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Den Tod in Kauf genommen Indien: Kranker Maoist in Gefängnis sich selbst überlassen. Internationale Unterstützung für Varavara Rao

23.11.20

VARAVARA RAOIn Indien war am vergangenen Mittwoch die Topnachricht, dass der inhaftierte maoistische Aktivist und Dichter Varavara Rao in einem privaten Krankenhaus behandelt werden soll. Der Zustand des 80jährigen ist offenbar kritisch.

Nach einer Anordnung des Obersten Gerichtshofs von Mumbai hatte die Regierung des Bundesstaates Maharashtra zugestimmt, Rao zur medizinischen Untersuchung und Behandlung vom Zentralgefängniskrankenhaus in Taloja in das Nanavati-Krankenhaus in Mumbai zu verlegen.

Bei einer Anhörung sagte Raos Anwältin Indira Jaisingh, dass ihrem Klienten im Gefängnis die angemessene Behandlung verweigert worden sei. Er sei bettlägerig und habe »keinen medizinischen Betreuer und einen Katheter, der seit drei Monaten nicht mehr gewechselt wurde. Es besteht die begründete Befürchtung, dass er in Gewahrsam sterben wird. Ich behaupte, der Staat hat fahrlässig gehandelt. Wenn der Staat nicht in der Lage ist, sich um ihn zu kümmern, muss er ins Krankenhaus gebracht werden.«

Generalstaatsanwalt Deepak Thakare teilte dem Gericht mit, dass der Innenminister des Bundesstaates, Anil Deshmukh, zugestimmt habe, Rao für 15 Tage als »Sonderfall«, jedoch nicht als Präzedenzfall in das Nanavati-Krankenhaus zu verlegen. Den Familienmitgliedern Raos soll es möglich sein, ihn zu besuchen.

Im Juli hatte sich Rao im Gefängnis mit Covid-19 infiziert und wurde erst ins Krankenhaus eingeliefert, nachdem seine Familie eine Notfallpressekonferenz abgehalten hatte. Im August wurde er ins Gefängnis zurückverlegt. Laut einem ärztlichen Bericht leidet er zudem an Demenz, Leber- und Nierenversagen und hatte bereits einen Herzinfarkt.

Zu seinem Geburtstag am 3. November erhielt Rao aus dem ganzen Land Briefe und Glückwunschkarten. Dem Inhaftierten wird trotz mehrerer Versuche seiner Anwälte die Freilassung auf Kaution verwehrt. Obwohl er seit zwei Jahren wegen Beteiligung an den Unruhen von Bhima-Koregaon inhaftiert ist, wurde sein Fall nicht vor Gericht verhandelt. Mehr als 100 Intellektuelle weltweit haben seine Freilassung gefordert, darunter der US-amerikanische Linguist Noam Chomsky.

Rao wurde 1940 in eine bürgerliche Brahmanenfamilie in einem Dorf in Warangal in Südindien geboren. Seit seinem 17. Lebensjahr schrieb er Gedichte. Rao war tief von der marxistischen Philosophie beeinflusst, seine Poeme und Schriften spiegeln diese Haltung und seine Opposition gegen den Neoliberalismus wider. Er hat mehr als 15 Gedichtsammlungen veröffentlicht, die in verschiedene indische Sprachen übersetzt wurden. Raos Werk »Telangana Liberation Struggle and Telugu Novel – A Study into Interconnection between Society and Literature« (1983) gilt in der südindischen Sprache Telugu als Meilenstein in der marxistischen Literaturkritik.

1973 wurde Rao erstmals von der Regierung des Bundesstaates Andhra Pradesh im Rahmen des »Maintenance of Internal Security Act« verhaftet, weil er mit seinen Schriften Gewalt angeheizt habe. Im Jahr 2005 fungierte Rao als Vermittler, um Frieden zwischen der Landesregierung und der maoistischen Untergrundorganisation »People’s War Group« zu vermitteln. Nach dem Abbruch der Gespräche wurde Rao erneut festgenommen, diesmal nach dem Gesetz für die öffentliche Sicherheit.

Im August 2018 wurde Rao dann wegen mutmaßlicher Beteiligung an den Unruhen in Bhima-Koregaon am 1. Januar desselben Jahres festgenommen. Seine Inhaftierung war auf Grundlage des Antiterrorgesetzes UAPA möglich, im Zuge dessen es zu einer landesweiten Verhaftungswelle gegen kritische Intellektuelle kam. Rao wurde unterstellt, zu Gewalt aufgerufen zu haben und einen Komplott zur Ermordung des indischen Premierministers geplant zu haben. Er hat die Vorwürfe immer zurückgewiesen.

Die britische Wirtschaftswissenschaftlerin Barbara Harris-White, die eine der Petitionen zur Freilassung von Rao organisiert hat, sagte jW, sie sei keine Anwältin, aber der Ansicht, dass Rao, wie viele andere, illegal verhaftet worden und die Vorwürfe falsch seien. Wenigstens werde er nun verlegt. »Man muss sich aber auch fragen, ob die Verantwortlichen Angst vor den Konsequenzen haben, wenn er im Taloja-Gefängnis stirbt.«

Von Martin Haffke
junge Welt 24.11.2020

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