Die Unverbesserliche – Interview mit Andi Stauffacher

Die Unverbesserliche – Interview mit Andi Stauffacher

E-Mail-Kontakt mit Andrea Stauffacher, die auch nach ihrem Gefängnisaufenthalt der Gewalt nicht abschwören will

Mit einem roten Megafon führt sie am 1. Mai in Zürich jeweils den Schwarzen Block an. Seit den Siebzigerjahren kämpft die 64-jährige Andrea Stauffacher für die kommunistische Revolution – auch mit Gewalt. 2013 wurde sie wegen «Gefährdung durch Sprengstoffe in verbrecherischer Absicht und Sachbeschädigung» verurteilt. Nach einem Jahr Gefängnis steht sie seit Ende April wieder auf freiem Fuss. Interviews gibt Stauffacher aus Prinzip keine. Zu einem E-Mail-

Gespräch liess sie sich überreden.

Wie war es im Gefängnis?
Es findet ein sehr intensiver Prozess statt. Der Knast ist ein Spiegelbild der sozialen und politischen Situation der Gesellschaft. Es hat alles – einfach alles auf kleinstem Raum.

Zum Beispiel?
Viele Insassen sind als Folge der kapitalistischen Krise direkt von den Auswüchsen der Krisenbekämpfung betroffen: Arbeiter(innen), Jugend­liche und Migranten wie beispielsweise Flüchtlinge aus Lampedusa, die nach 18 Stunden in einem kleinen Boot zusammengepfercht die Grenze Europas erreichen – aber permanent von der Ausschaffung bedroht sind. Oder Sexarbeiterinnen aus dem Kreis 4 in Zürich, die im Zuge der Aufwertung des Quartiers vertrieben werden. Es soll nur noch Europa­alleen geben, für die arbeitenden Frauen hat es da keinen Platz mehr. Solche Erfahrungen nehmen wir ­natürlich auch in die Themen rund um den 1. Mai auf.

Hat die Strafe etwas an Ihren Überzeugungen geändert?
Wenn man für das, wofür man konsequent einsteht, verurteilt wird, dann weiss man nach der Zeit im Knast noch viel präziser und intensiver, warum, gegen und für was man kämpft.
Ein Grund für die vorzeitige ­Entlassung war, dass «keine Rückfallgefahr» bestehe. Haben Sie sich von militanten Aktionen losgesagt?
Nein, natürlich nicht. Ein Blick auf die Weltkarte genügt, um zu sehen, dass Krisen- und Kriegsherde zunehmen und sich verschärfen. Da gehören Rechtsentwicklungen bis hin zu faschistischen Strukturen wie z.B. in der Ukraine, Griechenland, Ungarn oder Deutschland dazu, die kriegerischen imperialistischen Auseinandersetzung in diversen Regionen dieser Erde, die Zerstörung der Umwelt, die Auseinandersetzungen rund um die sogenannte Aufwertung von städtischen Quartieren. Und in dieser Situation soll man sich vom Bruch mit dem Kapitalismus lossagen?

Sie haben das Gericht getäuscht?
Die Floskel von «keiner Rückfallgefahr» ist lediglich eine Ente. Im Urteil von Bellinzona wie in der Verfügung zur bedingten Entlassung steht, dass die politische Motivation, welche zu den Aktionen führte, nach wie vor ungebrochen ist. Entsprechend ist ihre Prognose eher ungünstig. Im Fachjargon heisst dies: «Schlechte Legalprognose.»

Warum braucht es den Tag der Arbeit überhaupt noch?
Der 1. Mai ist nicht «Der Tag der Ar- beit» – oder gibt es einen Grund, im Kapitalismus die Lohnarbeit zu feiern? Der 1. Mai ist der internationale Klassenkampftag, ein Tag internationaler Solidarität. Sicher kein Tag des ­Dankeschöns an die Bosse. In Zürich wollen wir am Wochenende vor dem 1. Mai mit einem aufwendigen Politprogramm mit verschiedenen Ver­anstaltungen und internationalen Gästen Brennpunkte linker Politik beleuchten und Handlungsmöglichkeiten diskutieren. Am Tag selber beteiligen wir uns natürlich an den revolutionären Blöcken in den offiziellen Demonstrationen. Wir wollen damit denen eine Alternative bieten, die keinen Bock auf die patriotischen und sozialpartnerschaftlichen Pa­rolen der Gewerkschaften haben.

Sie planen eine Nachdemo?
Dieses Jahr rufen wir neu zu einer antikapitalistischen Demonstration am Nachmittag in Zürich auf. Dies ist auch eine Antwort auf die Politik der Gewerkschaftsführung.

Konkret?
Seit einigen Jahren versuchen sie, dem 1. Mai in Zürich den widerständigen und kämpferischen Charakter zu nehmen. So umschifft die Demonstration auch dieses Jahr wieder den Paradeplatz. Wenn die Gewerkschaftsführung ihre Basis als Schosshündchen der Kapitalisten zele­brieren will, machen wir nicht mit. Überhaupt: Der Hegemonialanspruch der Gewerkschaftsführung und der SP auf den 1. Mai, laut dem sie bestimmen wollen, was wo wie läuft, machen wir nicht mit.

Die Krawalltouristen wirds freuen.
«Krawalltouristen» ist eine diffamierende, entpolitisierende Bezeichnung. Sie wird gerade von denen verwendet, die nicht begreifen können, dass Politik auch ausserhalb des Parlaments stattfindet. Gerade auch auf der ­Strasse, und je nach Situation auch militant. Die SP nannte sie früher einfach junge Migranten (-innen), dann unpolitische Secondos, heute sollen es Touristen sein. Wir finden die Strasse als politischen Raum zentral, die Umstürze im arabischen Raum der letzten Jahre zeigen dies klar.

Der neue Zürcher Polizeichef ist Richard Wolff von der Alter­­nativen Liste. Kennen Sie ihn?
Das ist irrelevant. Er ist Polizeichef, er ist an der Regierung beteiligt. Er verfolgt damit die Interessen des Staats und wird diese umzusetzen versuchen.
Wolff will «rigoros» gegen ­Gewalttätige vorgehen.
Diese Drohung spricht Bände. Man kann nicht wie Wolff gegen den ­Kapitalismus sein und dennoch politisch Verantwortung dafür übernehmen. Es ist klassisch: Zuerst bezeichnet er die revolutionäre Präsenz am 1. Mai als «interessante Ergänzung». Dann wird er im Job unter Druck gesetzt und holt kurz darauf als Polizeichef mit der repressiven Keule aus.

Andreas Kunz / Sonntagszeitung vom 27. April 2014

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