manifestiert, die er geschrieben hat, obwohl er im Gefängnis war – und in seinen erfolgreichen Radiobeiträgen, in der Zeit und in der Mühe, die er in seine Rolle als Mentor jüngerer, ebenfalls eingekerkerter Menschen investiert hat, und in seiner unermüdlichen Beschäftigung mit dem Leid auch außerhalb der Gefängnismauern.

Obwohl er mitten in der Hölle des Gefängnissystems lebt, kämpft Mumia weiter für unsere Menschenrechte – und so müssen auch wir weiter für ihn und seine Menschenrechte kämpfen. Mumia ist jetzt 66 Jahre alt. Er ist Großvater, er ist einer unser Älteren und leidet unter Gebrechen, er ist ein menschliches Wesen, ein Mensch, der verdient, frei zu sein.

Freiheit für Mumia!

1 Mumia Abu-Jamal, …aus der Todeszelle, Bremen: Atlantik Verlag 2001, S. 98.

2 „Neger“ – im Original „Negro male“ – ist ein Ausdruck, der in den USA und anderswo lange Zeit gebräuchlich war und auch von Martin Luther King und Malcolm X verwendet wurde. Er wurde aber spätestens sein Ende der 1960er Jahre als rassistisch und diskriminierend empfunden und daher von entsprechend sensibilisierten Menschen nicht mehr benutzt. Seine Verwendung durch den mit der Bewachung Mumias beauftragten Polizeibeamten Gary Wakshul lässt daher tief blicken.

3 Das US-Justizministerium leitete 1979 eine Untersuchung gegen die Polizeibehörde Philadelphias ein; das Zitat stammt aus dem Bericht dieser Untersuchung.

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US Presselinks aus dieser Woche:

(Democracy Now) Colin Kaepernick Demands Freedom for Renowned Prisoner Mumia Abu-Jamal (November 19, 2020) https://www.democracynow.org/2020/11/19/headlines/colin_kaepernick_deman...

(CNN) Colin Kaepernick calls for release of former Black Panther Mumia Abu-Jamal, convicted of killing a Philadelphia cop (November 19,2020) https://edition.cnn.com/2020/11/19/us/kaepernick-black-panther-release-t...

(The Nation ) Colin Kaepernick Speaks Out for Mumia Abu-Jamal (November 18, 2020) https://www.thenation.com/article/society/colin-kaepernick-mumia-abu-jamal/

(Mumia Campaign, YouTube Video) Colin Kaepernick (November 16, 2020) https://youtu.be/To62En75n8I

(US Today) Colin Kaepernick calls for release of convicted killer of Philadelphia policeman (November 17, 2020) https://touchdownwire.usatoday.com/2020/11/17/colin-kaepernick-calls-for...

(Workers World) Colin Kaepernick: ‘Free Mumia!´ (November 17, 2020) https://www.workers.org/2020/11/52533/?utm_source=rss&;utm_medium=rss&utm...

(Philly Voice) Colin Kaepernick calls for release of convicted Philly cop killer Mumia Abu-Jamal from prison (November 17, 2020) https://www.phillyvoice.com/colin-kaepernick-activist-mumia-abu-jamal-re...

(The Philadelphia Inquirer) Colin Kaepernick calls on law enforcement authorities to ‘Free Mumia’ (November 16, 2020) https://www.inquirer.com/news/colin-kaepernick-mumia-abu-jamal-daniel-fa...

(WHYY) Colin Kaepernick comes out in support of freeing Mumia Abu-Jamal (November 16, 2020) https://whyy.org/articles/colin-kaepernick-comes-out-in-support-of-freei...

(Philadelphia Tribune) (November 16, 2020) https://www.phillytrib.com/news/angela-davis-pam-africa-others-call-for-...


https://de.indymedia.org/node/118580