“Auf den Straßen von Bruckhausen und Marxloh hört man oft, dass der Tod von Refat keine Ausnahme ist”

“Auf den Straßen von Bruckhausen und Marxloh hört man oft, dass der Tod von Refat keine Ausnahme ist”

Mitte Oktober wurde der Arbeiter Refat Süleyman tot in einem Schlackebecken des Stahlunternehmens ThyssenKrupp in Duisburg aufgefunden. Über 1.000 Menschen zogen in einer wütenden Demonstration vor das Unternehmen. Für sie ist der Tod des bulgarischen Arbeiters kein Einzelfall und sie vermuten Vertuschung. – Ein Interview mit der Soziologin und Aktivistin der Duisburger Migrant:innenorganisation “Stolipinovo in Europa”, Polina Manolova.
Wer war Refat Suleyman und was für ein Mensch war er?

Refat wurde von seiner Mutter mit der Hilfe seiner älteren Schwester und ihrer Familie aufgezogen. Ihren Angaben nach ist die ganze Familie 2016 nach Duisburg gezogen, um nach besseren Lebensmöglichkeiten zu suchen. Ich vermute, dass Refats Familie, ähnlich wie viele andere Migranten aus Bulgarien, die temporäre Arbeitsmobilität zwischen Deutschland und Bulgarien als Überlebensstrategie genutzt haben.

Ich habe Refat Süleyman nicht persönlich gekannt. Die Hintergrundinformationen, die ich von Freunden und Kollegen von Refat erhalten habe, lassen mich aber vermuten, dass sich seine Lebenssituation nicht wesentlich von der anderer türkischsprachiger bulgarischer Migranten unterscheidet, denen ich während meiner Arbeit in der Region begegnet bin.

Was wissen Sie bisher darüber, wie er gestorben ist?

Die Umstände des Todes von Refat sind bis heute unklar. Die offiziellen Aussagen der Polizeibehörden bleiben äußerst vage. Sie deuten zwar auf einen Arbeitsunfall als Todesursache hin, lassen aber wichtige Fragen unbeantwortet, die seine ehemaligen Kollegen und die breite Öffentlichkeit beunruhigen.

“WICHTIGE FRAGEN SIND UNBEANTWORTET”

Diese beziehen sich größtenteils auf die Arbeitsschutz- und Sicherheitsverfahren bei ThyssenKrupp-Steel sowie auf grundlegende Arbeitsrechte und Arbeitsplatzstandards in der Reinigungsbranche. Zu den drängendsten Fragen gehören die folgenden:

Warum wurde die Leiche von Refat so spät gefunden? Sein Verschwinden wurde am 15.10.2022 bekannt, aber seine Leiche wurde erst am Nachmittag des 17.10.2022 entdeckt, obwohl es keine Hinweise darauf gab, dass er das Werksgelände verlassen hatte. Die Arbeiter:innen von ThyssenKrupp Steel müssen in Zweiergruppen arbeiten. Laut offizieller Aussage der Polizei verschwand er nach einer morgendlichen Pause, als er alleine zum Firmenbus ging. Warum wurde er auf dem Werksgelände allein gelassen und warum wurde sein Verschwinden nicht sofort von seinem Vorarbeiter gemeldet?
Welche Reinigungsarbeiten hat er genau durchgeführt? Warum befand er sich an seinem dritten Arbeitstag in einem gefährlichen Bereich in der Nähe eines Schlackebeckens? Wurde er den erforderlichen medizinischen Untersuchungen unterzogen, die für die Arbeit in einem Hochrisikobereich erforderlich sind?
Welche Gesundheits- und Sicherheitsanweisungen erhielt Refat Süleyman bei seiner Einstellung durch die Eleman GmbH, wie wurden sie übermittelt – mündlich und/oder in schriftlicher Form und in welcher Sprache? Refat Süleymans Vertrag enthält nur sehr grundlegende Informationen zur Arbeitssicherheit – und auch nur in deutscher Sprache.
Darüber hinaus geben Kollegen und Angehörige an, dass es wenige Tage vor seinem Verschwinden einen angeblichen Konflikt zwischen einem Kollegen von Refat – einer anderen Leiharbeits-Reinigungskraft – und einem Mitarbeiter des Unternehmen BUCHEN gab, den Refat zu schlichten versuchte.

Meines Wissens sind insgesamt nur zwei von Refats Kollegen verhört worden. Viele Menschen in der Gemeinde haben den Eindruck, dass solche Zeugenaussagen nicht ernst genommen werden. Die Migrantenhilfsorganisation aus Duisburg, “Stolipinovo in Europa” , hat ein offizielles Schreiben an die zuständigen Ermittlungsbehörden geschickt, das diese informellen Zeugenaussagen enthält.

Wie bewerten Sie das Verhalten von ThyssenKrupp?

Die offizielle Erklärung des Unternehmens ist sehr problematisch. Es wird behauptet, dass alle Verantwortung in diesem Fall von Refats unmittelbarem Arbeitgeber, der Zeitarbeitsfirma “Eleman” in Essen, zu tragen sei. Dies ist natürlich eines der tiefgreifenden Probleme in der Subunternehmer-Branche, wodurch die Verantwortung auf ein undurchsichtiges Netz von Akteuren verteilt werden soll.

Die Einhaltung der offiziellen Gesundheits- und Sicherheitsprotokolle hängt von vielen Faktoren ab, nicht zuletzt von den Praktiken der Subunternehmer und Zeitarbeitsfirmen, die für die Einarbeitung in die Arbeit, die Durchführung von Sicherheitsanweisungen und die Ausrüstung der Arbeiter:innen mit Schutzausrüstung sorgen müssen.

“DIE OFFIZIELLE ERKLÄRUNG DES UNTERNEHMENS IST SEHR PROBLEMATISCH.”

Oftmals können Druck im Zusammenhang mit der Aufgabenerfüllung, Arbeitsplänen, Kostensenkungen und widersprüchlichen Anforderungen die Sicherheit des Betriebs verringern. Gleichzeitig ist die unzureichende Kontrolle und Überwachung der Praktiken von Subunternehmen seitens der Unternehmensleitung und der Arbeitsschutzbehörden eine bekannte Ursache für gefährliche Arbeitsbedingungen.

ThyssenKrupp hat in der Vergangenheit immer wieder gegen Sicherheitsvorschriften verstoßen. Ein bekannter Fall ist der Unfall im italienischen Turin im Jahr 2011, bei dem sieben Arbeiter verbrannten, nachdem das Management Kosteneinsparungen über die Sicherheit der Arbeiter gestellt hatte. Ein neuerer Vorfall ereignete sich Anfang dieses Jahres bei ThyssenKrupp Steel Fendorf, als ein Reparaturarbeiter von einem Gurtwickler angesaugt wurde.

Was man in diesen Tagen auf den Straßen von Bruckhausen und Marxloh oft hört, ist, dass der Tod von Refat keine Ausnahme ist. Jeder hat schon einmal von einem Arbeitsunfall gehört oder kennt jemanden, der in irgendeiner Form davon betroffen war. Nach dem, was wir von derzeitigen und ehemaligen ThyssenKrupp-Mitarbeitern in Bruckhausen gehört haben, haben wir Grund zu der Annahme, dass dieser Vorfall kein Einzelfall ist.

Es gibt wahrscheinlich viel mehr als diese bekannten Fälle, die ThyssenKrupp Steel durch ein Verbot von Unfall- und Todesfall-Statistiken vor der Öffentlichkeit geheim hält. Die mangelnde Bereitschaft des Unternehmens, Arbeitsunfall-Statistiken zu veröffentlichen, bestätigt diesen Eindruck.

Jeder hat schon einmal von einem Arbeitsunfall gehört oder kennt jemanden, der in irgendeiner Form davon betroffen war.

Was halten Sie von den Ermittlungen der deutschen Polizei?

Wie bereits erwähnt, haben wir den Eindruck, dass es bei der Art und Weise, wie die Ermittlungen geführt werden, schwerwiegende Versäumnisse gibt. Vergessen wir nicht, dass die Polizei in den ersten Tagen nach Refats Verschwinden Informationen veröffentlicht hat, die seine Arbeitsaufgaben falsch darstellten: sie behauptete, seine Aufgabe sei es gewesen, Straßenschilder aufzustellen, die den Verkehr auf dem Werksgelände regeln.

Es gibt zahlreiche Berichte über die problematische Behandlung osteuropäischer Migranten durch die Polizeibehörden in Deutschland, einschließlich Einschüchterungs- und Schikanierungspraktiken, die auf rassistischen Einstellungen beruhen. Wir hoffen aufrichtig, dass die Ermittlungen in diesem Fall nicht von problematischen Überzeugungen beeinflusst sind und auf transparente und gerechte Weise durchgeführt werden.

Die Demonstrant:innen am 23. Oktober waren sehr wütend. Wie denken sie über den Tod von Refat Süleyman und was sind Ihre Forderungen?

In erster Linie ist Refats Tod ein tragischer Verlust für seine Familie und seine Freunde, aber er hat auch die bulgarische Migrant:innengemeinschaft in Duisburg und darüber hinaus stark erschüttert. Die Solidaritäts- und Gerechtigkeitskundgebung, bei der mehr als 1.000 Migranten von Refats Haus zu den Toren von ThyssenKrupp Steel in Bruckhausen marschierten, zeigte die Empörung der Arbeiter:innen über ein System der befristeten, schlecht bezahlten und gefährlichen Beschäftigung, das Leben kostet.

Die Vergabe von Unteraufträgen ist die vorherrschende Form, wie Industrie-Reiniger:innen bei ThyssenKrupp-Steel beschäftigt werden. Es ist bekanntermaßen eine Hauptursache für ausbeuterische Arbeitsbedingungen, mangelhafte Überwachung der Arbeitsstandards – zumal die Sicherheitsanweisungen in den Verträgen nur in deutscher Sprache abgefasst sind – und fehlende Verantwortlichkeit.

EMPÖRUNG DER ARBEITER:INNEN ÜBER EIN SYSTEM DER BEFRISTETEN, SCHLECHT BEZAHLTEN UND GEFÄHRLICHEN BESCHÄFTIGUNG, DAS LEBEN KOSTET.

Mehr als ein Drittel der osteuropäischen Arbeitsmigrant:innen in Duisburg sind über Zeitarbeitsfirmen und/oder missbräuchliche Subunternehmer-Verträge beschäftigt, die häufig ein halb so hohes Einkommen wie bei einer direkten Beschäftigung, unsichere Arbeitsplätze und in der Regel keine Sozialversicherungsbeiträge bedeuten.

Vor kurzem hat die Coronavirus-Pandemie die erschreckenden Arbeitsbedingungen der meist osteuropäischen Arbeitsmigranten in der deutschen Fleischindustrie ins Rampenlicht gerückt. Die Situation in Sektoren wie der Reinigung, dem Baugewerbe und der Auslieferung ist ebenso schlimm.

Auch wenn die genauen Umstände von Refats Tod nach wie vor ungeklärt sind, besteht kein Zweifel daran, dass die schlechten Arbeitsbedingungen, die durch die Vergabe von Unteraufträgen entstehen, die Gesundheit und Sicherheit der Arbeiter:innen beeinträchtigen, Konflikte zwischen Arbeiter:innen und Vorgesetzten vorprogrammieren und ein Umfeld schaffen, in dem sich Unfälle und Missbrauch häufen. Diese Bedingungen müssen berücksichtigt werden und sind für die Untersuchung dieses tragischen Todesfalls unmittelbar relevant.

Die Forderungen der Demonstranten waren eindeutig: eine gerechte und transparente Untersuchung des Todes von Refat, Sicherheit für alle Beschäftigten von ThyssenKrupp und ein Verbot von Subunternehmern im Bereich der Industrie-Reinigung.

Was sind Ihre nächsten geplanten Schritte?

Unsere Bemühungen gehen in zwei Richtungen: Erstens fordern wir eine umfassende und konsequente Untersuchung des Todes von Refat Süleyman und werden die Entwicklung der strafrechtlichen Ermittlungen und die Arbeit der zuständigen Behörden genau verfolgen.

Zweitens sind wir der Meinung, dass dieser tragische Todesfall ein Symptom für die äußerst problematische Praxis des Systems von Subunternehmen ist, die im Industrie-Reinigungssektor vorherrschend ist, und fordern daher das Ende der Unterauftragsvergabe bei ThyssenKrupp und allen anderen Stahlwerken in Deutschland.

Die Duisburger Migrant:innengemeinschaft hat ihre Entschlossenheit demonstriert, Antworten zu erhalten und macht ihre Forderungen durch die folgende Petition sichtbar, die Sie unterzeichnen können.

https://perspektive-online.net/2022/11/was-man-auf-den-strassen-von-bruckhausen-und-marxloh-oft-hoert-ist-dass-der-tod-von-refat-keine-ausnahme-ist/

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