REVANCHISMUS »Punkt« hinter dem »Schlussstrich«

REVANCHISMUS »Punkt« hinter dem »Schlussstrich«

Zum 81. Jahrestag des »Unternehmens Barbarossa« wurden nicht nur Hemmungen vor dem deutschen Eintritt in den Ukraine-Krieg entsorgt
Von Susann Witt-Stahl junge Welt 27.6.22

Führende Meinungsmacher der Republik bliesen vergangene Woche an allen Fronten zum Sturmangriff gegen »das (pro-)russische Dreckspack«, so Bild-Politikressortchef Julian Röpcke über Kritiker seiner Hasskampagnen. Besonders im Fadenkreuz stand die Geschichte als objektives kollektives Gedächtnis und die Historiographie als Wissenschaft. Als Wunderwaffe fungierte die inflationäre Zerschwätzung von Begriffen, die der Bezeichnung von Menschheitsverbrechen wie Auschwitz und dem »Rassenkampf« gegen den »bolschewistischen Untermenschen« vorbehalten waren. Und so wurde auf die russische Regierung und Armee zwanghaft projiziert, was deutsche Wehrmacht und SS tatsächlich vorwiegend auf ukrainischem Boden verbrochen hatten: Vernichtungskrieg und Genozid.

Wenn uns nach dem »Hitler vom Balkan« (Slobodan Milosevic), durch den Deutschland sich 1999 zur Bombardierung Jugoslawiens gezwungen sah, nun aus Moskau sogar eine »Symbiose aus Hitler und Stalin« bedroht, wie der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk weiß, muss wieder zurückgeschossen werden: »Auf den Tag und die Stunde genau 81 Jahre nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion« begann der ›deutsche Angriff‹ auf Russlands Invasionsarmee«, begrüßte Julian Röpcke mit Verweis auf eine Meldung der ukrainischen Armee am 22. Juni euphorisch den ersten Schritt in Richtung Endsieg. »Seit heute morgen, 4:00, ist die Panzerhaubitze 2000 im Gefecht.«

Warum dann nicht gleich ein »Unternehmen Barbarossa II«, dachte sich offenbar der New-York-Korrespondent des ZDF, Johannes Hano, und hatte bereits am Vorabend in der Talkshow »Markus Lanz« den Kriegseintritt Deutschlands an der Seite der NATO gefordert. »Ich glaube nicht, dass wir umhinkommen werden, früher oder später in eine Konfrontation direkt mit Russland einzutreten.« Zwei Tage später forderte die Politologin Jessica Berlin in einer denkwürdigen »Lanz«-Sendung, zu der unter anderen auch Dietmar Bartsch und der Militärhistoriker Sönke Neitzel geladen waren, die Bereitschaft »zurückzukämpfen«. Schließlich setze Putin gerade sein Kriegsziel um: die »Vernichtung der Bevölkerung der Ukraine«. Über die deutsche Vergangenheit wollte Berlin nicht reden. Der Teil Deutschlands, den die Sowjetunion 1945 befreit habe, sei danach ohnehin nur von ihr »unterdrückt« worden. Als Bartsch von »deutscher Verantwortung« sprach und vorsichtig erwähnte, dass 1941 viele Ukrainer die deutschen Invasoren begrüßt hatten, kam es zu gereizten Reaktionen: »Was wollen Sie damit sagen, Herr Bartsch«, verhörte Lanz den Linke-Bundestagsfraktionschef, der danach relativierte. Dass die faschistischen Banderisten damals in einem offiziellen Schreiben »den großen Führer im Namen des ukrainischen Volkes und seiner Regierung, die sich im befreiten Lemberg gebildet hat, herzliche Glückwünsche« zum Überfall auf das Land übermittelten, ist nicht kompatibel mit der hegemonialen Erzählung von ihren »heldenhaften« politischen Nachfahren, die heute unter dem Namen »Rechter Sektor« und »Asow« »unsere Freiheit« im Donbass »verteidigen«.

Als Bartsch dann auch noch den Hitlerfaschismus Faschismus nannte, wurde es Sönke Neitzel, der Bartsch zuvor schon wegen mangelnder Dankbarkeit gegenüber den USA abgemahnt hatte, endgültig zu bunt: »Nationalsozialismus!« rief Neitzel ihn zur Ordnung. »Entschuldigung«, bat Bartsch und nickte ab, was Erika Steinbach und Goebbels’ Reichspropagandaministerium schon immer gesagt haben.

»Wir müssen auf heute und morgen schauen«, plädierte Berlin für eine postmoderne Geschichtsschreibung, die hinter dem »Schlussstrich«, den deutsche Normalisierer und ultrarechte Revisionisten seit den 1990er Jahren beharrlich ziehen, »diesen Punkt machen möchte« und objektiv letztlich nur auf das eine zielt: kaltes Vergessen, bis Babi Jar (ukrainisch: Babyn Jar) nur noch als bewaldete Schlucht vor den Toren Kiews in Erinnerung bleibt. »Diese ganze Geschichtskiste – ich kann das nicht mehr hören!« beklagte Neitzel. »In Srebrenica, im Kosovo, die Deutschen waren sozusagen überall im Zweiten Weltkrieg. Dann müsste man sich überall raushalten.« Und das geht freilich gar nicht mehr, nachdem SPD-Chef Lars Klingbeil, pünktlich zum 81. Jahrestag des Beginns des Massenschlachtens, den neuen außenpolitischen Imperativ formuliert hat: das Ende der deutschen »Zurückhaltung«.

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