In Hamburg findet aktuell das Bridge of Resistance-Camp als Teil der bundesweiten Stop Nakba Now-Kampagne statt. Wir haben mit Susanne Dzeik und Nikodem Kaddoura über die Hintergründe des Camps gesprochen und darüber, wie sich gegen diffamierende Medienberichte und Auflagen durch die Versammlungsbehörde (erfolgreich) gewehrt wird.
Gerade findet ein palästina-solidarisches Camp mit dem Namen „Bridge of Resistance“ auf der Hamburger Moorweide statt. Warum gerade jetzt?
Wir veranstalten das Camp rund um den Nakba-Gedenktag (arab.: Katastrophe) auf der Moorweide in Hamburg. Er jährt sich dieses Jahr zum 78. Mal. Dabei verstehen wir die Nakba nicht als abgeschlossenes historisches Ereignis, sondern als eine andauernde Geschichte der Gewalt, die bis heute fortwirkt und mit dem aktuellen Genozid eine weitere Eskalationsstufe erreicht hat. In diesem Zusammenhang möchten wir insbesondere die deutsche Komplizenschaft und Verantwortung thematisieren.
Warum war es euch wichtig, das Camp gerade in Hamburg zu organisieren?
Hamburg als Standort ist für uns sowohl für das Camp als auch für die gesamte Aktionswoche von zentraler Bedeutung. Wir möchten nicht nur die politische, sondern auch die wirtschaftliche und logistische Komplizenschaft sichtbar machen. Mit dem Hamburger Hafen befindet sich hier ein zentraler Knotenpunkt dafür.
Eigentlich hätten wir das Camp gerne noch näher am Hafen organisiert, allerdings gab es dort keinen geeigneten Ort. Gleichzeitig knüpfen wir hier auch an bestehende Strukturen an, da die Gruppe Thawra bereits vor zwei Jahren an diesem Ort ein Camp veranstaltet hat.
In den vergangenen drei Jahren wurden über 17.000 Kisten Munition von Hamburg nach Israel verschifft. Dabei handelt es sich vermutlich nur um die Spitze des Eisbergs, denn wir wissen nicht, wie viele weitere Dual-Use-Güter oder andere militärisch nutzbare Produkte verschifft wurden. Genau dafür wollen wir zunächst ein Bewusstsein schaffen: dafür, dass Hamburg und insbesondere der Hafen eine zentrale Rolle in diesen Lieferketten spielen.
Darauf aufbauend geht es uns darum, gemeinsame Organisierung und eine Gegenmacht zu entwickeln. Wenn wir nach Italien oder Griechenland schauen, sehen wir Arbeiter:innen, insbesondere Hafenarbeiter:innen, die aktiv Transporte blockieren und verhindern wollen, dass der Genozid in Gaza von Europa aus unterstützt wird. An diesen Punkt müssen wir auch hier kommen. Es reicht nicht, bei Solidaritätsbekundungen und Parolen stehenzubleiben. Wir brauchen gemeinsame Organisierung, konkrete Strategien und kollektive Gegenmacht gegen diese Form der Komplizenschaft.
In den letzten Monaten scheint der Genozid in Gaza sowohl in den Medien als auch innerhalb der linken Bewegung in Deutschland weniger präsent zu sein. Stattdessen stehen Themen wie Wehrpflicht oder Kürzungspolitik stärker im Fokus. Ist die Palästina-Bewegung an einem Endpunkt angekommen?
Seit dem sogenannten „Waffenstillstand“, der aus unserer Sicht kein wirklicher Waffenstillstand ist, wird über Gaza und auch über die Westbank deutlich weniger gesprochen. Gleichzeitig ist der Genozid in Palästina keineswegs vorbei: Die Bombardierungen gehen weiter, Menschen werden weiterhin vertrieben. In der Westbank ist die Situation inzwischen so dramatisch, dass Menschen beginnen zu fliehen. Repressionen nehmen immer weiter zu und sind für viele unerträglich geworden. Gleichzeitig bombardiert Israel den Libanon und den Iran – dennoch finden diese Entwicklungen kaum noch Resonanz in den Medien.
Wir sind in den vergangenen zwei Jahren kontinuierlich auf die Straße gegangen und haben Demonstrationen organisiert. Dabei sind wir zunehmend zu dem Punkt gekommen, an dem wir sagen: Es reicht nicht mehr aus, nur zu demonstrieren. Deshalb geht es uns heute verstärkt darum, auch die deutsche Mittäterschaft und Komplizenschaft sichtbar zu machen und zugleich Verbindungen zu anderen sozialen Bewegungen aufzubauen.
Ein Beispiel dafür ist die aktuelle Schulstreik gegen Wehrpflicht-Bewegung in Deutschland. Diese richtet sich gegen die Militarisierung der Gesellschaft und einen zunehmend autoritären Staatsumbau.
Gewerkschaftlich ist die Situation in Deutschland derzeit noch schwieriger, aber gerade deshalb ist es uns wichtig, an internationale Streiks und auch die internationale Arbeiter:innenbewegung anzuknüpfen. Wir wollen darüber ins Gespräch kommen und Verbindungen über die eigene politische Szene hinaus aufbauen – auch mit gewerkschaftlichen Gruppen.
Wie ist bisher die Resonanz auf euer Camp?
Die Resonanz war sehr schnell sehr positiv, schon im Vorhinein. Bundesweit hat das Camp viele Gruppen angesprochen, weil es einen Raum für die Bewegung schafft, in dem Menschen über eine ganze Woche hinweg miteinander diskutieren, sich weiterbilden, austauschen und gemeinsam darüber nachdenken können, wie Protest und Widerstand weiterentwickelt werden können.
Besonders schön ist die große Solidarität, die wir hier erleben. Die Verpflegung wird beispielsweise von solidarischen Restaurants und Menschen organisiert, die spontan vorbeikommen und kochen. Am Samstag war ein Pizzabäcker hier und letztens wurde für uns Paella gekocht. Es gibt unglaublich viele helfende Hände, die dieses Camp überhaupt erst möglich machen. Es ist beeindruckend zu sehen, wie stark sich hier alles selbst organisiert und wie groß die Unterstützung sowohl in Hamburg als auch bundesweit ist.
Am Donnerstag wird beispielsweise ein Bus aus Berlin anreisen, und aus weiteren Städten werden ebenfalls gemeinsame Anfahrten organisiert. Insgesamt sind wir sehr zufrieden mit der bisherigen Resonanz. Die täglichen Rückmeldungen motivieren uns, die politische Arbeit weiterzuführen. Mittlerweile haben über 30 Gruppen aus ganz Deutschland an der Vorbereitung und Organisation des Camps mitgewirkt.
Wie ist das Camp organisiert und wie können sich Menschen einbringen?
Wenn man sich hier umsieht, merkt man schnell, wie viel Infrastruktur aufgebaut wurde. Wir haben zwei große Workshop-Zelte, die nahezu durchgehend parallel bespielt werden. Ursprünglich war eigentlich nur ein Workshop zur gleichen Zeit geplant, aber inzwischen haben wir über 40 Workshops und Vorträge im Programm. Mit dem Material und den Diskussionen, die zusammengekommen sind, könnte man problemlos einen ganzen Monat füllen.
Das Camp funktioniert dabei sehr solidarisch und selbstorganisiert. Man sieht ständig Menschen, die gemeinsam aufräumen oder die Wiese sauber halten. Es gibt Camp-Regeln, ein Awareness-Team, Ordnerstrukturen und Sanitäter:innen, die professionelle Erste Hilfe leisten können.
Außerdem finden regelmäßig Plena statt, an denen sich alle beteiligen können. Die Menschen übernehmen freiwillig Schichten und bringen sich aktiv in die Organisation ein. Besonders bemerkenswert ist, dass all das in sehr kurzer Zeit entstanden ist: Wir haben das Camp innerhalb von etwa drei Monaten organisiert.
Das Ganze hat einen starken Grassroots-Charakter, und genau das prägt auch die Stimmung hier. Viele Menschen sind froh, einen Ort zu haben, an dem sie bundesweit zusammenkommen, miteinander ins Gespräch kommen und sich vernetzen können. Dazu kommen internationale Teilnehmer:innen, die teilweise online zugeschaltet sind und sich ebenfalls an den Diskussionen beteiligen.
Natürlich gibt es auch ein gewisses Chaos – aber eines mit viel Herz. Und insgesamt funktioniert es erstaunlich gut.
Die palästina-solidarische Bewegung ist in Deutschland seit längerem mit Repressionen konfrontiert. Inwiefern betrifft das auch euer Camp – etwa durch Behörden, Gerichte oder die mediale Berichterstattung?
Wir haben die Anmeldung für das Camp bereits vor fast zwei Monaten eingereicht. Die Versammlungsbehörde hat sich allerdings erst etwa eine Woche vor Beginn konkret mit ihren Bedenken an uns gewandt und dabei auch einen alternativen Standort im Schanzenpark vorgeschlagen. Aus unserer Sicht beruhte die Begründung letztlich auf politischer Willkür.
Eine zentrale Rolle spielte dabei der ehemalige Antisemitismus-Beauftragte Stefan Hensel, der im Namen der jüdischen Gemeinde einen Brief an Bürgerschaftsabgeordnete in Hamburg verfasst hat, um die gegen uns erhobenen Vorwürfe öffentlich zu machen. Dabei wurde vor allem argumentiert, dass der Ort auf der Moorweide eine besondere historische Bedeutung habe, weshalb das Camp dort unangebracht sei.
Wir halten diese Argumentation jedoch für konstruiert. Der eigentliche „Platz der Deportierten“ befindet sich mehrere hundert Meter entfernt in Richtung Universitätscampus, dazwischen liegt sogar das Hauptgebäude der Universität.
Die Versammlungsbehörde ist dieser politischen Argumentation letztlich gefolgt und wollte uns die Nutzung der Fläche untersagen. Deshalb sind wir gemeinsam mit solidarischen Anwält:innen vor Gericht gezogen – zunächst vor das Verwaltungsgericht und später auch in die zweite Instanz. In beiden Verfahren haben wir Recht bekommen. Sowohl im Eilverfahren als auch nach der Beschwerde der Gegenseite wurde bestätigt, dass wir das Recht haben, unsere Grundrechte wahrzunehmen und das Camp an diesem Ort durchzuführen.
Euch wird unter anderem Antisemitismus vorgeworfen und kritisiert, dass das Camp an diesem Ort „geschichtsvergessen“ sei. Habt ihr diese Debatte bei der Planung erwartet oder mitbedacht?
Ehrlich gesagt nicht in diesem Umfang. Mit dieser Form der Debatte haben wir im Vorfeld nicht gerechnet. Bereits vor zwei Jahren hat an genau diesem Ort ein Camp stattgefunden, damals gab es zwar auch im Nachhinein Diskussionen über den Ort, jedoch auf viel niedrigerer Ebene und ohne, dass sich beispielsweise der israelische Botschafter eingeschaltet hatte.
Uns wird nun vorgeworfen, dass es sich bei dem Ort um einen historischen Deportationsort für Jüd:innen, sowie für Sinti und Roma gehandelt habe. Für uns steht das jedoch nicht im Widerspruch zu unserem Camp. Wir verstehen uns selbst als Teil einer antifaschistischen Tradition und positionieren uns grundsätzlich gegen Gewalt, Krieg und Genozide. Dabei thematisieren wir insbesondere auch deutsche Kontinuitäten und Formen der Mittäterschaft.
Selbstverständlich ist es auch in unserem Sinne, das Gedenken an den Holocaust aufrechtzuerhalten und ernst zu nehmen.
Haben die Vorwürfe und die Berichterstattung Auswirkungen auf eure Arbeit gehabt?
Leider ja. Es ist gelungen, von Anfang an ein bestimmtes Narrativ zu setzen und damit viele Menschen zu verunsichern, auch innerhalb der Linkspartei. In den Medienberichten geht es oft weniger um unsere eigentlichen Inhalte oder darum, was wir thematisieren möchten. Stattdessen steht meist die Behauptung im Vordergrund, hier würden angebliche Antisemit:innen das jüdische Gedenken schmälern.
Habt ihr versucht, diesen Darstellungen etwas entgegenzusetzen?
Ja, wir haben eine Pressekonferenz veranstaltet, bei der verschiedene Medien vor Ort waren. Allerdings hat sich das Framing letztlich nur bei zwei Zeitungen wirklich verändert. Bei vielen anderen bleibt es bei denselben Erzählungen, nämlich dass „wir die Antisemiten wären“. Nur wenige setzen sich differenzierter mit der Situation auseinander. Aber diese Art der Berichterstattung kennen wir bereits im Zusammenhang mit dem Thema Palästina. Dazu gibt es auch eine empirische Untersuchung von Fabian Goldmann, die er bereits auf dem Camp vorgestellt hat.
Was möchtet ihr in der Debatte um die Antisemitismusvorwürfe besonders betonen?
Was bei dieser ganzen Debatte um Antisemitismus immer irgendwie mitschwingt, ist, dass dann gesagt wird, dass wir das Camp gar nicht machen sollten. Egal, ob auf der Moorweide oder woanders. Wir denken, es ist ein vorgeschobenes Argument, der Ort würde die Gegenproteste auslösen.
Gleichzeitig ist es uns wichtig zu betonen, dass es sich hier nicht um irgendwelche Streitigkeiten zwischen zwei Fußballmannschaften oder ähnliches handelt, sondern um Menschenleben und universelle Menschenrechte.
Das „Bridge of Resistance“-Camp findet in Hamburg auf der Moorweide noch bis zum 16. Mai statt und endet mit einer Abschlussdemonstration um 15 Uhr anlässlich des 78. Jahrestags der Nakba an den Landungsbrücken.
https://perspektive-online.net/2026/05/es-reicht-nicht-mehr-nur-auf-die-strasse-zu-gehen-wir-brauchen-gemeinsame-organisierung/








