[USA] Brief des anarchistischen Langzeitgefangenen Eric King vom 22. Mai 2021

[USA] Brief des anarchistischen Langzeitgefangenen Eric King vom 22. Mai 2021

Vor ein paar Tagen also, als die Wärter ihr Apfelkontingent in unsere Kehlen kippten, wurde ein winziges Ding auf meine Gitterstäbe gelegt. Dieser Kerl sah kränklich aus; ein stumpfes Rot, als wäre er zu oft durch die Waschmaschine gelaufen, ein Miniatur-Wachsduplikat eines echten Apfels. Normalerweise würde ein Apfel dieser Qualität die Etage hinunter in Richtung der Wachstation geschleudert werden, aber ich hielt ihn fest. Ich bemerkte etwas Seltsames… diese kleine Kreatur war kein typischer Williams-Apfel, dieser hatte ein Blatt, das noch an ihm hing!!!

Stellt euch meine Überraschung und Freude vor! Wie konnte ich nur so viel Glück haben, Zeuge dieses Siegels der Entschlossenheit und des Überlebens zu werden? Nachdem ich meine Freude mit einer Träne geteilt hatte und als Öko-Trottel abgetan wurde, setzte ich mich hin, um über diese Apfel-Blatt-Kombination nachzudenken… bitte teilt mein Wunder für einen Moment… dieser Apfel wurde in Washington aufgelesen (laut Aufkleber), zusammen mit hunderten oder tausenden seiner Geschwister, Rival*innen, Gefährt*innen. Nachdem er mit rauen, aber liebevollen Händen vom Mutterbaum gezogen wurde, wurde unser Apfelfreund in eine Kiste oder einen Eimer geworfen, zu einer Verarbeitungsanlage gefahren, abgespritzt, durch ein Fließband laufen gelassen und schließlich verpackt, um von Sträflingen auf der ganzen Welt verspeist zu werden. Nach dem Verpacken wurde unser Freund (PAL) mit LKWs zu einer Lagereinrichtung und dann wieder mit LKWs zu diesem alten, heruntergekommenen Gefängnis gebracht. Nach der Ankunft hier werden die Apfelkisten in die Küche gebracht, in eine große Metallschüssel zum Waschen geleert und dann in Kisten verpackt, um zum SHU getragen zu werden, wo sie von fleißigen Beamten verteilt wurden.

Während all dieser Aktionen klammerte sich unser kleines Blatt an seinen Apfelgefährten, sie blieben zusammen, obwohl sich unzählige Umstände verschworen hatten, sie zu trennen. Es mag soft klingen, aber das Schöne daran hat mich emotional gemacht: Wir dürfen nicht zulassen, dass äußere Kräfte uns brechen, uns von unseren Zielen trennen. Ich wollte den PAL an meine Frau und meine Kinder schicken, meine Inspiration mit ihnen teilen, aber der PAL ist „Eigentum“ der Behörde und ich hätte eine disziplinarische Abmahnung wegen Diebstahls von Regierungseigentum, Verwendung der Post für kriminelle Aktivitäten und dem Versuch, Freude und anderes zu inspirieren, bekommen… sehr ernste Anschuldigungen.

Auch wenn dies gewagt klingen mag, ist das Thema sehr real. In Gefängnissen wird einfallsloses, gefährlich ungesundes und stärkehaltiges Essen serviert, um Faulheit und Apathie zu fördern. Gefängnisse sperren Freude und alles, was auch nur im Entferntesten inspirierend ist, aus. Mit der Inspiration kommt das Wissen, dass 1) man das nicht verdient und 2) man das nicht ertragen muss. Gefängnisse bestrafen ausdrücklich und versuchen, Familien auseinanderzureißen… man wird quer durch das Land verlegt, hat nur sehr begrenzte und teure Telefonanrufe, Besuche werden so unverschämt teuer und frustrierend wie möglich gemacht… das Ziel ist, das Zeigen ihrer Liebe zu dir für Familien und Unterstützer*innen zu einer viel zu großen Unannehmlichkeit zu machen. Den Selbstwert so weit herabzusetzen, dass man im Gefängnisleben versinkt und das Gefühl hat, keine Liebe, Freundschaft oder eine Zukunft zu verdienen… Gefängnisse existieren, um Familien zu zerbrechen, den Geist zu erschüttern, die Hoffnung zu zerstören… sie haben jahrhundertelange Erfahrung und ihre Agent*innen sind gut darin geschult, unstabile Fundamente psychologisch zu demontieren… sie werden lose Steine finden.

Apple hat mir gezeigt, was ich weiß und dass das Gefängnis versucht, uns zu blenden…. Dass wir unbeschadet überleben können. Sie können uns weit weg von unseren Familien verfrachten, uns grob behandeln, uns durch das Fließband der Behörde schicken, uns wie Bestien wegsperren…aber sie unterschätzen unseren Willen. Sie haben noch nie revolutionäre Stärke und Solidarität in ihren Herzen gespürt… sie haben noch nie erfahren, wie es ist, sich wirklich geliebt zu fühlen, nicht nur von der Familie (die stärker und liebevoller ist, als Gefängnisse es sich jemals erträumen könnten), sondern von Freund*innen und sogar Gefährt*innen, die Fremde sind… unsere Feind*innen werden nie erfahren, was du und ich die ganze Zeit über schon wissen…. Sie können uns verletzen, aber sie werden niemals unsere Liebe, Hoffnung und Freude angreifen können, wir sind stärker als jede Gefängnisfolter – EK

https://www.abc-wien.net/?p=10992#more-10992

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