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Andreas Krebs zu seiner neuen Situation – Mitte November 2014

30.11.14

andreas krebsWeil es uns und Andreas ein großes Bedürfnis ist, allen Interessierten über die letzten Ereignisse im Knast und die ersten Eindrücke von der neu gewonnenen Freiheit von Andreas Krebs zu berichten, hier ein kleines Interview mit ihm. Andreas Krebs ist nach 16 Jahren Knast nun etwa 4 Wochen draußen. Das Interview wurde 2 Wochen nach seiner Entlassung geführt.

Wie waren deine letzten Wochen im Knast?
Die letzten Wochen waren ein Alptraum. Sie haben mich noch in Aschaffenburg unter Verschluss genommen und ich hatte kaum eine Möglichkeit, meine Sorgen und Ängste bezüglich meiner Entlassung mit meinen Leuten im Knast zu besprechen. Es ging soweit, dass ich mir selbst eine Dröhnung besorgen musste, um die Situation auszuhalten und abzuschalten, sodass auch die Suizidgedanken aufhören.
Ich stand in einem großen Widerspruch, ich konnte mich nicht freuen auf draußen, sondern ich hatte große Angst vor dem Unbekannten. Du lebst die ganze Zeit in einem Loch.
Zum Glück konnte ich trotz der Absonderung in meinem Haftraum bleiben, denn dort hatte ich in den letzten Wochen ein geschmuggeltes Handy auf Zelle, mit dem ich mich selbst zumindest etwas auf meine Entlassung vorbereiten konnte.

Ist nicht der Knast dazu verpflichtet, einen Gefangenen auf die Entlassung vorzubereiten?
Sicher, ich habe sogar bei Gericht einen Beschluss erwirkt, der den Knast dazu aufforderte, mich auf meine Entlassung vorzubereiten und neu zu entscheiden. Das Gericht schloss in ihrem Beschluss selbst die Gefahr der Flucht aus. Quellen verrieten mir, dass der Knast 2mal eine Sitzung diesbezüglich veranstaltet hat. 2 Stunden vor meinem Besuch mit Freunden haben sie mir dann eröffnet, dass ich verlegt werde. Also nix mit Entlassungsvorbereitung. Sie haben vermutlich genau gewusst, dass ich bei einem Ausgang wohl nicht wieder kehren würde (lach).

Wie sieht denn so eine Entlassungsvorbereitung eigentlich aus?
Es kommt auf die Haftzeit an. Es würde viele Sachen geben, von Tragen-dürfen der eigenen Kleidung, freies Telefonieren-dürfen, bis hin zu begleitetem Freigang. Der Knast soll Dich auf das Leben draußen vorbereiten, da spielt natürlich die Haftzeit eine Rolle und auch die Isolation. Null haben sie gemacht, ich konnte mich weder um neue Kleidung noch eine Wohnung kümmern. Sie zwingen Dich, das alles illegal zu machen und das habe ich dann auch gemacht. Ich bin dadurch ein Risiko eingegangen noch mehr Strafe zu bekommen, aber das war mir egal. Es ist so wichtig, sich auszutauschen.

Du hast dich mit dem Handy also selbst auf deine Entlassung vorbereitet?
(lach) Ja, das Handy hatte ich, wohl wissend, dass ich die Beamten und Anstaltsleiter alle- samt verarsche. So wie sie es mit mir und allen anderen Gefangenen machen. Ich habe dann viel mit meinen Leuten draußen telefoniert. Interviews gegeben, es gab auch eine Veranstaltung, wo ich dann aus dem Knast über die Soli-Werkstatt und den Knast mit berichtet habe.
Ich habe sogar meine Schreibmaschinenbänder mit dem Handy von drinnen selbst bestellt.

Hast du das Handy mit raus genommen?
Ach nein, das wurde dem zuständigen Beamten wieder gegeben (lach)...

Du bist dann aus Bayern 2 Wochen vor deiner Entlassung nach Hamburg verlegt worden, wie war das für Dich?
Allein außerhalb Bayerns waren die Eindrücke in den anderen Anstalten auf mich die reinste Reizüberflutung, da ja bekanntlich in bayrischen Haftanstalten ein anderes Lüftchen weht.
Dort gab es ganz andere Möglichkeiten, wie etwa Telefonieren, Privatkleidung, Essen und, und, und.....
Jeder Haftraum war mit TV, Kühlschrank, Wasserkocher und so weiter ausgestattet. In Hamburg angekommen hatte ich plötzlich den ganzen Tag Aufschluss und konnte mich viel freier bewegen, als ich es die ganzen Jahre zuvor gewohnt war. Jedoch war ich wirklich sprachlos über das Verhalten der meisten Mitgefangenen. So gestaltete sich der ein oder andere Gefangene seine Freizeit gemeinsam mit Stationsbeamten: Sie spielten Tischtennis, oder ich sah auch des Öfteren, wie sich Beamte zu Gefangenen auf ein Schwätzchen und eine Zigarette in die Zelle setzen. Mir fiel es schwer, Freund und Feind zu unterscheiden. Die Hamburger können sich freuen, dass ich quasi nur zu Besuch war, sonst hätte ich den Laden auch noch aufgemischt.
Besonders hatte mich jedoch die erste Nacht beeindruckt und sehr mitgenommen:
So gab es dicke Matratzen, dicke und sehr weiche Kopfkissen und Decken. Als ich im Bett lag, kamen mir bei diesen weichen Gefühl die Tränen. Auch in Gedanken an die anderen in Bayern sitzenden Inhaftierten und Freunde.
Jetzt zwei Wochen nach meiner Haftentlassung geht es mir kaum anders und jedes Mal, wenn ich ins Bett gehe, habe ich dieses Gefühl.

Wie war der Tag der Entlassung, was waren die ersten Eindrücke von draußen?
Am Tag meiner Entlassung konnte ich es immer noch nicht glauben, raus zu kommen.
Als ich vor dem Tor stand, atmete ich durch und wurde da schon von zwei lieben Menschen empfangen, was für mich unglaublich emotional war und ich hätte heulen können.
Ein absolut geiles Gefühl, das ich kaum richtig beschreiben kann.
Jedoch ist zu erwähnen, dass mein Perso, der in der JVA Amberg von Amts wegen neu angefertigt wurde, nicht auffindbar war. Man hat mich also ohne Ausweispapiere aus der Haft entlassen.
Lediglich der Entlassungsschein wurde mir ausgehändigt mit dem Vermerk, diesen 6 Wochen aufzuheben, da ich erst in dieser Zeit aus dem Polizeicomputer mit dem Vermerk "Haft" ausgetragen werde.
 Eigentlich war ich der Annahme, dass mich die Bullen verfolgen und observieren, wegen meiner Kontakte und dem jahrelangen Kampf gegen das Schweinesystem (schön, dieses Schweinepack nicht angetroffen zu haben :-). So wurden Besuche in der JVA ganz genau kontrolliert und meine Post separat von jemanden aus der Sicherungstruppe zensiert.
Vieles an Post, ob ein- oder ausgehende, wurde als so genannte Beweismittel zur Gefangenenhabe genommen. Erst bei der Entlassung wurde mir das wirkliche Ausmaß an beschlagnahmten Sachen bewusst, da ich vieles erst dann ausgehändigt bekam. Jedoch sind auch viele Postsendungen spurlos verschwunden.

Was hast Du dann als erstes gemacht?
Wir sind in die Stadt rein, haben was gegessen. Aber allein die Menükarte überforderte mich. 6 kleine Seiten mit einer Auswahl an Essen, waren schon zu viel. Ich wusste überhaupt nicht, was ich bestellen sollte, keine Ahnung...... Dann mussten wir Kleidung kaufen, Schuhe kaufen, ich hatte ja gar nichts, nur das was ich anhatte, aber ich war in dem Kaufhaus so überfordert, ich wollte schnell wieder raus, die Leute, ich habe die Schuhe nicht mal anprobiert.
Meine Augen haben richtig gebrannt, die Autos waren so schnell. Im Knast steht das Leben eben still.

Hast Du es dir so vorgestellt?
Ich konnte mir nach so vielen Jahren eingesperrt sein, draußen nicht vorstellen, auch wenn Freunde am Telefon versucht haben, es mir zu erklären.
Nach jedem Ausflug brauche ich eine längere Erholungsphase und muss dann die ganzen Eindrücke verarbeiten, auch jetzt noch.
 Die ganze Auswahl in den Kaufhäusern, Supermärkten und so weiter überfordern mich noch immer, 17 Tage nach der Entlassung.

Was fällt Dir besonders schwer?
Ich kann nur selten allein auf die Straße, Menschenansammlungen und so weiter gehen mir immer noch sehr nahe. Oft habe ich Sprachaussetzer, bin plötzlich völlig abwesend und hin und wieder aggressiv und launisch. Das alles, bedingt durch die Einzelhaft und ständigen Repressalien, haben durchaus ihre Schäden hinterlassen. In den ersten Tagen bin ich abgestürzt und wollte den Frust raus lassen, zum Glück ist nichts passiert, aber die Aggressionen sind da und es ist ein enormer Druck.
Auch die Alpträume sind geblieben und ich komme auf ganze vier Stunden Schlaf am Tag.
Das Einzige, was mich doch etwas zur Ruhe kommen lässt, ist mein abendlicher Joint vorm zu Bett gehen. Ja, ihr abgefuckten Anstaltsleiter, ich lebe !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
 Ich muss vieles neu lernen, auch mit Menschen umzugehen und so weiter. Ich bin sehr froh, Freunde und Leute um mich zu haben, die mir mit absolutem Verständnis begegnen und mir die Zeit geben, mich etwas zu erholen. Solche Freunde, die für mich etwas wie Familie geworden sind, ist das Wertvollste was man sich wünschen kann.

Wie ist Deine Situation jetzt? Du hast Dir im Knast nichts gefallen lassen, kannst Du schon abschätzen, an welchen Stellen Du draußen anecken wirst?
Da ich mich also nicht unter Führungsaufsicht durch den Staat stellen lasse (egal mit welchen Konsequenzen man mir droht), habe ich mich vom ersten Tag an entschlossen, in die Illegalität zu gehen und von dort meinen Kampf gegen dieses System weiter zu führen.
Ich fühle mich trotz der Vorsicht sehr wohl und möchte behaupten, jetzt bin ich frei !!!!!!!!
Meine Gedanken sind bei meinen Leuten drinnen. Ich stehe in Kontakt mit ihnen und arbeite daran, dass unser Austausch weiterhin bestehen bleibt.
Niemals lasse ich mich überwachen oder in irgend einer Form durch dieses Schweinesystem kontrollieren. Und der Staat kann sich sicher sein, ich mache es ihnen nicht einfach.

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