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Andrea Stauffacher: «Als Gefangene eine weitere Seite der revolutionären Identität entwickeln»

09.10.13

andiaufbau 74

(agj / rh) Seit Mitte Mai sitzt Andi im Gefängnis. Damit absolviert sie die 17-monatige Haftstrafe, zu der sie verurteilt wurde. Das Interview dient der Vermittlung von Erfahrungen und Überlegungen im Knast.

Wie verändert sich die Identität als politische Gefangene verglichen zu draussen?

Beim Haftantritt liegt eine lange Phase der Ermittlungen/Konfrontation der Bundes- oder Staatsanwaltschaften, der kollektiven Diskussion um die politische Prozessstrategie, der politischen Kampagne und des Prozesses selbst hinter einem. In dieser Phase eignet man sich bereits ein gutes Stück der auf einem zukommenden Identität als politische Gefangene an: von der politischen Militanten in der direkten Konfrontation mit dem Repressionsapparat hin zur Verurteilten nach einem politischen Prozess. Ausser der U-Haft und direkten Konfrontation bei und mit den Ermittlungshandlungen sind diese Momente durch die Kollektivität geprägt.

Anders verhält es sich bei Haftantritt, da wird die Kollektivität erstmals aufgesplittet, in der Zelle steht man zunächst mal alleine! Von der doch aussergewöhnlich konzentrierten Kollektivität (Solidarität heisst Kollektivität) zum Individuum. Es muss ein Ziel sein, die Kollektivität durch die Verbindung Drinnen und Draussen wieder herzustellen.

Wichtig ist für die Militanten in Haft, dass sie sich die Zeit und Ruhe nehmen, erstmals in die neue Situation einzutauchen, sich zu orientieren, um dann in einem nächsten Schritt die diversen Elemente fein säuberlich aufzutrennen und so zu erkennen vermögen, bevor sie sie mit der Sicht als politischer Gefangener wieder zu einem Ganzen zusammenfügen! Es ist wichtig zuerst in den Knastalltag einzutauchen und drinnen alles auf die Reihe zu kriegen, bevor man die Brücke nach draussen versucht zu schlagen.

Ganz grundsätzlich kann man sagen: Als politische Gefangene im Vollzug gleist man eine weitere, zusätzliche Seite der politischen, revolutionären Identität mit auf. Einerseits ist und bleibt man eine Militante wie man es draussen war, andererseits aber muss man seine neue Rolle und Funktion in dieser erweiterten Identität erarbeiten, reflektieren, in der Praxis leben, sich damit konfrontieren, korrigieren, daran wachsen, entwickeln.

Die Konfrontation mit diesem Prozess läuft auf zwei Ebenen, Drinnen und Draussen – unterschiedlich in Form und Methode, und besonders zu berücksichtigen: ungleichzeitig! Diese zwei Seiten verhalten sich dialektisch zueinander – Kollektivität im Sinne Drinnen/Draussen kann nur über diese Dialektik eine gewisse politische wie praktische Qualität erreichen!

Das „Innenleben“ des Knastes, das immer unter permanentem Strom steht, ist nicht zu unterschätzen: Wie wir uns in der Konfrontation mit der Institution verhalten wirkt sich auf das Verhältnis zu den anderen Gefangenen aus und umgekehrt. Der dauernde Wechsel in der Zusammensetzung der Gefangenen spielt in dieser Dynamik eine wichtige Rolle! Auch da heisst es, alles in Ruhe anpacken, nichts überstürzen, grundsätzliches festlegen und versuchen, in der Praxis umzusetzen. Die Zusammensetzung der Gefangenen ist auch ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Situation, objektiv wie subjektiv, draussen. Verklärte Positionen dazu führen zu Ernüchterungen.

Aus meiner bisherigen Erfahrung würde ich empfehlen, gewisse grundsätzliche Eckpfeiler im Verhältnis und Verhalten festzulegen, versuchen, diese wirklich
umsetzen zu können und ganz besonders: Sich auf die eigenen gesetzten politischen Ziele zu konzentrieren. Umso klarer das Verhältnis Drinnen/Draussen aus unserer politischen Optik heraus stimmt, umso weniger angreif- und ablenkbar ist man im Alltag des Vollzuges, umso besser kann man diese auch wirklich bis zu Strafende durchziehen. Unser oberstes Ziel ist immer: Aus den Erfahrungen in der Konfrontation mit dem Feind gestärkter, formierter, entschlossener hervorzugehen! Dem revolutionären Prozess Kontinuität zu garantieren, ist eine langfristige historische Aufgabe – der Konfrontation mit dem Klassenfeind kommt darin nur eine spezielle, wenn auch nicht unwichtige Rolle und Funktion im Aufbau von Gegenmacht zu!

Du bist als einzelne Gefangene im Knast, und damit auch ausgestellt, aber trotzdem Teil einer Organisation. Wie gehst du damit um?

Der schwierigste Punkt ist wohl, dass es zwar eine/n Einzelnen, das Kollektiv aber treffen soll, also ein Gleichgewicht zwischen Kollektivität und Individuum gefunden werden muss. Diese Dialektik hat im Verlaufe der Situation einen ganz anderen Charakter: von der U-Haft bis hin zum Vollzug... und trotzdem geht es immer um das gleiche Prinzip. Gerade weil sie „einzelne treffen, aber alle meinen“ ist es wichtig, diesem Angriff immer eine politische Bedeutung zu geben.

Auch da gilt es zu differenzieren: welche Qualität hat der Angriff, in welcher subjektiven Situation der Bewegung, Organisation, Struktur usw. trifft es mit welcher Zielsetzung? Entsprechend sollten wir unsere Antworten und Schutzmassnahmen organisieren und in die Praxis umsetzen. Umso massiver der Angriff, umso wichtiger die politische Stärkung gegen Innen. Der richtige Schutz, was immer dieser sein mag, zum richtigen Zeitpunkt kann in gewissen Situationen die beste politische Antwort bedeuten. In anderen wiederum kann offensives, entschlossenes öffentliches politisches Auftreten in einem gewissen Sinne wegweisend für den Kampf im Sinne der Dialektik Revolution/Konterrevolution, auch im internationalen Sinne, sein!

Dabei spielt natürlich auch die Rolle des/der Militanten im revolutionären Kampf ganz generell eine wichtige Rolle. Erfahrung, Formierung, politische Identität des, der Betroffenen dürfen dabei nicht vergessen gehen. Als revolutionäre Kommunistin kann und würde ich nie anders handeln wollen, als die Konfrontation an vorderster Spitze zu führen. Alles andere würde mich zutiefst in meiner Geschichte, meinem Selbstverständnis treffen. Der Aufbau von Gegenmacht, die Entwicklung des voranzutreibenden revolutionären Prozesses in der aktuellen historischen Etappe ist Teil einer historisch gewachsenen, kollektiven Entwicklung, Die darin einzunehmenden Funktionen und Rollen sollen auch dem subjektiv Möglichen der einzelnen Militanten entsprechen. Da spielt natürlich auch wieder die Dialektik im Sinne das Ganze und seine einzelnen Protagonisten eine wichtige Rolle. Ohne das eine gibt es das andere im Sinne revolutionärer Politik aus kommunistischer Sicht heraus nicht.

Ist Knastkampf Klassenkampf?

Ganz grundsätzlich ist der Knastkampf ganz bestimmt von der Qualität des Klassenkampfes draussen abhängig. In einem Land, wo der Klassenkampf ganz generell eine hohe Qualität erreicht hat, wird es auch in den Knästen nochmals ganz anders aussehen, als in einer Phase, wo der Klassenkampf nur punktuell, in den verschiedenen Sektoren der Klasse und dazu noch ganz unterschiedlich läuft. Eine gewisse gesellschaftliche Relevanz, die diese Klassenkämpfe erst wahrnehm- und fassbar machen, muss bestimmt vorhanden sein, damit diese sich dann in zeitlicher Verschiebung auch in den Knästen niederschlagen.

Was ist der Stellenwert politischer Gefangener in einer Bewegung?

Gehen wir von einer Konfrontation Revolution/Konterrevolution aus, so sind politische Gefangene letztlich eine Ausbeute, die der Klassenfeind auf seinem Konto einzustreichen versucht: «Seht her, es lohnt sich nicht, denn das Gewaltmonopol ist letztlich in den Händen des Staates, wer die Spielregeln der bürgerlichen Herrschaft nicht einhält, wird mit harten und einschneidenden Konsequenzen zu rechnen haben.» Wenn daraufhin die Bewegung oder Organisation nicht in der Lage ist, adäquat zu antworten wird sie diese Konfrontation von Beginn weg verlieren.

Zum Aufbau von Gegenmacht, der Teil der Dialektik Revolution/Konterrevolution ist, gehört die Fähigkeit zur Solidarität mit dazu. Internationale Klassensolidarität sollte als Teil des Konzeptes «Spiess umdrehen – dem Kapitalismus den Prozess machen»oder «Internationale Klassensolidarität aufbauen – Kapitalismus zerschlagen» verstanden werden. Sie ist die konkrete Antwort auf die Versuche, die Klasse, ihre Bewegungen und Militanten zu spalten – Solidarität ist ein Ausdruck für Kollektivität, Bewusstsein und klassenkämpferische Werte. Revolutionäre Solidarität bedingt Vernetzung, Organisierung, schlägt Brücken im internationalistischen Sinne und ist entsprechend auch ein Teil des Aufbaus internationaler Bewegungen.

Die Stärke einer Bewegung kann man auch daran messen, inwieweit sie in der Lage ist, die von den Angriffen Betroffenen konkret zu tragen und den Angriff im Sinne eines umgedrehten Spiesses zu entwickeln. Darin spielen die konkret Betroffenen eine wichtige Rolle: An ihnen wird beobachtbar, dass die Repression ihre Ziele nicht erreicht, sondern man aus diesen Erfahrungen gestärkt hervorgehen kann.

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