Krieg, Vertreibung und Solidarität – Die Arbeit der Secours Populaire im Libanon

Neben dem Iran ist aktuell auch der kleine libanesische Staat in Westasien durch israelische Angriffe und Offensiven bedroht, besonders die Bevölkerung leidet darunter. Inmitten von Bombardierungen versucht die sozialistische Hilfsorganisation Secours Populaire Unterstützung zu leisten. Wir haben mit Bassel, einem ihrer Aktivisten, über die humanitäre Lage, die tägliche Praxis der Organisation und politische Perspektiven gesprochen.
Als Teil des regionalen Großkrieges, den die USA und Israel gegen den Iran losgetreten haben, finden seit einer Woche heftige Bombardierungen und eine großangelegte Invasion gegen den Libanon statt. Damit kündigte Israel den Ende 2024 vereinbarten Waffenstillstand auf. Einen Waffenstillstand, den das israelische Militär – im Unterschied zur Hisbollah – nie eingehalten hatte. Kein Tag war vergangen ohne israelische Bombardierungen: Die UN-Mission UNIFIL hatte über 15.400 Verletzungen des Waffenstillstandsabkommens registriert.

Die Eskalation, die sich nun abspielt, stellt aber den Krieg von 2024 bei weitem in den Schatten. Über 400 Menschen wurden bereits getötet, und Hunderttausende mussten ihre Häuser verlassen. Die einzige militärische Kraft, die libanesischen Boden verteidigt – die Hisbollah – ist aufgrund permanenter Angriffe auf ihre Infrastruktur, ihr militärisches Führungspersonal sowie durch veränderte regionale Machtverhältnisse deutlich geschwächt. Die Spaltungen anhand von Religion innerhalb des Landes führen zudem zu einem teilweise feindlichen Klima gegenüber den vorwiegend schiitischen Binnenvertriebenen.

In diesem schwierigen Kontext versucht die Secours Populaire Libanais, eine sozialistische Hilfsorganisation, die historisch mit der Kommunistischen Partei des Libanons verbunden ist, Nothilfe zu leisten und diese mit einer fortschrittlichen Perspektive zu verbinden.

Bassel, Der Libanon wird großflächig bombardiert. Zudem hat Israel bereits eine Bodenoffensive begonnen. Kannst du uns einen Überblick über die aktuelle Situation geben?
Die israelischen Angriffe richten sich erneut gegen den Süden des Landes, die Bekaa-Ebene sowie die südlichen Vororte von Beirut (Dahieh) und haben zu massiver Zerstörung und großflächiger Vertreibung geführt. Schätzungen zufolge sind inzwischen rund 20 Prozent der libanesischen Bevölkerung auf der Flucht. Viele Vertriebene finden notdürftig Zuflucht in öffentlichen Schulen oder provisorischen Unterkünften, während tausende Menschen auf der Straße bleiben.

Die humanitäre Lage ist katastrophal und verschärft sich zusätzlich durch den Mangel an ausreichender staatlicher Unterstützung und die schlechten Bedingungen in den vorhandenen Notunterkünften. Parallel dazu gibt es tausende leerstehende Gebäude und Wohnungen in den gentrifizierten Vierteln Beiruts, die die meisten, wenn nicht sogar alle Vertriebenen aufnehmen könnten, wenn sie geöffnet würden.

Wie bewertest du die Reaktion des libanesischen Staates auf die jüngsten israelischen Angriffe?
Die Reaktion des libanesischen Staates einfach nur als passiv zu beschreiben, wäre eine grobe Untertreibung. Es gibt keinerlei Reaktion auf die Angriffe auf unser Volk. Im Gegenteil: Die libanesische Armee baut ihre Stellungen im Süden schrittweise ab und errichtet gleichzeitig Kontrollpunkte, um Personen zu verhaften, die verdächtigt werden, sich der Front im Süden anschließen zu wollen. Der Premierminister Nawaz Salam hat alle militärischen Aktionen der Hisbollah verboten.

Man muss es klar und deutlich sagen: Der libanesische Staat ist unsere Vichy-Regierung. Er weigert sich, Widerstand zu leisten und versucht gleichzeitig, andere daran zu hindern, selbst zu handeln. Der aktuelle Präsident und der Premierminister handeln im Einklang mit den Interessen der USA. In öffentlichen Statements hat Präsident Aoun mehrfach an Frankreich und die USA appelliert – was im Kontext von deren aktiven Beteiligung an den Angriffen auf unser Land absurd ist.

Die Hisbollah sowie andere Widerstandsfraktionen und die Zivilbevölkerung leisten entschlossen Widerstand gegen die Angriffe im Süden. Dies, obwohl sie sich – aufgrund äußerer und innerer Angriffe – in einer äußerst schwierigen Situation befinden. Israel hat große Mühe, mit der Bodeninvasion vorzurücken, und hat bereits mehrere Panzer verloren.

Kannst du uns einen Überblick über das Selbstverständnis und die Aktivitäten der Secours Populaire geben?
Wir verstehen unsere Aktivitäten nicht als humanitäre Hilfe, sondern als politische Arbeit. Wir sind Teil des libanesischen Volkes, das großen Angriffen ausgesetzt ist, und wollen die Widerstandsfähigkeit in unserer Bevölkerung stärken. Insbesondere in jenen Gebieten, welche aufgrund ihres Widerstands gegen die zionistische Besatzung großen Angriffen ausgesetzt sind. Wir stellen uns aktiv gegen die Spaltungen anhand von Herkunft sowie Religion und helfen Menschen.

Der Unwille und die Unfähigkeit des Staates angemessen auf diese Krisensituation zu reagieren, führt dazu, dass lokale Initiativen und zivilgesellschaftliche Strukturen zunehmend an Bedeutung gewinnen, um die unmittelbare Versorgung der betroffenen Bevölkerung sicherzustellen. Die Secours Populaire hat im ganzen Libanon insgesamt 21 Niederlassungen. Wir betreiben in Nabatiye (eine Stadt im Südlibanon) ein Krankenhaus, in dem Verletzte der israelischen Angriffe kostenlos versorgt werden. Zudem haben wir verschiedene Gesundheitszentren, in denen medizinische Grundversorgung und Beratungen angeboten werden. Wir unterstützen Vertriebene bei der Wohnungssuche und organisieren Lebensmittelverteilungen und Gemeinschaftsküchen. Der Großteil unserer Aktivist:innen macht dies auf freiwilliger Basis.

Mit welchen Schwierigkeiten seid ihr konfrontiert?
Wie bereits gesagt, ist die humanitäre Lage katastrophal – es mangelt an allem. Viele internationale NGOs haben sich in den letzten 14 Monaten in ihrer Arbeit auf Syrien konzentriert und sind jetzt nicht präsent. Daher ist es jetzt noch dringender, Basis-Initiativen zu unterstützen.

Das innenpolitische Klima ist zudem viel schwieriger als noch im Krieg 2024. Israel versucht dies auszunutzen und Kämpfe zwischen religiösen Gruppen zu provozieren. So hat Israel vor der Bombardierung der vorwiegend schiitischen Vororten Beiruts Evakuierungsrouten veröffentlicht, die direkt in sunnitische und christliche Viertel führen, die der schiitischen Bevölkerung und der Hisbollah in größeren Teilen ablehnend gegenüberstehen.

Was ist eure Nachricht an die europäische Linke – und wie kann man euch unterstützen?
Während wir euch bitten, populäre Initiativen und Spendenaktionen zu unterstützen, sollte dies nicht als rein humanitäre Frage betrachtet werden. Noch wichtiger als Spenden ist es, dass ihr euch in euren eigenen Ländern organisiert und gegen die Interessen der USA sowie der europäischen Staaten mobilisiert, die aktiv an dieser Aggression beteiligt sind. Man muss verstehen, dass die Aggression gegen den Libanon Teil eines größeren, regionalen Krieges ist, den die USA und Israel gegen den Iran und all diejenigen Kräfte führen, die sich ihrer Hegemonie entgegenstellen.

Den Nothilfefonds der Secours Populaire kann man hier unterstützen.

https://perspektive-online.net/2026/03/krieg-vertreibung-und-solidaritaet-die-arbeit-der-secours-populaire-im-libanon