Westliche Heuchler

In den Städten und Wüstengebieten Libyens ringen die für oder gegen die Regierung kämpfenden Kräfte um die Vormachtstellung in diesem nordafrikanischen Land. Der Tenor der derzeitigen Medienberichterstattung der USA und des Westens entlarvt die immer wieder behauptete Objektivität ihrer Nachrichten als Lüge. Das Wohlwollen gegenüber den Aufständischen kommt einem vor wie das Cheerleading für einen Sportverein und paßt von daher eher zum Sportkanal ESPN als zu den führenden US-Nachrichtenkanälen. Angespornt wird diese Berichterstattung natürlich durch die Feindseligkeit der USA gegenüber Oberst Muammar Al-Ghaddafi, der lange Zeit ein Stachel war im Fleisch der imperialen Bestrebungen der USA in dieser Region.

Wir sollten uns nicht weismachen lassen, das aktuelle Vorgehen der US-Regierung sei getragen von der Besorgnis über das Leiden des libyschen Volkes. Denn gut zehnmal so viele Menschen litten in Ägypten über Jahrzehnte unter der auf Lebenszeit angelegten Herrschaft Präsident Hosni Mubaraks, einem engen Verbündeten der USA. Jedoch verschlossen mehrere US-Regierungen in Folge ihre Ohren gegenüber den Hilferufen der Unterdrückten. Erst als das Volk sich erhob und die Weltbühne betrat, fingen Vertreter der US-Regierung an, leise Phrasen über Menschenrechte und Gewalt zu murmeln. Sie konnten nicht zu laut protestieren, weil die USA selbst es waren, die Gefangene in Geheimaktionen in ägyptische Höllenkerker verbringen ließen, um sie von der gefürchteten ägyptischen Geheimpolizei foltern und umbringen zu lassen.

Wer sich einigermaßen in der US-Geschichte auskennt, den muß seine Erinnerung plagen, wenn er von Me dienberichten und politischen Anklagen gegen eine Regierung hört, die ihr eigenes Volk angreift oder bombardiert. Denn es war die US-Nationalgarde, die am 4. Mai 1970 auf dem Gelände der Kent State University in Ohio schwerbewaffnet eine friedliche Demonstration attackierte und vier junge Collegestudenten erschoß, weil sie gegen den Vietnamkrieg protestierten. Kurz darauf wurden an der Jackson State University in Mississippi bei friedlichen Protesten zwei schwarze Studenten von der Polizei erschossen.

Im Bundesstaat Pennsylvania war Philadelphia Schauplatz eines staatlichen Bombenangriffs auf ein Wohnhaus, bei dem Männer, Frauen und Kleinkinder getötet wurden. Das geschah am 13. Mai 1985, als das Wohnhaus der MOVE-Organisation von starken Polizeikräften überfallen wurde und elf Menschen, darunter fünf Kinder, durch den Abwurf einer Bombe aus einem Polizeihubschrauber zu Tode kamen. Die Bombe löste ein Feuer aus, bei dem ein ganzer Häuserblock mit 60 Gebäuden bis auf die Grundmauern niederbrannte. Bis heute wurde keiner der für den Bombenabwurf Verantwortlichen seiner gerechten Strafe zugeführt.

Nachdem die israelische Armee in der Operation »Gegossenes Blei« Ende 2009 die palästinensische Bevölkerung in Gaza bombardiert und dabei über 1 400 Zivilisten – Männer, Frauen und Kinder – getötet hatte, veröffentlichte der angesehene ehemalige Richter am südafrikanischen Verfassungsgericht, Richard Goldstone, im Auftrag des UN-Menschenrechtsrats und der Untersuchungskommission der Vereinten Nationen für den Gaza-Konflikt einen Untersuchungsbericht. Darin wurden die Streubombenangriffe auf die Zivilbevölkerung und ihr Beschuß mit großkalibrigen Waffen als Kriegsverbrechen gebrandmarkt. Wie reagierte die Regierung von Barack Obama auf den Bericht? Kritisierte sie die Aggressoren oder Richter Goldstone? Nicht schwer zu erraten – wer auf den Richter tippt, liegt richtig.

Das alles vermittelt eine Vorstellung davon, wie besorgt die US-Regierung in Wahrheit ist, wenn es um die Menschenrechte geht, um staatliche Gewalt und Luftangriffe auf unbewaffnete Zivilisten oder generell das Leiden der arabischer Völker unter den herrschenden Diktaturen.
Übersetzung: Jürgen Heiser

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