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Morgen brennt der Reichstag

Von Otto Köhler / junge welt 19.02.13

reichstagsbrand»Niemand wird deine Geschichte glauben«, sagt der SA-Mann. Was sagt der Bundestagspräsident?






Fotomontage John Hartfields zur Bücherverbrennung am
10. Mai 1933 mit dem brennenden Reichstag als Hintergrund
 
Morgen nach der »Tagesschau« schlagen Flammen aus dem Fernsehschirm. Ein Spielfilm nur – »Nacht über Berlin« – im Ersten. Aber hier brennt das Dogma von der Unschuld der Nazis am Reichstagsbrand. Aufgestellt hatte es Rudolf Augstein 1959: »Über den Reichstagsbrand wird nach dieser Spiegel-Serie nicht mehr gestritten werden. Es bleibt nicht der Schatten eines Belegs, um den Glauben an die Mittäterschaft der Nazi-Führer lebendig zu erhalten«. Zusammengebastelt hatte die Spiegel-Serie mit Hilfe von Altnazis der pensionierte Verfassungsschützer Fritz Tobias. Sein aus der Serie entstandenes Buch ist letztes Jahr im rechtsradikalen Grabert-Verlag der Holocaustleugner wiedererschienen. Aber schon vor fünf Jahren hat ein bekennender Tobias-Jünger, der Welt-Historiker Sven Felix Kellerhoff, mit einem dünnen Buch (»Der Reichstagsbrand«) die Nachfolge angetreten. Auch beim Fälschen. Beide, Tobias wie Kellerhoff, zitieren aus den Memoiren des Auslandspressechefs Hanfstaengl, wie total überrascht Hitler und Goebbels gewesen seien, als sie von ihm am Telefon erfuhren: D er Reichstag brennt. Kellerhoff wie Tobias unterschlagen dabei die Hanfstaengl-Überlegung, ob er von den Nazi-Führern nicht als Alibi mißbraucht worden sei.

Kellerhoff wurde vom Bundestagspräsidenten Norbert Lammert gefördert. Der stellte im Haus der Parlamentarischen Gesellschaft das Buch vor und rühmte, wie »schlüssig« die Unschuldsthesen von Kellerhoff seien, wie »genau« schon Tobias recherchiert habe. Und wie sehr der deshalb der »Diffamierung« ausgesetzt wurde.

»Nacht über Berlin« ist nur ein Spielfilm über den Reichstagsbrand. Aber Regisseur Friedemann Fromm mußte höllisch aufpassen, daß ihm die Fanatiker des präsidial verordneten Dogmas von der Unschuld der Nazis nicht Steine in den Weg legten.

Als Kellerhoff den Regisseur im August bei den Dreharbeiten aufsuchte, ließ er sich durch einen Trick beruhigen: »Fromm will vermeiden, mit seinem Film in der Frage der Täterschaft Position zu beziehen. Das soll mit einem Kunstgriff gelingen, erklärt der Regisseur: Der Zuschauer wird die Brandstiftung durch die Augen einer Filmfigur sehen, die aber keine Aussage mehr machen kann, weil sie ums Leben kommt«, hieß es in der Welt.

Er irrt. So tot, wie Kellerhoff hofft, ist der von der SA ermordete Augenzeuge nicht. Wir sehen morgen in der 85. Minute des Films, wie ihm der Hausinspektor berichtet, er habe nachts Schritte und Stimmen im unterirdischen Heizungsgang gehört, der vom Reichstag zu Görings Präsidentenpalais führt.

Wir sehen mit – 92. Minute –, wenn der Augenzeuge während des Brandes sechs verdächtige Gestalten durch den dunklen Heizungsgang huschen sieht.

Wir sehen mit – 94. Minute –, wenn er aus dem brennenden Reichstag taumelt und hinter ihm her sechs SA-Leute in Uniform.

Wir sehen mit, wenn der eine SA-Mann in der 103. Minute sagt: »Niemand wird dir deine Geschichte glauben.« Und wenn der andere ihn dann erschießt. Wir bleiben am Leben. Das ist nicht nur Kellerhoffs Pech.

Auch der Bundestagspräsident hat kein Glück gehabt, als er ihm und Tobias vertraute. Sein Bekenntnis zur Recherchierkunst des bei den Holocaustleugnern geendeten Verfassungsschützers Tobias, sein unerschütterlicher Glaube an Kellerhoffs Dogma von der Naziunschuld, das alles steht bei Redaktionsschluß (18. Februar, 16 Uhr) noch immer auf der offiziellen Website des Bundestagspräsidenten: www.norbert-lammert.de/gelesen2.php?id=24.

Was will der Bundestagspräsident in einer Woche zum 80. Jahrestag des Reichstagsbrands verkünden? Daß es ihm egal ist, warum die 73 Parlamentarier starben, die wegen des Reichstagsbrands festgenommen wurden?

Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD, »Nacht über Berlin«
3.3., Hamburg, Polittbüro, Steindamm 45, 20 Uhr, Vortrag von Otto Köhler: »Der Reichstag brennt noch immer«
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