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JANN MARC ROUILLAN, AUS DER ERINNERUNG, DIE ANTIFRANQUISTISCHEN REVOLTEN DER 1970ER-JAHRE

21.07.21

jmrJann Marc Rouillan, Mitbegründer der französischen Action Directe, beschreibt in seinem Buch seine Politisierung vom jungen militanten Schüler bis zum Antiimperialisten. Er erzählt seine politische Geschichte mit allen Fehlern und Irrtümern, stellenweise fehlt Selbstkritik.
«Liberez Jann Marc Rouillan». Diese Parole konnte man im Herbst 2020 in französischen und auch manchen Schweizer Städten lesen. Damals drohte dem Mitbegründer der französischen Guerillagruppe Action Directe (AD) erneut Gefängnis. Er war bereits von 1987 bis 2012 wegen verschiedener militanter Aktionen inhaftiert. Vor zwei Jahren wurde er …

… nach einem neuen französischen Antiterrorismusparagraphen zu acht Monaten Hausarrest verurteilt und musste eine Fussfessel tragen. Weil diese Fessel von ihm unbemerkt beschädigt worden war, drohte ihm erneut Gefängnis. Das konnte wohl auch wegen der zahlreichen Proteste verhindert werden. An den Solidaritätsaktionen beteiligen sich auch junge Menschen, für die «Action Direct» (AD) bereits Geschichte es.

Kampf hat absolute Priorität
Es liegt auch an der Persönlichkeit von Jann Marc Rouillan, dass er unterschiedliche Spektren und Generationen der Linken anzusprechen vermag. Er verkörpert den Typus des linken Militanten, der sich nicht von ideologischen Abgrenzungen leiten lässt. Für ihn hat der Kampf auf der Strasse, der Universität und der Fabrik absolute Priorität. Das wird sehr gut in dem kürzlich auch in deutscher Sprache erschienenen Buch «Aus der Erinnerung» deutlich, in der Rouillan seine Politisierung vom jungen militanten Schüler bis zum Antiimperialisten beschreibt, der sich der AD anschliesst. Es ist gleichzeitig ein subjektiver Beitrag zu einer linken Geschichte, die heute fast vollständig vergessen ist. Es geht um den Widerstand gegen das Franco-Regime in Spanien, der in den frühen 1970er Jahren noch einmal gewachsen ist. Weil die Stützen des Regimes die Grundlagen auch nach dem absehbaren Tod von Franco erhalten wollten, wurde ein Teil der bürgerlichen und reformistischen linken Opposition in Verhandlungen einbezogen, die in den Prozess der Transición mündeten. Ein von Franco ausgewählter König sollte eingesetzt werden. Grosse Teile der radialen Linken betrachteten diesen Kurs der Transición als Verrat an der sozialen Republik, gegen die Franco 1936 putschte.
Bewaffnete Aktionen gegen den Franco-Faschismus, für die anarchistische und kommunistische Gruppen verantwortlich waren, hörten nie ganz auf. Ein Aufschwung dieser Kämpfe setzte nach den Sturz von Hitler und Mussolini ein, weil viele Linke überzeugt waren, dass sich jetzt auch Franco nicht mehr halten kann. Umso grösser war die Enttäuschung, als klar wurde, dass im beginnenden Kalten Krieg der Franco-Faschismus zum Bündnispartner der westlichen Staaten gegen die Sowjetunion wurde. Auch danach gab es immer wieder Versuche, den bewaffneten Kampf in Spanien zu führen. Eine wichtige Rolle spielten dabei die Unterstützer*innenbasen linker Spanier*innen im französischen Exil.

Todesstrafe vollstreckt
Toulouse war eine dieser Zentren und galt als heimliche Hauptstadt der spanischen Republikaner*-innen im Exil. Hier setzt die Erzählung von Jann Marc Rouillan an, der in dieser Stadt aufgewachsen ist und politisiert wurde. Die Jugendlichen brauchten nicht die Inspiration des Che Guevara, der in Bolivien kämpft. Ihr Kampfgebiet war in unmittelbarer Nähe. Die spanische Grenze war nah und die Geschichten von den illegalen Grenzübertritten der Linken waren bekannt. In Toulouse waren die Namen der Genoss*innen bekannt, die von den franquistischen Schergen gefangen genommen, gefoltert und vor Gericht gestellt wurden. Die Todesstrafe war dort noch in Kraft und wurde auch noch praktiziert, was Rouillan und seine Genoss*innen bald schmerzlich erfahren mussten. Sein enger Gefährte Salvador Puig Antich wurde am 2. März 1974 in Spanien mit der Garotte hingerichtet. Er war eines der letzten Opfer dieser besonders mittelalterlichen Methode der Todesstrafe. Er gehörte wie Rouillan zum Movimiento Ibérica de Liberatión (MIL), der durch den 1968er-Aufbruch inspirierten bewaffneten Gruppe, die den Befreiungskampf in Franco-Spanien vorantreiben wollte.
Die MIL ist heute weitgehend unbekannt, es gibt nicht einmal einen deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag über sie. Auch der preisgekrönte Film «Salvador» von 2006, der Antich vor allem als Opfer darstellt, dem wegen eines spektakulären Anschlags der ETA auf einen Franco-Repräsentanten die angeblich zum Greifen nahe Begnadigung verwehrt blieb und der deshalb unter der Garotte sterben musste, blendet das politische Umfeld des Hingerichteten weitgehend aus. Die MIL kommt im Film nur am Rande vor. Der Preis eines erfolgreichen Films, der die Zuschauer*innen im linksliberalen Milieu zu Tränen rührt, ist die weitgehende Entpolitisierung. Die Sympathie des Publikums hört dann auf, wenn der Verurteilte eben kein unschuldiges Opfer sondern ein politischer Kämpfer ist, der sogar die Waffe in die Hand genommen hat.

Fehler und Irrtümer nicht verschwiegen
Genau dieses linksliberale Publikum bedient Jann Marc Rouillan nicht. Er beschreibt seine politische Geschichte mit allen Fehlern und Irrtümern. Dabei schont er sich auch selber nicht. So erwähnt Rouillan, dass er auch bei manchen seiner ehemaligen anarchistischen Gefährt*innen bald als Stalinist galt, weil er durchaus autoritär seinen Kurs durchsetzen konnte. Dabei galten dann Zweifler*innen schnell als Reformist*innen oder Ängstliche.
Da hätte man sich vielleicht im Abstand von Jahrzehnten manchmal mehr Selbstkritik gewünscht. So schildert Rouillan, wie er mit einigen Genoss*innen von Ex-MIL, die Iberische Befreiungsfront hatte sich gerade selbst aufgelöst, bei einen bekannten Genossen der anarchistischen Gewerkschaft CNT im französischen Exil, wegen Unterstützung angefragt hatte und dabei abblitzte. Eskaliert sei die Situation, nachdem die Ex-MIL-Genoss*innen dem Gewerkschafter erklärten, ihnen sei bekannt, dass die von ihm so gelobte Gewerkschaftszeitung im französischen Exil gedruckt wird. Noch im Nachhinein kommt dieser CNT-Sekretär schlecht weg. Dabei könnte Rouillan im Abstand von Jahrzehnten auch etwas Verständnis für Genoss*innen aufbringen, die ebenfalls unter Lebensgefahr in Franco-Spanien die Gewerkschaftsarbeit am Laufen halten wollten. Waren sie nicht womöglich besonders gefährdet, wenn zeitgleich andere Linke Attentate planten? War es nicht verständlich, dass der Gewerkschafter den Druckort der Zeitung nicht mit Menschen diskutierten wollte, die er kaum kannte? Solche Fragen werden durch Rouillans sehr subjektive Erinnerungen angeregt. Sie sind ein wichtiger Baustein für die Rekonstruktion linker Geschichte. «Hoffnung bedeutet, überzeugt zu sein, dass wir niemals besiegt sein werden, solange eine einzige Erinnerung lebendig bleibt», schreibt Rouillan. Sein Buch leistet dazu einen wichtigen Beitrag. Peter Nowak

Erstveröffentlichungsort:
https://www.vorwaerts.ch/international/rekonstruktion-linker-geschichte/

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