political-prisoners.net

  • Full Screen
  • Wide Screen
  • Narrow Screen
  • Increase font size
  • Default font size
  • Decrease font size

Beitrag ausdrucken

Briefwechsel zwischen Christa Eckes und Hüseyin Çelebi erschienen

27.07.21

briefwechsel-zwischen-christa-eckes-und-hueseyin-celebi-erschienen-07-30-2021Hüseyin Çelebi verbrachte ab 1988 etwa zwei Jahre in deutscher Isolationshaft. Christa Eckes saß damals wegen RAF-Mitgliedschaft im Knast. In Briefen tauschten beide ihre Erfahrungen im Gefängnis und im Widerstand aus. Nun sind sie als Buch erschienen.


Das Ende der 1980er Jahre war weltweit von ökonomischen und politischen Umbrüchen gekennzeichnet, die die Bedingungen revolutionärer Politik von Grund auf veränderten. Vor diesem Hintergrund wurde dutzenden kurdischen Aktivisten und Aktivistinnen der Prozess gemacht. Hüseyin Çelebi war einer von ihnen. Nach zwei Jahren im Gefängnis wurde er 1990 entlassen und ging dann nach Kurdistan zur Guerilla. Christa Eckes war damals schon länger im Knast. Sie hatte sich 1973 der RAF angeschlossen und war 1984 zum zweiten Mal verhaftet worden. Der Briefwechsel zwischen den beiden Gefangenen umspannt die Zeit des Hungerstreiks der Gefangenen aus RAF und Widerstand 1989 und des Düsseldorfer „Kurden-Prozesses”, der das spätere PKK-Verbot vorbereitete, das bis heute andauert.

Trotz der Einschränkungen durch die Zensur schafften es Christa Eckes und Hüseyin Çelebi, eine Korrespondenz aufzubauen, in der sie ihre Erfahrungen mit der Isolationshaft und der Justiz austauschen und die Situation der kurdischen, türkischen und deutschen Linken reflektieren. In ihrem subtil-ironischen Stil zeigen die Briefe auch, wie sich die beiden in kurzer Zeit näher kommen, und eine Kraft, die Mut macht.


Hüseyin Çelebi wurde am 22. September 1967 als Sohn einer türkischen Mutter und eines kurdischen Vaters in Hamburg geboren, wo er bis zu seinem 18. Lebensjahr aufwuchs. Dort besuchte er die Grundschule bis zur Mittelstufe. Anschließend ging er zur Fachoberschule für Sozialpädagogik und brach das Studium Anfang 1986 ab. Seine ersten politischen Aktivitäten begannen 1974, als er an einer Demonstration gegen die Abschiebung von 169 Kurden durch den damaligen türkischen Premierminister Bülent Ecevit an das Saddam-Regime im Irak teilnahm. Alle 169 Kurden wurden nach der Abschiebung hingerichtet. Gefallen ist Hüseyin Çelebi im Oktober 1992 bei einem Angriff der türkischen Armee und südkurdischer Kollaborateure auf die Camps der HGP-Vorgängerorganisation ARGK in der Region Heftanîn.
Herausgeberinnen sind Weggefährtinnen von Christa Eckes

Gisela Dutzi, Sieglinde Hofmann und Brigitte Mohnhaupt haben diesen besonderen Briefwechsel gemeinsam herausgegeben. Erschienen ist das 200 Seiten starke Buch mit einem Beitrag vom PKK-Mitbegründer Duran Kalkan, einer ausführlichen Chronologie und zahlreichen Fotos im Frankfurter Verlag der Stiftung Cimarron. Dutzi, Hofmann und Mohnhaupt haben Christa Eckes zu unterschiedlichen Zeiten im Knast und in der Illegalität kennengelernt und intensive Jahre mit ihr zusammen erlebt. Auch nach der Zeit im Gefängnis sind sie sich nah geblieben, die politische Beziehung war eng.

2012 ist Christa Eckes gestorben und hat ihre Korrespondenz mit Hüseyin Çelebi hinterlassen. „Wir wussten aus Gesprächen, dass sie ihr immer wichtig war und dass sie auch vorhatte, alles zu sortieren und Hüseyins Vater Kopien zu bringen. Erst später begannen wir uns über das Paket der Briefe einen Überblick zu verschaffen – was gehört zusammen, was sind die inhaltlichen Bereiche. Vieles war nur noch schwer lesbar, 30 Jahre alte Durchschläge, fehlende Ecken, schlechte Kopien usw. – also musste zuerst alles abgetippt werden”, schreiben die Herausgeberinnen.

Ein weiterer Ansporn für die drei Frauen, sich mit dem Briefwechsel genauer zu beschäftigen, kam durch eine Reise von Dutzi im Frühjahr 2018 nach Rojava und die politischen Aktivitäten und Projekte, die sie dort kennenlernte. Ein zentraler Satz der kurdischen Frauen sei: „70 Prozent des Kampfes ist der um die eigene Veränderung.” Das war auch für Dutzi eine grundlegende Erfahrung, in der Illegalität wie in den Knastjahren, und besonders klar in der Isolation.

Briefe versetzen zurück in den Knast und die Zeit vor dem letzten großen RAF-Hungerstreik

Nicht einfach sei es gewesen, in den Austausch der beiden „reinzukommen”, die Menge an Infos zum Knastalltag, zu Verhaftungen und Prozessen aufzunehmen. „Auf den ersten Blick war es vor allem anstrengend, und wir haben uns gefragt, wer so viel Interesse und Geduld haben würde, das zu lesen. Aber mit dem Abtippen hat sich dieser Eindruck geändert, es hat uns geholfen, immer genau hinzuschauen, den Gedanken der beiden zu folgen und dabei auch Kleinigkeiten, besondere Details wahrzunehmen, die uns beim Durchlesen davor ganz entgangen waren.”

Die Briefe hätten zurückversetzt in den Knast und die Zeit vor dem letzten großen RAF-Hungerstreik 1989: „Die Diskussionen damals drehten sich viel um die globale politische Entwicklung. Es war absehbar, dass sich diese auf einen historischen Umbruch zubewegte. Daraus haben wir den Hungerstreik anders bestimmt als in den Jahren davor. Wir wollten unsere Zusammenlegung auch, um Teil der Diskussion einer umfassenden Neuorientierung sein zu können, die notwendig geworden war. Aber auch als Schritt zur Freilassung; nach vielen Jahren Knast und Isolation war die Gesundheit der meisten von uns zerrüttet.”

Die Solidarität in dieser Zeit und der Widerstand gegen die destruktiven Entwicklungen hatten eine große gesellschaftliche Spannbreite und Militanz. Das fand ja unmittelbar vor dem historischen Einschnitt Anfang der 1990er Jahre statt, der weltweit die Ausgangsbedingungen für revolutionäre Entwicklungen veränderte. Die Briefe seien deshalb ein Dokument, das den realen Knast wiedergebe auch mit dem Klein-Klein, den ganzen Details – „denn genau so ist es, das tägliche Gezerre, das Herumschlagen mit der Zensur usw.”

Export des westdeutschen Isolationsregimes in die Türkei: „F-Typ”-Gefängnisse

Ein Thema ist die Isolationshaft, die Christa Eckes aus all den Jahren in ihren Auswirkungen gut kannte. Ihr sei es wichtig gewesen, diese Erfahrungen an Hüseyin Çelebi und seine Genossinnen und Genossen zu vermitteln. Einige der kurdischen Gefangenen hatten Knast und Folter in der Türkei hinter sich; dort waren die politischen Gefangenen immer zusammen. Erst später, in den Jahren 1990 bis 2000, begann der Export des westdeutschen Isolationsregimes in die Türkei, es entstanden die sogenannten „F-Typ”-Gefängnisse.

„Es gibt Fotos aus den türkischen Knästen von Gefangenen aus der Zeit 1988/89. Christa bezieht sich in den Briefen auf diese Fotos und freut sich darüber, dass die Gefangenen dort in Gruppen zusammen sind. Für die kurdischen Gefangenen hier war die Isolationshaft eine neue Erfahrung. Das begann gleich damit, dass die Festgenommenen im Februar 1988 auf viele Knäste verteilt wurden, um jeden Kontakt untereinander zu verhindern. Allein schon die Forderung nach Zusammenlegung wurde in der BRD kriminalisiert.

Zum Beispiel erzählt Hüseyin, dass Selahattin Erdem ihn fragt, ‚ob es nicht möglich ist, dass wir zur Vorbereitung unserer Verteidigung zusammengelegt werden können, weil dies in der Türkei möglich ist. Jetzt muss ich ihm schreiben, dass diese Überlegung selbst schon ‚terroristisch’ ist”.

Çelebi schrieb zur Geschichte der Ezid:innen

Bei einem Brief von Çelebi vom 9. Februar 1989 zur Geschichte der Ezid:innen stellte sich sofort die Verbindung zu heute her, dem Genozid an der ezidischen Gemeinschaft durch den „Islamischen Staat“ (IS) in Şengal 2014 und der Rettung der Überlebenden durch die YPG/YPJ- und HPG-Kämpferinnen und -Kämpfer.

„Ein anderes Thema ist das Verhältnis und die Zusammenarbeit der kurdischen Bewegung und der türkischen Linken. Christa war das wichtig, sie fragt öfter danach. Sie kam in einer Zeit in den Knast, als die Einheit der Kämpfe in Westeuropa bei aller Unterschiedlichkeit die Diskussion bestimmte. ‚Zusammen kämpfen’ war die politische Haltung und Ziel militanter Gruppen und Guerillas in der BRD und Westeuropa.”

Schließlich haben sich Gisela Dutzi, Sieglinde Hofmann und Brigitte Mohnhaupt dafür entschieden, alle vorhandenen Briefe mit nur unwesentlichen Änderungen zu veröffentlichen. Da es so lange her ist, direkt vor dem historischen Einschnitt, wurde eine Chronologie zu diesem Jahrzehnt, den 1980er Jahren, angehängt. Bei der Erarbeitung und Recherche dazu wurde noch einmal klar, was das für ein Jahrzehnt gewesen sei, in dem unzählige Kämpfe und Widerstandsaktionen weltweit stattfanden, als ob alles in die Waagschale geworfen würde gegen die destruktive Entwicklung und um das Kräfteverhältnis umzudrehen. Christa Eckes hatte die weltweite Entwicklung immer im Blick. Der Internationalismus war Ausgangspunkt sowohl für sie als auch für Hüseyin Çelebi, was in ihren Briefen auch deutlich zum Ausdruck kommt.

Briefwechsel ein berührendes Zeugnis

„Je intensiver wir uns mit den Briefen beschäftigten, um so mehr haben wir gesehen, dass sie nicht nur ein Dokument sind, das einen bestimmten historischen Zeitpunkt festhält, oder ein Austausch an Information und Diskussion. Sie sind auch ein berührendes Zeugnis, wie zwei, die sich nicht kennen, trotz aller Hindernisse eine Nähe zueinander entwickeln – ein bestimmter Draht entsteht, wie sie einander immer besser ticken. Auch in ihrem oft gleichen ironischen Ton und leisen Humor.”

Briefwechsel

Christa Eckes, Hüseyin Çelebi | April 1988 - Dezember 1989

200 Seiten | € 12,00 ISBN 978-2-931138-01-4

Bestellbar bei http://www.fair-bestellwerk.com/edition-cimarron oder über Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.

https://anfdeutsch.com/kultur/briefwechsel-zwischen-christa-eckes-und-huseyin-Celebi-erschienen-27494

You are here: Briefwechsel zwischen Christa Eckes und Hüseyin Çelebi erschienen