Anklagerede gegen die bürgerliche Gesellschaft – Max Hoelz vor Gericht

Anklagerede gegen die bürgerliche Gesellschaft – Max Hoelz vor Gericht

Wir dokumentieren hier einen Teil der Anklagerede gegen die bürgerliche Gesellschaft, die Max Hoelz am 22. Juni 1921 vor dem Moabiter Sondergericht gehalten hat.

Der 1919 der KPD-Beigetretene verfolgte seine eigenen Vorstellungen von der Erlangung der Revolution zur Abschaffung des Kapitalismus. Hoelz organisierte im Vogtland/Thüringen über 1000 bewaffnete Arbeiter_innen. Er beteiligte sich maßgeblich am Mitteldeutschen Aufstand 1921. Schon in den revolutionären Aufständen im November 1918 war Max Hölz Mitbegründer des Arbeiter- und Soldatenrates in Falkenstein gewesen. Max Hölz galt schon zu Lebzeiten bei Arbeiter_innen als » Roter Robin Hood«. Er schreckte nicht vor Banküberfällen oder Enteignungsaktionen z.B. von Fabrikbesitzern zurück, um anschließend das Geld in politische Arbeit zu stecken oder es an geschundene Arbeiterfamilien zu überlassen.

Er war beteiligt am Aufbau von Arbeitermilizen im Vogtland während des Kapp-Putsches 1920, flüchtete anschließend in die Tschechoslowakei, hielt sich nach kurzer Haft in Wien auf, kehrte dann nach Deutschland zurück. Im Zuge der blutigen Niederschlagung des Mitteldeutschen Aufstandes wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt.
Mitte der 1920er Jahre startete die Rote Hilfe, zusammen mit bekannten Persönlichkeiten wie Thomas Mann, Albert Einstein und Heinrich Zille eine breit angelegte Freilassungskampagne für Hölz. 1928 hatte diese Erfolg und nach seiner aufsehenerregenden Entlassung schrieb er 1929 seine Autobiografie »Vom weissen Kreuz zur Roten Fahne«.
1930 ging er in die Sowjetunion, u.a. wegen Bedrohungen und schwerer Übergriffe durch Nazis. Als bekannter Rätekommunist stand er 1933 auf der ersten Ausbürgerungsliste des deutschen Faschismus. Im selben Jahr ertrank er nahe Gorki in der Oka in der Sowjetunion.

Anklagerede gegen die bürgerliche Gesellschaft

Hoelz: Hochansehnlicher, hochehrwürdiger Ausnahmesondergerichtshof!

Vorsitzender (scharf unterbrechend): Hoelz, wenn Sie uns hier beleidigen wollen, dann entziehe ich Ihnen sofort das Wort.

Hoelz: Ich betonte es schon: Sie haben die Macht und damit das Recht. Ob Sie mir das Wort zu Anfang, in der Mitte oder am Ende der Verhandlung entziehen, das ist doch Jacke wie Hose. Ich werde reden, solange wie Sie mich reden lassen und was ich will und was ich empfinde. Wenn ich rede, dann rede ich. Ich rede nicht, um mich zu verteidigen. Wenn ich mich verteidigen würde, dann müßte ich mich schuldig fühlen. Ich aber fühle mich nicht schuldig, am allerwenigsten vor einem bürgerlichen Gericht, das ich nicht anerkenne.

Wenn ich in diesen Saal geführt wurde, dann drängte sich ein Bild vor meine Seele, aus meiner Kinderzeit. In einem Dorfe, in dem ich zur Schule ging, bin ich ein einzigesmal in einem Puppentheater gewesen und habe den Dreyfusprozeß gesehen. Und wenn ich Sie hier so sehe, dann muß ich immer an die Holzpuppen des Marionettentheaters denken. (Heiterkeit im Zuhörerraum, die der Vorsitzende rügt.)

Hoelz: Ich will Sie nicht beleidigen, ich will nur ausdrücken alles das, was ich empfinde. Ich betrachte Sie eben als Holzpuppen ohne Gefühl. Sie haben kein Herz.

Zur Anklagerede des „Herrn“ Staatsanwalts will ich mich gar nicht äußern. Die Anklagerede des Staatsanwalts ist eine Leichenrede für die bürgerliche Gesellschaft, von der er angestellt ist und von der er sich sein Honorar holen mag. Auch zu den Ausführungen meiner Verteidiger habe ich nichts hinzuzufügen. Meine Verteidiger sind mir geistig weit überlegen, in praktisch revolutionärer Hinsicht stecke ich alle drei in die Tasche.

Sie verhandeln hier gegen eine menschliche Bestie, so schreit die Bourgeoisie, so schreit die bürgerliche Pressemeute, so klingt es auch aus der Anklagerede des „Herrn“ Staatsanwalts. Nun gut, ich als sogenannter Angeklagter – der ich aber nicht bin – denn ich bin der Kläger – habe das Recht, hier einige Worte zu meiner Persönlichkeit zu sagen. Ich will Ihnen diese Bestie sezieren, ich will sie Ihnen so auseinanderlegen, daß Sie ein wirkliches Bild von dieser Bestie bekommen.
 

I.

Ich bin als Sohn eines Schneidemühlenarbeiters geboren. Mein Vater hat sich viele Jahre als Tagelöhner durchgeschlagen. Wir waren sechs Geschwister, zwei sind in frühester Jugend gestorben. Mein Vater war ein arbeitssamer Mann, aber er hatte ein heißes Temperament. Er war kein Kriecher. Sobald er sah, daß er Speichel lecken sollte, ist er seiner Wege gegangen. So kam es, daß wir sechs oder sieben Dörfer durchwanderten. Ein häufiger Schulwechsel für mich war die Folge. Ich hatte aber nicht einmal Zeit, die häuslichen Aufgaben der Landschule zu erfüllen. Mit elf Jahren mußte ich bereits mitverdienen. Ich hütete zuerst die Gänse, später war ich im Sommer Kuh- und Pferdehirt. Im Winter mußte ich die Pferde der Dreschmaschine antreiben.

Meine Eltern waren sehr religiös und sind es heute noch. Mein Vater ist katholisch, meine Mutter protestantisch. Sie haben uns in ihrem religiösen Sinne erzogen. Ich kann mich an keinen Sonntag erinnern, an dem wir nicht in die Kirche gingen und zwar nicht aus äußerlichen Gründen, um etwa gesehen zu werden, sondern aus innerem Bedürfnis heraus. Wir setzten uns nicht ein einzigesmal zu Tisch, ohne zu beten, wir gingen ohne Gebet nicht schlafen. Mein Vater verdiente wöchentlich 10 Mark. Wir waren sechs Kinder, später waren wir vier. Wir mußten alle mitarbeiten und haben es redlich getan. Meine Eltern haben für meine Großeltem mitgesorgt. Ich mußte stundenweit das Essen zu meinen Großeltern in ein entferntes Dorf bringen. Ich habe gedacht, wenn ich aus der Schule komme, dann müßte ich auch für meine Eltern sorgen. Ich habe eine so ungeheure Achtung vor meinem Vater und vor meiner Mutter. Mein Vater ist nicht ein einziges Mal ins Wirtshaus gegangen. Mein Vater hatte nur ein Vergnügen. Er hat des Sonntags auf dem Sofa gesessen und eine einzige Zigarre geraucht. Dieser Mann, groß im Arbeiten und gering an Bedürfnissen ist der Typ des nichtklassenbewußten Proletariers. Er ist ein großer Tierfreund, der aus einer Gutsbesitzerfamilie hervorgegangen ist. Er hatte in Ulm eine bessere Schule besucht, aber die Liebe zu den Pferden hatte ihn in den einfachen ländlichen Beruf zurückgeführt. Dieser Mann hatte nicht meine Gesinnung und hat sie heute noch nicht. Er schämt sich meiner. Man kann es von einem solchen Menschen auch nicht verlangen, daß er sich meine Gesinnung aneignet. Er kann mein Tun nicht begreifen, aber vielleicht kommt er noch dazu, es zu verstehen.

Als ich die Schule verließ, wäre ich gern Schlosser geworden, aber meine Eltern waren blutarm und konnten kein Lehrgeld bezahlen. Ich wurde nach der Konfirmation als Tagelöhner zu einem Gutsbesitzer gegeben. Ich habe alle Arbeiten, die auf dem Lande vorkommen, gemacht. Die Arbeiten sind mir nie lästig geworden. Ich hatte immer das Bestreben, vorwärts zu kommen, nicht nur um zu leben, sondern um zu verdienen, um einmal meinen Eltern das zu vergelten, was sie an mir und meinen Geschwistern getan haben. Auf mich setzten meine Eltern ihre größten Hoffnungen, da ich als das begabteste von ihren Kindern galt. In den zwei Jahren, die ich auf dem Lande zubrachte, habe ich mich in den wenigen Mußestunden durch Bücher soweit gebracht, daß ich mit der weiteren Umwelt in Berührung kam, mit einer Welt, die nicht auf meinem Dorf bekannt war.

Am Ende dieser zwei Jahre kam der erste selbständige und entscheidende Schritt in meinem Leben. Ich ging ohne Einwilligung meiner Eltern in die Stadt. Nach zwei Monaten kam ein weiteres noch größeres Wagnis. Mit sechzehn Jahren wanderte ich nach England aus und habe dort versucht, mein Fortkommen zu finden. Meine Wünsche gingen soweit in Erfüllung, als es mir gelang, „eine Stellung“ als Volontär in einem technischen Büro zu erhalten. Man ist in England großzügiger als in Deutschland. Man verlangt dort nicht für jeden Posten ein Staatszeugnis oder ein Examen. Man kann sich dort aus eigener Kraft emporarbeiten. In England fragt man nicht, wer ist dein Vater. In England gilt der Mann, was er tut, was er leistet. Ich weiß heute, daß in England infolge des kapitalistischen Systems die gleiche Ausbeutung der besitzlosen Klasse stattfindet, damals fühlte ich mich freier als in Deutschland. Am Tage besuchte ich die technische Hochschule in einem Londoner Vororte, während der Nacht habe ich in einem Autodroschkenbetrieb die Wagen gewaschen. Durch diese Nachtarbeit verdiente ich mir den Unterhalt, das Schulgeld und das Geld für die Bücher. In England habe ich sehr gehungert und oft nicht das Nötigste gehabt, um mir das trockene Brot zu kaufen. Ich habe einmal drei Tage lang keinen Bissen Brot genossen, so daß ich auf der Straße umfiel.

Wegen der Erfüllung meiner Militärdienstpflicht mußte ich nach Deutschland zurückkehren. Ich fand nicht gleich Stellung in meinem Beruf als Techniker. Ich wurde zunächst in Berlin Hausdiener im Architektenhaus in der Wilhelmstraße. Ich versuchte unterdessen, eine Stellung zu finden, die meinen Kenntnissen entsprach. Es war damals eine schwere Zeit. Hunderte von Stellungsuchenden standen an den Plätzen, an denen der „Arbeitsmarkt“ ausgegeben wurde. Ich bin dann zu Siemens und Halske gegangen und habe den Arbeitern das Essen in der Mittagspause herauf getragen. Erst nach langem Warten gelang es mir, bei Arthur Koppel in meinem Beruf als Techniker Beschäftigung zu finden. Ich wurde der alliierten Firma Bachstein zugeteilt und von hier aus zu einem Bahnbau nach Bayern geschickt. Bei dieser Tätigkeit sagten zu mir die Ingenieure: Hoelz, Sie sind ein tüchtiger Mensch. Versuchen Sie es, noch zwei oder vier Semester eine technische Schule zu besuchen. Ich habe versucht, mich auf die technische Hochschule vorzubereiten. Von meinen Eltern konnte ich keine Mittel dazu bekommen. Ich wollte zunächst das Einjährigenzeugnis erlangen.

Ich ging nach Dresden, um dort eine „Presse“ zu besuchen. In Dresden ist es mir schwer gefallen, durchzukommen. Eine Stellung als Techniker konnte ich nicht annehmen, weil ich dann tagsüber hätte arbeiten müssen und mir keine Zeit für meine Schularbeiten geblieben wäre. So mußte ich mich nach allen möglichen Arbeitsgelegenheiten umsehen. Ich hätte ja stehlen können, wenn ich dazu veranlagt wäre, an Hunger dazu hat es nicht gefehlt. Ich habe mich aber nicht gescheut, als zwanzigjähriger Mensch des Abends Kegel aufzusetzen zum Vergnügen vollgefressener, fetter Bourgeois. Ich erhielt 75 Pfennig pro Abend. Mit derartigen Beschäftigungen verdiente ich soviel, um mich notdürftig über Wasser zu halten. Endlich fand ich Stellung in einem Kinotheater in der Wettinstraße als Vorführer. Ich erhielt 25 Mark wöchentlich. Damit hatte ich Geld, um mir ein richtiges Zimmer zu mieten, um die „Presse“ zu besuchen und um mir Bücher zu kaufen. Infolge meiner doppelten Beschäftigung, als Schüler und Erwerbstätiger, führte ich eine sehr anstrengende, ungesunde Lebensweise. Von der „Presse“ mußte ich nachmittags zu den Vorführungen in das Kinotheater, das ich erst nach Schluß der letzten Abendvorstellung verlassen konnte. Dann begann ich mit meinen Schularbeiten. Ich habe oft, wenn der Morgen schon graute, noch in meinen Kleidern über den Büchern gesessen. Dann ging ich, ohne im Bette gewesen zu sein, des Morgens in die Schule. Dieses Leben führte ich ein Jahr lang. Dann kam ich zur Generalaushebung.

Die ärztliche Untersuchung stellte eine furchtbare Veränderung meiner körperlichen Beschaffenheit fest. Während ich bei einer Musterung wenige Monate zuvor tauglich zur Kavallerie befunden worden war, war ich jetzt kränklich und für den Dienst in der Linie untauglich. Die Militärärzte konnten sich die Ursachen meines plötzlichen körperlichen Verfalls nicht erklären. Ich wurde Ersatzreserve. Da ich mich selbst unfähig fühlte, mein bisheriges Leben fortzuführen, insbesondere unter häufigen Kopfschmerzen litt, konsultierte ich verschiedene Ärzte. Sie hatten den Verdacht, daß ich schwindsüchtig sei. Die Ärzte rieten mir übereinstimmend von weiteren Versuchen, das Einjährigenexamen zu machen, ab und empfahlen mir auch eine Berufsausbildung in freier Luft. Diesem Rate folgend ging ich in das Vogtland, wo ich entsprechende Beschäftigung fand. Hier lernte ich meine Frau kennen und heiratete. Auf diese Weise bin ich im Vogtland kleben geblieben.

die gesamte Rede gibt es unter: http://marxists.org/deutsch/archiv/hoelz/1921/06/hoelzrede.html

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