Das Attentat auf Pinochet – Operation XX. Jahrhundert

Das Attentat auf Pinochet – Operation XX. Jahrhundert

Anfang 1986 beschließt die Führung der Frente Patriótico Manuel Rodríguez (FPMR) eine Operation zur Tötung von Augusto Pinochet zu planen. Seit dem Militärputsch gegen die linksgerichtete Regierung unter Salvador Allende 1973 ist Pinochet die Führungsfigur des von der US Administration gestützten Faschismus, sein Tod könnte die Agenda der FPMR (die zu dem Zeitpunkt noch der “bewaffnete Arm” der kommunistischen Partei Chiles ist, auch wenn sie dies offiziell dementiert) (1) den Nationalen Aufstand zu realisieren den entscheidenden Schritt voranbringen.

Seit der Gründung der FPMR 1980 werden illegale Strukturen und Logistik aufgebaut, grössere Mengen Waffen an vertrauenswürdige Genoss*innen ausgegeben.(Die, das ist heute kein Geheimnis mehr, zu großen Teilen aus Kuba kommen). Seit 1983 kommt es immer wieder trotz brutaler Repression zu Streiks und Massenprotesten, die FMPR sieht “die Reife der Zeit” gekommen. Über die Planung ist nur ein kleiner Kreis von Eingeweihten unterrichtet, die Führung der Operation wird José Valenzuela Levi („Comandante Bernardo“) übertragen. Mehrere Teams beginnen mit den Vorbereitungen für das Attentat auf Pinochet, bis kurz vor der Aktion kennen sie aber nicht das eigentliche Ziel. Die ursprüngliche Planung sah vor, Pinochet samt seines Konvois auf der Straße zu seinem Ferienhaus in die Luft zu sprengen (2), die Arbeiten an einem Tunnel unter einer der Straßen, die der Konvoi regelmäßig nimmt, sind auch schon fortgeschritten. Als eine andere Operation, bei der Waffen transferiert werden sollen, auffliegt, wird diese Option jedoch aus Sicherheitsgründen verworfen und die Vorbereitungen für einen Angriff auf den Konvoi von Pinochet mit Schnellfeuerwaffen, Panzerfäusten und Granatwerfern beginnen.

Am 7. September 1986 ist es soweit. Zwischen den Ortschaften La Obra und Las Vertientes wird ein Auto mit Wohnwagenanhänger quer gestellt, der Konvoi unter Feuer genommen. Es folgt ein mehrminütiges Feuergefecht, vier Begleitfahrzeuge des Pinochet Konvois werden zerstört, eines geht in Flammen auf, fünf Mitglieder des Spezialkommandos, das für die Sicherheit Pinochet verantwortlich sind, verlieren ihr Leben. 11 werden verletzt. Pinochet überlebt den Angriff dank seines gepanzerten Mercedes, eine Granate prallt vom Dach des Mercedes ab. Ein zweiter Mercedes irritiert die Angreiferinnen, irrtümlich gehen sie davon aus, Pinochet erwischt zu haben und ziehen sich ohne Verluste zurück. (Dass ist jedenfalls die Darstellung der FPMR.) Allen beteiligten Genossinnen gelingt die Flucht.

Es folgt die Verhängung des Ausnahmezustandes, etliche bekannte Oppositionelle werden verschleppt, vier von ihnen werden ermordet aufgefunden. Einen Monat später werden einige Mitglieder des Kommandos von den Repressionsbehörden festgenommen, im Juni 1987 folgt die ‘Operation Albanien’, aufgrund der durch Folter erworbenen Erkenntnisse der Sicherheitsbehörden werden 12 Mitglieder des FPMR liqudiert, (3) darunter José Valenzuela Levi, der die Operation gegen Pinochet geleitet hatte. Ignacio Valenzuela Pohorecky, Patricio Acosta Castro, Juan Waldemar Henríquez Araya, Wilson Henriquez Gallegos, Esther Cabrera Hinojosa, Patricia Angélica Quiroz Nilo, Manuel Valencia Calderón, Elizabeth Edelmira Escobar Mondaca, Ricardo Rivera Silva, Ricardo Silva Soto, Julio Guerra Olivares sind die Namen der anderen Militanten, die unter der Führung von Álvaro Corbalán Castilla, Oberst im Militär Geheimdienst (Central Nacional de Informaciones, CNI), der Pinochet direkt unterstand, ermordet wurden. Noch heute erinnern junge Kämpfer*innen in Chile mit Demonstrationen an sie.

Die ebenfalls an der Aktion beteiligte Kommandantin ‘Tamara’ wird Ende 1988 nach einer Schießerei mit den Bullen in einem Flußbett tot aufgefunden. Ihr Körper wies zahlreiche Folterspuren auf. Einigen der im Juli 1986 verhafteten Kommandomitgliedern gelingt 1990 ein Gefängnisausbruch. Es gelingt ihnen in Freiheit zu bleiben, bis sie etliche Jahre später begnadigt werden. Mauricio Hernández Norambuena (Kommandant Ramiro) verbringt 3 Jahre im Knast, bis er im Dezember 1996 zusammen mit 3 Genossen von der FPMR mit einem Hubschrauber aus dem Knast befreit wird. 2002 wird er in Brasilien wegen der Entführung eines Geschäftsmannes festgenommen und nach seiner Verurteilung umgehend nach Chile ausgeliefert. Dort sitzt er bis heute im Knast.

Patricia Verdugo (5) und Carmen Hertz (6) veröffentlichten 1990 das Buch “Operation Siglo XX” (so nannte auch die FPMR die Operation selbst), das auf umfangreiche Recherchearbeit beruht. Sie sichteten dazu u.a. über 4000 Seiten aus den Ermittlungs-und Gerichtsakten, führten zahlreiche Interviews. Das Buch erlebte weit über 20 Auflagen. Leider liegt es nur auf spanisch vor, wir haben das Kapitel “La batalla de „El Mirador“ deshalb für diese Aussage der Sunzi Bingfa übersetzt.

Die Schlacht von „El Mirador“

Kommandeur Ernesto hatte seine Schlacht mit großer Sorgfalt geplant. Obwohl der Abstand zwischen den Motorrädern und der Fahrzeugkolonne variierte – zwischen 30 und 160 Metern, wie Dutzende von früheren Kontrollen ergaben – deutete alles darauf hin, dass es am besten war, das Fahrzeug nach dem Passieren der Polizeimotorräder abzuschirmen. Wenn sie vorne positioniert wären, wäre die gesamte Operation gefährdet: Die Autokolonne hätte genügend Abstand, um zu reagieren und sich aus der Schusslinie zu entfernen. An jenem Tag, als sie sich der Piste von Las Achupallas näherten, gab Leutnant Tavra einem der Motorradfahrer über Funk den Befehl, vorauszufahren. „Mein Leutnant Tavra befahl ihm, vorauszufahren, um das Gelände von oben zu beobachten und zu sehen, ob Fahrzeuge aus der Gegenrichtung kommen. Als er bei ‚El Mirador‘ ankam, sagte Corporal Carrasco, dass alles unter Kontrolle und ohne Zwischenfälle sei“, erinnerte sich Corporal Miguel del Río später. Als das Ziel in Sicht war, startete Amaldo Arenas den Motor des Peugeot-Kombis und setzte sich langsam in Bewegung, als wolle er auf die Straße fahren. Er überholte das erste BMW-Motorrad, dann das zweite…. Wenige Meter vor ihm zielte Hector Figueroa mit seiner M-16 und nahm den ersten Motorradfahrer ins Visier. „Ich werde diesen Moment nie vergessen. Ich konnte ihn deutlich sehen, und plötzlich wurde mir klar, dass er mich gesehen hatte. Ich spürte seine Augen auf mir und sah seinen entsetzten Blick. Ich konnte ihn nicht erschießen, bevor der Angriffsbefehl kam. Es waren ein paar Sekunden, die sich wie eine Ewigkeit anfühlten. Der Polizist, der trotz Panik seine Position wahrte, drückte das Gaspedal durch und hob sogar das Vorderrad seines Motorrads an. Er stützte sich also nur auf sein Hinterrad und raste vorbei. Ich habe nicht auf ihn geschossen.” So rettete der Carabineros-Unteroffizier José Carrasco Espinoza sein Leben. Der zweite Motorradfahrer überholte, indem er einem ‘unschuldigen Touristen’ mit seinem Wohnmobil auswich, was er zu diesem Zeitpunkt für ein dummer Fahrmanöver hielt. “Pass auf, Chef!” rief er über Funk Leutnant Tavra zu, der die Polizei-Chevrolet Opala an der Spitze der Kolonne befehligte und reagierte sofort mit einem Warnton seiner Sirene. Dieser zweite Motorradfahrer war im Visier von Victor Díaz Caro. Die dunkle Mündung der M-16 folgte ihm in seiner schnellen Bewegung und in diesem Moment begannen die Angriffsgruppen zu feuern. Er wollte gerade abdrücken, als er sie sah: „Vor mir auf der Böschung, die mir die Sicht versperrte, stand ein gelber Simca und daneben mehrere Kinder, die gerade pinkelten. Ich rief ihnen zu, sie sollten sich schnell entfernen, weil ich ihnen nichts tun wolle, zielte erneut auf den Fahrer und schoss. Ich verfehlte das Ziel und sah, dass der Polizist vom Motorrad ein Restaurant betrat. Ich konnte es nicht glauben. Wir fragten Figueroa, was mit dem Motorradfahrer geschehen war. Und dann haben sie von vorne auf uns geschossen. Ich sah, wie sich ein Vorhang im Fenster des Restaurants bewegte, und wir schossen darauf.” Diese Schüsse auf das bescheidene Restaurant „Andino“ – bei denen niemand verletzt wurde – reichten aus, um alle Gäste bewegungsunfähig zu machen, einschließlich des Motorradfahrers Carlos Sepúlveda Anabalón, der sein Motorrad gegen die Tür geworfen hatte und ins Haus gerannt war.

Was war in der Zwischenzeit bei “ El Mirador“ passiert? Der Kampf begann zur gleichen Zeit, als Arrialdo Arenas plötzlich den Peugeot-Kombi und das Wohnmobil auf der Straße querstellte, nachdem der zweite Motorradfahrer überholt hatte. Der erste Schuss, der von Kommandant Ernesto selbst abgegeben wurde, leitete den Angriff ein. “In diesem Moment dachte ich an Salvador Allende. Ich spürte ihn an diesem Tag in einem anderen September inmitten des Rauches. Ich konnte ihn mit seinem Helm und seinem Gewehr unter dem Arm sehen. Ich hatte das Gewehr auch in der Hand, dreizehn Jahre später“, schrieb José Joaquín Valenzuela Levy später. Er gab den ersten Schuss ab, und alles verwandelte sich in ein Durcheinander aus Kreischen und Schreien, Explosionen und dem Klang von M16-Gewehren inmitten des Heulens von Sirenen. Sergeant Córdova – der Fahrer des ersten Fahrzeugs, des Polizei-Opalas – trat auf die Bremse, griff fest ins Lenkrad und kam nur gut viereinhalb Meter vor dem Wohnmobil zum Stehen. Neben ihm stützte sich Leutnant Tavra instinktiv auf das Armaturenbrett, um sein Gleichgewicht zu halten. Er schaute durch die Windschutzscheibe, ohne zu verstehen, was geschah, und sah: „Etwa 20 Meter entfernt sah ich einen Mann in Kampfstellung auf einem Hügel stehen und schießen. Er trug ein braun gemustertes Hemd“. “Hinterhalt, Hinterhalt!” riefen Captain Mac-Lean und Corporal Barrera fast unisono im Inneren des ‘Security One Ford”, der der dritte in der Kolonne war. Kapitän Mac-Leari ergriff verzweifelt das Mikrofon und rief: „Zurück, zurück!”

Dieser gutturale Schrei war in den Sendern der anderen vier Wagen zu hören. “Rückwärts, rückwärts!” Der Fahrer des ersten Fahrzeugs war nicht in der Lage, rückwärts zu fahren. Die Kugeln, die den Opala der Polizei durchschlugen, durchtrennten die linke Oberschenkelarterie von Sergeant Córdova, der bewusstlos auf das Lenkrad fiel. Neben ihm drehte sich Leutnant Yordán Tavra instinktiv um, als er die Stimme aus dem Funkgerät hörte und sah, dass der Mercedes Benz, der ihnen folgte und in dem Pinochet saß, bereits zurücksetzte.

Er hob seine UZI-Maschinenpistole und feuerte alle 32 Schuss in Richtung des Hügels ab, auf dem er den Guerilla gesehen hatte. Er bückte sich, um ein neues Magazin aufzuheben, konnte es aber nicht in die UZI einführen. In seiner Verzweiflung griff er nach der Spas-12-Schrotflinte, die er an seiner Seite trug, entsicherte sie und begann, in Richtung des Hügels zu schießen, wobei er seinen Männern zurief: „Raus, raus!” Die Schrotflinte klemmte. Er schoss wieder, aber nichts. Ein Kugelhagel prasselte wie Hagelkörner auf das Auto nieder, und ringsum explodierten Granaten. Er hörte hinter sich, wie Corporal Del Rio einen Schuss nach dem anderen aus dem rechten Heckfenster abfeuerte. Er hob seine Taurus-Pistole auf und feuerte erneut in Richtung des Hügels. „Aaah!” Das Wimmern von Corporal Del Rio hinderte ihn für einige Sekunden am Handeln. Eine Kugel riss seine Kopfhaut oberhalb des linken Ohrs auf, warf ihn in seinen Sitz zurück und er hob schnell wieder seine UZI, um weiter zu schießen. “Raus, raus, raus!” wiederholte Leutnant Tavra zu seinen Männern. Nur Del Rio konnte ihn hören. Sergeant Córdova lag immer noch bewusstlos auf dem Lenkrad, seine Hose war blutgetränkt. Und auf dem linken Rücksitz lehnte Corporal Pablo Silva seinen Kopf gegen die Rückenlehne, den Blick starr und ausdruckslos, während ein Rinnsal Blut aus seiner Nase tropfte. Drei Kugeln waren in seinen Körper eingedrungen, eine davon in den Kopf. Er litt Höllenqualen. Es gab kein Entkommen aus der Todesfalle des Opala auf der rechten Seite, in Richtung des Hügels, wo die Angreifer waren. Leutnant Tavra öffnete in seiner Verzweiflung die Fahrertür und schob die Leiche von Sergeant Córdova heraus. „Er ist aus dem Auto gefallen. Er kniete außerhalb des Autos, hatte aber noch das Lenkrad in der Hand“, erinnerte sich Tavra später. Er schob den zusammengebrochenen Fahrer vollständig aus dem Fahrzeug und kroch durch die linke Vordertür hinaus. Ihm folgte durch denselben Ausstieg der Corporal Del Rio, der die blutige Maschinenpistole des Corporal Silva trug. Beide versuchten, auf dem Boden wegzukriechen, „auf Zehenspitzen und mit dem Ellbogen“.

In diesem Moment streifte ein M 72 Panzerfaustgeschoss mit einem lauten Knall das Dach des Opala, riss eine tiefe Furche in das Blech und ließ Metallsplitter fliegen. Die Sirene, die immer noch heulte, erlosch, als zwei Kugeln den Körper des jungen Leutnants Tavra trafen. Und der Schmerz, den die Wunde in seinem Genitalbereich verursachte, war so stark, dass er die Wunde in seiner Schulter gar nicht bemerkte. Er begann vor Schmerzen zu schreien und lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden. „Ich sah, dass mein Leutnant Tavra an einer Schulter verwundet war und stark stöhnte. Und in diesem Moment schrie er mich an, ich solle ihn töten. Ich ignorierte ihn und versuchte, ihn mit meinem Körper zu bedecken. In diesem Moment, als er mit dem Gesicht nach unten lag, schaute er in Richtung der Karawane und fragte mich nach meiner Waffe. Ich reichte sie ihm, und er schoss fast in Bodennähe und rief, er habe jemanden unter dem Wohnwagen gesehen. Wir hatten keine Munition mehr und lagen auf dem Boden. Wir haben uns tot gestellt“, sagte der Unteroffizier Miguel del Río später aus. “Zurückziehen, zurückziehen!”

Der erste Befehl von Captain Mac-Lean wurde von seinem Fahrer, Corporal Cardenio Hernández, sofort befolgt. Er wendete zügig und der graue Ford LTD zog sich zurück, während Mac-Lean durch das rechte vordere Fenster und Corporal José Barrera durch das rechte hintere Fenster ihre UZI-Maschinenpistolen schoben und auf den Hügel zu schießen begannen. Sie schafften es, ein paar Meter zurückzufahren, als ein lautes Krachen von vorne den Unteroffizier Hernández dazu zwang, den Fuß vom Gaspedal zu nehmen. Es war der Mercedes Benz mit General Pinochet, der verzweifelt versuchte, rückwärts auszuweichen. “Ausweichen, ausweichen!” rief Mac-Lean. Corporal Hernandez fuhr etwas zurück und beschleunigte im ersten Gang, um auf die Gegenfahrbahn zu wechseln und den Fluchtweg für den Wagen des Präsidenten freizumachen. Das Manöver war fatal. Als der Ford wieder rückwärts fuhr, prallte ein Panzerfaustgeschoß in die linke hintere Seite des Wagens und brachte ihn endgültig zum Stehen. Unisono explodierte Glas, und überall flogen Splitter. Captain Mac-Lean, der sich instinktiv auf dem Beifahrersitz zusammenkauerte, spürte, wie ein Schmerz durch seinen Rücken schoss. Er musste schnell raus! Er riss die Tür auf, sprang auf den Boden und überquerte schnell die Straße, um auf der Anhöhe in Deckung zu gehen. Er schaute zum Ford, um zu sehen, was mit seinen Männern geschehen war.

Er sah nur eine reglose Silhouette auf dem Rücksitz, als die Flammen begannen, das Fahrzeug zu verschlingen. Der Fahrer hatte es geschafft, zur gleichen Zeit wie Mac-Lean auszusteigen. Aber Corporal Cardenio Hernández war nicht mehr als ein paar Schritte gelaufen, als eine präzise Kugel seine Brust durchbohrte und ihn auf der Stelle tötete. Er verfluchte den Moment, als er seine vorschriftsmäßige kugelsichere Weste ablegte, um bequem zu fahren!

Der Unteroffizier José Barrera war wie durch ein Wunder Überlebender der Explosion, da er ebenfalls auf dem Rücksitz saß: „Ich habe die Explosion in meinem Kopf gespürt. Ich spürte einen starken Druck und eine intensive Hitze, als ob mein Kopf explodieren würde. Ich schrie laut auf und fasste meinen Körper mit beiden Händen an. Sie waren blutig. „Flucht, Flucht!“ war sein einziger Gedanke. Er öffnete die Tür auf der rechten Seite, ohne zu ahnen, dass dies die gefährliche Flanke war. Auf dem Weg nach draußen ein Seitenblick: „Ich sah nur den Unteroffizier Rebolledo, regungslos an meiner Seite“. Er rannte geduckt hinter das Auto und sah seine Rettung in der kleinen Steinmauer, die die Straße zum Fluss begrenzte. Er sprang darüber und ging in Schussposition, wobei er versuchte, die Angreifer anhand der von der Schürze ausgehenden Feuerblitze zu lokalisieren. Die Explosion einer nahe nieder gehenden Mörsergranate warf ihn nach hinten und ein Splitter bohrte sich in sein linkes Knie. „Ich habe versucht, das Feuer zu erwidern, aber meine Kräfte reichten nicht aus“, sagte er. Der Sicherungswagen ging in Flammen auf, und seine Männer waren außer Gefecht gesetzt.

Die Sicherheitsgruppe 2 war inzwischen am Ende der Kolonne mit ihrer Ladung von „manchados“, den handverlesenen Begleitern, die sorgfältig darauf trainiert sind, General Pinochet vor allen Arten von Angriffen zu schützen, stehen geblieben. Mehr als ein Jahrzehnt lang hatten sie mit ihren mimetischen Anzügen und den aus den Fenstern ragenden Waffen der Autokolonne des Präsidenten einen kriegerischen Charakter verliehen, wenn sie durch die Straßen und Alleen der Stadt fuhr. Sie wurden von der Sicherheitsgruppe des Präsidenten mit äußerster Strenge ausgewählt, ohne dass sie im Amt alt werden durften. Sie mussten jung, stark und kampferprobt sein. Jetzt war für die vier „verdammten“ Männer im Sicherungsfahrzeug 2 … die Zeit für einen echten Kampf gekommen. Nach der überraschenden Bremsung und dem Vernehmen von MacLeans Stimme über Funk – “Zurück, zurück!” sprangen die vier wie von einer Feder ausgelöst aus ihren Sitzen, jeder mit einem Galil-Gewehr mit fünfzig Schuss im Magazin und weiteren fünfunddreißig Schuss im Reservemagazin, das sie in der Westentasche trugen. An ihren Gürteln hingen drei Granaten und eine Beretta-Pistole mit einem fünfzehnschüssigen Magazin. Sie liefen vorwärts und diagonal und hielten sich dicht am Hügel, um den Angreifern den Schusswinkel zu erschweren. Während sie feuerten, versuchten sie, sich vorwärts zu bewegen, um ihr Ziel zu erreichen: den Mercedes Benz des Präsidenten zu schützen. “Es ging alles so schnell, dass es schwierig ist, es genau wiederzugeben. Als wir vorwärts fuhren, sah ich aus dem Augenwinkel, dass der Wagen des Präsidenten rückwärts fuhr. Wenig später sah ich den zweiten Mercedes vorbeifahren, allerdings in Richtung San José de Maipo. Als der Wagen meines Generals Pinochet vorbeifuhr, schossen Guerrero und ich in Richtung des Hügels, um seinen Rückzug zu decken. Wir haben keine Granaten benutzt, weil wir auf selbst dem Hügel waren und selbst gefallen wären“, sagte Corporal Roberto Pinilla. Und während sich die Unteroffiziere Pinilla und Guerrero dort an den Hügel klammerten und sich so gut es ging schützten, ereilte ihre beiden anderen Kameraden ein anderes Schicksal.

Der Unteroffizier Juan Fernández Lobos entschied sich, sich in die Schlucht zu stürzen, er war blind von den Granatsplittern in seinem Gesicht und taub vom Blut, das aus seinen Ohren floss. Korporal Roberto Rosales – erst 24 Jahre alt – wurde von einer starken Panzerfaustgranate getroffen und in Stücke gesprengt…. Pinilla und Guerrero versuchten, auf die Angreifer zu schießen, als sie von Captain Mac-Lean unterstützt wurden. Nur die drei waren noch im Einsatz. Eine weitere Panzerfaustgranate traf den Kofferraum des leeren Ford der „Manchados“. Die Sicherungseinheit 2 begann zu brennen. “Wir drei waren die einzigen, die in Sichtweite waren, andere Beamte waren nicht zu sehen. Als mein Hauptmann Mac-Lean eintraf, setzte er sich in die Mitte, zwischen Guerrero und mich. Mein Kapitän gab zwei Schüsse aus seinem Cobra-Revolver ab und hatte keine Munition mehr“, fügte Pinilla hinzu. Mac-Lean fragte Pinilla nach seiner Beretta. Er reichte sie ihm, als der Korporal Guerrero von einer Kugel getroffen wurde, die seine Brust durchschlug und ihn zu Fall brachte. “Geh zurück, geh zurück!” rief Captain Mac-Lean erneut und wandte sich an den einzigen Untergebenen, der noch stand und unverletzt war. Pinilla fühlte sich verloren. Es gab keine Möglichkeit, dem Angriff zu begegnen, und es gab auch niemanden, mit dem man ihn hätte bewältigen können. “Lasst uns kreuzen, lasst uns kreuzen!” rief er Kapitän Mac-Lean zu, da er dachte, dass es keinen anderen Ausweg als die Felswände gab, während er weiterhin den Schüssen lauschte und die gelben Granaten fallen sah, denn gelb war das Etikett auf diesen Pfirsichkonserven.

Er ging schnell hinüber, duckte sich und rollte die Schlucht hinunter. Der Rutsch kam 40 Meter tiefer auf einem Felsvorsprung zum Stehen. Er trug sein Gewehr nicht mehr bei sich, das sich weiter oben in einem Dickicht verfangen hatte. Wenige Sekunden später kam Captain Mac-Lean an seine Seite – auf den Knien – und fragte: „Was ist mit General Mac-Lean passiert? “ “Und was ist mit meinem General passiert?” fragte Unteroffizier Pinilla. “Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht“, antwortete Mac-Lean zwischen Stöhnen. Mac-Leans letztes Bild des präsidialen Mercedes Benz ging im Kugelhagel und den Explosionen unter. Was war mit ihm geschehen? Ja doch, sein Schrei „Zurück, zurück!“

General Augusto Pinochet versicherte in einer offiziellen Erklärung: „Meine erste Absicht war es, auszusteigen, um den Angriff abzuwehren, aber der Fahrer hielt das Fahrzeug brutal an und fuhr mit hoher Geschwindigkeit zurück, wobei er die Befehle seines Adjutanten befolgte, so dass ich mich entschloss, meinen Enkel mit meinem Körper zu schützen, als ich eine große Anzahl von Treffern auf das Fensterglas auf seiner Seite beobachtete und Splitter in das Innere des Wagens flogen“. So wurde die erste Absicht des Oberbefehlshabers – auszusteigen und zu kämpfen – von seinem Adjutanten überstimmt, der in der Not das Fahren übernahm. In dieser Version der Ereignisse soll sich General Pinochet auf den Rücksitz gelegt haben, um die Leiche seines Enkels Rodrigo zu bedecken. Und was sagte sein Fahrer, Corporal Carvajal, auf Seite 1048 der Prozessakten? „Ich fing an, mit hoher Geschwindigkeit rückwärts zu fahren, wobei ich mich nur an den Außenspiegeln orientieren konnte, weil der Mercedes einen Vorhang an der Heckscheibe hatte. Als ich jedoch ein Sicherheitsfahrzeug passierte, spritzte Blut auf einen der Spiegel, so dass ich die linke Seite nicht mehr sehen konnte. Carvajal zögerte inmitten des raschen Rückwärtsfahrens. Und der kleine Rodrigo, der erst neun Jahre alt war, kam ihm zu Hilfe: „Ich konnte durch die Heckscheibe wieder sehen, als Rodrigo die Vorhänge wegzog als er bemerkte, dass der Spiegel auf meiner Seite blutverschmiert war. Unter dem Kugel- und Sprengstoffhagel, der von der Panzerung des Mercedes abprallte und einen ohrenbetäubenden Lärm verursachte, setzte Corporal Carvajal – mit Hilfe des Kommandanten Arrieta und des kleinen Rodrigo – den Rückzug fort und zeigte dabei die Früchte seiner Ausbildung: Kaltblütigkeit und maximale Geschicklichkeit bei der Flucht zwischen den Hindernissen auf der Straße und zwischen Hügel und Schlucht.

Zweihundert Meter rückwärts in vierzig Sekunden, so rechnete Kommandant Arrieta für dieses verzweifelte Rückwärtsmanöver vor, bei dem sie ein paar Mal auf etwas prallten und von einem stumpfen Knall auf einer Hecktür erschüttert wurden. „Der Fahrer informierte mich, dass wir von hinten beschossen wurden. Ich schaute in den Rückspiegel auf meiner Seite und sah einen dunklen Pick-up mit Doppelkabine, der versuchte, sich uns zu nähern.“ Die M16 waren auf den Mercedes Benz gerichtet. Es gab keine panzerbrechenden Raketen mehr. Sollte Pinochet in dem Wagen sein sein? Die getönten Scheiben verhinderten, dass sie es erfuhren. “Schießen wir!” Corporal Carvajal betete, dass die gepanzerten Fenster halten würden, und beschleunigte stark, um den engen Raum zwischen dem Pick-Up und dem Hügel zu passieren. Juan Moreno Avila musste die Böschung hinauf springen, um nicht überfahren zu werden, und er war noch nicht einmal in Schussposition, um auf den vorderen Teil des Mercedes zu schießen, der ihn bereits überholt hatte, als ihn ein Schrei alarmierte: Der andere graue Mercedes kam schnell näher. Als Vierter in der Kolonnenreihenfolge befand sich dieser Mercedes auf der linken Spur und zeigte in einem Winkel von 45 Grad in Richtung des Flusses, als das quietschende Bremsen den Angriff einleitete. Auf dem Beifahrersitz öffnete Sergeant Francisco Carpió instinktiv die Tür: „Ich dachte sofort an einen Hinterhalt, denn dafür sind wir ausgebildet. Meine erste Reaktion war, die Tür des Ausweich- Mercedes zu öffnen und zum Auto ‘Seiner Exzellenz’ zu rennen, denn das ist unsere wichtigste und einzige Aufgabe“. Ein Kugelhagel traf seine Tür. Er konnte seine UZI-Maschinenpistole nicht durch das Fenster abfeuern: Das Panzerglas lässt sich nicht herunterlassen. Er entschied sich sofort dafür, die Tür halb offen zu lassen und mit dem Gewehr auf der Oberkante der Tür auf den Mann zu zielen, der – in Scharfschützenposition stehend – vom Dachfirst aus feuerte. „Er dachte wahrscheinlich, dass ‘Seine Exzellenz’ in diesem Mercedes saß, da er gerade an diesem Wochenende in einen moderneren Wagen umgestiegen war“. Sekunden später, „als er sah, dass das Fahrzeug meines Generals rückwärts aus der Todeszone flüchtete“, legte der Fahrer des anderen Mercedes – Feldwebel Waldo Castillo – den Rückwärtsgang ein, beschleunigte und machte eine abrupte Kehrtwende, die ihn sofort in die Lage versetzte, frontal zu entkommen. Inmitten des Geschützfeuers, das über die Panzerung hinweg prasselte, und der Explosionen, die überall hochgingen, beschleunigte Sergeant Castillo, bis die Nadel über 100 Stundenkilometer anzeigte, und entkam mit Dr. Domingo Videla auf dem Rücksitz, als eine Panzerfaust das Dach des Opala traf und die Sicherungsgruppen Fords Feuer fingen. Die Schlacht war vorbei. Fünf, sechs, sieben Minuten? Keiner wusste es genau, aber allen überlebenden Uniformierten kam es wie eine höllische Ewigkeit vor. “Die Momente, die ich durchlebte, kamen mir wie eine Ewigkeit vor, und ich dachte, ich lebe in einer echten Hölle, aus der ich nicht lebend herauskommen würde. Ich kann den Schock immer noch nicht überwinden“, sagte Corporal Carlos Quevedo, der den Angriff vom Polizei-Jeep aus miterlebte, der außerhalb des Hinterhaltes stand.

Für die Einwohner von La Obra und für die Touristen, die sich in der Nähe des Überfalls aufhielten, waren diese wenigen Minuten ein unauslöschlicher Albtraum. Die Gemeindemitglieder des Pfingst Tempels rannten zum Altar, knieten nieder und umarmten sich. „Es war wie in einem Krieg. Wir gerieten alle in Panik und wiederholten immer wieder: Lasst uns beten, lasst uns beten. Ich dachte, es sei eine Strafe Gottes“, sagte Fernando Morales. In den umliegenden Häusern drängten die Frauen ihre Kinder in die Hinterzimmer, legten sich mit ihnen auf den Boden, um Schutz zu suchen, und glaubten – wegen des Lärms -, dass jeden Moment alles explodieren könnte. Ein Ehepaar, das in einer Ranchera an „El Mirador“ vorbeikam und es gerade noch schaffte, die Straße zu überqueren, bevor die Karawane durchkam, dachte, dass sie es vielleicht nicht lebend herausschaffen würden. „Diese Momente waren mehr wie ein Krieg als alles andere. Wir hörten überall Bomben und Schüsse. Ich schaffte es gerade noch, aus dem Fahrzeug auszusteigen, meine Freundin auf der rechten Seite herauszuziehen und mich in einen Graben zu werfen, wo ich mit dem Kopf in den Armen liegen blieb. Und wir fingen an zu beten, weil ich dachte, es wäre vorbei“, erinnert sich der Landwirt Carlos Castro Quinteros. Vier, sechs, acht Minuten? Niemand wusste es. Weder die FPMR-Militanten noch die Präsidenteneskorte. Nur der Kämpfer Héctor Figueroa hatte auf seine Stoppuhr gedrückt, als Kommandant Ernesto den ersten Schuss abfeuerte, aber er vergaß, sie zu stoppen, als die drei Pfiffe ertönten und den sofortigen Rückzug befahlen.

Fußnoten

Zur Trennung von der KP Chiles die Erklärung der FPMR von Juni 1987 https://www.fpmr.cl/comunicado-f-p-m-r-cuando-la-separacion-del-pc-1987/
Siehe dazu den Artikel auf der Website der FPMR: “ATENTADO A PINOCHET A TREINTA AÑOS DE UNA ACCIÓN HEROICA” https://www.fpmr.cl/atentado-a-pinochet-a-treinta-anos-de-una-accion-heroica
Zu den Morden an den 12 siehe den Beitrag bei PRIMERA LÍNEA REVOLUCIONARIA CHILE https://plrchile.com/operacion-albania-la-matanza-de-corpus-crhisti/
Zur in Chile legendären Befreiung per Hubschrauber siehe den Text der FPMR dazu https://www.fpmr.cl/todo-el-plan-y-accion-de-la-operacion-vuelo-de-justicia/
Patricia Verdugo war eine chilenische Journalistin, Menschenrechtlerin und Schriftstellerin, ihr Vater wurde von der Pinochet Diktatur ermordet. Sie starb im Januar 2008. Ein guter Artikel über sie im Guardian https://www.theguardian.com/world/2008/feb/29/pinochet.chile
Carmen Hertz engagierte sich schon unter der Allende Regierung, ihr Mann wurde kurz nach dem Putsch verschleppt und ermordet. Sie ist Anwältin und Autorin zahlreicher Bücher, heute sitzt sie für die kommunistische Partei im Parlament.
https://sunzibingfa.noblogs.org/post/2022/06/26/das-attentat-auf-pinochet-operation-xx-jahrhundert/

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