Widerstand trotz Einzelhaft Gefangene im Todestrakt von US-Haftanstalten werden weitestgehend isoliert. Trotzdem schaffen sie es, sich zu organisieren und sich gegenseitig zu unterstützen.Von Mumia Abu-Jamal

→ Übersetzung: Jürgen Heiser

Die meisten Menschen haben schon einmal von Einzelhaft gehört, aber nur wenige haben sie tatsächlich erlebt und wissen, was das bedeutet. Ich habe sie erlebt und weiß es. Grundsätzlich gibt es zwei Arten: die administrative Einzelhaft und die disziplinarische Einzelhaft. Die erste ist meist vorübergehender Natur oder an eine bestimmte Art von Strafe geknüpft, während Letztere eine Repression infolge des Verhaltens der Häftlinge im Gefängnis darstellt.

Ich habe beide erlebt. Die Haft in der Todeszelle bedeutet aufgrund des Urteils, der Todesstrafe, eine Form der Einzelhaft. Gefangene im Todestrakt verbringen Jahre nach der Formel »23 plus eins«. Das heißt, sie sind 23 Stunden pro Tag in ihrer Einzelzelle eingesperrt und nur eine Stunde pro Tag »draußen«. Bei diesen 60 Minuten handelt es sich jedoch nicht um normalen Hofgang, sondern man ist in einem Drahtkäfig eingesperrt. Stellt euch das wie einen Hundezwinger vor, nur dass Hunde normalerweise mehr Platz haben.

Ich war 28 Jahre lang in der Todeszelle isoliert. Während dieser Zeit im Todestrakt wurde ich zur sogenannten »Haftverschärfung« in das »Loch« (The Hole) gesperrt. Dabei handelte es sich um die zweite Form der Einzelhaft, also die disziplinarische Form der Absonderung, die ich erwähnt habe. Der Grund war, dass ich mich weigerte, mir die Dreadlocks abschneiden zu lassen. Im »Loch« blieb ich acht Jahre lang.

Wenn ich eingangs von »23 plus eins« gesprochen habe, dann stimmt das eigentlich nicht ganz, denn diese Aufteilung – 23 Stunden in der Zelle und eine Stunde »draußen« – gilt nur von Montag bis Freitag. An den Wochenenden verbringen Gefangene die gesamten 24 Stunden des Tages, also das komplette Wochenende, ununterbrochen 48 Stunden, in ihren Zellen. Soweit zur Erklärung, was Einzel- oder Isolationshaft bedeuten.

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Ich habe Männer gesehen, die unter diesen Haftbedingungen den Verstand verloren und stundenlang den Mond angeheult haben. Andere Gefangene schlugen zehn, 15 oder mehr Stunden am Tag auf ihre Metallkojen ein und sangen unsinnige Lieder. Ich habe Männer gesehen, die sich das Gesicht, den Kopf und den Körper mit Fäkalien beschmierten, bis sie wie Schlammwesen aussahen. Ich habe Männer erlebt, die kreischten, heulten, bellten und schrien, um der Einsamkeit der Einzelhaft zu entfliehen. Einige meiner Mitgefangenen wurden für über 20 oder sogar 30 Jahre isoliert, allein weil sie aus dem Gefängnis ausgebrochen waren oder es versucht hatten.

Russell »Maroon« Shoatz war ein großartiger Lehrer für viele seiner Mitgefangenen. Er verbrachte über dreißig Jahre im »Loch«, weil er in den 1970er Jahren aus dem Gefängnis geflohen war. Arthur »Cetewayo« Johnson wiederum verbrachte Jahrzehnte in den »Löchern« verschiedener Gefängnisse im gesamten Bundesstaat Pennsylvania, da er als »schwarzer Militanter« galt. So bezeichnete der US-Staat in den 1970er Jahren diejenigen, die sich wehrten. Cetewayo war als Minderjähriger zu lebenslanger Haft verurteilt worden – ein Unschuldiger, der 16 Jahre alt war, als er für immer ins Gefängnis kam. Er verbrachte 50 Jahre im Gefängnis. Jetzt ist er draußen, frei.

Maroon arbeitete mit jungen Männern zusammen, die wie er im »Loch« saßen. Er unterrichtete sie in Geschichte, brachte ihnen bei, wie man sich organisiert, verteilte Exemplare von Frantz Fanons Buch »Die Verdammten dieser Erde« und lehrte sie den Widerstand, der über Generationen hinweg Bestand haben sollte. Seine Schüler verließen den Knast als gewandelte Menschen: kenntnisreich, souverän, selbstbewusst, weise und als Aktivisten, die nicht aufzuhalten waren.

Es ist interessant zu vergleichen, wie der US-Staat eine Einrichtung wie das »Loch« schuf, um Menschen geistig zu zerstören und zu brechen, während Maroon dieselbe Situation nutzte, um seinen Genossen beizubringen, ihren Gemeinschaften zu dienen und für die Veränderung der Welt zu kämpfen.

Zum Schluss noch eine Antwort auf die Frage, was Einzelhaft wirklich ist: Juan Méndez, der von 2010 bis 2016 UN-Sonderberichterstatter für Folter war, erklärte im Oktober 2011 nach den Besuchen einiger US-Gefängnisse, dass die Fortsetzung der Einzelhaft über den 15. Tag hinaus Folter sei und gegen das Völkerrecht verstoße, da sie zu irreparablen psychischen Schäden führe.

https://www.jungewelt.de/artikel/528450.widerstand-trotz-einzelhaft.html