Worte der anarchistischen Gefährtin Mónica Caballero aus dem San-Miguel-Gefängnis

Worte der anarchistischen Gefährtin Mónica Caballero aus dem San-Miguel-Gefängnis

Die offizielle Geschichte, die von den Herrschenden sowie der fortschrittlichen demokratischen Linken und einem Teil des Anarchismus geschrieben wurde, war vor allem darauf bedacht, ein Opferbild von Sacco und Vanzetti zu zeichnen, das weit entfernt ist von jeglicher illegaler Praxis. All dies beruht auf dem Eingeständnis des amerikanischen Justizapparats, dass es zahlreiche Unregelmäßigkeiten in dem Strafprozess gab, in dem Sacco und Vanzetti verurteilt wurden, und dass sie rechtlich „unschuldig“ waren (eine Information, die erst viele Jahre nach der Ermordung der Gefährten bekannt wurde). Wahrscheinlich hatten die Gefährten nichts mit der Enteignung von South Braintree zu tun, was wichtig zu wissen und sichtbar zu machen ist, so wie es auch wichtig ist, zu betonen, dass Sacco und Vanzetti Anarchisten der Aktion waren, die antiautoritäre Ideen propagierten und verschiedene illegalistische Praktiken ausübten.

In dem Gebiet, das wir die USA nennen, gab es in den frühen 1900er Jahren verschiedene informelle anarchistische Gruppen, die sich für Enteignungen und die Verbreitung herrschaftsfeindlicher2 Ideen einsetzten. Nicola und Bartolomeo waren in einer dieser Gruppen aktiv, und zwar in der Gruppe um die Zeitung „Cronaca Sovversiva“. Diese letzten Elemente hat „die offizielle Geschichte“ ausgelassen, so wie sie auch besonders darauf geachtet hat, die internationale Solidarität, die die Gefährten 1927 erfuhren, nicht zu erwähnen. Es gab zahlreiche Demonstrationen zur Ablehnung des politischen, juristischen und polizeilichen Prozesses an verschiedenen Orten sowie Sprengungen im Namen von Sacco und Vanzetti, von denen die Aktion zur Zerstörung des italienischen Konsulats in Buenos Aires eine der bekanntesten war.

Es ist kein Zufall, dass diejenigen, die die Macht sowie ihre falschen Kritiker*innen stützen, die Geschichte von Sacco und Vanzetti benutzen und erfinden, es ist sicher nicht das erste Mal und wird nicht das letzte Mal sein. Die Repressionsapparate des Staates brechen ständig mit ihrer eigenen Legalität: Sie inszinieren Fälle und Ermittlungen, vergewaltigen, foltern und vieles mehr… Diese Praktiken sollten uns, die wir uns als Feinde der Hegemonie der Herrschaft positionieren, nicht überraschen… Das Vertrauen in die demokratische Legalität des Staates ist nicht Teil meines politischen Aufbaus. Das bedeutet nicht, dass ich die Missbräuche, die die Staatsgewalt tagtäglich ausübt, naturalisieren will; all dies sichtbar zu machen ist nicht dasselbe wie ein Opfer zu sein.

Ich sehe eine Woche der Solidarität speziell mit anarchistischen Gefangenen als eine weitere Gelegenheit, sichtbar zu machen, was hinter den hohen Mauern passiert. Für mich ist das Gefängnis ein weiteres Szenario der Konfrontation, das in den kleinsten und alltäglichsten Dingen zu spüren ist.

Der erste Schritt, den ich in einem Gefängnis gemacht habe, ist lange her, und seitdem habe ich nie aufgehört, die Solidarität meiner Gefährt*innen zu spüren, diese Solidarität, die ich in einer brüderlichen/schwesterlichen Umarmung oder in einem schönen aufständischen Licht auf irgendeinem Symbol der Herrschaft erfahren habe.

94 Jahre nach dem Justizmord an den Anarchisten Sacco und Vanzetti ist nichts und niemand vergessen.

Diejenigen, die gegen die Macht kämpfen, werden immer in Erinnerung bleiben.

1A.d.Ü., CNA, auf Deutsch ABC, Anarchist Black Cross.

2A.d.Ü., im Originaltext ist die Rede von Ideen die der Herrschaft antagonistisch gegenüber stehen. Jede Möglichkeit diesen Satz so zu bauen schien uns zu verschachtelt.

http://panopticon.blogsport.eu/2021/10/13/worte-der-anarchistischen-gefaehrtin-monica-caballero-aus-dem-san-miguel-gefaengnis/

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