Offener Brief zur Gefangenengewerkschaft und der Frage der Organisierung

Offener Brief zur Gefangenengewerkschaft und der Frage der Organisierung

von 

hans-joachim gruschka,
hamburg den 08.2015

an
oliver rast
c/o
haus der demokratie & menschenrechte
greifswalder strasse 4
10405 berlin

hallo oliver,
eine bemerkung zu deinem text: „das solidarische band, drinnen und draußen enger knüpfen“

.

als „ehemaliger“ und organisiert und unorganisiert und in der haft als teil des widerstandes und immer mal wieder aktiv beteiligter im kampf gegen knast, staat, religion für befreiung von ausbeutung und unterdrückung und autonomie definierte, aber ohne das in jeden fall immer vor mir her zu tragen und auf ende der 70-ziger bis anfang der 80-ziger auf brd/hamburg und „santa fu“ (knast hh fuhlsbüttel II) und „uha“ (untersuchungshaftanstalt hh) bezogen, ein wort.

wir hatten damals über die „gsi“ („gefangenenselbstinitiative“): unter beteiligung von rote und schwarze und rot-schwarze hilfe, ex-gefangenen, freunden und anderen) drinnen und draußen eine diskussion und praxis der gegenseitigen hilfe auf den weg gebracht. unmittelbar entstanden aus der geschichte des widerstandes drinnen und draußen, in den knästen und gegen sie: knast als höchster ausdruck der staatlichen arroganz: 24 stunden gewalt an „leib und leben“ (denke an „fasces“), aber z.b. auch in erinnerung an mehrere „dachbesteigungen“ in „santa fu“ (II) und andere aktivitäten in den 70-zigern (kirchenbesetzung, angriffe auf schließer und andere menschenschinder, sabotage, arbeits-verweigerungen, militanz schlechthin etc pp), sich unmittelbar noch gegen das alte zuchthaus-regiem richtend. unter dem motto: gemeinsam bist du halt stärker und haste dabei noch spaß. wir waren immer dicht an der diskussionen und praxis der menschen draußen dran, die mit ähnlichen ziele befasst, für eine andere, für eine solidarische gesellschaft / gemeinschaft auf der basis der radikalen bedürfnisse eintraten. mit denjenigen, die teil des kampfen waren, die sich nicht mit der täglich ( un-)mittelbar erfahrenen unerträglichkeit der verhältnisse drinnen und draußen abfinden wollten, sie (möglichst) umgehend und (möglichst) radikal geändert haben wollten.

wir wußten aber auch, dass nicht alles umgehend und sofort auf den weg zu bringen ist. manches mal waren umwege notwendig. die wahl der mittel stand oft auf den prüfstein. und mit dem tempo war auch nicht alles locker. stichwort: geduld als rev. disziplin. d.h. z.b. das justizielle instrumentarium, sich dessen zu bedienen war genauso angesagt, wie z.b. eine pedition der hh bürgerschaft vorzulegen, zur abschaffung der knäste (!) hatten damals rund 330 mitgefangene (von ca. 600 in fu II) unterschrieben. unsere diskussion bezogen sich auf die des frankfurter gefangenen rat, auf die mit peter s. („blatt“ & „magna charta“) und nicht zuletzt auf den beitrag von ulrike m. und div. einzel personen, waren sie alle in unseren diskussionen und bei unseren aktivitäten hilfreich und als zwischenschritt sollte der bekannte, von uns überarbeitete und erweiterte text / katalog mit mindestforderungen umgesetzt werden um die kampfbedingungen zu verbessern: die selbstorganisierung, freie arztwahl, abschaffung der (über-)ausbeutung und eine angemessene entlohnung / sozial- und rentenversicherung, beendigung der zensur, der iso-stationen und sonstigen spezialzellen / „bunker“: fälschlicher weise „beruhigungszellen“ genannt, rückbau der hochsicherheits trakte („hst“) etc.

in dieser zeit gabs auch gespräche mit ig medien wegen einer zusammenarbeit über die gründung einer gefangenen-gewerkschaft, bzw. punkto aufnahme als mitglieder. ihre antwort damals: kein interesse. eine „freie“ gewerkschaft gründen, ohne eine hilfe, begleitung von aussen, konnten wir uns damals nicht vorstellen.

wir hatten es als perspektivlos eingeschätzt uns in abgrenzung und über trennung zu definieren, sondern über den gemeinsamen kampf gegen ausbeutung und unterdrückung usw. und waren für alle offen, die sich in diesen kampf aktiv einbrachten: wenn sich z.b. der ex-zuhälter darin aktiv wiederfand, war er selbstverständlich einer von uns. jedem war ein prozess der radikalen veränderung zugestanden, wenn gewollt und daran gemeinsam gearbeitet wurde. und natürlich stand die tür auch immer für (ex-)ml-ler, libertäre, revoltierende, für all diejenigen offen, die einen anderen weg gehen wollten: autoritäre dogmatiker, objektivisten und
zwangscharaktere, strukturalisten und netzwerker, die emanzipations-theosophen mit ihren religiös / mystisch anmutenden (partei-)programmen standen nicht im vordergrund. sie blieben meist rechts liegen und ohne deswegen gleich als naiv und sozialromantisch zu gelten, aber unangepaßte und grenzüberschreitende, ausgegrenzte, nein-sager, stammler, diejenigen, die die (gesellschaftliche) normalität in frage stellten und ausserhalb davon leben wollten, die gegen den strom schwammen, die offensiv-kritischen und verweigerer, die liederlichen und großzügigen, die träumer und diejenigen, die für ihre ideale eintraten, waren uns näher.

konkret auf die, über die jahre immer präsente diskussion um „zusammenlegung“ („zl“) und „normalvollzug“ („nvz“) bezogen: für mich kam keine „zl“ in frage: jahre „freiwillig“ im „hst“ verbringen wollte ich nicht, sondern immer den/die anderen erreichen. das war mir wichtig. ab feb. 81-zig fand ein bundesweiter „hs“ statt. In hamburg beteiligten sich zwei inhaftierte: sigurd d. und selbst. zusammen mit rund 300 anderen gefangene, einschließlich „2. juni“ und „raf“, alle mit jeweils eigenen zielen oder aus gründen der solidarität: für die „zl“ der gefangenen aus der raf und die freilassung der haftunfähigen oder anderes. konkret-praktisch wurde meines wissens an dem punkt nichts erreicht, ausser kritisch-aufklärerisch tätig geworden zu sein und das diese gemeinsame aktion – draußen durch zahlreiche soli-aktivitäten begleitet – vom staat-/justiz- und knastapparat sofort und über die zu dem zeitpunkt weitgehend gleichgeschalteten medien tranzportiert, als „ein angriff auf den staat“ denunziert war. o-ton eines sprechers der hh justiz und medizinischer referent dr. mendel-friedland. es wurde ein altes / neues staatsschutz-programm aufgelegt. nach „innen“ mit div. zusätzlichen schikanen: z.b. zwangsverlegung, iso im iso, fesselung, rollkommandos, anwendung unmittelbaer gewalt, einzel hofgang und zwangsernährung. der „hs“ endete mit dem tot von sigurd d. sein tot ist bis heute unaufgeklärt. der staatsschutz lief zur höchstform auf: was zu dem zeitpunkt vermutet war, sollte sich später bestätigen und noch folgen haben: alle beteiligten an dem „hs“ galten nicht nur des terrorismus verdächtig, sondern sie waren damit „te“.

das (knast-)system war von uns einer harten kritik unterworfen und hatte sein mörderisches gesicht gezeigt, aber auch seine leere und banalität. trotzdem war dieser schritt, wie viele andere richtig und notwendig. mal abgesehen davon: jeder schritt nach vorne ist ohne hin unumkehrbar.

gruß
h.

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