Paula Maier im Interview: „Sexualisierte Gewalt zielt darauf ab, uns Frauen zu demütigen und mundtot zu machen“

Während einer Delegationsreise nach Nordkurdistan wurde Paula Maier festgenommen, in Abschiebehaft gebracht und von einem türkischen Beamten vergewaltigt. Im Interview spricht sie über sexualisierte Gewalt als Mittel der Repression – und die Frage, wie aus Angst neuer Widerstand entstehen kann.
Du bist im Januar mit anderen Aktivist:innen nach Nordkurdistan gereist. Was habt ihr dort gemacht?
Anfang Januar wurden kurdische Stadtteile in Aleppo angegriffen von HTS-geführten Kräften, und Mitte Januar ist es dann zu einem Generalangriff auf die selbstverwaltete Region in Nordostsyrien übergegangen. Und wir haben uns dann als Jugenddelegation mit insgesamt 16 Internationalist:innen, davon 13 Frauen und eine non-binäre Person, auf den Weg gemacht in die Türkei.

Rojava ist für uns als deutsche Sozialist:innen auch ein Bezugspunkt. Es ist eine selbstverwaltete Region, es ist ein Gesellschaftsmodell, das nach den Bedürfnissen der Gesellschaft orientiert ist, und dadurch ist es auch ein Bezugspunkt für uns hier in Deutschland. Und nachdem die Angriffe im Januar sich zugespitzt haben, war für uns klar, dass wir in Deutschland aktiv werden müssen, auf die Straße gehen müssen, aber dass wir auch unsere Solidarität in der Türkei, in Kurdistan zeigen möchten.

Wir sind dann nach Amed geflogen und haben dort mit der DEM-Partei zusammen Tage verbracht. Wir haben Pressekonferenzen abgehalten, wir waren auf Protesten und haben dort auch versucht, Öffentlichkeit zu schaffen, Videos aufgenommen, die dann gepostet wurden, und so versucht, auf die Lage in Rojava aufmerksam zu machen.

Am fünften Tag eurer Reise wurdet ihr festgenommen und in Abschiebehaft am Flughafen Istanbul gebracht. Was hast du dort erlebt?
Wir wurden auf der Fahrt von Nusaybin nach Mardin dann gezielt von der Militärpolizei und der Ausländerbehörde festgenommen und wurden nach Mardin rein in eine Wache gefahren, wurden da erstmal durchsucht und am Abend 20 Stunden über nach Istanbul gefahren, in das Abschiebezentrum.

Die Fahrt über hatten wir neben uns alle einen persönlichen Polizistenaufpasser sitzen und waren dadurch auch sehr eingeschränkt. Wir haben probiert, kleine Möglichkeiten irgendwie zu finden, uns abzusprechen, Solidarität untereinander zu finden und auch Kraft zu tanken. Wir haben zum Beispiel die Reihe hindurch versucht, uns wie bei Flüsterpost abzusprechen, und haben so auch relativ schnell besprochen, dass wir versuchen, einen Rahmen der Öffentlichkeit, den wir haben, zu nutzen.

Also haben wir besprochen, dass wir dann auf der nächsten Raststätte eine kleine Mini-Demo machen wollen, um auf die Situation in Rojava aufmerksam zu machen und auch die Abschiebung, die bisher sehr leise und auch reibungslos stattfinden sollte, auf die aufmerksam zu machen und dieses Stillschweigen ein bisschen zu durchbrechen.

Das war auch der erste Moment, wo die Polizei dann Gewalt gegen uns angewendet hat. Sie haben uns schnell wieder versucht, in den Bus reinzudrängen und zu schuggen. Das war aber eigentlich für uns auch ganz gut, weil wir uns dann sehr schnell hinten alle in den Bus setzen konnten und die restliche Fahrt über getrennt von unseren Aufpassern waren. Und dort hatten wir noch mal so einen kleinen Rahmen für uns, wo wir uns weiter absprechen konnten, wo wir aber auch gesungen haben und auch Kraft für die nächsten Stunden gesammelt haben.

Wir sind dann in Istanbul im Abschiebezentrum am Flughafen angekommen, wurden dort erstmal auf eine Sammelzelle gebracht und sollten dann am Abend alle zusammen nach Frankfurt abgeschoben werden. Im Flugzeug haben wir auch noch mal eine Durchsage gemacht, haben versucht, dort den Rahmen der Öffentlichkeit zu nutzen. Und wurden aber dann wegen unserer Parolen auf Kurdisch und der Durchsage noch mal von Polizisten und Geheimdienstlern vom türkischen Staat gewaltsam aus dem Flugzeug weggezogen.

Wir wurden die Treppe zur Landebahn runtergerissen und in einen Bus gesteckt. Der Bus war komplett dunkel. Wir wurden auf den Boden getreten, mit Kabelbindern gefesselt. Es wurde faschistische türkische Musik abgespielt und vor allem viel der Satz „Welcome to Türkiye“. Ab dem Moment haben wir eigentlich die komplette Härte des türkischen Staates erlebt.

Wir wurden dann wieder zurück in das Abschiebezentrum gefahren, diesmal nicht in der Sammelzelle, sondern in Einzelzellen. Und wurden die folgenden Stunden, die Nacht über hinweg, gefoltert auf verschiedenen Ebenen. Wir haben körperliche Gewalt erlebt, wir wurden geschlagen, getreten, bespuckt. Wir haben psychische Gewalt erlebt. Wir mussten uns Videos von geschändeten Kämpferinnen anschauen, und auch unsere eigenen Videos der letzten Tage wurden gezeigt, verbunden mit der Drohung, dass wir die Genossinnen in dem Video nie wieder sehen würden.

Und wir haben auch eine Form der sexualisierten Gewalt erfahren. Unsere Haare, die geflochten waren, wurden im Schritt der Polizisten gerieben. Wir wurden einem vermeintlich unverheirateten Mann angedreht in der Einzelzelle. Wir haben die verschiedenen Methoden der Polizisten am Körper erfahren, die körperliche, die psychische und auch die sexualisierte Form der Gewalt, und während der Zeit in Einzelzelle wurde ich von einem türkischen Beamten vergewaltigt.

Wie ging es dir in den Stunden dieser Nacht?
Man weiß nicht, was passiert in den nächsten Stunden. Man weiß nicht, wann kommt jemand rein und wendet die nächste Methode Gewalt an. Und man ist sehr konfrontiert mit der Gewalt vom türkischen Staat, die machen können, was sie wollen mit uns.

Wir haben probiert, uns gegenseitig irgendwie eine Form von Unterstützung zu sein. Wir haben an die Nachbarzellen geklopft und versucht zu signalisieren, dass wir noch da sind und niemand von uns alleine ist, aber trotzdem ist ja dieser Kontrollverlust schwierig in dem Moment. Wir haben probiert, Parolen zu rufen und zu singen, und das waren auch die Momente, wo wir irgendwie gegenseitig uns Kraft geben konnten.

Wie geht es dir heute, einige Monate später, mit diesen Erfahrungen?
Auch heute gibt es gute Tage und schlechte Tage, an denen es mir einfach ohne Gründe auch nicht gut geht, ich werd von den Erfahrungen überrollt. Hab Momente, wo ich mich in die Situation in Haft zurückerinnert fühle, durch Geräusche, durch Bewegungen.

Aber genau das soll ja auch Repression auslösen. Wir sollen daran zurückerinnert werden, wir sollen immer wieder in Situationen kommen, wo wir die Angst haben, weiterzumachen. Wir alle haben eine Form von Gewalt erfahren, und wir alle sollen in unserer politischen Aktivität gebrochen werden, und dadurch sollen ja auch Kämpfe zerstört werden.

Für uns war ganz wichtig, nachdem wir zurückgekommen sind, diese Kollektivität wiederherzustellen. Es war wichtig, dass wir über unsere Erfahrungen sprechen konnten, dass wir auch ehrlich zueinander sein konnten. Wir haben uns am Tag selber, als wir zurückgekommen sind, zum Beispiel noch in Frankfurt getroffen als Delegation und haben versucht, dort schon eine erste Einschätzung und Aufarbeitung zu beginnen.

Und auch die ganze Zeit über bis jetzt haben wir immer wieder Rahmen gesucht, wo wir uns austauschen können, wo wir eine Aufarbeitung schaffen und wo wir aber auch eine politische Einordnung von dem Angriff, den wir alle erlebt haben, treffen konnten. Und genau dadurch konnte ich auch den Mut und die Kraft entwickeln, jetzt mit meinen Erfahrungen an die Öffentlichkeit zu gehen.

Warum hast du dich entschieden, mit dieser sehr persönlichen und schmerzhaften Erfahrung an die Öffentlichkeit zu gehen?
Sexualisierte Gewalt und Repressionen zielen darauf ab, uns Frauen zu demütigen, mundtot zu machen und auch in unserem Willen, weiter zu kämpfen, zu brechen, und wir sollen uns schämen für die Erfahrungen, die wir gemacht haben. Wir sollen in eine Opferrolle gedrängt werden, und genau das ist das Ziel zu durchbrechen.

Es ist ein politischer Angriff auf uns gewesen, und ich möchte politisch darauf antworten. Ich möchte die Form der Gewalt, die wir erlebt haben, greifbar in unseren politischen Kampf tragen und auch ein Sprachrohr für alle Frauen sein, die das erleben und nicht mit ihren Erfahrungen an die Öffentlichkeit gehen können – oder die vielleicht diese Erfahrungen auch nicht überlebt haben.

Du sagst, das sei nicht nur deine Geschichte, sondern die vieler Frauen. Was meinst du damit?
Wenn wir uns die Geschichte von uns Frauen anschauen, dann müssen wir uns vor allem auch das Patriarchat anschauen. Wir sind als Frauen schon immer im Patriarchat mit verschiedenen Formen der Gewalt konfrontiert, sei es alltäglicher Sexismus auf der Straße, häusliche Gewalt oder eben auch die Form von sexualisierter Gewalt und Vergewaltigung, die Staaten als ein Kriegsmittel auch gegen uns anwenden.

Wenn wir uns jetzt in der Vergangenheit zum Beispiel anschauen, da ist Anna, die von ihrer Vergewaltigung in israelischer Haft berichtet hat, oder auch Nekane, eine baskische Genossin, die unter spanischer Haft fünf Tage lang gefoltert und vergewaltigt wurde. Und auch wenn wir uns die Geschichte der Türkei anschauen, wo wir sehen, dass revolutionäre Frauen von ihren Erfahrungen, von ihrer sexualisierten Gewalt in türkischen Gefängnissen berichten, das sind alles Beispiele für die Geschichte von uns Frauen.

Und es gibt aber auch mehr als genug Beispiele, wie wir Frauen uns dagegen wehren können, wie wir es schaffen, gegen diese Gewalt anzukämpfen. Zum Beispiel haben es die revolutionären Frauen in der Türkei geschafft, die Form der Vergewaltigung in den türkischen Knästen zurückzudrängen, oder auch wenn wir uns Rojava anschauen, es ist ein Beispiel: Mit der Frauenrevolution können wir es schaffen, der Gewalt vom Patriarchat, der wir ausgesetzt sind, etwas entgegenzustellen, zum Beispiel mit Frauengerichten, Frauenselbstverteidigungseinheiten oder auch Frauen in allen verantwortlichen Positionen.

Was ich sagen möchte, ist: Solange wir im Patriarchat leben, solange wird es Geschichten von patriarchaler Gewalt gegen uns Frauen geben.

Ihr ruft jetzt zu Solidaritätsaktionen unter dem Motto „Eure Gewalt bricht uns nicht – unsere Körper, unser Kampf“ auf. Was wünschst du dir – was sollen Menschen konkret tun?
Es ist total schön zu sehen, wie viel Solidarität wir auch international in den letzten Tagen zugeschickt bekommen. Ich denke, es ist jetzt unsere Aufgabe, auch hier in Deutschland unsere Kämpfe weiter voranzutreiben.

Wir müssen die Komplizenschaft von dem deutschen Staat mit der Türkei aufzeigen. Es werden immer noch Waffen an die Türkei geschickt, Deutschland nimmt eine Form von Rückhalt in der Politik ein, und auch kurdische Kräfte hier werden immer wieder von massiven Repressionen konfrontiert.

Wir müssen also hier auf die Straße gehen, aktiv sein und uns weiter organisieren. Wir müssen unsere Kämpfe vereinen, und das können wir zum Beispiel im September beim „Rheinmetall entwaffnen“-Kampf anfangen.

Am Ende ist mir jetzt noch wichtig zu sagen: „Eure Gewalt bricht uns nicht – unsere Körper, unser Kampf.“ Und mit diesem Slogan möchte ich auch Liebe und Solidarität an alle Frauen schicken, die international gegen patriarchale Gewalt kämpfen, und auch an alle Genossinnen in der Türkei und Kurdistan.

https://perspektive-online.net/2026/08/paula-maier-im-interview-sexualisierte-gewalt-zielt-darauf-ab-uns-frauen-zu-d