Nach dem Mord an dem Antifaschisten Pavlos – ein Augenzeugenbericht.

Nach dem Mord an dem Antifaschisten Pavlos – ein Augenzeugenbericht.

In der Nacht vom 17.09.2013 auf den 18.09.2013 wurde der Rapper und Antifaschist Pavlos Fyssas a.k.a. Killah P von mehr als 10 Mitgliedern der Neonazi-Partei „Chrisy Avgi“ durch die Straßen gejagt, umzingelt und mit zwei Messerstichen in den Bauch und ins Herz erstochen. Ein Freund in Athen berichtet von der Zeit kurz nach dem faschistischen Mord.

„Der Mord an Pavlos war für viele Leute in Athen ein ziemlicher Schock. Als ich am nächsten Morgen ins Büro kam, war das Erste was eine Arbeitskollegin zu mir gesagt hatte, dass ein Junge von Chrisy Avgi (1) in Athen ermordet wurde. Ich habe gleich meinen Laptop angemacht und mir die beiden bekannten englischsprachigen Zeitungen online angeschaut (2). Zu diesem Zeitpunkt (ca. 11 Stunden nach dem Mord) war klar, dass es im ganzen Land um 18 Uhr Demos geben wird. Ich habe mich sehr lange und ausführlich mit meinen Arbeitskolleginnen unterhalten, da eine von ihnen sehr gut über die politischen Aktivitäten in Griechenland und über Chrisy Avgi informiert ist. Eine andere Kollegin hat mich am Ende des Gesprächs sehr ernst angeguckt und meinte zu mir:
„The war has started.“

Die Busse in Richtung des Ort des Mordes waren voll mit Aktivist_innen. Zudem sind etliche Leute mit Rollern und Autos zum Ort der Demo gefahren. Die Demonstration begann am Ort der Ermordung, eine zweispurige Einkaufsstraße mit vielen kleinen Geschäften und Gastronomie. Über den Lokalen wohnen Menschen, eine Mischung aus Wohn- und Gewerbegebiet. Also keine unbewohnte Einkaufsstraße wie wir sie z.B. aus Hamburg kennen. Als wir dort ankamen, hat die Demo gerade angefangen. Die Demo war für unsere Verhältnisse riesig. Es waren unglaublich viele junge Leute und Gruppen anwesend, dazu kommunistische Gruppen, Parteien und andere linke Organisationen, viele Anarchist_innen, aber auch ganz verschiedene Leute. Daneben waren viele, viele Erwachsene und auch alte Leute am Start. Es war einfach eine Mischung aus verschiedenen Leuten.

Die Demo hatte einen sehr kämpferischen Charakter und es wurden ständig Parolen gerufen, die natürlich gegen den Faschismus gerichtet waren. Aber auch immer wieder Rufe, in denen klar auf die Zusammenarbeit zwischen Polizei und Neonazis hingewiesen wurde (3). Kurz darauf wurde die Polizeiwache angegriffen, an der die Demo vorbei ging. Ich habe von weitem nur noch Rauch, Steine, Böller und andere Feuerwerkskörper fliegen sehen. Nach ca. einer Minute sind dann alle zurück gelaufen, weil die Polizei es sich nicht länger gefallen lassen hat. Und dann ging es erst mal eine Zeit lang hin und her. Nach vorne Angriff…zurück…dann wieder nach vorne usw. Außerdem wurde die Demo wohl gespalten, das heißt, dass ein Teil der Demo zuerst friedlich an der Wache vorbei gegangen ist. Und daraufhin wurde die Polizeiwache von zwei Seiten angegriffen. Von dem Pfefferspray haben mein Kollege und ich nicht besonders viel abbekommen, dennoch hatten wir Tränen in den Augen weil die Leute um uns herum voll mit dem Zeug waren. Viele Leute waren vorbereitet und hatten Gasmasken, Schals, Tücher und Schutz für die Augen mitgebracht.

Nach einiger Zeit war dann erst mal Stillstand, die Demo stand und aus verschiedensten Straßen war nur noch dichter schwarzer Rauch zu sehen. Als wir nach einiger Zeit in die Straße der Ermordung zurückkehrten waren überall Menschen auf den Straßen. Müllcontainer brannten und einige Leute zerstörten die Scheiben von Banken. Dies schien kein Problem zu sein, da weit und breit keine Polizei war.

Am Ort des Mordes gab es dann zum ersten Mal an diesem Tag einen Platz an dem alles still war. Blumen, Fotos und auf Papier geschriebene Botschaften lagen an dem Ort des Mordes. Ein bewegender Moment. Und es war nicht mal ein ganzer Tag seit dem Mord vergangen. Es war nun so zwischen 20 und 21 Uhr (20 Std. nach dem Mord).

Als wir dann weiter durch die vollen Straßen gingen, waren auch größere Polizeieinheiten unterwegs. Immer wieder sahen wir kaputte Scheiben von Banken. An diesem Abend gab es insgesamt wohl über 100 Festnahmen.

Um einschätzen zu können, was der Mord für die antifaschistische Bewegung bedeutet, bin ich noch zu frisch hier in Athen. Aber am nächsten Tag haben alle größeren Tages- und Lokalzeitungen das Thema aufgegriffen. Titelblätter waren mit Bildern und Grafiken gestaltet. Es war DAS Thema der Woche (4). Die Regierung ist ebenfalls geschockt gewesen, es wurden Dienstreisen abgesagt und und es wird an einem Gesetz gearbeitet, dass Chrisy Avgi und andere faschistische Gruppen verbieten soll. Die Leute sind gesapnnt, ob das wirklich passieren wird. Denkbar wäre es, da dieses Gesetz von der gesamten Opposition (SYRIZA, Demokratische Linke, Kommunisten) ebenfalls mitgetragen werden würde. Die Chancen stehen meiner Meinung nach gar nicht so schlecht dafür. Obwohl die letzten Umfragen Chrisy Avgi als drittstärkste Kraft (ca. 15 %) sehen, kann ich mir vorstellen, dass nun viele Leute keinen Bock mehr auf diese Partei haben. Trotzdem befürchtet meine Arbeitskollegin, dass Chrisy Avgi bei den Kommunalwahlen 2014 einige Bürgermeister stellen wird, was ganz schön krass wäre.

Ich glaube, dass Chrisy Avgi durch den Mord jetzt an Boden verloren hat und Bürger_innen sich wohl eher abwenden werden. Vielleicht ist es auch nur meine Hoffnung. Aber offensichtlich ist die antifaschistische und linke Bewegung dadurch hier ganz schön „wach“ geworden.

Morgen wird Chrisy Avgi wohl im Athener Stadtteil Nikea Essen umsonst an „Griechen“ verteilen (das haben sie hier schon einige Male gemacht, um mit einer „harmlosen“ Aktion Leute zu ködern).
Aus der Antifa-Bewegung wird kräftig dagegen mobilisiert. Ein Aktivist aus dem selbstverwalteten Zentrum „Steki Metanaston“ glaubt, dass die Veranstaltung abgesagt wird. Auch einige Büros von Chrisy Avgi wurden bereits angegriffen.
Außerdem hat die Polizei einen Tag danach mehrere Büros von Chrisy Avgi durchsucht, auch um zu ermitteln ob die Parteispitze in den Mord involviert sein könnte.

Die Bedeutung des Mordes ist wie gesagt für mich schwer einzuschätzen, aber nach meinen Erlebnissen und dem was ich gesehen habe, glaube ich, dass „the war“ nun wirklich begonnen hat. Heute habe ich noch in einem Gespräch erfahren, dass die Neonazis in Griechenland lange Zeit nicht ernst genommen wurden, aber das hat sich mit diesem Mord geändert.“

Wir wünschen den Genoss_innen in Griechenland und den Freund_innen und Angehörigen von Pavlos viel Kraft für die bevorstehenden Tage.

Solidarität mit den griechischen Antifas!

“Der Faschismus wird nicht von alleine sterben. Zerschlagt ihn!” (Parole auf der Demo gegen Chrysi Avgi am 25.09. mit 50.000 Teilnehmer_innen)

Fußnoten:
1: Chrisy Avgi: die Griechische Nazipartei, auch bekannt als „Goldene Morgenröte“ oder „golden dawn“. Weitere Infos: http://www.rosalux.de/publication/39832/neonazistische-mobilmachung-im-zuge-der-krise.html

2: www.enetenglish.com und www.ekathimerini.com

3: Offensichtliche Zusammenarbeit zwischen Neonazis und Polizei im Kampf gegen linke Bewegungen in Griechenland – auch auf der Straße: https://www.youtube.com/watch?v=reOykfX34No
Der englischsprachige Wikipedia-Eintrag beinhaltet einen Absatz über die Zusammenarbeit von Chrysi Avgi und der Polizei (mit weiterführenden Quellen): http://en.wikipedia.org/wiki/Golden_Dawn_(Greece)

4: Zeitungsbericht: http://www.ekathimerini.com/

 

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