Anna Liedtke beteiligte sich an der Freedom Flotilla Coalition, um humanitäre Hilfe nach Gaza zu bringen. Nach ihrer Festnahme wurde sie in israelischer Gefangenschaft vergewaltigt. Im Interview erzählt sie von ihren Erfahrungen und der Systematik hinter der Gewalt.
Wer bist du und wie bist du zur Freedom Flotilla gekommen?
Mein Name ist Anna Liedtke, ich bin 25 Jahre alt und bin bei Zora aktiv, einer jungen Frauenorganisation. Als Journalistin war ich im Herbst 2025 Teil der Conscience, dem Medien- und Mediziner:innenboot der Freedom Flotilla Coalition, auf dem Weg nach Gaza, um die illegale Blockade Israels zu brechen. Ich habe ja auch als Gastautorin hier bei Perspektive darüber berichtet.
Was ist passiert, nachdem ihr am 30. September aus Italien losgefahren seid?
Wir waren ungefähr eine Woche auf dem Schiff, bis wir am frühen Morgen des 8. Oktober von der israelischen Armee abgefangen wurden. Mit Helikoptern und kleinen militärischen Booten kamen die Soldaten auf unser Boot, haben alle Journalist:innen, Ärzt:innen und Aktivist:innen an Bord festgenommen und uns nach Ashdod zum Hafen gebracht, statt uns nach Gaza fahren zu lassen.
Unter dem Vorwurf der „illegalen Einreise nach Israel“ wurden wir dann ins Gefängnis gebracht – für fünf Tage waren wir dann erst im Ketziot Gefängnis und danach im Givon Abschiebegefängnis in Gewahrsam. Wir waren in internationalen Gewässern, wir hatten nichts als Medikamente und lebensnotwendige Hilfsgüter an Bord, unsere Mission war legal – im Gegensatz zur Blockade, die seit mehr als 18 Jahren verhindert, dass Lebensmittel, Hilfsgüter, internationale Ärzt:innen oder Journalist:innen nach Gaza kommen.
In deiner Rede auf der Internationalen Konferenz in Solidarität mit politischen Gefangenen sprichst du von sexualisierter Gewalt, die du im israelischen Gefängnis erfahren hast.
Der Transfer vom berüchtigten Ketziot Gefängnis ins Givon Abschiebegefängnis fand unter Bedrohungen, sexistischen Kommentaren und Erniedrigungen statt. Das haben auch palästinensische Gefangene immer wieder berichtet. Der Transfer ist einer der schlimmsten Momente in Gefangenschaft. Sie wollten immer wieder Nacktuntersuchungen machen, um uns einzuschüchtern. Dagegen habe ich mich gewehrt. Deswegen haben maskierte Soldatinnen mich vergewaltigt – sie wollten meinen Widerstand brechen.
Auch andere Teilnehmer:innen der Conscience berichten von ähnlichen Erfahrungen – dabei handelt es sich also nicht um etwas Individuelles. Von palästinensischen Frauen gibt es natürlich viele schreckliche Geschichten, in denen solche Gewalt genutzt wurde, um sie unter Druck zu setzen.
Sexualisierte Gewalt in Gefängnissen wird vielen – besonders weiblichen – politischen Gefangenen auf der ganzen Welt angetan. Damit wollen sie Frauen wie mich so einschüchtern, dass wir aufgeben. Sie wollen damit den Widerstand der Unterdrückten schwächen. Das sehen wir in Palästina, in Kurdistan, aber auch in Deutschland gibt es solche Geschichten.
Du hast dich entschieden, die Erlebnisse öffentlich zu machen – was waren die Gründe dafür?
Ich bin nicht diejenige, die sich schämen sollte. Ich habe das Richtige getan: mich für ein freies Palästina eingesetzt und meine Selbstbestimmung verteidigt. Der zionistische Staat soll sich schämen. Dazu all die Staaten und Unternehmen, die tatenlos zusehen, wie Palästinenser:innen Tag für Tag diese Form der Gewalt erleben. Und die Israel finanziell, technologisch und sonst auf jede Art und Weise unterstützen.
Ich spreche nicht nur für mich, sondern im Namen all der Frauen, die nicht darüber sprechen können, denen niemand glaubt. Für all die, die solche Angriffe der Zionisten nicht überlebt haben und für die, denen niemand zuhört, weil sie Palästinenser:innen sind. Ich will kein Mitleid, sondern der Welt noch einmal mehr zeigen, wie das wahre Gesicht Israels aussieht, wie brutal und gewaltvoll sie mit Gefangenen umgehen.
Meine Erklärung ist ein Aufruf, gegen sexualisierte Gewalt in Haft und die zionistische Besatzung Palästinas zu kämpfen!
In der Rede sprichst du auch von einer Systematik, die dahintersteckt. Was bedeutet das?
Seit dem 12. Oktober, als das „Waffenstillstands“-Abkommen in Kraft getreten ist, gibt es mehr Informationen und Berichte aus den Gefängnissen. Die meisten davon sind gefüllt mit Beschreibungen von Vergewaltigungen, Folter und Gewalt. Viele Frauen, aber auch Männer und Kinder sind davon betroffen. Es geht dabei um Entmenschlichung, Erniedrigung und Machtdemonstration.
Das, was mir passiert ist, ist kein persönlicher Angriff auf mich. Sie haben mich, als jemand der sich für Palästina einsetzt, als politische Frau angegriffen. Dabei ist sexualisierte Gewalt nichts Außergewöhnliches. Meistens gelingt es Israel es zu vertuschen – auch weil niemand Palästinenserinnen diese Aufmerksamkeit schenkt.
Gleichzeitig ist es inzwischen so normalisiert, dass Vergewaltiger im Staatsfernsehen ihr Gesicht und ihren Namen zeigen und wie Nationalhelden gefeiert werden. Israel hat es nicht geschafft, das palästinensische Volk auszulöschen. Sie haben es auch nicht geschafft, den Widerstand im Land zu zerschlagen. Genau das versuchen sie im Gefängnis – den Willen der Gefangenen zu brechen.
Glaubst du, dass es im Hinblick auch auf weitere Wellen der Flotilla, abschreckend wirkt, an solchen oder ähnlichen Missionen teilzunehmen?
Ich will niemandem Angst machen. Unser Widerstand bringt immer Repressionen mit sich. Diese Form ist schrecklich. Aber zu wissen, dass ich weiterkämpfen kann, dass ich auf der richtigen Seite stehe und nicht alleine bin dabei, gibt mir Kraft. Ich will damit sagen: Mein Wille ist nicht gebrochen, genauso wie der Wille der anderen Flotilla-Teilnehmer:innen, die im Herbst diesen Jahres ähnliche Erfahrungen machen mussten.
Frauensolidarität und Solidarität innerhalb der Palästina-Bewegung ist etwas, das stärker ist als jede Hand, mit der sie uns berühren, und stärker ist als jede ihrer Waffen, mit denen sie Tag für Tag Palästinenser:innen vertreiben und töten.
Mit meiner Veröffentlichung will ich dazu aufrufen, in Aktion zu treten, aber auch einen Aufruf der Hoffnung starten. Zusammenkommen, sich gemeinsam organisieren und sich gegenseitig Hoffnung geben, das trägt einen durch solch harte Zeiten. Das ist etwas, was in der gemeinsamen Aktion entsteht und darin, dass wir auch in anstrengenden, schwierigen Zeiten nicht aufgeben.
Meine Veröffentlichung soll auf keinen Fall als Ratschlag verstanden werden, nicht an den Flotilla-Missionen teilzunehmen. Vielmehr möchte ich alle, die von meinen Erlebnissen mitbekommen, aufrufen, aktiv zu werden für die Befreiung Palästinas – ob auf dem Meer oder auf dem Land.
Vor knapp einer Woche hast du auf der Konferenz gesprochen, seitdem ist dein Video auf der ganzen Welt geschaut worden. Wie geht es nun weiter?
Unter dem Slogan „Palästina gehört den Palästinenser:innen, unsere Körper gehören uns“ wurden in verschiedenen Städten in Europa, aber auch in der Türkei Aktionen gegen sexualisierte Gewalt in israelischen Gefängnissen durchgeführt.
Wir fordern auch, dass Deutschland Verantwortung übernimmt und endlich die Beziehungen zur israelischen Armee, Polizei und anderen Institutionen einstellt. Durch die Unterstützung von Israel unterstützt Deutschland damit auch den anhaltenden Genozid sowie die systematische sexualisierte Gewalt in den Gefängnissen. Und dagegen müssen wir hier ankämpfen!
In Europa wurde, während wir im Gefängnis saßen, auch gefordert, dass die Staaten Druck auf Israel ausüben, damit wir schneller freikommen.
Das Wichtigste ist, dass wir nicht schweigen und nicht aufgeben. Jede einzeln, aber wir müssen uns auch zusammenschließen. Als Zora werden wir – jetzt erst recht – weiterkämpfen gegen Gewalt in Gefangenschaft und die Besetzung Palästinas. Wir werden weiterkämpfen, bis jedes dieser zionistischen Gefängnisse geschlossen ist und Palästina frei ist. Das ist das, was mir und den unzähligen palästinensischen Gefangenen Gerechtigkeit bringen wird.










