Vorhersehbarer Mord

Vorhersehbarer Mord

Familie von Hugo Pinell will wissen, warum der US-Gefangenenaktivist nach 46 Jahren Isolationshaft sterben musste
Von Jürgen Heiser, junge Welt 21.8.15

Eine Woche nach dem Mord an dem Gefangenenaktivisten Hugo Pinell im kalifornischen Hochsicherheitsgefängnis »New Folsom« bei Sacramento hat dessen Anwalt Keith Wattley angekündigt, im Namen der Familie Klage wegen widerrechtlicher Tötung einzureichen. Der Mordanschlag auf seinen Mandanten sei »vorhersehbar gewesen«. Deshalb erwarte die Familie jetzt Antworten auf die Frage, »warum es die Offiziellen soweit kommen ließen«.

Der 71jährige Pinell war nach Angaben der Gefängnisbehörde »California Department of Corrections and Rehabilitation« (CDCR) am 12. August gegen 13 Uhr beim Hofgang von zwei Mitgefangenen durch Messerstiche tödlich verletzt worden. Laut der Nachrichtenagentur AP erklärte CDCR-Sprecherin Terry Thornton, wegen der laufenden Ermittlungen könne sie weder die Kritik an der Verlegung Pinells in den Normalvollzug kommentieren noch etwas dazu sagen, warum die beiden Häftlinge ihn attackierten. Pinell nahm erst seit dem 29. Juli wieder am normalen Anstaltsleben teil, nachdem er zuvor 46 Jahre lang in Einzelhaft gesessen hatte.

Der Angriff auf Pinell hatte zu Ausschreitungen unter etwa 70 im Hof befindlichen Häftlingen geführt. Wärter waren dagegen mit Pfefferspray und Warnschüssen vorgegangen. Laut dem Portal World Socialist Web Site (WSWS) wurden 29 Gefangene verletzt, von denen 18 auf der Krankenstation behandelt und elf mit »Stichwunden, Knochenbrüchen und Kopfverletzungen« in Krankenhäuser eingeliefert werden mussten. Die meisten US-Medien hatten den Vorfall kritiklos als »Handgemenge unter Gangmitgliedern« gemeldet. Sie folgten damit der Darstellung von Dana Simas vom CDCR, die zwar gesagt hatte, Pinell sei »definitiv das Ziel gewesen«, im Moment des Angriffs auf Pinell hätten aber »alle anderen losgeschlagen, darunter Mitglieder von Gefängnisgangs«. Die britische Daily Mail nannte Pinell »den gefährlichsten Mann im kalifornischen Gefängnissystem«, gegen den »unter Häftlingen ein Kopfgeld ausgesetzt« gewesen sei. Einen deutlicheren Hinweis auf den möglichen Täterkreis gab die in Florida erscheinende Herald Tribune: Laut Anwalt Wattley sei Pinell seit den 1970er Jahren Ziel vieler Angriffe gewesen. »Todesdrohungen gab es noch in diesem Jahr nach seiner Verlegung nach ›New Folsom‹.« Zumeist habe die »Aryan Brotherhood« dahintergesteckt, eine landesweit vernetzte faschistische Gruppierung weißer Häftlinge. Weiße Wärter sollen den Tod Pinells in sozialen Netzwerken unverhohlen gefeiert haben, wie WSWS berichtete.

Pinell war im Alter von zwölf Jahren mit seiner Mutter aus Nicaragua nach Kalifornien gekommen. Als 19jähriger wurde er 1964 verdächtigt, eine Frau »vergewaltigt und entführt« zu haben. Mumia Abu-Jamal zitierte in seiner jW-Kolumne vom 26. August 2006 Pinells Aussage, er sei damals in dem Glauben freiwillig zur Polizei gegangen, er brauche nur die Wahrheit zu sagen, um seine Unschuld zu beweisen. Statt ihn anzuhören, sei er von den Polizisten verprügelt und eingesperrt worden, »weil das Opfer eine Weiße war«. Unter der Drohung mit der Todesstrafe ließ Pinell sich auf ein partielles Schuldbekenntnis ein. Er glaubte der Zusicherung, nach ein paar Monaten auf Bewährung freigelassen zu werden, fand sich aber bald mit dem Urteil »drei Jahre bis lebenslänglich« im Zuchthaus San Quentin wieder. Dort entdeckte er durch politisierte Mitgefangene wie den Black Panther George Jackson das Beispiel des Freiheitskämpfers Malcolm X für sich und machte fortan den Aufbau einer Gefangenenbewegung gegen rassistischen Justiz- und Schließerterror zu seiner Lebensaufgabe.

1976 standen Pinell und fünf seiner Genossen, die »San Quentin Six«, wegen »Verschwörung« im Zusammenhang mit einem Gefängnisausbruch vor Gericht, bei dem es fünf Jahre zuvor mehrere Tote und Verletzte gegeben hatte. Wegen Körperverletzung erhielt Pinell eine weitere lebenslängliche Gefängnisstrafe in Einzelhaft. Gegen die von der UNO als Folter gebrandmarkte Isolationshaft kämpften er und Tausende Gefangene in Kalifornien 2011 mit mehreren Hungerstreiks. Seine seit 2009 mögliche Entlassung auf Bewährung wurde zehnmal abgelehnt, zuletzt im Mai 2014.

Die US-Journalistin Kiilu Nyasha hält es für möglich, dass Pinell nicht zufällig am dritten Jahrestag des 12. August 2012 ermordet wurde. Damals hatten Delegierte schwarzer, hispanischer und weißer Häftlingsgruppen eine Vereinbarung unterzeichnet, in der sie alle Gefangenen dazu aufriefen, Gewalt und rassistische Spaltung untereinander zu beenden. Einer der Initiatoren dieses für die Einheit der Gefangenen so elementar wichtigen Schrittes war Hugo Pinell.

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