Etwas Besseres als die Rote Hilfe findet man auch in Bremen nicht …

Wer sind die Bremer Stadtmusikanten?

Das ist der Esel, der vom Müller weggelaufen ist, dem er viele Jahre gedient hat, weil der Müller ihn zur Schlachtung freigeben wollte; das ist der Hund, der als alter Jagdhund auch nicht mehr taugt und von seinem Herrn erschossen werden soll, das ist die Katze, die ebenfalls zuhause den Tod fürchtet, und das ist auch der Hahn, der in der Suppe landen soll. Und so machen sie sich gemeinsam auf den Weg:

„Komm mit uns“, sagt der Esel, „etwas Besseres als den Tod findest du überall.“ Sie sagen sich:
„Alles kann eigentlich nur besser werden. Alles kann eigentlich nur besser sein, als mich
einfach meinem Schicksal zu überlassen.“

Sie machen sich mutig auf und suchen nach einer neuen Zukunft.
Angelehnt an: Predigt Uwe Groß, katholischer Diakon, Pfarrei St. Peter und Paul, Wiesbaden (1)

Ende Januar 2026 wurde in der Hansestadt Bremen durch Aktivist:innen der
Interventionistischen Linken (IL) die Existenz eines Vertrauensmannes des Landesamtes für Verfassungsschutz bekannt gemacht. (2) Seit der erfolgreichen Enttarnung geht es in Bremen rund, eine Meldung jagt hier die nächste. Der düpierte Verfassungsschutz schickt Informationen zum Nachrichtenmagazin SPIEGEL, durch die der von der Partei Die Linke in den Bremer Staatsgerichtshof entsandte Rechtsanwalt Anatol Anuschewski zum Rücktritt gezwungen wird – was umgehend einen breiten Protest einiger Rechtsanwaltsverbände auslöst. (3)

In der Bremer Bürgerschaft prangern Abgeordnete der CDU und des Bündnisses
für Deutschland mutmaßliche Verknüpfungen zwischen der Partei Die Linke und
Aktivist:innen der IL und der Roten Hilfe an. Ihr Bürgerschaftsabgeordneter Olaf Zimmer soll allen Ernstes der Roten Hilfe ein Zimmer in seinem Büro am Buntentorsteinweg für Beratungsstunden zur Verfügung gestellt haben. (4) Nun hat es das nach eigenen Darstellungen als „freies Kulturkombinat“ fungierende Etablissement Kukoon in der Bremer Neustadt erwischt. Richtig: Dort hatte die rührige Ortsgruppe der Roten Hilfe Bremen den Verfasser dieser Zeilen Mitte Oktober 2024 zu einer Veranstaltung zum „Prinzip Solidarität – Die Rote Hilfe in den 1970er Jahren“ eingeladen. Das habe ich mir nicht zweimal sagen lassen und bin dort sehr gerne für Kommunismus aufgetreten.

Die Veranstaltung fand im Rahmen der Feierlichkeiten zu „100 Jahre Rote Hilfe“ statt. (5) Allerorten wurden dazu von den Ortsgruppen zu Veranstaltungen mobilisiert. In der Regel wurde dabei die kundige Aktivistin des Hans-Litten-Archivs Silke Makowski zur Geschichte der Roten Hilfe Deutschland in den 1920er und 30er Jahren eingeladen. (6) Die Ortsgruppen Oldenburg und Bremen waren die einzigen beiden, die sich dem Wagnis stellten, auch das politische Solidaritätsnetzwerk in der Dekade der 1970er Jahre zum Gegenstand ihrer Neugier zu machen. Als ich eine Genossin hier fragte, woran das liegen könnte, dass die Geschichte der Roten Hilfe aus der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus doch deutlich mehr an Interesse hervorruft als ihre Geschichte in den 1970er Jahren in Westdeutschland, antwortete sie mir mit entwaffnender Offenheit: „Naja, diese Jahre wirken doch irgendwie komisch!“
Bingo! Richtig allemal hier auch die Einsicht, dass von toten Antifaschist:innen weniger
Nachfragen oder gar Widerspruch zu befürchten steht als von heute noch lebenden
Maoist:innen oder Sympathisant:innen von Stadtguerillagruppen, die sich damals auch in der Roten Hilfe engagierten. Sei’s drum: Wohl auch aufgrund der Mobilisierung des ASTA der Universität Bremen unter dem Stichwort einer „Kritischen Orientierungswoche“ (7) nahmen an der Veranstaltung etwa 70 Leute teil: Die OG der Roten Hilfe hatte einen großen Infotisch aufgestellt und aus der Lautsprecheranlage vom Kukoon erschallte das „Solidaritätslied“ aus dem 1931 gezeigten Film „Kuhle Wampe“, – getextet von Bertolt Brecht und komponiert von Hanns Eisler. (8) Derweil verteilte der mit einem roten Monteuranzug bekleidete Verfasser an die Anwesenden ein kopiertes Flugblatt der Ortsgruppe der Roten Hilfe Neukölln aus dem Herbst 1974, sprang danach auf einen Tisch und schwenkte die Rote Fahne. Hier skandierte er
im Stakkato in außerordentlicher Lautstärke Namen, Begriffe und Parolen aus der Zeit, die in irgendeinem Bezug zu „rot“ stehen:

Rote Fahne, Rote Ilse, Rote Sonne, Roter Morgen, Karl Heinz Roth, Rote Grütze, blutrot,
Rotraud Routhier, Protest, Rote Robe, Wolfgang Abendroth, Rote-Armee-Fraktion und so
weiter.

Hier war vielleicht noch nicht alles klar, aber eines doch gewiss: Sich schlafen legen würde
bei dieser Veranstaltung nicht funktionieren. Vielleicht waren auch darüber einige sehr wenige Besucherinnen so erschreckt und beunruhigt, dass sie frei von Furcht die Veranstaltung einer Organisation verließen, von der der Bremer Verfassungsschutz in mühseligen Recherchen herausgefunden haben will, dass eben diese über eine „gewaltunterstützende und gewaltbefürwortende Einstellung“ verfügen soll. Puuh! Fast alle anderen blieben und erfreuten sich an einem etwa einstündigen Vortrag über die drei roten Hilfen in dieser Zeit. Und zwar eine die einen fünfzackigen schwarzen Stern ★ im Singet führte; eine die der Kommunistischen Partei / Aufbauorganisation als RHeV zugeordnet war; und eine andere, die als Rote Hilfe Deutschland versuchte der Kommunistischen Partei/Marxisten-Leninisten zu dienen. Etwa 100 Ortgruppen brachten alle Roten Hilfen im Laufe der 1970er Jahre in Westdeutschland zusammen und immerhin erweckten sie den nach dem Faschismus vergessenen Begriff nach der Studentenrevolte des Jahres 1967 wieder zum Leben. Doch in der Folge ihres Engagements lagen Erfolge und Misserfolge in der Solidaritätsarbeit dicht beieinander. Traurig, aber wahr: Am Ende der Dekade verlöschte die Existenz von zwei Roten Hilfen. Und eine dümpelte dann noch bis Mitte der 1980er Jahre vor sich hin. Doch dann vollzog sich hier durch das Engagement von norddeutschen Autonomen ein Generationswechsel. Aber das war auch schon nicht mehr Thema der Veranstaltung. Nach dem Ende des Vortrages ergab sich mit den Teilnehmerinnen noch eine lebendige Diskussion über die Probleme einer Organisierung von Roter Hilfe in der Vergangenheit und in der Gegenwart. Wichtig hier auch die Feststellung, dass dabei von niemandem ein Zweifel daran geäußert wurde, dass auch in der gegenwärtigen Etappe des Kapitalismus die Existenz einer Roten Hilfe auf dem Weg zu einer neuen Zukunft richtig und notwendig ist, als sich einfach seinem Schicksal zu überlassen.
Klar, dass so eine engagierte Diskussion einer kleinen Minderheit von geltungssüchtigen Publizisten und Politiker:innen nicht in den Kram passt. Vom Nachrichtenmagazin Focus wurde auf der Webseite des Kukoon ein Förderungsvermerk des Senators für Kultur der Hansestadt entdeckt und in dem Sinne, dass die „Linksextremisten“ nun auch durch die SPD gefördert werden, skandalisiert. Die Springer-Döpfner-Gazette WELT und die Junge Freiheit sprangen auf. Auch das in der Hansestadt beliebte Abendjournal von Radio Bremen buten unbinnen informierte die Bevölkerung über mutmaßlichen „Ärger um Linksextremen-Veranstaltung im Bremer Kulturzentrum“. Darin wurde der sichtlich konsterniert wirkenden Kulturstaatsrätin Carmen Emigholz mit der eigentümlichen Aussage „Am Ende müssen die [vom Kukoon] sich dann auch mit den Konsequenzen auseinandersetzen, wenn es mal dumm kommt“ das Wort erteilt. (9)
Wie bitte? Was soll denn an der besagten Veranstaltung „dumm gekommen“ sein? Ganz prima ist sie gelaufen, wobei natürlich – und das ist einzuräumen – für die politische Rechte die Veranstaltung in der Tat deshalb dumm gelaufen ist, weil für sie noch jede durchgeführte Veranstaltung der Roten Hilfe „dumm“ kommt. Darüber hinaus ist noch die außerordentlich freundlich gewährte Gastfreundschaft des Kukoon-Kollektivs hervorzuheben. Drei Pils wurden mir im Verlauf der Veranstaltung ausgegeben. Ob aber eben diese feuchte Unterstützung wiederum mit den spezifischen Förderrichtlinien der Bremer Kulturverwaltung zu vereinbaren ist, vermag ich nicht zu beurteilen, und wird jetzt sicher Eingang in das nun eingeleitete Prüfverfahren finden.
Gleichwohl: Die drei Pils haben mir so gut geschmeckt, dass ich auch deshalb sehr darauf hoffe, schon bald wieder im Kukoon eine politische Veranstaltung mit der Perspektive auf eine bessere, eine solidarische Welt zu machen. (10)
Zu beurteilen – und zu verurteilen – ist aber die Rache-Kampagne der politischen Rechten in der Hansestadt gegen die außerinstitutionelle Linke nach der erfolgreichen Enttarnung des Vertrauensmanns des Landesamtes für Verfassungsschutz. In seiner Spitzelkarriere hat Dîlan Seyyid Alo mit Billigung seiner Führungsoffiziere nicht gezögert, Frauen sexuell zu missbrauchen. Wie widerwärtig ist das? Und jeder weiß es und soll es auch wissen, dass die Rote Hilfe allerdings immer an der Seite der- und derjenigen steht, die es zurecht als ihr Menschenrecht ansehen, sich dagegen zu wehren, vom Kapitalismus und von den ihn unterstützenden staatlichen Institutionen gefickt zu werden.

Markus Mohr | 2026

Quellen und Hinweise:
(1) Uwe Gross: Etwas Besseres als den Tod … Predigt vom 10.12.2024 auf hr2, URL:
https://www.kirche-im-hr.de/sendungen/hr2-zuspruch/2024/etwas-besseres-als-den-tod
(2) O.N.: Kriminelle Vereinigung Verfassungsschutz – Bremer Spitzel enttarnt!
[26. Januar 2026] URL: https://emrawi.org/?Kriminelle-Vereinigung-Verfassungsschutz-
Bremer-Spitzel-enttarnt-3903
(3) Humanistische Union, Vereinigung Demokratischer Jurist:innen; Republikanischer Anwältinnen- und Anwälteverein: Anatol Anuschewski zum Rücktritt zu drängen, ist falsch:
Das Problem heißt Landesamt für Verfassungsschutz, [Erklärung v. 10.2.2026]. URL:
https://www.humanistische-union.de/pressemeldungen/anatol-anuschewski-zum-ruecktritt-zu-draengen-ist-falsch -das-problem-heißt-landesamt-für-verfassungsschutz/
(4) Jürgen Theiner: Streit um Räume für „Rote Hilfe“ in Bremer Linken-Büro / Beherbergt
der „Links-Treff“ in der Bremer Neustadt gewaltorientierte Extremisten? In: Weserkurier vom 5.2.2026, URL: https://www.weser-kurier.de/bremen/politik/extremismus-streit-um-raeume-
fuer-rote-hilfe-in-bremer-linken-buero-doc84g07w8dap0f9nrk5y2
(5) Markus Mohr: „Das Prinzip Solidarität“ – Rote Hilfe in den 70er Jahren“ Veranstaltung im Kukoon am Freitag, 11.10.2024 / Beginn 20:00 / Ende 21:30 / Eintritt frei, auf: kukoon.de vom 11.10.2024, URL: https://kukoon.de/de/events/archive/24-10-11-rote-hilfe
(6) Siehe Silke Makowski: Geschichte der Roten Hilfe [Basiswissen Politik/Geschichte/Ökonomie] Köln 2025, URL: https://shop.papyrossa.de/Makowski-Silke-
Geschichte-der-Roten-Hilfe
(7) ASTA der Universität Bremen: Kritische Orientierungswoche 2024 / Critical Orientation
Week 2024, Liebe Erstis, liebe Studis, … URL: https://www.asta.uni-bremen.de/owoche24/
(8) Hanns Eisler – Solidaritätslied aus dem Film Kuhle Wampe, auf: youtube [30.07.2009] URL: https://www.youtube.com/watch?v=G8AaG5SSrdQ
(9) Hauke Hirsinger: Ärger um Linksextremen-Veranstaltung im Bremer Kulturzentrum „Kukoon“, auf: buten un binnen vom 4. März 2026, URL:
https://www.butenunbinnen.de/nachrichten/rote-hilfe-kulturressort-foerderung-100.html
(10) Zwischenzeitlich hat das Kukoon in einer Erklärung einen „Fehler“ auf seiner Website
vermerkt. Dort soll der als „unzutreffend“ bezeichnete Eindruck entstanden sein, dass die Veranstaltung „durch den Senator für Kultur Bremen gefördert“ worden sei. „Nee, nee, war echt nicht so!“, kann man dann aus der dann nachgereichten Aussage folgern, in der zu lesen steht: „Es bestand zu keinem Zeitpunkt eine Förderung durch den Senator für Kultur Bremen bezüglich der besagten Veranstaltung.“ Puuh! Natürlich wünsche ich den Kukoon-Kollektivistas von ganzem Herzen, dass sie mit diesem Hinweis – sagen wir – billig
davonkommen. Denn natürlich verwandelt sich der zuweilen mit süßer Staatsknete fördernde Staat immer auch mal wieder in den die Zähne fletschenden „Den Zaster nehmen wir euch jetzt aber weg!“- Staat. Gleichwohl: Die hier aber auch noch gegenüber mutmaßlichen „Irritationen“ in Anschlag gebrachte Entschuldigung erscheint mir dann doch ein bisschen zu viel der Katzbuckelei zu sein. Wo bleibt hier der Kampfgeist in der Tradition der Bremer
Stadtmusikanten? Siehe: KUKOON: Stellungnahme zur Kritik an der Buchvorstellung zur Geschichte der Roten Hilfe [Bremen 5. März 2026] URL:
https://stadtkulturbremen.de/stellungnahme-des-kukoon-zur-kritik-an-der-buchvorstellung-zur-geschichte-der-roten-hilfe/