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Interview mit Miran, der sich am Hungerstreik für Afrin in Genf beteiligte

15.04.18

kobane2Miran Mahmod ist 21 Jahre alt, wohnt und studiert in Bonn. Seit dreieinhalb Jahren ist er in der Bonner Jugendbewegung (BJB) aktiv. Dort setzt er sich mit seinen Freundinnen und Freunden für eine gerechte Welt ein. So protestieren sie für Frieden, für faire Arbeitsbedingungen, für ein Leben ohne Rassismus und Sexismus, für ein Ende von sozialen Kürzungen und für den Erhalt der Umwelt. Bei allen Aspekten beleuchten sie die Rolle deutscher Konzerne und der deutschen Regierung, da es deren Profitstreben ist, das den Zielen der Jugendlichen im Wege steht.

Seitdem Erdogan mit seinen islamistischen Verbündeten den nordsyrischen Kanton Afrin angreift, geht die BJB gemeinsam mit ihren Freundinnen und Freunden aus dem Bonner Solidaritätskomitee Kurdistan für Afrin auf die Strasse. Das folgende Interview wurde am 6. April schriftlich geführt.

Hallo Miran, du hast dich vom 30.03.2018 bis zum 03.04.2018, also fünf Tage, am Hungerstreik vor dem UN-Hauptsitz in Genf beteiligt. Wie geht es dir jetzt?

Vor dem Hungerstreik in Genf, beteiligte ich mich an den Afrindemos, doch ich war bereit, den Protest auf eine höhere Stufe zu stellen. Ich wollte mehr für die Zivilbevölkerung und die heldenhaften Verteidigungseinheiten sowie für die dort erkämpften demokratischen Werte tun. So bin ich auch dazu bereit, persönliche Bedürfnisse zurückzustellen. Als ich über Facebook vom Hungerstreik in Genf erfahren habe, war ich sofort bereit und entschlossen, ihn aktiv zu unterstützen.

Ursprünglich dachte ich, dass es sich um einen unbefristeten Hungerstreik handelt. Der Hungerstreik fing am 19.03. an, ich habe es erst geschafft am 28.03. dort zu sein, dann wurde mir vor Ort gesagt, dass die Hungerstreik-Gruppe am 29.03. ihre Aktion beendet und diese ab dem 30.03. von der nächsten Hungerstreik-Gruppe fortgeführt würde. Da ich beide Hungerstreik-Gruppen unterstützen wollte, habe ich, bis die erste Gruppe fertig war, nichts gegessen. Die Gruppe aus mehreren Politikerinnen und Politikern der HDP streikte 11 Tage, während ihrer letzten 22 Stunden aß ich nichts. So freute ich mich, dass ich die Möglichkeit hatte, diese solidarische Geste erbringen zu können. Nach deren Abreise begann ich schließlich den Hungerstreik mit der neuen Gruppe und lernte dabei neue Leute kennen. Das Kennenlernen einer neuen Aktionsform, einer anderen Protestkultur, neuer Genossinnen und neuer Genossen, ist immer eine Bereicherung des eigenen Charakters. Die Geschichte der kurdischen Bewegung zeigt, dass es Persönlichkeiten wie Kemal Pir 1982 über 50 Tage durchgehalten haben, nichts zu essen. Doch jedes Individuum besitzt andere körperliche Voraussetzungen, Erfahrungen und keiner von uns hat so viel Willensstärke und Mut wie Heval Kemal.

Auf der einen Seite war ich mir also unsicher, was ich selbst kann, aber auf der anderen Seite wird man von den historischen Erfolgen gestärkt. Zudem haben wir uns beim Hungerstreik ständig gegenseitig motiviert und Kraft gegeben, so konnten wir gegen unser Hungergefühl ankämpfen. Schließlich übergab auch meine Hungerstreik-Gruppe ihre Aktion an die nächste Gruppe. Durch das Wechseln der Gruppe wird ermöglicht, dass mehr Menschen am Streik teilnehmen, er länger andauert, es keinem gesundheitlich schadet und viele die Erfahrungen machen können.

Von uns hatte keiner gesundheitliche Probleme, im Gegenteil: Mir geht es nach dem Hungerstreik besser als vorher. Ich bin nun erfahrener, mutiger und erfreut darüber, die Aktion unterstützt zu haben. Daher möchte ich mit möglichst vielen Menschen meine Erfahrungen teilen, um so die Befremdlichkeit der deutschen und schweizerischen Linken vor Hungerstreiks zu überwinden.

Mit dem Hungerstreik sollen die vereinten Nationen zum Handeln aufgefordert werden. Die Regierungen schauen allerdings beflissentlich weg oder beteiligen sich sogar noch mit Waffenlieferungen am Angriffskrieg. Warum also der Protest vor der UN?

Die Vereinten Nationen sind eine internationale Vereinigung, so haben sie eine besondere Verantwortung. Sie haben andere Rechte als eine einzelne Regierung. Zum Beispiel sehen wir, dass die Islamisten auf dem Boden angreifen und von Erdogans Luftwaffe aus der Luft unterstützt werden. Die UN haben die Möglichkeit eine Flugverbotszone auszurufen und können so die Luftangriffe stoppen. Zudem fordern wir von den UN, dass sie Beobachterinnen und Beobachter nach Afrin entsenden und humanitäre Hilfe leisten.

Natürlich erwarten wir nicht, dass die UN als eine Organisation der Reichen und Mächtigen, eine, in der die imperialistischen Staaten das Sagen haben, unsere Forderungen einfach sofort erfüllt. Stellen tun wir diese trotzdem, besonders mit dem Ziel die Öffentlichkeit zu erreichen, damit sich mehr Menschen mit dem Thema befassen und ihre Stimme erheben. Nur mit der Masse an Menschen ist es uns möglich, Druck auf die Organisationen der Herrschenden auszuüben, ein Hungerstreik allein reicht da nicht aus.

Wurde der Hungerstreik in den Medien aufgegriffen?

Aus Bonn kenne ich das so, dass die Fahnen unter denen Afrin verteidigt wird, also die Fahnen unserer heldenhaften und mutigen YPG und YPJ, verboten sind. Auch die Fahne Öcalans ist bei uns verboten, obwohl es der kurdische Repräsentant ist, der das fortschrittliche Projekt des Demokratischen Konförderalismus Jahre bevor es umgesetzt wurde, zu Papier gebracht hat. Verboten wurde das alles, um die wirtschaftlich-politischen Beziehungen mit Erdogan stärken zu können. Wenn wir nun also in Bonn demonstrieren, zu unserer Identität stehen und unsere Fahnen zeigen, dann ist in der Presse meist die Rede von den Verboten und den Verstößen gegen diese. Zudem rechtfertigt dies massive Polizeiaufgebote und so spricht man dann schnell von einem unfriedlichen Verlauf.

In Genf war es uns erlaubt die Fahnen zu zeigen, die Polizei kam nur sehr kurz vorbei und es war alles gut. So gab es also keine Grundlage für eine schlechte Berichterstattung. Wir waren öfters in kurdischen Medien, so erfahren die Menschen in der demokratischen Föderation Nordsyrien von der Aktion und werden ermutigt. Doch was war mit deutschen und schweizerischen Medien? So wie ich mitbekommen habe, wurde in vielen Medien an einem Tag über die erste Hungerstreik-Gruppe berichtet, aber danach verschwand der Streik wieder ganz schnell aus den Medien. Es erweckt den Anschein, dass unser friedlicher Protest mit Absicht totgeschwiegen wird.

Das fand ich persönlich sehr schade. Daher habe ich mehrere Pressemitteilungen verschickt, während ich in Genf im Hungerstreik war. So schaffte ich es, dass die größte Bonner Lokalzeitung über die Aktion berichtete und der Bericht war im Vergleich zu allem, was ich von bisher ihr über kurdische Demos kannte um ein Vielfaches besser.

Dennoch ist der Mangel der Berichterstattung ein wunder Punkt. Wir sehen, dass die kurdische Bewegung nicht nachlässt. Nun streikt die dritte Hungerstreik-Gruppe und danach werden noch einige weitere kommen. Aber es muss berichtet werden! Und genau hier müssen wir als Internationalistinnen und Internationalisten anknüpfen, da es unsere Aufgabe ist, die Bewegung (besonders) dort zu unterstützen, wo sie es dringend benötigt und das ist u.a. bei der Pressearbeit.

Nachdem die Türkei und mit ihr verbündete Dschihadisten die Stadt Afrin eingenommen haben, haben YPG und YPJ eine neue Phase des Guerillakriegs begonnen. Wie können wir im Westen diese Kämpfe unterstützen?

Da haben wir ja direkt die Überleitung zu meinen letzten Sätzen: Wir unterstützen hier die kurdische Bewegung, das heißt in möglichst vielen Städten müssen lokale Solidaritätskomitees aufgebaut und gestärkt werden. Darin müssen Linke mit der kurdischen Bewegung die Proteste gemeinsam planen. Es muss sich eine Arbeitsatmosphäre entwickeln, bei der man sich gegenseitig ergänzt. Die einen sind z.B. bei Hungerstreiks erfahrener und die anderen bei Social Media- und Pressearbeit.

Wenn wir hier die Protest-Kämpfe unterstützen, werden die Proteste automatisch stärker. Und eines müssen wir uns immer wieder vor Augen führen: Afrin wird nicht nur in Afrin verteidigt, sondern auch hier in Europa! Und da gibt es vielfältige Möglichkeiten, einerseits die humanitäre Hilfe (an Heyva zor oder Medico spenden), andererseits auch ganz praktische Aktionen wie Blockaden von Waffenfabriken oder Büros der kriegstreibenden Parteien.

Zudem gilt es allgemein mit den Protesten ein Ende des PKK-Verbots und eine Streichung der PKK von der Terrorliste zu fordern. Vielen mag die Umsetzung utopisch erscheinen, aber aufgeben war noch nie eine Option! Und als ein belgisches Gericht vor anderthalb Jahres urteilte, dass die PKK innerhalb eines Krieges handelt und nicht terroristisch ist, da gab es uns Hoffnung und genau daran müssen wir anknüpfen. Wenn die PKK hier akzeptiert wird, wird die politische Arbeit vieler Aktivistinnen und Aktivisten nicht mehr kriminalisiert und diffamiert. Wenn die PKK akzeptiert wird, wird auch wieder ein Friedensprozess möglich. Ein Friedensprozess auf den die PKK seit langem wartet. Dies sieht man auch an den sieben Waffenstillständen, die sie in ihrer Geschichte ausgerufen hat. Doch nach allen Waffenstillständen folgten Angriffe der türkischen Regierung und der Krieg wurde erneut entfacht.

Vor ein paar Tagen sagte der französische Präsident zu, die Stadt Manbij zu verteidigen. Vertreterinnen und Vertreter der SDF reisten nach Paris und führten Gespräche mit ihm. Aber was ist, wenn Erdogan bspw. der Stadt Maxmur mit einem Massaker droht? Die PKK wäre die einzige Kraft, die die Stadt verteidigen würde. Solange niemand die PKK akzeptiert, kann niemand mit ihr verhandeln und die Verteidigung der Stadt unterstützen. An diesem (hypothetischen) Beispiel sehen wir, dass die PKK akzeptiert werden muss.

Um genau diesen Aspekt zu stärken gehen wir auf die Straße und machen auch deutlich, wofür die PKK steht, indem wir die Inhalte aufzeigen. Zudem können wir eine Debatte über die PKK erzwingen. Für die revolutionäre 1. Mai-Demo in Berlin wurde angekündigt, massenhaft YPG-, YPJ- und PKK-Fahnen zu zeigen. Damit der Staat keine Möglichkeit hat, die anmeldende Person zu bestrafen, wird die Demo einfach unangemeldet durchgeführt.

In den Gebieten Nordsyriens wird die Gesellschaft nach demokratischen und egalitären Prinzipien neu aufgebaut. Was sind für dich die wichtigsten Punkte in diesem Neuaufbau?

Abdullah Öcalan hat die Theorie des demokratischen Konförderalismus entworfen und hinter dieser Ideologie stehen die PKK sowie die PYD. Dennoch sind beide Parteien selbst- und eigenständig, auch wenn es der deutsche Staat nicht ganz versteht. Beide Parteien haben ihren eigenen bewaffneten Arm.

In Mitten des Krieges in Syrien wurde begonnen die Theorie in die Tat umzusetzen: Es wurden Rätestrukturen aufgebaut, die Gesellschaft bestimmt die Politik und nicht eine kleine Elite. Es wurden Wirtschaftskooperativen aufgebaut, die Wirtschaft ist ebenfalls eine zunehmend kollektive Angelegenheit und soll nicht in der Hand einiger weniger bleiben. Es gibt eine 50% Geschlechterquote, ein flächendeckendes Netz an Frauenhäusern, einen Fernsehsender und ein Dorf nur von Frauen für Frauen, in allen politischen Strukturen gibt es eine Doppelspitze, wobei die Frau ausschließlich von anderen Frauen gewählt wird. So wird sichergestellt, dass sich Frauen zurückziehen und gegenseitig helfen können, ihre Stimme erheben, am politischen Leben teilnehmen können und dabei nicht benachteiligt werden. Zudem soll die Umwelt nicht verschmutzt und zerstört werden, es wird angestrebt, harmonisch mit ihr im Einklang zu leben. Es werden alle Völker, Religionen, Geschlechter, gesellschaftliche Schichten, Lebewesen und die Umwelt befreit.

All die Punkte sind mir wichtig. Anstatt mich auf ,,die wichtigsten“ zu reduzieren, würde ich jetzt am liebsten weitere nennen. Hunderte Internationalistinnen und Internationalisten haben ihre Heimat verlassen, um sich auf den Weg zur demokratischen Föderation Nordsyrien zu machen und den Kampf zu unterstützen. Solche, die das beschriebene System verteidigen, kämpfen nicht für geostrategische Interessen, Ressourcen und Profite. Wer die demokratische Föderation Nordsyrien verteidigt, ist mutig und verteidigt Basisdemokratie und Menschlichkeit!

Daher wird auch viel wert auf ein würdevolles Gedenken an alle Gefallenen gelegt. So gedenken auch wir in Bonn gemeinsam mit den kurdischen Freundinnen und Freunden den Gefallenen und halten bspw. auf Demonstrationen die Fahne unserer Genossin Ivana Hoffmann in die Höhe.
https://www.aufbau.org/index.php/internationalismus/2501-interview-mit-miran-der-sich-am-hungerstreik-fuer-afrin-in-genf-beteiligte

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