»Die Stadt verweigert jedes Gespräch«

»Die Stadt verweigert jedes Gespräch«

Die türkische Band Grup Yorum will in Gladbeck auftreten. Mit aller Macht wollen die Behörden das verhindern. Gespräch mit Michael Gerber
Interview: Markus Bernhardt, junge Welt 1.6.2016

Michael Gerber ist (DKP) ist Ratsherr in Bottrop und stellvertretender Bezirksvorsitzender der DKP Ruhr-Westfalen

Die türkische Band »Grup Yorum« will am 18. Juni im nordrhein-westfälischen Gladbeck auftreten. Doch die Stadt stellt sich quer, sie will das Konzert verhindern. Warum?

Grup Yorum veranstaltet seit mehreren Jahren eine Konzertreihe »Ein Herz, eine Stimme gegen Rassismus«. Im letzten Jahr kamen über 8.000 Besucher zu ihrem Konzert in Oberhausen. Das diesjährige Festival soll auf dem Gelände der Alevitischen Gemeinde Gladbeck stattfinden. Die Alevitische Gemeinde wurde vom Staatsschutz und der Stadt unter Druck gesetzt. Die Genehmigung eines Bauantrages wurde infrage gestellt wegen des Auftritts von Grup Yorum. Die Stadt verweigert bisher jedes Gespräch mit Vertretern der Band. Aber die Freunde von Grup Yorum finden sich mit einem Auftrittsverbot nicht ab.

Was macht die Musiker in den Augen der Behörden so gefährlich?

Angeblich unterstützt Grup Yorum terroristische Aktivitäten. Aber als terroristisch wird in der Türkei bekanntlich jede linke Kritik an der Politik Erdogans verunglimpft. Die Aufhebung der Immunität von 148 türkischen Abgeordneten, darunter allein 53 der 59 Abgeordneten der prokurdischen Oppositionspartei HDP, macht deutlich, dass jede Opposition mundtot gemacht werden soll. Grup Yorum ist eine mächtige kulturelle und politische Stimme gegen das diktatorische Erdogan-Regime. Vor dem Auftrittsverbot in der Türkei wurden ihre Konzerte von bis zu einer Million Menschen besucht. Diese Stimme soll jetzt auch in Deutschland mit aller Gewalt zum Schweigen gebracht werden.

Die Band ist regelmäßig Ziel staatlicher Repression. Nicht nur in der Türkei, sondern auch in Deutschland. Sehen Sie trotzdem einen Zusammenhang zwischen dem aktuellen Vorgehen der Behörden und dem Pakt der Bundesregierung mit Erdogan?

Der schmutzige Deal zwischen Merkel und Erdogan hat auch auf die Band Auswirkungen. So hat die Bundesrepublik dafür gesorgt, dass die namentlich bekannten Musiker von Grup Yorum mit einem Einreiseverbot für den Schengener Raum belegt wurden. Die Kumpanei der türkischen und deutschen Geheimdienste ist bekannt. Es ist ein Skandal, dass sich deutsche Behörden zum verlängerten Arm Erdogans machen. Sie verfolgen kritische türkische Musik und Kultur, verhängen Auftrittsverbote. Wir dürfen nicht zulassen, dass das diktatorische Regime Erdogans über die freie künstlerische Betätigung bei uns entscheidet.

Mittlerweile formiert sich auch der Widerstand gegen das Vorgehen von Stadt, Polizei und Inlandsgeheimdiensten in dieser Sache. Aber wie wollen Sie sich gegen die Übermacht der Behörden zur Wehr setzen?

Seit Donnerstag findet täglich eine Aktion vor dem Gladbecker Rathaus statt. Türkische Musiker unterstützen diese mit Livemusik, auch Mitglieder der DKP und der Linkspartei helfen tatkräftig. Der Protest wird notfalls in den nächsten Wochen fortgeführt. Die örtliche Presse zeigt viel Sympathie für die Aktionen. Der Gladbecker DKP-Ratsherr Gerd Dorka hat sich auf Bitten von Grup Yorum schriftlich an die Stadt gewandt und zu einem Gespräch mit Vertretern der Band aufgefordert. Die Resonanz in der Bevölkerung auf diese Aktionen ist sehr positiv. Mit Unverständnis und Kopfschütteln wird auf die Entscheidung der Stadtverwaltung reagiert.

Grup Yorum sollen auch beim UZ-Pressefest Ihrer Partei am 2. Juli in Dortmund auftreten. Rechnen Sie dort ebenfalls mit staatlicher Repression und Versuchen, den geplanten Auftritt zu verhindern?

Bisher gibt es dafür keine Anzeichen. Die DKP wird ein Auftrittsverbot von Grup Yorum nicht akzeptieren. Das UZ-Pressefest ist ein großes Fest der internationalen Solidarität. Gemeinsam mit vielen nationalen und internationalen Künstlern werden wir feiern. Wir wollen gegen imperialistische Kriege protestieren, Solidarität mit Flüchtlingen zeigen und den Terror Erdogans gegen die eigene Bevölkerung und gegen die Kurden anklagen.

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