Vi Kovarbasic: Aufzeichnung #2 (04.–09.06.2026)

In der Mitte einer zweiwöchigen Pause zwischen den Verhandlungstagen gibt Vi auf 6 handgeschriebenen Seiten Einblicke in die Realität und Brutalität des „Lebens“ im Gefängnis (sowie eine Zeichnung eines Kamels), nachdem sie 8 Monate in Untersuchungshaft verbracht hat (jetzt 9 Monate zum Zeitpunkt der Veröffentlichung), die während des laufenden Prozesses weiterhin andauert. –Josie

04.06.26–09.06.26

Hey Herz,

hier kommt ein weiterer Bericht von dieser Anstalt. Jeden Tag passiert wirklich Mist, komme kaum hinterher, das zu notieren, und es sind so viele Situationen, kleine wie große, die widerspiegeln, wie unmenschlich es sich hier zuträgt, wie verloren mitten im Chaos, “rechtlose” Situation. Ausgeliefert.

In der Zelle neben uns ist die eine Frau von heute auf morgen psychisch durchgebrannt, Schizophrenie, dement, oder irgendeine Knastpsychose? Ihre Zellengenossin klingelte, abends kam der Nachtdienst. Die Zellengenossin hatte Panik, weil die Andere von Jetzt auf Gleich komplett ausgewechselt war, sie wohl beobachtete, während sie auf Toilette ging, etc…

Wir lauschen an der Tür, und hören, wie die Beamten der mit Panik, also der Zellengenossin der in psychotischen Zustand, Beruhigungsmittel verschrieben, sie verlegen in eine andere Zelle können sie aber nicht, und sagten: „Ist es besser zu verlegen, oder dass sie gegen die Tür rennt?“ Mit Medizin war die Situation wieder angeblich geregelt.

Heute war ich selbst im Spital (nächste Geschichte), die psychotische Dame war dabei, versuchte mit mir zu sprechen, es machte keinen Sinn. Im Aufschluss sprachen wir mit ihr, standen an ihrer Zellentür, ihre Hände zitterten, wir fragten, ob sie ok ist, sie starrte uns einfach nur an. Ihre eisblauen, leeren, starren Augen. Starrten uns nur an. Sie kam näher, starrte uns an, reagiert nicht. Ich versuchte es mit Daumen hoch, mitte, runter, vielleicht versteht sie Handzeichen. Noch immer keine Reaktion. Eine weitere verlorene Seele hier, die einfach eingeschlossen wird, ruhig gestellt, ziemlich wahrscheinlich einen kompletten schaden von hier davon tragen wird – ihre Zellengenossin genauso – und wer weiß, wie lange sie das hier noch durchhält. Puh. Gruselig. Krass. Man kann hier einfach komplett zu Grunde gehen, niemand erfährt es, niemand schaut nach.

Die 18 Jährige, die leider bei uns in der Erwachsenen U-Haft steckt, mit welcher ich eng wurde über die letzten 9 Monate, ging es auch seit gestern Katastrophe, man musste sie nur ansehen, um ihren Zustand su sehen, sie war kreidebleich. Ging ins Büro, ich machte Druck, dass sie schnellstmöglich zum Spital kommt, da waren die Beamten schon genervt. Ich fragte, da die Gefangene gerade alleine in der Zelle ist, ob ich mir die 2H bis Hof zu ihr in die Zelle dürfte. Nope. Sie hätte sich gestern abend oder morgens melden sollen, sie ist ja auch schon länger da, um schneller in Spital zu kommen. Ich sagte, sie ist eine 18 Jährige, zwischen Erwachsenen, also klar ist sie schüchtern etc. Die Antwort: Sie ist ja schon länger hier und kennt alles. Damit wurde es abgetan. Ich stand zwischen meiner Zellentüre und Flur und sagte: “Wir sind im Knast, wir sind hier völlig aufgeschmissen!” Beamtin: „Genau, Sie sagen es: Sie sind im Knast!“ Daraufhin schloss ich mich ein. Das Spital sagte der jungen Mitgefangen nur, sie esse zu wenig, als “Diagnose” – woher sollen die das wissen? (und es stimmt nicht). Wie soll jemand permanent sich übergeben, und “zu wenig essen”?! Also woher der Kontent?

Wir werden hier einfach abgetan. Checkpot, wenn wir Beruhigungstabletten oder Schlafmedizin nehmen, für die JVA. Hauptsache still.

Sonst so. Der Raum fühlt sich enger und enger an. Zu wissen, noch bis Januar Verhandlungen zu haben, rücken die Wände näher. Druck auf der Brust, Angst, etc. Trauer… Ich vermisse Sanftheit. Nichts + Niemand ist sanft, selbst zwischen den angefreundeten Mitinsassinnen ist keine richtige Sanftheit, weil alle im Ausnahmezustand sind. Ich drücke konsequent die Zerbrechlichkeit runter, bis es nicht mehr geht, und ich dann alle paar Wochen doch kurz weine – danach geht es mir kurz besser. Aber „schwach“ zu werden ist beängstigend hier, da ich alleine bin mit meiner Angst + Trauer. Und nur ich selbst da wieder heraus komme. Ich vermisse Sanftheit. Softness…

So, jetzt ist 20:03, und schon das nächste Ding heute.

Meine ZG klingelte am Notknopf, weil sich die Übelkeit / Nausea auch auf sie ausweitete – hoffentlich ist hier keine Pandemiemäßige Magen-Darm-Grippe. Sie fragte nach VOMEX. Sie wurde vom Beamten auf der anderen Seite der Sprechanlage dumm angemacht, wieso sie nun zum Nachtdienst klingelt und nicht 30 Minuten früher beim Tagesdienst. Schande über sie, dass ihr nicht pünktlicher schlecht wurde! BÖSE GEFANGENE!

Sonst, gerade sind wir froh, dass das Frühsommerliche Wetter wieder durch „gutes Knastwetter“ ersetzt wurde. Also, Regen, Sturm, Wolken. Hitze + Sonne = zusätzliche Qual. Morgen ist Samstag. Seit Donnerstag Feiertag, heute Brückentag, jetzt noch das Wochenende. D.H. allen geht es mies, das 1. Mal aus der Zelle raus kommen wir erst 11 Uhr morgens zum Mittagessen für 1H, anstatt wie unter der Woche 9:15 Uhr raus zu können mit Klaustrophobie und Druck, unruhe. Das nun anstatt nur 2 Tage, sind es 4. 2/4 immerhin geschafft.

Diese Woche gab es 1x Kartoffelbrei. Immerhin nur 1x. Als es stürmte, beobachtete ich die kleine Spitze einer Baumkrone, die ich geradeso über die Mauer sehe, wie sie im Wind weht, spürte bisschen den Sturm durch das Loch-Blech am Fenster, sogar paar Regentropfen trafen mein Gesicht. Dachte an vergangene Situationen in Freiheit, wo mich Regen + Sturm berührte, und daran wie Gewitter verdeutlicht, dass es viel größeres gibt, als uns Menschen. Das gibt mir Hoffnung, und Verbundenheit zum Universum, durch alle Mauern und Gitter hindurch, durch Raum und Zeit.

07.06.26, 22:19: Lustiger, und empörenderweise beschrieb die Pfarrerin beim vorletzten Gottesdienst, wie nun Frühling + Sommer Sprießen, in aller Fülle. Etwas, was hier wehtut, da man mit diesen nicht auslebbaren Frühlungsgefühlen eingesperrt ist. Sie merkte das Faux-Pas, sagte: wir können dankbar sein, wir sehen zumindest paar Blumen aus dem Fenster und Baumkronen. Das ist nun mein running-gag, sie hat es nur noch schlimmer gemacht. Wenn es mir oder meiner Zellengenossin beschissener als beschissen geht, sage ich: ABER! Wir sind dankbar! Wir sehen die Spitzen der Bäume über die Gefängnismauer! → mit sarkastischem Enhancement, of course.

News zu der Gefangenen neben uns, die psychisch gekippt ist: sie sagte in einer Runde vor anderen Gefangenen, sie würde ihre Zellengenossin umbringen. Das hat dann ENDLICH ermöglicht, dass die Zellengenossin in eine andere Zelle wechseln durfte… Wie zur Hölle hat sie es nur 1 Minute eingeschossen dann ausgehalten? – UPDATE: SIE DREHT KONSEQUENT DURCH. Den ganzen Tag klopft sie, schreit: „EINSCHLUSS!“, irgendwas auf Russisch, stellt den TV ins Bad, wodurch wir den lautstark durch die Lüftung hören. Wirft Sachen durch die Gegend, klappert mit der Tasse am Fenster. Es. Ist. So. Laut. Meine Zellengenossin hat morgen Verhandlung. Puh ey. Haben nun 2x geklingelt über den Notknopf, und beten dass der Nachtdienst IRGENDWAS macht. Vorhin hatte sie, also die mit dem psychotischen Ausnahmezustand/Knax, auch beim Nachtdienst geklingelt, hörten durch die Wand, dass sie 2 Bier für in 1 Stunde bestellte. Haha. Bitte lass es ruhig werden. Meine Nerven sind blank.

Der Himmel war heute Abend richtig schön. Hatte das verlogene Gefühl, als wäre ich am Strand gewesen, und nun müde von der Sonne zurück in einer Wohnung. Dabei war ich nur 45 Minuten in der Betonwüste, aka Hof. Wo der Trend neuerdings ist, dass alle Bauchfrei rumlaufen. Und mit den Knastsonnenbrillen, die es im Massakeinkauf gibt. Ok. Ich lege mich mal hin.

09.06.26. Na. Vorgestern war Alarm, eine in der U-Haft Etage unter uns drehte durch. Alle Beamt•innen rannten, wir standen im Flur vor der Glastür, eigentlich sollten wir in den Hofgang. Sahen durch die Plexiglastür, wie Beamt•innen von oben usw. losrannten. Einige rannten zur falschen Tür, am Ende winkten wir Gefangene die Beamt•innen in die richtige Richtung. Unbezahlt, ohne Beamt•innenstatus, natürlich. Dann kam eine Beamtin in unseren Flur rein, schrie “Einschluss!”, wenn Alarm ist und wir gerade Aufschluss haben, werden wir direkt eingeschlossen. War mal duschen, und zu langsam um meine Hose anzuziehen, da wurde ich 20 Minuten bis Alarmende in der Dusche eingeschlossen. Als wir dann eben vorgestern eingeschlossen wurden, protestierte eine Gefangene verbal, warum wir nun wieder nicht in den Hof dürften, wenn wir nicht das Problem sind. Die eine Beamtin ist total hochgekocht und hat sie angeschrien. Als wartete sie darauf, endlich mal jemanden so RICHTIG anzuschreien.

Ich hasse den TV. Ich hasse es, kein Rückzug zu haben. Im TV kam spektakulär ein Bericht über Görlitzerpark, Drogenprobleme in Berlin-Kreuzberg, Wohnhäuser, die durch “Junkies” belegt sind. Sagte zu meiner ZG, wie seltsam ich es finde, zu sehen / hören, wie mir sehr bekannte Orte dargestellt werden. Als wäre Berlin nur das, und als gäbe es in der furzkleinstadt, in der ich aufwuchs, nicht genauso diese Orte, genauso Sucht, genauso voller Spritzen zugemüllter Parks. Ehrlich gesagt, Knast ist tausendmal schlimmer, wir sind eingesperrt, Leute auf hartem Entzug, auf heftigen Medikamenten, haben Psychosen. Heute Nacht machten wir den Ventilator an, um “whitenoise” zu genießen und den Lärm unserer nun verstärkt medikamentös eingestellten Nachbarin zu übertönen und den Lärm jeglicher weiterer Gefangenen… Knast-Hacks.

Noch 5 Morgende hier, dann endlich Verhandlung, ein paar Stunden nicht hier sein, Menschen sehen. Glaube Niemand freut sich über Verhandlungen, außer meine ZG und ich, weil wir dann Menschen sehen, die wir lieben, nicht hier sind, sogar die Beamt•innen bei Gericht präferiere ich gegenüber den meisten hier (gibt natürlich Ausnahmen.).

So. Heute bin ich traurig. Vermisse dich, tausende, ich vermisse mich selbst, intellektuelle stimulation, meinen starken Körper, Umarmung, Sanftheit, eine bequeme Sitzgelegenheit, ja sogar normale Putzutensilien, ich würde gerade z. B. krank gerne die Fenster aller Mitmenschen draußen putzen. Würde sogar im Gerichtssaal schlafen und mit einer Zahnbürste den Boden schruppen. Lieber das, als hier. Glaube, meine Gesicht ist gealtert. Mein Rücken definitiv. Ah, eine Mitgefangene hat die psychotische geduscht – vom Knast selbst hätte sich niemand drum gekümmert, selbst dann nicht, wenn ihr Gestank durch alle Wände durchkriechen würde. Mich macht jeden Tag hier einiges wütend. Wie viel Wut erträgt ein Mensch, ohne ausgleichende Sanftheit dazwischen?

– So! Hab dich als mein Tagebuch missbraucht. Erzähle gerne, übersetze, teile meine Erzählungen gerne. Gebe dir hiermit die Erlaubnis. Mir ist es wichtig, einen Einblick zu geben hinter diese Mauern. Die Mauern, hinter welchen die Menschlichkeit verdreht ist.

Ich liebe Dich – VI

Vi Kovarbasic: Aufzeichnung #2 (04.–09.06.2026)

In der Mitte einer zweiwöchigen Pause zwischen den Verhandlungstagen gibt Vi auf 6 handgeschriebenen Seiten Einblicke in die Realität und Brutalität des „Lebens“ im Gefängnis (sowie eine Zeichnung eines Kamels), nachdem sie 8 Monate in Untersuchungshaft verbracht hat (jetzt 9 Monate zum Zeitpunkt der Veröffentlichung), die während des laufenden Prozesses weiterhin andauert. –Josie

04.06.26–09.06.26

Hey Herz,

hier kommt ein weiterer Bericht von dieser Anstalt. Jeden Tag passiert wirklich Mist, komme kaum hinterher, das zu notieren, und es sind so viele Situationen, kleine wie große, die widerspiegeln, wie unmenschlich es sich hier zuträgt, wie verloren mitten im Chaos, “rechtlose” Situation. Ausgeliefert.

In der Zelle neben uns ist die eine Frau von heute auf morgen psychisch durchgebrannt, Schizophrenie, dement, oder irgendeine Knastpsychose? Ihre Zellengenossin klingelte, abends kam der Nachtdienst. Die Zellengenossin hatte Panik, weil die Andere von Jetzt auf Gleich komplett ausgewechselt war, sie wohl beobachtete, während sie auf Toilette ging, etc…

Wir lauschen an der Tür, und hören, wie die Beamten der mit Panik, also der Zellengenossin der in psychotischen Zustand, Beruhigungsmittel verschrieben, sie verlegen in eine andere Zelle können sie aber nicht, und sagten: „Ist es besser zu verlegen, oder dass sie gegen die Tür rennt?“ Mit Medizin war die Situation wieder angeblich geregelt.

Heute war ich selbst im Spital (nächste Geschichte), die psychotische Dame war dabei, versuchte mit mir zu sprechen, es machte keinen Sinn. Im Aufschluss sprachen wir mit ihr, standen an ihrer Zellentür, ihre Hände zitterten, wir fragten, ob sie ok ist, sie starrte uns einfach nur an. Ihre eisblauen, leeren, starren Augen. Starrten uns nur an. Sie kam näher, starrte uns an, reagiert nicht. Ich versuchte es mit Daumen hoch, mitte, runter, vielleicht versteht sie Handzeichen. Noch immer keine Reaktion. Eine weitere verlorene Seele hier, die einfach eingeschlossen wird, ruhig gestellt, ziemlich wahrscheinlich einen kompletten schaden von hier davon tragen wird – ihre Zellengenossin genauso – und wer weiß, wie lange sie das hier noch durchhält. Puh. Gruselig. Krass. Man kann hier einfach komplett zu Grunde gehen, niemand erfährt es, niemand schaut nach.

Die 18 Jährige, die leider bei uns in der Erwachsenen U-Haft steckt, mit welcher ich eng wurde über die letzten 9 Monate, ging es auch seit gestern Katastrophe, man musste sie nur ansehen, um ihren Zustand su sehen, sie war kreidebleich. Ging ins Büro, ich machte Druck, dass sie schnellstmöglich zum Spital kommt, da waren die Beamten schon genervt. Ich fragte, da die Gefangene gerade alleine in der Zelle ist, ob ich mir die 2H bis Hof zu ihr in die Zelle dürfte. Nope. Sie hätte sich gestern abend oder morgens melden sollen, sie ist ja auch schon länger da, um schneller in Spital zu kommen. Ich sagte, sie ist eine 18 Jährige, zwischen Erwachsenen, also klar ist sie schüchtern etc. Die Antwort: Sie ist ja schon länger hier und kennt alles. Damit wurde es abgetan. Ich stand zwischen meiner Zellentüre und Flur und sagte: “Wir sind im Knast, wir sind hier völlig aufgeschmissen!” Beamtin: „Genau, Sie sagen es: Sie sind im Knast!“ Daraufhin schloss ich mich ein. Das Spital sagte der jungen Mitgefangen nur, sie esse zu wenig, als “Diagnose” – woher sollen die das wissen? (und es stimmt nicht). Wie soll jemand permanent sich übergeben, und “zu wenig essen”?! Also woher der Kontent?

Wir werden hier einfach abgetan. Checkpot, wenn wir Beruhigungstabletten oder Schlafmedizin nehmen, für die JVA. Hauptsache still.

Sonst so. Der Raum fühlt sich enger und enger an. Zu wissen, noch bis Januar Verhandlungen zu haben, rücken die Wände näher. Druck auf der Brust, Angst, etc. Trauer… Ich vermisse Sanftheit. Nichts + Niemand ist sanft, selbst zwischen den angefreundeten Mitinsassinnen ist keine richtige Sanftheit, weil alle im Ausnahmezustand sind. Ich drücke konsequent die Zerbrechlichkeit runter, bis es nicht mehr geht, und ich dann alle paar Wochen doch kurz weine – danach geht es mir kurz besser. Aber „schwach“ zu werden ist beängstigend hier, da ich alleine bin mit meiner Angst + Trauer. Und nur ich selbst da wieder heraus komme. Ich vermisse Sanftheit. Softness…

So, jetzt ist 20:03, und schon das nächste Ding heute.

Meine ZG klingelte am Notknopf, weil sich die Übelkeit / Nausea auch auf sie ausweitete – hoffentlich ist hier keine Pandemiemäßige Magen-Darm-Grippe. Sie fragte nach VOMEX. Sie wurde vom Beamten auf der anderen Seite der Sprechanlage dumm angemacht, wieso sie nun zum Nachtdienst klingelt und nicht 30 Minuten früher beim Tagesdienst. Schande über sie, dass ihr nicht pünktlicher schlecht wurde! BÖSE GEFANGENE!

Sonst, gerade sind wir froh, dass das Frühsommerliche Wetter wieder durch „gutes Knastwetter“ ersetzt wurde. Also, Regen, Sturm, Wolken. Hitze + Sonne = zusätzliche Qual. Morgen ist Samstag. Seit Donnerstag Feiertag, heute Brückentag, jetzt noch das Wochenende. D.H. allen geht es mies, das 1. Mal aus der Zelle raus kommen wir erst 11 Uhr morgens zum Mittagessen für 1H, anstatt wie unter der Woche 9:15 Uhr raus zu können mit Klaustrophobie und Druck, unruhe. Das nun anstatt nur 2 Tage, sind es 4. 2/4 immerhin geschafft.

Diese Woche gab es 1x Kartoffelbrei. Immerhin nur 1x. Als es stürmte, beobachtete ich die kleine Spitze einer Baumkrone, die ich geradeso über die Mauer sehe, wie sie im Wind weht, spürte bisschen den Sturm durch das Loch-Blech am Fenster, sogar paar Regentropfen trafen mein Gesicht. Dachte an vergangene Situationen in Freiheit, wo mich Regen + Sturm berührte, und daran wie Gewitter verdeutlicht, dass es viel größeres gibt, als uns Menschen. Das gibt mir Hoffnung, und Verbundenheit zum Universum, durch alle Mauern und Gitter hindurch, durch Raum und Zeit.

07.06.26, 22:19: Lustiger, und empörenderweise beschrieb die Pfarrerin beim vorletzten Gottesdienst, wie nun Frühling + Sommer Sprießen, in aller Fülle. Etwas, was hier wehtut, da man mit diesen nicht auslebbaren Frühlungsgefühlen eingesperrt ist. Sie merkte das Faux-Pas, sagte: wir können dankbar sein, wir sehen zumindest paar Blumen aus dem Fenster und Baumkronen. Das ist nun mein running-gag, sie hat es nur noch schlimmer gemacht. Wenn es mir oder meiner Zellengenossin beschissener als beschissen geht, sage ich: ABER! Wir sind dankbar! Wir sehen die Spitzen der Bäume über die Gefängnismauer! → mit sarkastischem Enhancement, of course.

News zu der Gefangenen neben uns, die psychisch gekippt ist: sie sagte in einer Runde vor anderen Gefangenen, sie würde ihre Zellengenossin umbringen. Das hat dann ENDLICH ermöglicht, dass die Zellengenossin in eine andere Zelle wechseln durfte… Wie zur Hölle hat sie es nur 1 Minute eingeschossen dann ausgehalten? – UPDATE: SIE DREHT KONSEQUENT DURCH. Den ganzen Tag klopft sie, schreit: „EINSCHLUSS!“, irgendwas auf Russisch, stellt den TV ins Bad, wodurch wir den lautstark durch die Lüftung hören. Wirft Sachen durch die Gegend, klappert mit der Tasse am Fenster. Es. Ist. So. Laut. Meine Zellengenossin hat morgen Verhandlung. Puh ey. Haben nun 2x geklingelt über den Notknopf, und beten dass der Nachtdienst IRGENDWAS macht. Vorhin hatte sie, also die mit dem psychotischen Ausnahmezustand/Knax, auch beim Nachtdienst geklingelt, hörten durch die Wand, dass sie 2 Bier für in 1 Stunde bestellte. Haha. Bitte lass es ruhig werden. Meine Nerven sind blank.

Der Himmel war heute Abend richtig schön. Hatte das verlogene Gefühl, als wäre ich am Strand gewesen, und nun müde von der Sonne zurück in einer Wohnung. Dabei war ich nur 45 Minuten in der Betonwüste, aka Hof. Wo der Trend neuerdings ist, dass alle Bauchfrei rumlaufen. Und mit den Knastsonnenbrillen, die es im Massakeinkauf gibt. Ok. Ich lege mich mal hin.

09.06.26. Na. Vorgestern war Alarm, eine in der U-Haft Etage unter uns drehte durch. Alle Beamt•innen rannten, wir standen im Flur vor der Glastür, eigentlich sollten wir in den Hofgang. Sahen durch die Plexiglastür, wie Beamt•innen von oben usw. losrannten. Einige rannten zur falschen Tür, am Ende winkten wir Gefangene die Beamt•innen in die richtige Richtung. Unbezahlt, ohne Beamt•innenstatus, natürlich. Dann kam eine Beamtin in unseren Flur rein, schrie “Einschluss!”, wenn Alarm ist und wir gerade Aufschluss haben, werden wir direkt eingeschlossen. War mal duschen, und zu langsam um meine Hose anzuziehen, da wurde ich 20 Minuten bis Alarmende in der Dusche eingeschlossen. Als wir dann eben vorgestern eingeschlossen wurden, protestierte eine Gefangene verbal, warum wir nun wieder nicht in den Hof dürften, wenn wir nicht das Problem sind. Die eine Beamtin ist total hochgekocht und hat sie angeschrien. Als wartete sie darauf, endlich mal jemanden so RICHTIG anzuschreien.

Ich hasse den TV. Ich hasse es, kein Rückzug zu haben. Im TV kam spektakulär ein Bericht über Görlitzerpark, Drogenprobleme in Berlin-Kreuzberg, Wohnhäuser, die durch “Junkies” belegt sind. Sagte zu meiner ZG, wie seltsam ich es finde, zu sehen / hören, wie mir sehr bekannte Orte dargestellt werden. Als wäre Berlin nur das, und als gäbe es in der furzkleinstadt, in der ich aufwuchs, nicht genauso diese Orte, genauso Sucht, genauso voller Spritzen zugemüllter Parks. Ehrlich gesagt, Knast ist tausendmal schlimmer, wir sind eingesperrt, Leute auf hartem Entzug, auf heftigen Medikamenten, haben Psychosen. Heute Nacht machten wir den Ventilator an, um “whitenoise” zu genießen und den Lärm unserer nun verstärkt medikamentös eingestellten Nachbarin zu übertönen und den Lärm jeglicher weiterer Gefangenen… Knast-Hacks.

Noch 5 Morgende hier, dann endlich Verhandlung, ein paar Stunden nicht hier sein, Menschen sehen. Glaube Niemand freut sich über Verhandlungen, außer meine ZG und ich, weil wir dann Menschen sehen, die wir lieben, nicht hier sind, sogar die Beamt•innen bei Gericht präferiere ich gegenüber den meisten hier (gibt natürlich Ausnahmen.).

So. Heute bin ich traurig. Vermisse dich, tausende, ich vermisse mich selbst, intellektuelle stimulation, meinen starken Körper, Umarmung, Sanftheit, eine bequeme Sitzgelegenheit, ja sogar normale Putzutensilien, ich würde gerade z. B. krank gerne die Fenster aller Mitmenschen draußen putzen. Würde sogar im Gerichtssaal schlafen und mit einer Zahnbürste den Boden schruppen. Lieber das, als hier. Glaube, meine Gesicht ist gealtert. Mein Rücken definitiv. Ah, eine Mitgefangene hat die psychotische geduscht – vom Knast selbst hätte sich niemand drum gekümmert, selbst dann nicht, wenn ihr Gestank durch alle Wände durchkriechen würde. Mich macht jeden Tag hier einiges wütend. Wie viel Wut erträgt ein Mensch, ohne ausgleichende Sanftheit dazwischen?

– So! Hab dich als mein Tagebuch missbraucht. Erzähle gerne, übersetze, teile meine Erzählungen gerne. Gebe dir hiermit die Erlaubnis. Mir ist es wichtig, einen Einblick zu geben hinter diese Mauern. Die Mauern, hinter welchen die Menschlichkeit verdreht ist.

Ich liebe Dich – VI