Vor 64 Jahren wurde Nelson Mandela verhaftet – mit entscheidender Hilfe der CIA. Der Fall steht bis heute exemplarisch für eine imperialistische Politik, die Befreiungsbewegungen bekämpft, während sie mit rassistischen Regimen paktiert. – Ein Kommentar von Reiner Matzinke.
Am 5. August 1962 wurde Nelson Mandela in der Nähe von Durban verhaftet – ein Ereignis, das sein Leben für fast drei Jahrzehnte aus der Öffentlichkeit reißen sollte. Die Umstände seiner Festnahme waren lange Zeit unklar. Ein inzwischen verstorbener CIA-Agent, Donald Rickard, hat jedoch bestätigt, was viele vermutet hatten: Die CIA lieferte den entscheidenden Tipp, der zur Verhaftung Mandelas führte.
Die Begründung des ehemaligen Geheimdienstmitarbeiters ist bemerkenswert offen: Mandela sei „völlig unter der Kontrolle der Sowjetunion“ gewesen und hätte einen Krieg anzetteln können, in den die USA hineingezogen worden wären. Ein Lehrstück über die antikommunistische Paranoia des Kalten Krieges, das den Preis für den Kampf gegen Unterdrückung zeigt und das Erbe des US-Imperialismus in Afrika offenlegt.
Der Weg zum Widerstand
Bevor Mandela zur Symbolfigur des Widerstands wurde, war er ein politischer Aktivist, der sich dem African National Congress (ANC) angeschlossen hatte. Der ANC ist die älteste moderne Befreiungsbewegung des afrikanischen Kontinents. Sein ursprüngliches Ziel war es, die Rechte der schwarzen Bevölkerung Südafrikas zu verteidigen und gegen die zunehmende Entrechtung durch die weiße Minderheitsregierung zu kämpfen.
In den 1940er Jahren – insbesondere mit der Gründung der ANC Youth League unter anderem durch Mandela – wandelte sich der ANC von einer eher konservativen Organisation zu einer fortschrittlichen Massenbewegung, die den Kampf gegen die Apartheid aufnahm. Unter der neuen Führung organisierte der ANC zivilen Ungehorsam und Massenproteste, die in der „Defiance Campaign“ von 1952 ihren Höhepunkt fanden. Die blutigen Ereignisse von Sharpeville im Jahr 1960, bei denen die Polizei 69 friedliche Demonstranten erschoss, veränderten jedoch seine Überzeugung bezüglich des bewaffneten Widerstandes.
Mandela erkannte, dass der gewaltfreie Kampf allein das weiße Minderheitsregime nicht brechen würde können. Er war an der Gründung des militärischen Flügels des ANC, Umkhonto we Sizwe (der „Speer der Nation“), beteiligt, der Sabotageakte verübte, um möglichst wenige Menschenleben zu gefährden, aber dennoch Druck auf das Regime auszuüben. Mandela war zu dieser Zeit einer der meistgesuchten Männer Südafrikas und sein Talent, der Polizei zu entkommen, brachte ihm den Spitznamen „der Schwarze Pimpernel“ ein.
Die Jahre vor seiner Verhaftung waren geprägt von einer Intensivierung des Widerstands. Mandela selbst reiste ins Ausland, um Unterstützung für den Befreiungskampf zu gewinnen. Eine Reise, die ihn auch nach Äthiopien, in den Sudan und nach Großbritannien führte. Es war eine Zeit des Umbruchs, in der die Befreiungsbewegungen in ganz Afrika an Stärke gewannen und der Kalte Krieg die Kontinente in ein Schlachtfeld der westlichen und sowjetischen Mächte verwandelte.
Die Rolle der CIA und der Kontext des Kalten Krieges
Die Verhaftung Mandelas im Jahr 1962 war kein Zufall. Der damalige US-Vizekonsul in Durban, Donald Rickard, der zugleich als CIA-Agent tätig war, gab den entscheidenden Hinweis auf Mandelas Reiseroute an die südafrikanische Polizei. Rickard rechtfertigte seine Tat mit der Überzeugung, Mandela sei ein Kommunist und eine Gefahr für die westlichen Interessen.
„Er war der gefährlichste Kommunist“, sagte Rickard in einem Interview vor seinem Tod. Der ANC-Sprecher Zizi Kodwa kommentierte, dass dies nur bestätige, „was wir schon immer wussten“. Die USA arbeiteten gegen die Befreiungsbewegungen. Mandela selbst wurde in den USA bis 2008 auf der Terrorliste geführt, ein Schicksal, das er mit anderen ANC-Führern teilte, die von der Reagan-Administration als „Terroristen“ gebrandmarkt worden waren. Die Ironie: Während Mandela bereits weltweit als Friedensikone und Befreiungskämpfer gefeiert wurde, galt er in den USA über Jahrzehnte als gefährlicher Feind.
Die Angst vor einem wachsenden Einfluss der Sowjetunion ließ Washington zahlreiche Befreiungsbewegungen in Afrika als kommunistische Unterwanderung betrachten, auch wenn diese der UdSSR ambivalent gegenüberstanden. Diese Wahrnehmung führte jedoch zu einer systematischen Unterstützung von Kräften, die den Status quo bewahrten, selbst wenn und auch weil diese auf offener Unterdrückung beruhten.
Diese Analyse lässt sich auch bei zeitgenössischen Politikern finden, so auch bei dem sowjetischen Parteichef Nikita Chruschtschow in einem Brief an den damaligen US-Präsidenten John F. Kennedy während der Kubakrise. So schrieb er: „Er [Kennedy] glaubt, dass es eine Folge der Aktivitäten Moskaus ist, wenn sich Menschen gegen Tyrannen erheben. Das ist nicht der Fall. Dass die USA dies nicht verstehen, birgt Gefahren. Die UdSSR schürt keine Revolutionen, doch die Vereinigten Staaten suchen immer nach äußeren Einflüssen, wenn es zu bestimmten Umwälzungen kommt.“
Mandela war für die CIA ein Symbol des afrikanischen Nationalismus, der mit internationaler Solidarität verbunden war. Dass er die Unterstützung aus Moskau und Havanna nicht ablehnte, machte ihn in den Augen Washingtons zu einem Feind, der beseitigt werden musste. Nicht zuletzt auch, weil sich das damalige Apartheidregime als zuverlässiger Partner im Kampf der westlichen Mächte gegen den sowjetischen Block erwies – indem es beispielsweise im Koreakrieg die eigene Luftwaffe dem US-geführten Einsatz zur Verfügung stellte.
CIA und Afrika: Ein Muster der Einmischung
Die Verhaftung Mandelas ist jedoch nur ein besonders prominentes Beispiel für die Einmischung der USA auf dem afrikanischen Kontinent. Die CIA-Aktivitäten in der Region gingen weit hinaus: In Angola unterstützten die USA die UNITA und die FNLA im Bürgerkrieg gegen die MPLA, die von Kuba unterstützt wurde. Ein CIA-Dokument von 1981 beschreibt die Strategie, Jonas Savimbi zu stärken, um die kubanischen Truppen in Angola zu binden. Das Dokument zeigt, wie die USA bereit waren, mit dem Apartheidregime zusammenzuarbeiten, um den Einfluss der kleinen Insel Kuba zu bekämpfen.
Washington unterstützte auch die südafrikanische Besetzung Namibias und betrachtete die SWAPO-Freiheitsbewegung als kommunistische Bedrohung. Die US-Administration unter Ronald Reagan sprach sich sogar klar gegen Sanktionen gegen das Apartheidregime aus und bezeichnete den ANC als „Terrororganisation“.
Auch andere Widerstände gegen koloniale Unterdrückung wurden durch Geheimdienstoperationen zerschlagen. Ein besonders markantes Beispiel ist Patrice Lumumba. Der erste demokratisch gewählte Premierminister des Kongo wurde von der CIA als kommunistische Bedrohung eingestuft und im Januar 1961 unter aktiver Beteiligung US-amerikanischer Geheimdienste ermordet. Die CIA hatte Lumumba bereits 1960 auf die Todesliste gesetzt und ein Gift-Kit nach Leopoldville geschickt, während sie gleichzeitig den Putsch von Joseph Mobutu finanzierte. Als der Giftplan scheiterte, lieferten die Behörden den kongolesischen Premierminister an seine Feinde in Katanga aus, wo er mit Wissen der CIA hingerichtet wurde.
Die zynische Logik der US-Politik wird in einem Memorandum von Außenminister Alexander Haig an Präsidenten Reagan deutlich. Haig schrieb 1981: „Wir sollten Jonas Savimbi stärken, damit er die Kubaner in Angola belästigen kann, als Teil einer breiteren Strategie, die MPLA zu zwingen, mit Savimbi zu verhandeln und die Kubaner loszuwerden“. Die Interessen der afrikanischen Bevölkerung, die unter der Apartheid und den Bürgerkriegen litt, spielten dabei keine Rolle.
Die kubanische Solidarität als Gegenbeispiel
Die Beteiligung Kubas in Angola ist ein bemerkenswertes Gegenbeispiel zur US-Politik: Kuba schickte Truppen, um das unabhängige Angola gegen die südafrikanische Invasion und die von den USA unterstützten Rebellen zu verteidigen. Was die kubanische Präsenz von der US-Intervention unterschied, war ihre solidarische Grundlage. Kubas Engagement in Angola war Teil einer internationalistischen Politik, die Befreiungsbewegungen in Afrika und anderswo unterstützte. Während die USA den Kampf gegen den „internationalen Kommunismus“ führten, indem sie mit rassistischen Regimen paktierten, leistete Kuba militärische und logistische Unterstützung für den antikolonialen Befreiungskampf.
Die Kämpfe in Angola waren Teil eines größeren regionalen Konflikts, der auch Namibia betraf und letztlich zur Unabhängigkeit Namibias und zum Ende der Apartheid beitrug. Die Unterstützung für das Apartheidregime und die antikommunistischen Aufständischen in der Region war eine durchgängige Linie der US-Außenpolitik. Die USA spielten in der Region eine Rolle, die den Machterhalt von Unterdrückungsregimen förderte, während sie sich rhetorisch für „Freiheit und Demokratie“ (für Weiße) einsetzten. Die kubanischen Soldaten in Angola hingegen kämpften nicht für Profit oder für strategische Vorteile, sondern für eine Vision von internationaler Solidarität.
Das Vermächtnis: Ein Kampf gegen zwei Fronten
Das Vermächtnis Mandelas ist daher untrennbar mit der Geschichte des Widerstands gegen den Imperialismus verbunden. In einem berühmten Interview im Townhall-Format im Jahr 1990 stellte er klar, dass die Feinde Amerikas nicht die Feinde Südafrikas seien. Er bekräftigte seine Solidarität mit denjenigen, die weltweit für Befreiung kämpfen, einschließlich der Menschen in Palästina, Kuba und Libyen.
Er wurde aufgefordert, sich von Yasser Arafat, Fidel Castro und Muammar Gaddafi zu distanzieren. Seine Antwort war klar: „Einer der Fehler, die einige politische Analysten machen, ist zu glauben, dass ihre Feinde unsere Feinde sein sollten. Das können und werden wir nie tun“. Mandela verteidigte seine Verbündeten mit dem Argument, dass sie den ANC in den schwersten Zeiten unterstützt hätten. Nicht nur mit Worten, sondern mit Ressourcen, die für den Befreiungskampf entscheidend waren.
Für Mandela waren die Palästinenser:innen Hoffnungsträger im antikolonialen Kampf, und Kuba war kein kommunistischer Außenposten, sondern ein Symbol der Solidarität mit den Unterdrückten. Diese Haltung brachte ihm Kritik ein, insbesondere von zionistischen Organisationen in den USA, die ihn als „amoralisch“ bezeichneten. Doch Mandela blieb standhaft. „Wir haben keine Zeit, uns in die inneren Angelegenheiten anderer Länder einzumischen“, sagte er damals. „Wir unterstützen jene Länder, die uns unterstützt haben, und wir werden uns niemals von ihnen distanzieren, selbst wenn dies politisch unklug ist“.
Der Kampf gegen den Imperialismus geht weiter
Die Verhaftung Mandelas vor 64 Jahren war ein von der CIA orchestrierter Akt, um einen Mann zu stoppen, der als zu gefährlich für die westlichen Interessen galt. Die Geschichte zeigt, dass der Kampf gegen Unterdrückung nicht nur in den Gefängnissen der Apartheid ausgefochten wurde, sondern auch gegen die geheimdienstlichen und geopolitischen Manöver einer Weltmacht, die den Antiimperialismus als Bedrohung ihrer eigenen Hegemonie ansah. Es war ein Kampf auf zwei Fronten, gegen die rassistische Unterdrückung im Inland und gegen die imperialistische Einmischung von außen.
Die USA und ihre Verbündeten betrachteten Befreiungsbewegungen in Südafrika, Angola und Namibia nicht als legitime Kämpfe gegen Unterdrückung, sondern als Bedrohung für ihre eigene Vormachtstellung. Die CIA war bereit, das Apartheidregime zu unterstützen, um diesen vermeintlichen Einfluss zu stoppen. Mandela selbst sagte später, dass der Kampf gegen die Apartheid nicht nur ein Kampf für Südafrika war, sondern ein Kampf für die Menschheit. Die Geschichte seiner Verhaftung zeigt, dass dieser Kampf immer auch ein Kampf gegen die imperialistische Einmischung war – ein Kampf, der bis heute bitter notwendig ist.







